Silk and Paper

türkische IMpressionen


Auf dieser Seite habe ich  meine Gedichte , Kurzgeschichten, meine kleinen Übersetzungs- Interpretationsversuche einiger türkischer Gedichte und Lieder  (thematisch Türkei )  eingebunden.

]titelfototo-homepage.jpg

Hommage an Orhan Veli Kanik

Wie die Quelle
im Gestein
die vorbei am Grün
jedes Geplauder
mit sich reißt…
hinunter zum
Meer der Sprache
wo Buchstabe an Buchstabe
sich die Furt sucht
zu den Ufern…
so werde ich
im Weiß des Papiers
meinen Stift
eingraben, Wortlandschaften
durchwandern
und wissen
ich werde nie
ankommen.

So wie er
nie ankam, dort
in den Untiefen
des Seins
sondern
mich aufsuchte
mit den Versen
durchtränkt vom Salz
des Lebens ,
um mich zu
beruhigen.
Es wird immer so sein,
das wir
dem Strom
entgegen schwimmen.
Die Worte aussprechen
um sie dem Wasser
zu überlassen.

© MAR 2006

kaleici-2-jpg.jpg


Kaleici/ Altstadt von Antalya

Nichts ist vorhanden in meinem Gepäck ; nur ein Bild von Kaleici ,
nur der mannshohe Grashalm , der sich im Mauervorsprung wiegte
findet Erinnerung , wie dieser Vers ,
Erinnerung,
die wie einer verborgenen Liebe Unsagbares abringt…

Kaum zu atmen wagte ich,
um nicht das Leben mit meinem Hiersein aus diesen Mauern zu trinken…
…wie eine unbezahlte Rechnung
wäre jeder Atemzug für mich…

…nicht einen Blick sollte ich
stehlend durch einen Fokus auf diese Häuser werfen
um es später dem Papier anzuvertrauen als
Ablichtung vielgelebter Zeit…

…zu berühren wage ich kaum die Steine
und die hölzernen Splitter jener Türen die einst dahinter
Gäste zum Tee luden und nun dem wilden
Feigenbaum Halt für seine Wurzeln geben

Die Unberührbarkeit möchte ich nicht vergessen
…so wie auch das Gesicht des Alten , der so gedankenverloren mit einer
Mauer aus unsichtbarer Zeit umgeben
mir gebietet leise davonzugehen

Und nicht ein Staubkorn wollte ich
mitnehmen , an meinen Schuhen und mit den bedeutungslosen Schritten
… nicht diesem betagtem Dasein die
schöne ewige Würde nehmen…

© MAR 2006

cay.jpg

Istanbul

Du ferne Geliebte, deren Sprache ich nicht kenne.
Du hast von Deinen Ufern aus
ein ätherisches Band ausgeworfen wie ein Lasso
um meine Worte zu fesseln.

… jede Silbe buchstabiert sich aus dem Nichts
In eine endlose Kette von Schweigen.
Im Spiegel Dein erstaunter Blick, der sich verfängt
In der Süße der Illusionen.
Unser Dasein schaukelt auf den Wellen.
So weit entfernt. Istanbul.

Dilini bilmediğim uzaktaki sevgili
Bulunduğun sahilden soyut kurdelerini fırlatıp kelimelerimi zincire vurdun.
Her hece hiçten ortaya çıkıp sonsuz bir sessizlik zinciri oluşturmakta
Hayalin tatlı yönüne kapılarak, aynadaki şaşkın bakışlar
Var oluşumuz dalgaların üzerinde sallanmakta
Bu kadar uzakta.
Istanbul.

© MAR 2006

https://silkandpaper8.files.wordpress.com/2008/01/mar-istanbul-schiff-2.jpg

Üsküdar in der Dämmerung

Tanzender Mond .
Und auf der nackten Mauer träumt der Schmerz.
Tränentau erklimmt im ersten Licht den Himmel.

Deine nackten Füße schweben lautlos
über den roten Asphalt.

Der Wind legt weich den Morgen auf meine Schulter.
Sein warmer Atem nimmt die Nacht mit in den Tag.

© MAR 1998

die-stufen-zum-eikando.JPG

Nachts, die letzte U-Bahn…

Fahles Neonlicht macht die Gesichter grau
und doch auch ehrlich.
Die Stufen der Treppe
schimmern wie falsches Silber;
Glimmer im Stein ,mehr nicht…

Eben grad noch so hell,
daß ich
nach Hause finde.

Im Cafè Istanbul
sitzen vier Männer.
Einer raucht
die anderen schweigen,
keiner
will nach Hause gehen.

Sicher wartet dort
ein anderes Leben auf sie
schwer und düster
wird der Hausflur sein
wo sie eintreten,
und irgendeine Fatma
wird ihnen die
Leviten lesen.
Berlin in der Nacht 00:25 Uhr

©MAR

.

bad-grun.jpg

heute
habe ich bemerkt
das die tür
schief in den angeln hängt.
wieso erst jetzt?

Ein Frühlingstag nach meinem Geschmack. Die heiße Tasse Kaffee am Morgen, der junge Tag mit seinen Geräuschen, alles schwirrt und lacht und singt. Nun sitze ich hier in meiner Küche und halte die alte Tasse in der Hand, die den Umzug nicht ganz unbeschadet überstanden hat, und mit einem Riss , der längs das Porzellan spaltet , mir jeden Tag ihr Gebrauchtsein und ihr Alter anzeigt…

Jedes Mal denke ich, heute…., heute wird sie die Wäsche im Geschirrspüler nicht überstehen- aber sie schafft es jedes Mal…Sie ist meine Unendlichkeit, diese Tasse. Mit ihrem farbigen Figuren lacht sie in den Tag hinein , in den Frühlingstag…
Es ist endlich Frühling!
Und dann folgt die Ernüchterung- dreckige Fenster, grauer Schleier von Wintertagen, Balkon ist ein Balkon ist ein Balkon, wenn er bewohnbar wird…. ok, Wasser, Gartenschlauch, Blumenerde…ich will arbeiten, ja, das will ich jetzt , sofort, heute- damit ich morgen draußen sitzen kann und mich in den Erinnerungen einwickeln werde …Wie war das im Sommer…? … Wie war es, als das Zimmer im Freien nach Erde duftete und selbstgedrehten Zigaretten …Wie war es, als der Rauch aufstieg ins Nichts …Wie war es, als das Mauerwerk schwer nach der Hitze roch…Wie war die lautlose Nacht vor dem großen Spiegel , dort, wo das Kerzenlicht flackerte und Pfingstrosenduft zarte Duftspuren in den Raum warfen…Wie war das, als ich schweigend mit den Glas Rotwein seitenweise Texte las, die mir ein Gedankengeschwister bescherte… Wie war das , als mir dieses Haus ganz plötzlich wirklich Heimat wurde, nach fast einem Jahr endlich mir das Gefühl verhieß, das sich etwas mit mir verschmolz, was ich bisher nicht gekannt hatte. Dieser fremde Geruch der Wohnung verflog. Seit ich hier wohne , bin ich hundert Jahre alt.

Warum in aller Welt wohne ich in einem alten Haus, mit alten Fenstern ,mit alten hölzernen Fensterrahmen, mit Messingknäufen, die quietschen und mit alten Geschichten, die unter den Tapetenschichten abgelagert sind. Sie überstrichen, übertüncht…Löcher wurden in die Wand geschlagen, vergipst und repariert … und das schon über ein Jahrhundert lang. Und trotzdem ; jede Unebenheit spricht zu mir, es sind kleine Geschichten und Gedichte, Seufzer unerwiderter Lieben, die nie ausgesprochenen Gefühle, die wie kleine weiße Gespenster durch meine Gedanken huschen und eigentlich gerne ein buntes Kleid tragen möchten.
Wie kann ich aus Tagträumen und einer fernen Zeit bunte Gewänder zaubern? Wie kann ich diese Türen und Fenster , diese dicken Mauern mit meinen geflüsterten Gedanken durchdringen ?
Ich gehe durch diesen langen , schmalen Gang , vorbei an Bildern, kleinen Gemälden und Steinen, vorbei am Strandgut vergangener Urlaube am Meer. An einem kleinen rostigen Nagel hängt ein Relief, und dort an anderer Stelle ein Kalender neben der tickenden Uhr… Zeit, Zeit, Zeit , Zeit tickt sie und die leeren Spalten im Kalender sagen nichts, aber auch gar nichts aus über die Jahre, die dieses Haus auf seinem Rücken trägt. Wie so vieles im Leben in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.
Man schließt und öffnet Türen, wie man Lebensabschnitte öffnet und schließt. Die Türen sind hoch und hundert Mal überstrichen worden, sie hängen im Rahmen und irgendwer hat sogar die bunten Glasfenster überstrichen, die in der Zeit des Jugendstils in die Türen eingelassen wurden…Bequemlichkeit, vermute ich, so muss man keine Scheiben putzen. Aber ich möchte gern die Uhr zurückdrehen und so sollte ich mir doch mal die Zeit nehmen, die weiße Farbe anzukratzen und die kleinen in Glas eingelassenen Rosetten in ihrem grün, rot und quittegelb erstrahlen zu lassen.
Ja, so werde ich das machen… Ich trete in den Flur, und im Gegenlicht , welches durch die geöffnete Küchentür in den Korridor flutet, sehe ich sie, die schiefe, in den Angeln hängende Badezimmertür. Wieso habe ich das noch nie bemerkt? Erst jetzt, nach vielen Monaten wird mir gewahr, das die Wände zwar der Zeit trotzten, aber diese alte Holztür hat sich verbogen. Durch die Feuchtigkeit im Bad, durch den Dunst von wohlriechenden Bädern,; vielleicht hingen dort immer die nassen Handtücher der Familie Sahin, die hier mal wohnte, mit 4 Kindern und 4 Erwachsenen. Viel Wäsche wahrscheinlich…diese Nässe ,die wird in die Holztür eingedrungen sein. Sie hat Einiges hinterlassen, die Familie Sahin… Die Tür zur zweiten Wohnung, hindurch durch eine Häuserwand , hindurch zu einem anderen Haus… die Tür die man nur über zwei Stufen erreichen kann…Familie Sahin hat eine Tür aufgestoßen, im wahrsten Sinne des Wortes, denn als dann der Bruder nachkam aus Anatolien, wurde die Familie recht bekannt mit ihrer Bäckerei, so eine der ersten in Neukölln.
Familie Sahin hat mir aber auch ein Stück von ihrer Erinnerung geschenkt, denn auf dem Hängeboden fand ich alte Kinderschuhe, wahrscheinlich war das ein perfektes Versteck für eines der Kinder…und ein Kinderkleidchen, selbst genäht, fand ich im Verschlag…bunt gestreift mit kleinen weißen Spitzen am Ärmel. Ich habe es aufbewahrt. Es liegt in einer Schublade, frisch gewaschen und als Erinnerung an die alte Zeit an eine Ayse, Zülal, oder Meryam. Wer weiß, was aus dem Mädchen geworden ist…Zeit , Zeit, Zeit tickt die Uhr.
Stunde um Stunde geht meine Zeit an diesem Frühlingstag spazieren; sie löst sich vom Vertrauten, vom Alltäglichen und legt sich in Ritzen dieser Wände. Ich lasse hier etwas von mir zurück, etwas , was überdauert. Kein Kinderkleid oder einen vergessenen Schuh, nein, es sind meine Gedanken, die vollgesogen sind vom Leben und der Lust nach der Liebe. Vollgesogen vom Rauch der letzten Zigarette und vom letzten Wort.
Die schiefe Tür , das ist mein Dasein. Ein Leben zwischen Offen und Geschlossen. Lichtspaltbreit eine Verheißung zum Paradies des Lavendelseifenduftes. Dunkelheit am Wintermorgen, Schutz vor Zugluft , dem Sturm im Haus des Alltäglichen .Selbst der alte Riegel hat sich dem verbogenen Holz angeschmiegt, er schließt noch und ich bin sicher, er wird auch noch weitere hundert Jahre schließen, selbst wenn die Tür sich weiter neigen wird. Manches passt einfach zusammen. Das ist so. Da braucht man nicht zu hinterfragen.

ps: hier ist das Kleidchen vom Hängeboden…kleid , gefunden auf dem hängeboden© MAR 2007

wald-hinterzarten.jpg

Vagabundin / Cingene

An manchen Tagen treibe ich
neben meinen Stunden her,
ich sattle die Zeit sorgsam
wie mein weißes Pferd
aus den Träumen der Kindheit.

Wie am Halfter führe ich sie spazieren,
die Stunden, die angeleint
in meiner Uhr unendlich ticken.
so ein lautloser Gang meines Lebens .
auf der Reise ohne Ziel.

Ich gehe vorüber, stolz, und
behenden Schrittes an der Tür,
da wo die Gitarrensaite schwirrt.
Denn im Minutenklang von Moll
steht dort ein Stuhl für mich bereit

Doch jede Stunde ist wie ich ,
eine Cingene, die auch im Atem der Zeit
gehend lauschen kann.
ich verharre nicht, und lass die Zügel leicht
so gehe ich neben meinen Stunden her.

Abendskizze

Es riecht nach Zuhaus’

Nach gebohnerten Stufen

Die Häuser sind gelb und rot eingefasst.

Die Straße liegt still,

fern hör ich Kinder rufen…

hier verträumt ein Tag ohne Hast

Ein Fenster steht offen.

Ein weißes Tuch weht

über Blumentöpfe wie fallender Schnee

Es wird Abend

und im Rahmen zittert

ein schmerzliches Weinen der Ney…

Ich schließe die Augen

und ich seh’ meine Kindheit

doch die Lieder sind anders, fast fremd.

Und die Mauern verströmen

die Düfte von Steinen,

die man Vergangenheit nennt.

Im Türbogen lehnt sich

ein winziger Schatten.

Und er klingelt an einer vergessenen Tür.

Er lächelt mir zu,

doch er weiß so wie ich,

den er sucht, wohnt nicht mehr hier.

MAR

Bülent Ersoy

cafeharemnx3-a

Café Harem

Wie roter Schnee stiebt die Asche ums Haus,

die Dunkelheit anmahnend, Glühwürmchen im Winter…

die Nacht ohne Ende, die ein Leben lang,

so scheint es, diese Männer ummantelt,

zeichnet für Momente eine Einsamkeit

als vagen Schatten dorthin,

wo ich sonst meine Füße setze, wenn ich

ihren Weg kreuze…

Noch am Morgen fällt das fade Licht

auf die Strasse, gefiltert

durch den Rauch hunderter Zigaretten,

schiebt es sich durch einen Spalt Fenster.

Müde baumelt die Lampe und macht

die Trauer an der Atemluft sichtbar ,

die in kleinen Rinnsalen am Fenster haftet.

All die ungeweinten Tränen verlorenen Glücks.

Wo die Vergangenheit endet,
suche ich dich
in den Bildern, die
bei gelöschtem Licht
betrachtet das Heute
heraus gemeißelt hat
zu erstarrten Skulpturen.

Dort stehen sie nun,
verloren im Raum.
Wie ein Entwurf,
für die Zukunft bereit,
bis im ersten Licht
sich der Vorhang aus Schatten
über sie wirft.

Geçmişin bittiği yerde…

Geçmişin bittiği yerde…
Sönük ışıklarla bu günü gözetleyen
resimlerde arıyorum seni…
Boş boş bakan
heykellere dönmüşler…

İşte şimdi orada duruyorlar;
boşlukta kaybolmuşlar…
Bir taslak, bir proje gibi
geleceğe hazır vaziyette…

Taaa ki;
gölgeden bir perde
ilk ışıklarla
üzerlerine düşünceye dek…

Tercüme (Übersetzung):
Ahmet Terli – Köln, 04.01.2010

____________________________________

Parıltı

Ateş gibi bir nehir akıyordu

Ruhumla o ruhun arasından

Bahsetti derinden ona halim

Aşkın bu unutulmaz yarasından.

Vurdukça bu nehirin ona aksi

Kaçtım o bakıştan, o dudaktan

Baktım ona sessizce uzaktan

Vurdukça bu aşkın ona aksi

Ahmet Hasim

1883-1933

_________________________________

Ahmet Hasim

Die Flamme

Wie ein Feuerstrom  flackert meine Seele  zu Deiner Seele hin…

Im Widerschein raunt er von der ewigen Wunde meiner Liebe…

Diesem Anblick entfliehen muss ich,

flüchten vor diesen Lippen…

still aus der Ferne   gewahr werden,

wie sich die Liebe spiegelt in ihr.

© Interpretation  MAR

 

AKŞAM YİNE TOPLANDI DERİNDE           

 

Canan gülüyor eski yerinde

Canan ki gündüzleri gelmez     

Akşam görünür havuz üzerinde,     

 

Mehtab, kemer taze belinde    

Üstünde sema, gizli bir örtü  

Yıldızlar, onun gülüdür elinde…

 

 

 

Der weite Abend sinkt herab…

 

Wieder überstrahlt die Geliebte ihr Reich,

die Auserwählte, die  tagsüber verborgen,

abends am Weiher erscheint.

 

Mit dem Mondschein um ihre junge Taille gegürtet

der zarten Hülle des Himmels über ihr

werden die Sterne Rosen in ihren Händen

 

 

Nachdichtung : Doris

Erklärung: Das Hinarbeiten zu Hasims Gedichten ist ein Weg voller Metapher, zudem er  ein Vertreter  der Generation von Dichtern ist, der noch teils sehr bluniges osmanisches Türkisch in seinen Gedichten eingebunden hat.

Canan wird im Sufismus als „Gott“   interpretiert    (Canan: eskimiş  Tasavvufta Tanrı )

wie was entstand und wie was interpretiert wurde von mir:

zum Verb lachen sagt man im Deutschen auch  „strahlen“ , ich dachte, das trifft es am besten.  Ich vermute, er meint die Dämmerung , den ersten Abendschatten, wenn die Sonne untergeht  … der Dichter scheint die Dämmerung zu lieben….-und die Metapher hiermit zur sehnsuchtsvollen Liebe…

anfangs dachte ich erst, er meinte allgemein  eine Frau . Doch bei einem Sonnenuntergang vor zwei Jahren   kam mir  sofort dieses Gedicht in den Sinn -und der Gedanke der Doppeldeutigkeit, dass er das ergreifende Gefühl beim Einbruch der Dämmerung als Metapher für das Göttliche ( der Welt, der Frau, des Abends- von Vielem) meinen könnte

…des Abends am Teich tritt sie hervor = sichtbar /wahrnehmen /aufgehen/sich abheben/hervortreten …ein Schatten, ein Licht, eine Person, Etwas kann hervortreten aus der Tiefe der Wahrnehmung .

Ich glaube, das meint der Dichter: wenn es Abend wird , sieht man manche Dinge , die man tagsüber nicht wahrnehmen kann. z.B. eine besondere Stimmung kann am Abend entstehen, die hervortritt in der Dämmerung wie ein durchsichtiger Mantel, also wie er weiterschreibt, Decke vom Himmel, Sterne etc….würde ich das so interpretieren

Da die Angebetete eine Fiktion zu sein scheint, oder besser nicht als Person eindeutig benannt  ist , also irgendetwas oder irgendjemand sein kann , also auch das Göttliche gemeint sein kann,  dachte ich eher, dass er mit Canan auch die Dämmerung oder den Abendanbruch meinen könnte, oder einfach die Stimmung am Abend, die geheimnisvoll ist …. oder eine Frau, die es noch gar nicht in der Realität gibt, also eher eine Traumvorstellung von einer Frau sein kann…

Letztendlich ist es die Mehrdeutigkeit Hasims, die dem Übersetzen ins Deutsche viel Spielraum lässt

copyright Doris

 

Foto © Ara Güler

Foto © Ara Güler

Die erste Fähre

Alles hat anders angefangen. Momente in der Zeit , sich überraschend ändern, wenn man nach Ausflüchten oder Erklärungen sucht, wenn man sich für etwas  rechtfertigen wollte oder auch nur, um dem Moment,  der abrupt eine Wende nahm, einen Anfang zu schenken. 

Alles hat anders angefangen, es war nicht immer wie letzte Nacht …so begann auch er, und packte den Stapel loser Bögen fast unachtsam auf die noch vom Regen feuchte Bank neben sich, legte dann die Handflächen auf die Oberschenkel und bog vier Finger seiner Hand zu einer kleinen, offenen Faust;  er zuckte aber sogleich wieder zurück –   die Bügelfalten!   Immer und immer wieder hatte ihn wohl  auch seine Mutter erklärt, dass einen feinen Herrn ausmacht, dass die Bügelfalten in jeder Situation überall scharf und geradlinig den Stoff optisch teilen sollten… Oder war es eine Verlegenheitsgeste, dass seine Hände sich in die Beine krallen wollten und nur die Scheu, andere könnten seine Enttäuschung oder Trauer sehen, hielt ihn ab.  

Der Freund, der ihm gegenüber saß, blinzelte ihm zu und meinte nur, ach so – und geendet hat es anders? Augenblicklich wurde ihm gewahr dass er sich über den Freund lustig gemacht hatte und versuchte, den missglückten Scherz in eine andere Richtung zu lenken und setzte eine ernste Miene auf…Es folgte ein langes Schweigen

Nein, meinte er, sprang von der Bank auf  und beschrieb dramatisch mit den Armen einen halbrunden Bogen und schaute dabei hinauf zum morgendlich blass ausgesternten Himmel. Nein, das meinte ich nicht, sprach er zu sich selbst und dann sah er seinen Freund aus den Augenwinkeln an . Siehst du nicht, wie unerreichbar das Tiefste, das Blaueste, das Unberührbarste ist?  Dieser Himmel, dieses Wunder, welches meine ganze Seligkeit beschreiben kann.  Dann wird es hell und alles ist weggewischt.  Oder dort, diese zitternde, welke Blüte, die auf dem Wasser schaukelt, und die uns beim längeren Hinschauen etwas vorgaukeln kann, was gar nicht da ist. Die Nacht geht,  als hätte sie es nie gegeben…

Du denkst, das Schicksal sei grau. Du denkst, es sei wie diese dunkle Wolke, die über den Köpfen dahingleitet, und dass es hier und da  gerecht etwas von seinen Wehmutsliedern und Freudentrillern verteilt, aber dem ist nicht so.                                                                                                                          Das Schicksal ist weiß. Es ist ein ausgefranstes Stück Papier. Da, wo gestern noch die Worte standen, die ich für meine  Einzige  geschrieben habe, sind Buchstaben ausradiert und Satzzeichen abgerissen und nun liegt es an mir allein, sie wiederzufinden.  Man  geht auf die Suche und jedes Mal, wenn man denkt, dass sich das Schicksal erfüllen könnte, weht ein Wind daher und reißt dir das soeben Gefundene wieder aus den Händen.                                                                                                        Einen Schritt rückwärts taumelnd griff er nach dem ersten Bogen, der mit zahlreichen durchgestrichenen Wörtern versehen, nun zwischen seinem Zeigefinger und Daumen im Fahrtwind tanzte 

Du denkst das Schicksal sei grau, weil die Tinte, die im Regen verläuft, sich so ins Weiß frisst, dass es von Weitem so scheint, als würde es zu einer Pfütze verschwimmen. Es ist alles ganz anders. 

Mit den letzten Worten nahm er sein Manuskript und warf es von der Fähre. 

 

.

 

_________________________________________________________________________________________

Foto © Ara Güler

Foto © Ara Güler

Am Morgen

 

Es roch nach Wasser. Und auch nach Verbranntem .

Das Streichholz glimmt langsam aus, krümmt sich und bleibt verformt im Aschenbecher liegen.

Der Herr aus Istanbul lehnt sich zurück und lässt den Blick über die feuerrote Zigarettenspitze schweifen. Drüben, auf der asiatischen Seite macht wahrscheinlich gerade der Fährmann das kleine Boot startklar und wird sich sicher nicht in die süße Melodie der Wellen verlieben können wie er, der eigentlich die Nacht ausklingen lässt und bereit ist, diesem frischen und wassergeschwängerten Morgen eine romantische Note zu verleihen. Der Bootsinhaber hört das Scheppern der Kette, das dumpfe Anstoßen seines Bootes am Boot des Nachbarn und vielleicht in einem stillen Moment das Kreischen der Möwen.

 

Der Herr streckt nun die Beine aus und bemerkt, dass die Schuhe, die er am Abend zuvor blank putzen ließ, die Wege durch die Nacht nicht gut überstanden haben. Überall waren senffarbene Spritzer und die Laufsohle war sogar von einer dunkelbrauen Kruste überzogen. Aber nach einer Sommernacht wie dieser, wo er in Gassen und Straßen Menschen ausweichen musste, wo er, leicht angetrunken, hinaus aus der Taverna trat und hinein in eine Pfütze undefinierbarer Farbe; nach so einer Sommernacht verlangt es niemanden nach Perfektion oder gar nach einer Reinlichkeit, die nur Menschen zur Schau trugen, die ihren Lebensinhalt in der beschaulichen Wohnung zu finden vermögen.

 

Auch das typische Hinunterbeugen, um schnell mit einem Stück Papier über die Schuhe zu fahren, konnte er getrost unterlassen- er war allein . Und das war etwas Besonderes in einer Stadt wie Istanbul. Es sind nur wenige Momente am Morgen, wo es den Anschein hatte, dass die Häuser tief und schwer in den Bergen hingen, dass die Minarette ihre hölzernen Luken geschlossen hatten , dass selbst das Wasser zu flüstern schien.

Er war allein, besser gesagt, er war einsam. Nur das wusste er in diesem Moment noch nicht.

 

 

 

ps als ich vor 20 Jahren in Istanbul war, Fragmente aus dem Reisetagebuch. Heute habe ich zwischen fliegenden Blättern 2 Notizen gefunden. Ich dachte mir, es lohne sich, sie aufzuheben.

 

 

Was für ein Tisch!

Voll er Lebensfreude legte der Mann/

seine Schlüssel auf den Tisch

In die Vase auf dem Tisch füllte er die Blumen

Er legte Milch und Eier daneben…

und auch das Licht,

welches durch’s Fenster hereinströmte

Er legte die Geräusche eines Fahrrads und einer Werkbank hinzu

und auch das Weiche des Brotes und

die Sanftheit der Luft legte er auf den Tisch.

Welche Gedanken gingen ihm durch den Kopf?

Was wollte er im Dasein noch erreichen?

Mit allem dies belud der Mann den Tisch .

Wen er liebte und wen er nicht liebte ,

auch das stellte er dazu

Drei mal drei ergeben neun

Der Mann legte die Neun auf den Tisch.

Neben ihm das Fenster

ahinter war gleich der Himmel

Er reckte sich und legte die Unendlichkeit auf den Tisch.

Seit Tagen dürstete es ihm nach einem Bier.

Das Zischen von Bier legte auf den Tisch.

Seinen Schlaf und seine Schläfrigkeit legte er auf den Tisch

Seine Gesättigtkeit und seinen Hunger

Was für ein Tisch!

Klaglos ertrug er die ganze Last

Er wackelte nur ein, zwei mal.

Der Mann belud ihn weiter und weiter…

Interpretation aus dem Türkischen © Doris

 

 

.… in eigener Sache: die Gedichte und Geschichten, Fotos und Bilder unterliegen dem copyright hier in diesem Blog als                     © MAR /silkandpaper 

2 Kommentare »

  1. hallo mar,es ist soooo wunderbar.danke dir.
    LG klassen

    Kommentar von melih — 8. Dezember 2009 @ 4:26 PM

  2. Alles wie von der Sonne verrahmt, so warm.

    Kommentar von Lale — 11. Februar 2010 @ 9:34 PM


RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: