Silk and Paper

29. September 2016

Leere und Fülle


wald-zeichnung

Eingemachtes  (2011)

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Kein Kärtchen wird es sein  , das eine neue Anschrift verkündet- sondern mehrere Gedanken, die mir kamen, als ich eines Morgens ganz anderswo aufwachte.
Der kurze Gedanke als Splitter eines fast vergessenen Refugiums , des Briefeschreibens zum Zwecke des Nachsinnens um Dinge, die etwas mehr bedürfen, als nur das Aussprechen oder des Zurückbleibens eines Fragezeichens; wie die Frage nicht unbedingt einer Antwort bedarf, weil sie selbst schon Antwort ist.
Und doch raubt manche Frage den Wörtern beim Aussprechen jeglichen Inhalt, weil das Was, Wie, Warum nur eine Fixierung von etwas Abstrakten ist.   Des Öfteren sogar Kehrbilder dessen, was man sagen will Das Schöne am aussprechen dessen  ist, dass es sich aus einer Gedankenwelt heraus zu etwas wandelt, was man fast anzufassen könnte- ein Ding ohne Dinghaftigkeit, und doch eine Wirklichkeit, die freischwebend über allem stehen kann, weil sie dem, was noch kein ausgesprochenes Wort ist, eine Möglichkeit gibt, sich dem Dinghaften anzunähern.
Zeit ist, wie ich schon seit Jahren darüber denke  und nachsinne , etwas, was dinghaft daherkommt, ja fast wesenhaft; wir geben der Zeit Raum und Begrenzung, indem wir sie zu Stückwerk verarbeiten, zu Tagen, Wochen, Jahre und Sekunden, Momente- und doch ist sie nur ein Provisorium , welches uns eine fragile Heimat zusichert…
Der Alltag in seiner manchmal erdrückenden Einfachheit geht an die Substanzen- oft meint man, dass der höhere Sinn des Seins in dieser ständigen Wiederkehr verloren ginge, und dabei ist es gerade diese Einfachheit der Wiederholungen, die alle Strukturen des Lebens an sich jeden Tag für uns erfahrbar und erkennbar macht.
Egal was wir tun, selbst wenn man alles Unvorhergesehene als Außerkraftsetzen des eigenen Lebensentwurfes bestätigt wissen will; es ist nur  ein kurzes Moment, das uns zum Nachdenken zwingt , und wir dennoch das Triviale tun – das Triviale, was uns davor schützt, unaussprechliche Wortgebäude fürs Dasein zu konstruieren, denn nichts anderes ist es, das Dasein… ein zeiträumliches , unser Denken begrenzendes Provisorium …
Das einfache im Alltag, das Wesenhafte der Dinge, das Benennen von Gegenständen, die wir berühren, sind Vorstufen zum Sein, welches vom Da-sein bis zur Vollendung geführt werden.
Geht etwas zu Bruch, ist es nicht mehr… so glauben wir zumindest, und wir denken, wir bräuchten diese Splitter und Scherben nicht unbedingt… doch und wie Splitter, wie Scherben sehe ich Dasein und Sein durch das Universum treiben, Wegelagerer, die irgendwann auf den selben Zug aufspringen…
Dasein und Sein sind Abstrahierungen, die wir uns zugestehen zu  glauben, dass beides dasselbe sei. Und dabei macht man doch tagtäglich ganz andere Erfahrungen, die zwar das Dasein, auch das der Dinge,  begrenzt relativieren und somit benennbar machen, aber das Sein als geheimnisspendendes Ewige beunruhigt uns,  und glaubt uns wissen zu machen, dass wir in dieses Ewige ganz und gar eingehen, verschmelzen, wenn das Dasein endet.
Eine kurze Zeitspanne – und doch angefüllt von Da-seiendem und auch dem Abwesendem …so ist dieses halbe Jahr , das ich hatte, um der noch heimatlosen neuen Wohnung meinen Atem einzuhauchen.
Als ich die Decke meiner Wohnung anstreichen wollte, rieselte das Stroh und der Putz auf mich hernieder und mit allerlei Werkzeug und meinem Tun habe ich mir schnell wieder das Dach über dem Kopf repariert. Dort etwas und da etwas, und die Zeit schmolz zusammen und es war “Arbeitszeit”.
Langsam aber sicher kommt die Zeit, wo ich wieder etwas mehr Stunden aufbringen kann , mich auch wirklich umzuschauen und die Gegenstände und Möbel, die Situationen und Erinnerungen an Altes wieder ihren ursprünglichen Namen erhalten: Heimat für die Heimat in mir selbst…

Es fehlte zuweilen an Gestaltenfülle, an der geistigen Nahrung , die eine gute Tasse Kaffee zum Kaffee macht- es fehlen mir die Kaffeehäuser, wo man sitzen, Zeitung lesen und palavern kann, so recht aus dem Stegreif;  und dann gehen mir manchmal die Gedanken durch, wenn der Kopf raucht .
Nirgends habe ich diese Lust am so gar nicht sinnfreien Schwatzen erlebt, als in der Erinnerung an meinen Vater,  an den Kaffee nach dem guten Essen. Mein Vater hat ihn immer in einer Selbstverständlichkeit gefordert, weil dessen Familie diesen Brauch aus der alten Heimat  bis ins Heute bewahrt hat. Ein bisschen haftet mir diese Erinnerung an, weil ich sie in meinem Tun lebendig halte.
Doch auch Trauer nach dem Erkennen des  Verlustes,  dem Wiederfinden von  Momenten der Zerrissenheit . Zwischen Kindheit und dem Umherziehen in fremden Städten, zwischen dem Hinüberretten von familiären Bräuchen und Traditionen blieben nur Bruchstücke erhalten, Ob man aus Alt Neu machen könnte, wenn man die Fragmente wieder in eine brauchbare Form bringen kann?

Bräuche haben es etwas Heimatliches an sich, so denke ich zuweilen.
Bräuche – braucht man und so schlägt es wieder den Bogen zum neuen Heim, welches langsam wieder zu dem wird, was es in der alten Wohnung war…
Es ist paradox, doch den Sinn im “Verlassen der Heimat” als Verlust zu empfinden, finde ich in mir nicht wieder.
“Heimat” ist man doch immer selbst. Anfangs scheint es, dass man beim Verlassen des Vertrauten fast so trauert, wie um einen Menschen, und wenn ich daran denke, wie sehr mich damals die schiefe Tür meines Badezimmers an die Familie Sahin  erinnerte, an ihr zweites Zuhause , oder besser an ihre neue Heimat… wird es durchscheinig , wie das Triviale auf Gegenstände und Situationen zielt ( denn Triviales muss einfach sein…) um sich nicht im Dschungel entglittener Gedanken wiederzufinden .
Es  ist es wohl eine Wahrheit, die man im Seinsprozeß macht: Abschiede sind das vorübergehende Reduzieren der Wirklichkeit. sie sind eine kurzfristige bedeutungsschwere Trauer, die, wie hier zum Beispiel, die Heimat in eine Begrenzung zurückwirft.
Hier war es die Tür, die für das Eintreten und Hinzukommen einer ganzen Familie stand – und doch nur eine Zeitsequenz Dazugehöriges sein,  kann für die Dauer ihres  Wohnens,  und nun auch von mir verlassenen Wohnung.  Oder auch  das Rattern und Vibrieren der U-Bahn, die symbolisch für das immerwährende Kommen und Gehen stand, für Menschen, die unwissentlich durch mein Leben hindurch fuhren …
Dass diese Erinnerungen mehr als bloße ästhetisch-anmutende Darbietungen meines Lebens sein müssen, mehr als Grenzhaftes, welches sich auf Jahre festlegen lässt, erfahre ich nun wieder neu.
Mag sein, dass es der Frühling mit der Erneuerung von erwachendem  Leben wiederum einen flüchtigen Blickwechsel erlaubt mit den Dingen , die man verloren, entschwunden oder versteckt geglaubt hat , aber die Wirklichkeit der Jahreszeiten , ihres einfachen Daseins , welches das menschliche Sein in Hochgefühle und Lebensfreude katapultiert, sie macht, dass sich die vermeintliche Leere wieder füllt.
Fast bin ich geneigt zu sagen, es sei das helle, gelbe Licht, welches sich wie ein sorglos-anmutender Schleier einer Braut über alles noch Winterliche legt; aber es ist eigentlich der Schatten, die tanzenden Linien der Äste eines Baumes, die vom Licht künden.           Wäre der Schatten nicht, würde ich das Licht nicht erkennen und auch nicht benennen können.
Das Einfache, das eigentlich immer vor unseren Augen Seiende ist es, was dem Leben jede Doppelsinnigkeit nimmt und das Sein klar benennt. Es ist nicht an magisch heraufbeschworene Bedingungen gebunden, nicht ans Rätselhafte oder unsichtbar Verworrene- es ist wie die Wurzeln jenes Baumes… Es ist einfach da.
Das Was, Warum und Wie – benennen muss es nicht. Man muss es nur sehen.

MAR /silkandpaper 2011

(more…)

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23. Oktober 2011

ganz unten- MITtendurch


die-stufen-zum-eikando.JPG

Der Mensch braucht ein Zuhause. Das ist mir in den letzten Tagen ganz bewusst geworden. Eigentlich wird mir das immer bewusst, wenn es Winter wird. Auch Rilke hat es so wunderbar beschrieben: ?wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr??
Draußen ist es kalt. Nach den langen Tagen daheim in einem warmen Zimmer schoben sich Gedanken an unwirtliche Tage erst in meinen Kopf , als ich die zugigen Gänge meiner U-Bahn-Station betrat . Überall auf den vereinzelt stehenden Bänken saßen Männer mit alter, meist schmutziger Kleidung. In der einen Hand eine Flasche, in der anderen Hand das wenige Gepäck, was ihnen über den Winter helfen soll: eine Decke oder ein alter Mantel, ausgetretene Winterschuhe, weggeworfene Bekleidung einer Wohlstandsgesellschaft am Körper eines Gestrandeten.
Immer wenn es kalt und dunkel draußen wird, entsteht in den U-Bahn-Schächten und auf den Bahnhöfen eine ganz eigene Gesellschaft mit eigenen , uns fremden Gesetzen. Der Kampf um die besten Ruheplätze, wer hat den besten Kontakt zum Kioskbesitzer, wer hat einen Schlafplatz für die Nacht, wer hat Bulli gesehen, der letztes Jahr immer hier war, kennt jemand die kleine Dicke, die immer mit Manni herumhing? In welcher Linie kann man am besten sitzend hin-und her fahren? Wer hat dich weg gescheucht und wer lässt dich in Ruhe?
Wortfetzen drangen an mein Ohr, und die Gespräche gehen weiter, als die U-Bahn einfuhr und sich die kleine Gruppe in Wagen zwei die Sechser-Sitzbank eroberte. Rechts und links rückten sofort die Fahrgäste auseinander. Es roch etwas merkwürdig nach einer Mischung aus Alkohol und abgestandenem Mief alter Kellerräume. Laut redeten die vier Männer über ihre wenigen Bedürfnisse, die sich um schlechtes Wetter- keine Bude, und um „kein Geld-kein Schnaps“ drehten. Ich war nur eine Station unterwegs, aber mir wurde plötzlich bewusst, wie selbstverständlich ich meinen bescheidenen Wohlstand genieße. Und auch, wie wenig ich über den Sommer hinweg diese Armut und Traurigkeit von diesen Menschen ohne Heimat registriert hatte. Ich zog meine Jacke etwas tiefer in den Nacken. Es regnete draußen und es schneite , der Wind riss an meinem Schal und im Nu fühlte ich mich verloren in dieser Kälte , in diesem Wind. Mitten in der Stadt. Mitten unter Menschen. Doch dieser Moment des Verlorenseins dauerte nur Sekunden. Er verschwand sogleich, als sich der Gedanke an meine beheizte Wohnung in mir breit machte.
Die Zeit , die ich von der Treppe der U-Bahn hinauf zur Straße brauchte, war schon genug, um die vier Männer zu vergessen; den Gedanken an sie zu verdrängen, denn hier oben, auf der Straße , wo das Leben tobte, musste ich aufpassen, das ich nicht ausrutschen würde auf welken Blättern, das niemand meine Tasche klauen würde , das mich keiner angrabscht oder auch ich nicht selber unachtsam jemanden in die Hacken trete.
Erst als ich wieder nach Hause fuhr, mit einer Tasche voller Leckereien erinnerte ich mich für einen kurzen Moment , aber auch schon beim Kaffee in der warmen Küche war ich mit mir und meinem Alltag beschäftigt, der sich eigentlich wie ein guter Freund anfühlt. Der Alltag ist immer da. Mit der geregelten Zeit für die warme Dusche, mit dem Summen der Heizung, mit dem Klingeln der Nachbarin, das Leeren eines Briefkastens mit meinem Namen , das Bett beziehen und mal Staub wischen. Den Balkon winterfest machen, die letzten Blüten abpflücken , mit dem Gedanken, sie vor der Kälte zu retten, um sie dann in der Vase auf meinem Tisch doch langsam sterben zu lassen. Auch das kommt mir oft in den Sinn, wenn ich Schnittblumen vom Wochenmarkt mitnehme. Ich kaufe etwas Sterbendes.
Am Abend legte ich mich in mein Bett; baute wie Marlene Dietrich alle Utensilien um mich herum auf , um die Wärme der übergroßen Bettdecke durch unnötiges Aufstehen müssen möglichst lange an meinem fröstelnden Körper zu halten.
Die Ruhe in einem warmen Raum, umgeben von meinen liebsten Dingen, auch von so etwas Unnötigen wie der Fernseher, das Umherschweifen meines Blickes an den Wänden entlang, deren Dekoration mir immer noch missfallen, ließen mich gut aufgehoben fühlen. Ich lehnte mich ins weiche Kissen. Plötzlich spürte ich es wieder! Schon seit ich hier wohne, fühlte ich manchmal so kleine Erschütterungen unter mir. Das Bett vibrierte leicht . Anfangs dachte ich , es sei die Backstube der Bäckerei nebenan. Diese kleinen Vibrationen erinnerten mich an meine Kindheit, denn auch da wurde ich nachts oft von der Backstube der benachbarten Bäckerei wach, wenn der Bäcker den Ofen mit Kohlen beschickte.
Aber ich nahm diese Bewegungen unter mir auch an Tageszeiten wahr. Na dann scheint es eine Waschmaschine zu sein, die rumpelt und tanzt und gegen die Wände schlägt und dann landet es hier bei mir als kleines Erdbeben. Aber so oft wäscht man doch nicht!
Alle 10 Minuten gab es an manchen Tagen scheinbar etwas, was unter mir rumorte. Ich sprang aus dem Bett auf und schaltete noch einmal den Computer an. Ich hatte plötzlich eine Eingebung. Dieser 10-Minuten-Takt ist das Einfahren der U-Bahn, das Bremsen, das Abfahren… In der Stille der Nacht fühlte sich das oft gespenstisch an
Aha- das dachte ich mir doch! Auf dem Bildschirm öffnete sich der Streckenplan der U-Bahn-Trasse. Tatsächlich. Die Strecke  macht einen kleinen Schlenker und somit fährt die U-Bahn tatsächlich haarscharf unter meinem Haus in den U-Bahnhof ein. Jetzt wunderte mich nun gar nichts mehr. Nicht nur, das ich auf meinen Reisen mit der U-Bahn die verrücktesten Sachen erlebe, nein- sie ist auch noch so nah an meinem Leben dran, das sie mit einem langgezogene Pulsieren ihres eigenen Herzschlags mitten durch mein Leben rast.
Tief unter Erde fahren Menschen imaginär durch mein Leben hindurch, halten kurz an, steigen aus, steigen um und fahren weiter. Wie kleine Signale, Impulse oder gar Phantasiegebilde bevölkern sie mich und lassen mich spüren, wie bewegt und bewegend ihre Lebensgeschichten sein können. Und ich musste plötzlich wieder an die vier Obdachlosen denken, die draußen in der großen Stadt nach Heimat suchen und sie im Winter in der U-Bahn finden . Auch diese Vier fahren vielleicht gerade unter mir wieder durch mein Dasein. Für eine Minute lang erinnert mich das Vibrieren an fremde Menschen, die durch die Nacht irren, um eine warme Bleibe zu finden.
Ich saß vor dem Bildschirm und dachte, wie unglaublich doch Zufälle sind. Erst seit ich hier in diesem Haus lebe, schreibe ich Geschichten von den Erlebnissen in der U-Bahn. Seit ich hier wohne, und die U-Bahn mittendurch mein Haus fährt. Erst seitdem ich unter Menschen lebe, die oft weniger haben als ich, werde ich mit Gedanken und Geschichten an etwas erinnert, was man als Kind als Floskel oft hört und mit dem man als Kind wenig anfangen konnte : „ganz unten sein , das geht mittendurch“ .
Mitten durchs Herz.

15. November 2010

dunkle, WEITe bläue

Filed under: DER mensch als fremder ORT, sprach-RÄUME lyrik, wahrNEHMungen — Schlagwörter: , , , , — silkandpaper @ 9:29 AM

 

Oben,

in der dunklen, weiten Bläue,

wo die Tiefe schon verloren geht,

lebt die Stille dieser ersten kühlen Zeit.

Alle Wildheit meines Sommers ist

im ersten Schnee des Winters schon versunken,

und abends wird die Sprache weit.

 

Wie

ein Kondensstreif eines Horizontenschiffes,

der einen Himmel für Momente teilt,

so kann selbst Sprache durch ihre  Tiefen  schweifen

und auch zerfallen… Bedeutungsschwer wird alles

was einst Leichtes war. Zersplittert jedes Wort…

Behende werde ich  nach diesen  Wortfragmenten greifen,

 

 in

dieser ersten kühlen Nacht, in diesem Wind,

der alle Silben Deines Seins in meine Hände legt.

Er flüstert, um die Einsamkeit ins Schweigen zu wiegen…

in ihm entdecke ich   die filigranen Töne Deiner Worte.

Sie werden aus den Splittern DU und ICH  geboren.

Und werden ewig beieinander liegen.

 

17. Januar 2010

Filed under: DER mensch als fremder ORT, wahrNEHMungen — Schlagwörter: , , — silkandpaper @ 1:40 PM

Es war dunkel. Trotzdem kniff ich die Augen zusammen, so als würde ich in einem gleisenden Licht stehen. Ringsum war Stille. Es war wieder mal so eine Nacht, wo ich nicht schlafen konnte und anstatt mich unnötig von einer Seite zur anderen zu drehen, das Bett verlies und nach draussen ging. Ich war zu faul, mich umzuziehen und so streifte ich nur eine warme Hose über und einen dicken Pullover. Im Korridor hing noch der Anorak, den ich meist nur trug, wenn ich zum Supermarkt ging- große Taschen, dicke, gemütlich, waschbar ( für den Fall, das mal wieder der Joghurt ausläuft) . Im Treppenflur machte ich kein Licht und schlich mich hinunter. Eine Wand aus kalter Luft und winzigen ,gefrorenen Wassertropfen schlug mir ins Gesicht. Die drei Stufen , die zum Eingang führten, schimmerten bläulich und ich sah trotz zusammengekniffener Augen, wie sich der Schnee verharschte und als Eisskulpturen, winzig klein, auf den Stufen liegenblieb. Ich machte einen großen Schritt, um diese Kunstwerke der Natur nicht zu zerstören. Das Gartentor schloss sich leise quietschend hinter mir und stand auf der Straße. Über mir war alles tiefblau, fast schwarz; man ahnte schon den nahenden Morgen, aber wenn die Wolken sich in dicken dunkelgrauen Ballen unter das Firmamant schoben, war es , es schwabbte schmutzige Tinte in einem großen, gläseren Behältnis und wenn man Glück hatte, sähe man das grüne Glas. Die Nacht schrieb ein Gedicht in den Himmel über mir. In meiner nächtlichen Einsamkeit war ich ein guter Zuhörer und ich begann leise vor mich hin zu summen. Hinter mir raschelte es und und ich hörte einen leisen Atemzug und ein rhythmisches zartes Klopfen. Etwas stiess an mein Bein und ich sprang zur Seite. „Hallo?“ Eine Männerstimme fragte noch einmal: „hallo?“ Und dann krachte es laut neben mir. Seit Wochen habe ich Bauarbeiter vor dem Haus und der Gehweg war nur zur Hälfte begehbar. Die rot-weißen Absperrungen, die nur aus Plastik sind, hielten meinem Gewicht nicht stand und ich fiel mit ihnen mitten in den gefrorenen Sand. „Hallo?“ Eine Hundeschnauze , ein hechelndes Geräusch und dann beugte sich der Mann über mich. Die Hände suchten umständlich, wo er mich zu fassen kriegen könnte und packte dann den Ärmel . Als ich endlich stand, fragte die Stimme, ob ich mich verletzt hätte und was in Gottes Namen ich um diese Zeit alleine auf der Straße sei. Ich konnte das Gesicht des Mannes erkennen; es war der ältere Herr, der immer Parterre am Fenster hockte und auf die Straße blickte. Jeden Tag, fast immer. Manches mal nahm er Pakete für mich an und die reichte er immer gleich durchs Fenster, wenn ich sie abholte. Ich fand es nett, dass er mir den Weg zur Post ersparte, aber trotzdem war er irgendwie immer etwas abweisend, fremd oder gar abwesend, wenn ich ihm den blauen Zettel hinhielt, den der Postbote hinterlegt hatte. Ich sah diesen Mann das erste Mal auf der Straße. Erleichtert lies ich es ihm wissen, dass ich froh bin, dass ein Nachbar mich hier von der Straße aufhalf. Ich wagte nicht laut zu sprechen, denn gleich über meinem Kopf befand sich das Fenster der Erdgeschoss-Mieterin. Es war Nacht und als wolle ich das Poltern der Absperrung ungeschehen machen, flüsterte ich nun leise. Ich bedeutete dem Mann, dass ich spazieren ginge, weil ich nicht schlafen kann und da ich gerne den nächtlichen Himmel sähe, würde ich des öfteren diese stillen Stunden geniessen., „Wie sieht denn der Himmel aus“, fragte er mich. „Da, schauen Sie! Wie eine große Marmorplatte mit vielen dunklen Äderchen, und diese zwei, drei Sterne, die man durch die Wolkendecke schimmern sieht“ . „Wird es schon hell?“ Er streckte die Hand aus und zog seinen Hund etwas zu sich heran. Er tätschelte ihn und sprach leise und zärtlich auf ihn ein. “ Nein“ , sagte ich. „Nein, Man sieht doch kaum die Hand vor Augen“ , und wie man doch sieht, brenne bei niemandem Licht. Es ist vielleicht 4 Uhr . Ich spürte, wie die Kälte unter meine nur kurz übergestreifte Hose kroch und meinte zu ihm, dass ich lieber wieder ins Haus ginge. Vorher aber wollte ich schnell wissen, wieso er so spät den Hund ausführe. Er lachte kurz auf. „Ich führe nicht den Hund aus, der Hund führt mich aus,“ Und im gleichen Moment bemerkte ich in einem kurzen Moment im Licht der alten Straßenlaterne, das er blind war.

MAR

18. November 2008

wenn männer in bewegung kommen- oder wann trinke ich mit ihm die halbe flASCHE wein


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Wenn Männer in Bewegung kommen- oder wann trinke ich mit ihm die halbe Flasche Wein

Das Telefon läutete. „ Ich komme etwas später, ist das ein großes Problem für Sie?“
Ich verneine und bemerkte, dass ich ohnehin zu Hause sei und es mir nicht darauf ankäme, wenn er sich um eine Stunde verspäte.

Ich nutze die Zeit, die Dokumente zu ordnen und den Taschenrechner bereit zustellen

Das Telefon läutete ein zweites Mal. „ ich bin unterwegs. In einer halben Stunde bin ich da.“ Ich blicke auf die Uhr. Es ist 19 Uhr und der Termin war auf 17 Uhr angesetzt. Ich hatte Hunger. Und ich dachte gleichzeitig, dass das Gespräch nicht länger als 30 Minuten dauern würde. Essen könne ich also auch noch später.

Das Telefon läutete ein drittes Mal. „ ich bin bin noch unterwegs…“ Ich erklärte den Weg und knallte den Hörer auf die Gabel. Das Telfon zitterte leise und ich befürchtete, dass ich es kaputtgemacht habe. Ich nahm noch einmal dem Hörer und war erleichtert, als der Ton erklang.

Wo blieb denn bloß dieser Mann, der mir das Gefühl verlieh, er nähme sich einfach zuviel Zeit. Endlich ! An der Tür höre ich ein leises Kratzen und kurz darauf schellte die Wohnungsklingel. Ich rannte den 10-Meter-Flur entlang und öffnete fast atemlos die Tür.

Im Türrahmen stand im Gegenlicht der Abendsonne der Mann, auf den ich gewartet hatte. Der erste Blick- und es geschah etwas. Es war wie ein WUSCH! Es war wie etwas, als hätte man zwei Magneten plötzlich das hölzerne Trennblatt weggezogen, was verhindert sollte, das sie aufeinanderprallen.

Ich bat den Mann in das Zimmer und setzte mich gegenüber. Alles in mir musste ich zur Ruhe zwingen. Ich wollte nichts anderes, als schnell diesen geschäftlichen Termin hinter mich bringen. Aber irgendwie kamen wir im Gespräch vom Hundertste ins Tausendste. Wir sprachen über seinen Akzent, sein Geburtsland, und unwillkürlich musste ich an die größte Diva seines Landes und an den berühmtesten Schriftsteller seiner ehemaligen Heimat, Mario Llosa, denken. An Mario Llosa eher weniger, sondern an seine Romane, die irgendwie das gleiche Kichern und Lächeln auf dem Gesicht zu tragen schienen, wie dieser Mann hier.

Nach drei Stunden Gesprächen über Literatur, Musik und Kunst und anhaltendem Lachen über ähnliche Empfindungen, zwischendurch Erläuterungen, wie man eine Wohnung kauft, begleitete ich ihn zur Tür, diesen Mann, der irgendwie gar nicht gehen mochte, sondern es bedauerte, diese Gespräche nicht fortsetzen zu können.

Ich schloss die Tür hinter ihm. Der kurze Moment, wie er wieder im Türrahmen stand und seine Hand auf das alte Holz legte, als wolle er sich abstützen, war das Letzte, was ich von ihm sah.

—————————————-

Das Telefon läutete. „ Ich brauche noch einige Dokumente. Und eine Faxnummer“
„ Moment“ sagte ich, ich könne ihm die Faxnummer gleich durchgeben. Ich fand die Nummer nicht und bedauerte mit dem Hinweis, dass ich die Nummer per E-Mail zusenden könne. „Nein, nein, rufen Sie mich morgen an. Ich bin zwar nicht da, aber“…er holte Luft und fuhr fort „…aber so kann ich ihre Stimme noch einmal hören“.
Da war es wieder, dieses WUSCH!

Etwas irritiert legte ich den Hörer auf, und hoffte, das der Anrufbeantworter nicht anspringen möge, sondern eine Kollegin oder ein Kollege am Telefon wäre.
Natürlich hatte ich zu früh gehofft und meine Stimme geistert nun seit dem Juni auf diesem Anrufbeantworter herum.

Ich verreiste. Das Telefon läutete sicher, aber ich war nicht da. Aber das wusste er.
Die Dokumente lagen bereit und die Zeit arbeitet für mich. Auf der Reise dachte ich manchmal an den Mann jenseits der Anden und jenseits der Spree, aber die Gedanken verflachten ins Geschäftliche und auch die Rosen des Sommers waren längst verblüht.

Es wurde August. Ich kehrte heim, und in der Zeit tat sich alles in seinem Büro, was zu tun war, um den Grund seines ersten Besuches zur Vollendung zu bringen.
Ich schrieb noch eine e-Mail, um ein abschließendes Gespräch zu führen. Er war nicht im Büro und die e-Mail blieb unbeantwortet.
Ein Freund, der das ganze Geschehen begleitete und den Kauf der Wohnung forcierte, und auch einige Telefonate während meiner Abwesenheit mit dem Mann führte, bot sich an, den Abschluss des Kaufes per Telefonat mitzuteilen und ein angemessenes Besiegeln des Projektes anzubieten.
Ein Essen, eine Einladung, vielleicht ein eigenes Parfüm, extra für ihn kreiert.

Das Telefon läutete. Bei ihm. Auf der anderen Seite der Leitung. Mein Freund teilte sein freudiges Anliegen mit und so ergab sich wohl ein Wort dem anderen und die Unterhaltung dauerte 45 Minuten. Lautes Lachen, leises Kichern. Ich dachte mir leicht verärgert: was schwatzt er so lange mit ihm? Es klang wie ein vertrautes Gespräch unter Freunden, die sich Geheimnisse anvertrauen.

Endlich konnten wir den Champagner öffnen und anstoßen. Ein merkwürdiges Zittern begleitete mich. Im Glas funkelte der Champagner und ich sah eigentlich, wenn ich auf die Oberfläche der Champagnerschale sah, nur zwei schwarze Augen funkeln . Ich fragte meinen Freund, was es denn so lange mit diesem Mann zu kichern gab und dann sagte er mir: „ Ich glaube, bei ihm hat es auch WUSCH! gemacht. Er wurde plötzlich so sentimental im Gespräch. Er meinte, dass es so schade sei, dass mit Abschluss des Projektes der Alltag einkehrte ; er hätte sich gewünscht , miteinander irgendwie in Kontakt zu bleiben. Dieser Abschluss gäbe ihm das Gefühl, er hätte plötzlich etwas verloren “

Es hatte also WUSCH! gemacht. Und ich habe jetzt so ein Gefühl, als stünde irgendwo noch eine halbe Flasche Wein, die darauf wartet, ausgetrunken zu werden.

MAR September 2008

für J. A. Danke für die Inspiration !

30. Juni 2008

der AUGENBLICK ohne erinnerung

Filed under: DER mensch als fremder ORT, Uncategorized, wahrNEHMungen — Schlagwörter: , , , , — silkandpaper @ 3:53 PM

 

 

mond12

seit ich bin , baue ich mir ein haus , das haus aus worten,
die unter meinen
worten schlummern.
sie schweigen und sie flüstern. sie sind laut in der stille
und still wenn es lärmt.
seit ich bin, bin ich ein kind ,
welches immer wiedergeboren,
jeden tag die worte neu entdeckt.
wie ein wanderer in den zwischentönen dieser sprache!
immer auf der reise , mit wenig gepäck , bist  auch  du ,
fremder freund. du trägst alles mit dir – in dir.

wenn du dich im spiegel betrachtest,an einem weiher im wald vielleicht ,

und die kleinen wellen des lebendigen wassers
kräuseln über dein „zweites“ gesicht,
wirst du dich um so erstaunter betrachten,
wenn dein abbild wieder das gleiche
scheint und doch ein anderer atem dich gestreift hat.
denn so, wie das wasser sich wellt und dem wind fügt und anschmiegt,

so schmiegt sich auch dein wahres
gesicht dem ewigen an.
du streckst dein gesicht zum licht und du wirst
raum-zeit.

dein abbild wird weitergetragen ,
hinaus in die welten, die nach diesem moment kommen
und irgendwo wird dieses gesicht auf menschen treffen,
denen es gefallen wird, sich mit dir zu schmücken…

so ist es für mich mit den worten und den sprachen dieser welt.

du erahnst , das der klang in dir, der raum, der dein SEIN
zum klingen bringt, wie das festkleid ist ,

welches den abend erstrahlen lässt.
nichts ist zufällig… aber das ist eine erfahrung,
die man im laufe des irdischen daseins erlebt und durchlebt….
es ist wie das nikud im hebräischen alphabet,
die punktierung, das setzen der akzente, der vokal ,
der das wort zum klingen bringt .
bei einem kann es das A sein beim anderen das O .
das wort verändert sich nur im klang , aber nicht im wert seines ursprungs.
ja, ich kann dich vor mir sehen, fremder freund ,
wie du vielleicht mit rotglühendem gesicht über büchern sitzen möchtest, die weisheit des wortes trinken
und dich ernähren.
wenn ich an die zeit denke, wo ich meinen bauch im sinne des wortes vollgeschlagen habe mit dem,
was mir an wissen und erkennen bis dahin nie in die hände gefallen war
und die bedürftigkeit denke , und
ich meinem wissensdurst oder meinen drang nach sättigung nachkommen konnte….
und es ist eine wunderbare erfahrung, wenn man erkennt,
das alles in dir ist und
nach einem ausdruck verlangt. wie wird man , wie man ist…

natürlich ist ein teil meiner zeit
auch eine zeit des mangels gewesen,
aber die leere , die nicht sichtbar, aber
spürbar war, wollte gefüllt werden. selbst als kind ,
als fünfjährige, bin ich von
zu hause ausgerissen, habe die schule geschwänzt
und im garten meiner großeltern
unter dem dach einer laube dem regen zugeschaut.
ich habe diesen regen nie vergessen, nie den geruch vergessen und nie das geräusch.
als kind das leben als sinnlichkeit zu erfahren,
das kann keine schule bieten.
schon da erfährt man, das man sein eigener lehrer ist
und auch sein schüler zugleich.
es widerfährt einem eine zeitgleichheit von wissen, von einer immanenz, die das innere SEIN auskleidet.
ich denke, das diese zeit, die geprägt war von wissensdurst
auch ausgrenzung mit sich gebracht hat.
eine begrenzung, eine grenze oder auch, um
mit dem wort zu spielen und die bedeutung herauszufiltern, eine erweiterung innerhalb meiner begrenzung in einem land, wo worte wirklich verdreht werden konnten, ihres sinnes beraubt …

…. also -nichts ist zufällig,
das ich dort in der laube meiner kindheit ( laubhütte..! ) mich fand und im spiegel der regenpfützen auch erkenntnis gewann,
warum man nicht immer alles verstehen muss
aber man trotzdem alles verstehen will.
es war gut, nicht als kind traditionen verhaftet zu werden,
die mir vielleicht meine unverbrauchtheit genommen hätten.
es ist gut, das ich über andere wege zu mir
„zurück“gefunden habe….
das gefühl , das ungläubige blicke suggerieren,
das man nicht von dieser welt sein muss…
wenn menschen fragen: woher kommst du?
wenn eine wildfremde frau mich 20 jahre später  fragte,

woher kommst du , du bist so anders …
und meine antwort-
fast aufbegehrend – „natürlich von dieser welt – nicht…“

worte sind leere gefäße , und nicht immer
passt etwas vom  SEIN  in sie hinein.
man denkt immer nach, weil das gefäss des SEINS unendlich groß ist,
man möchte im geheimnis der worte baden
und gleichzeitig möchte man sichtbar machen,
was das innere kleid der sprache für einen bedeutet.
wenn ein mensch vor mir steht,
und ich sehe diesen einen zipfel wort ,
diesen einen zipfel sprache, der unter seinem wesen hervorlugt
oder sich auf seinem gesicht spiegelt, dann weiß ich ,
das dieser mensch auf dem weg ist,

raum-er-füllend zu werden, das er erfüllt und beseelt ist von wissen. von erkenntnis.
diese erkenntnis ist vom wort ausgehend verwandelbar.
sie macht aus dem menschen eine immanente person
und damit manifestiert sich weisheit in diesem menschen.
es wird erlebbar an dem handeln,
an den worten, die tatsächlich nachvollziehbar
an ihrem folgenden handeln werden.

der mensch, nämlich du , dringt zu seiner tiefe vor und kann sie,
weil er weiss und erkannt hat, authentisch sein.
das wort „erkenntnis“ hat mich immer sehr fasziniert und wie die biblische frucht der erkenntnis , dargereicht von der frau eva
( ev ist das haus-nicht wahr? )
dem erkennen haus und tür öffnete ,
und die ersten menschen begreifen lies,
das sie entblößt , bloß, nackt sind…und so entblößen
(abstreifen, aufdecken, auskleiden, ausziehen, enthüllen, entkleiden, entschleiern, sich ausziehen)…..wir uns täglich
mit worten und taten, um uns zu erkennen.
die welt offenbart sich am menschen in nur einer von vielen
uns sichtbaren formen,
die welt offenbart sich in der „nacktheit“ , der leere…
so wie das nikud, welches den vokal ersetzen kann.
das vermeintlich fehlende (vokal) wird so zum
zeiger, der ausschlägt,
zum wegweiser eines klanges, zum hell und dunkel im wort,
die auslassung wird fülle…

unsere sprich „wörtliche“ bekleidung wird abgelegt nach dieser erkenntnis,
unser räumliches sein auf null zurückgeworfen
und nach dieser erkenntnis
sollen-müssen-wollen wir als menschen durch worte,
durch sprache durch „sich wieder der fülle bewusstwerden“,
die in uns schlummert, mit offenen augen
und offenen herzen durchs leben wandern….
auch das man im paradies sich im
nacktsein, im entledigtsein aller dinge manches mal ganz alleine fühlt und das man sich auch vor dir ängstigen könnte , widerfährt den menschen;
weil im „nackten“ viel wesentlliches liegt , doch dessen man sich nicht schämen oder gar ängstigen muss …
wir müssen uns von worten leermachen können,
also nackt sein können im sinne von
etwas übervolles abgeben.
überladenes nicht als balast empfinden ,
sondern als überquellendes wissen, was
in manchen momenten keinen platz mehr in dir findet,
und du es weitergeben musst.

manches mal beunruhigt ein wort unser SEIN,
doch in der beunruhigung ist bewegung.
wenn mich etwas beunruhigt, weiss ich, es hat mit mir zu tun.
so also ist es nicht zufällig, das wir,
weil wir der beunruhigung nicht ausweichen,
uns auch offenbaren können.
das nie erkannte paradies, ist das synonym für die welt ,
die in jedem von uns ist
auch das innere paradies der kindheit und die freude,
es als solches erkannt zu haben.
man war auch mal kind , so sagt man einfach dahin ,
und man weiß doch nicht mehr,
wie es war , als man weinte und sehnsucht hatte
nach den minuten mit dem freund
oder einer heissen tasse schokolade.
das paradies ist der augenblick ohne erinnerung.

MAR 2008

1. Februar 2008

ob unser LEBEN, unser sein, unser wirken durchlässig für andere menschen sein wird…

Filed under: philosophische FRAGMENTe, Uncategorized, wahrNEHMungen — Schlagwörter: , , , — silkandpaper @ 11:32 AM

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Zitat aus einem meiner früheren Beiträge: zufällig ist mal wieder sommer“ Das Suchen nach einer Konvergenz zwischen Physik und Mystik haben ja schon in vorangegangenen Beiträgen auch mein Suchen nach Rationalität im Einklang / Ergänzung zur Intuition mit Ereignissen und Erfahrungen aufgeworfen.Man lebt im Gleichklang dahin, so meint man. Trotz offenen Geistes erschließt sich die Welt nicht im wissenschaftlichen Sinn, sondern im intuitiven, im wahrnehmenden Sinne. Doch auch Wahrnehmungen sind verfremdet oder nicht aufschlüsselbar, weil Grundmodelle der modernen Physik nicht immer eingängig dem Menschen offenbart werden , sie auch als mystische innere Abläufe der Seinswerdung zu erkennen.Zitat Ende…………

anknüpfender Gedanke ….

ES ist an einem samstag mal die zeit gewesen, sich durch alte beiträge zu forsten – nicht, daß ich nicht des öfteren mal hier in meine seite reingeschaut hätte. es ist ja mehr oder weniger immer mal ein rückblick oder einblick auf geschriebenes ,…die unregelmässigen abstände der beikträge und die LEERE, die scheinbar zwischen dem letzten datum und dem heutigen liegt, hat mich verleitet, am letzten beitrag zum thema „zufall“  ein bisschen anzuknüpfen , aber auch die LEHREN, die das vergangene jahr in diese oder jene leben gestreut wurden, zu beleben.wie sich die zeit wandelt, und doch zugleich stehenbleibt.
das man vergangenes wieder in die jetzt-zeit holt, ist wie ,als wenn man die relationen von zeit und raum zu minimieren versucht ; so, als würde man etwas ausserhalb jedes gewesenem dieses einen stück gegenwart abringen, welches eben genau in diesen heutigen tag passen würde.
im gewissen sinne begleiten ja viele worte, erkenntnisse und situationen, auch die des virtuellen lebens, unsere wahrnehmung. wie ein mensch, der durch peripherisches sehen alles aus den augenwinkeln betrachtet und alles was er wahrnimmt , zu einem ganzen verschnüren kann.
unsere unbewusste perzeption hilft dabei, die wesentlichen dinge tatsächlich als wesentlich zu erfassen, sie abzuspeichern und in einem moment, wenn man darauf zurückgreifen möchte, dies auch tun kann.
es ist nicht nur die blosse erinnerung, die aufgewühlt wird, es ist auch erkennen, das das menschliche SEIN immer in einem ausnahmezustand zu sein schein…
im zeit- und raumgefüge des universums sind diese kurzen lebensformen wie das des menschlichen lebens tatsächlich ausnahmeformen. was sind 70 jahre in einem schmelztiegel von jahrmillionen.
was sind worte im meer der millionen worte, die tagtäglich geschrieben und gesprochen werden. nichts.
es sind verflüchtigte lettern, von denen ganz wenige „verzeitlicht“ werden können. es sind ganz wenige, die bestand haben vor dem millionen augen, die darüber gleiten und am nächsten tag schon nicht mehr wissen , was sie gelesen haben.

das sein des menschen ist für viele andere menschen nur ein weisser fleck auf ihrer innern landkarte, das sein als lebensform eines menschen ist besiegelt durch das erste einatmen bei der geburt. und wie so vieles ist die geburt der auslöser , auch über den tod nachzudenken.
früher hatte ich in erzählungen oder märchen immer im ohr: wenn ein mensch geboren wird, stirbt anderswo jemand.
in geschichten wird das so plastisch dargestellt , das man wirklich meinen könnte, da ist ein kommen und gehen wie am fliessband. heute weiss ich, das es die in märchen verpackten wahrheiten über den sinn des lebens sind. es ist die volksnahe philosophie, das wir alle irgendwann an der anderen seite des „fliessbandes “ stehen und das wir als SEIENDE ins SEIN zurückkehren.

es ist der moment, wo sich entscheidet, ob unser leben, unser sein, unser wirken durchlässig für andere menschen sein wird. ob etwas hinterlassen wird, was irgendwann jemand in weiter ferne das, was von uns blieb, in seine zeit hineinheben wird.

ich stelle sehr oft fest , das das, was ich lese auch wahr nehme. damit meine ich nicht das „bis auf die haut heranrücken“ , sondern das aus der distanz sehende.
erst die distanz kann wesentlichen dingen einen sinn verleihen. aus der distanz wandeln sich die begriffe zu begriffsmetapher und nimmt mich damit „aus der zeit heraus“ .
ich versuche das mal anhand eines fiktiven, virtuellen austausches zwischen menschen zu erklären…wir loggen uns morgens oder tagsüber ins internet ein und werde von einer fülle an mitteilungen überschwemmt. mitteilungen aus der vergangenheit. gestern oder gestern nacht ist nicht heute .
ich kann also nicht gegenwärtig sein mit dem gesagten eines anderen , weil ich erst heute dieses gesagte in meine reale zeit hineinnehmen kann. man ist sozusagen ohnehin schon „ausser der zeit“. meine wahrnehmung registriert es aber im ersten moment als „gegenwärtig“ .
also trete ich ( imaginär) ganz bewusst einen schritt zurück, um diese empfundene gleichzeitigkeit wieder aufzulösen.
diese leere oder distanz ist notwendig, um die wirkung des wortes in seine ursprüngliche bedeutung „zurückzuweisen“. der mächtigkeit eines satzes oder eines begriffes kommt somit nur die macht zu, die ihr in ihrem sprachwirken zusteht.
unsere antworten , die aus dem heute kommend auf eine wortkette von gestern eingeflochten werden, müssen praktisch gestriges ins gegenwärtige einbinden.
unser ICH weiss das und erkennt , das wir mit variablen arbeiten. wir lesen uns texte durch und selektieren diese nach wirkungsmächtigkeit oder nach nachhaltigkeit . dieses betrachten und sortieren bewirkt , das gelesenes haften bleibt, subtil. es bewirkt, das wir den wiedererkennungsmechanismus aktivieren und schon vorhandenes mit dem neuen verbindet.

man lernt subtil zu differenzieren und sogar, das man statt einen schritt zwei schritte zurücktreten muss, wenn sich durch andere verkettungen ein- und derselben worte der sprachliche terminus zur mauer wird, anstatt zum grenzüberschreitenden , zeitüberwindenden austausch.
…. wenn man geschriebenes liest und dieses geschriebene an einem datum festgemacht wird, liegt es in der natur des menschen, sich auf dieses datum zu berufen. in meinem zeitempfinden ist es für mich eigentlich unmöglich, gedanken, die man lange vorher hatte und erst heute niederschreibt, ihre wirksamkeit an diesem datum festzuklammern, an dem sie „schriftpräsenz “ erhielten.
das geschriebene hat eigentlich „nur“ das SEIENDE in eine ästhetische form gebracht.
das wissen wir alle, das das , was man in sich trägt und was einem wichtig erscheint, eine ganz besonderer form bedarf, um es den menschen nahe zu bringen, die sich in „meiner zeit“ bewegen . und natürlich soll es menschen erreichen, die sich nicht scheuen, eine zeitreise zu machen.
das ist nichts galaktisches oder surreales, von dem ich spreche, sondern ich meine die möglichkeit, sich worte, texte , geschichten durchzulesen, um damit die „zeit und den raum“ eines anderen menschen als etwas innerliches zu erfassen und zu begreifen.

Wenn ich anderswo schreibe, der sinn des lebens ist das SEIN, dann ist das die stark verkürzte form aller inhalte der philosophischen ausrichtungen ; eine quintessenz dessen, was uns als menschen möglich macht , sich im SEIN zu bewegen, ohne unser leben an einem datum festzumachen.
wenn wir zeit und raum als den hintergrund eines menschlichen erdenlebens wahrnehmen, in dem wir einen schritt zurückgehen, aus der distanz betrachten, was letztendlich mit uns zu tun hat, aber auch ohne uns bestehen kann, dann ist das die eintrittskarte zur inneren erkenntnis und zur wahrnehmung die mit WAHR zu tun hat…

MAR 19.1.2008

22. September 2007

der tag an dem ich erst das E und dann das I verlor…


Es ist Zeit, scheint der Wecker zu sagen. Und rasselt los. Müde und unlustig stehe ich auf. Es ist ein ganz normaler Werktag, der mit einem starken Kaffee beginnt und dem Rennen nach der U-Bahn.
Ich bin immer sehr glücklich, wenn ich das Schnurren der U-Bahntüren höre, denn das bedeutet für mich, das ich mich für 20 Minuten aus dem Zeitgefüge der Eile und der Hast ausklinken kann.
Es ist schon merkwürdig, wie sich die Wirklichkeit eines Tages verkleiden kann. Sie kommt daher als ein Kinderwagen, den eine noch schläfrige Mutter schiebt, als Mann, der die Zeitung hastig durchblättert, als junges Mädchen mit dem Kaffee to Go , als Wichtigtuer, der einen teuren Laptop auf seinen Beinen platziert…..keine Zeit! Immer in Eile! alles mit Tempo! So zeitmessend die Worte klingen, so unklar sind ihre Bedeutungen auch. Der Mensch und die Hast im Alltag, das ist fast untrennbar…

Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, als am Hermannplatz eine Frau einsteigt. Eine weiße Umhängetasche, die Träger teilen die schwarze Kleidung längs, wie ein großer Zeiger einer Uhr . Ich sehe kurz auf, registriere sie und will weiter vor mich hin träumen. Plötzlich höre ich ein Klicken. Stille. Wieder ein Klicken, und das in regelmäßigen Abständen. Meine Neugier lässt meinen Blick heben und der bleibt haften an den Händen dieser Frau. Sie hält eine runde, glänzende Stoppuhr in der Hand. Im Minutentakt drückt sie mit dem Daumen den Timer und das klickende Geräusch, so sehe und höre ich nun, kommt von dieser Mechanik. Das ist schon sehr eigenartig, denke ich. Ich sehe zum ersten Mal früh am Morgen jemanden mit der U-Bahn fahrend die Zeit stoppen!
Die Geräusche der Stoppuhr geben einen Takt vor, der mich ja eigentlich immer und zu jeder Zeit begleitet. Die lautlosen Minuten, die Stunden, die diese Minuten bündelt und die Tage, die sich aus diesen gebündelten Minuten zusammensetzt. Still und unsichtbar gleitet die Zeit an uns vorüber oder sie macht sich dann bemerkbar, wenn wir zu wenig von ihr zu haben scheinen. Klagend geben wir dann kund, das die Zeit verrinnt, entflieht oder irgendwo verschluckt worden sein muss, von einem Ungeheuer, das uns genau unsere Zeit stehlen will…


Ich frage mich, was wohl diese Frau bezweckt, das sie in einem fahrenden Zug die Zeit bemessen will , die doch außerhalb des Wagens im Tunnel an uns vorbeirast, während sie hier im Wagen träge und gleichbleibend ihre 60 Sekunden braucht , um wieder auf der Zwölf der Stoppuhr anzukommen.
Welche Art von Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit scheint sie hier zu demonstrieren? Muss sie denn pünktlich sein; irgendwo ankommen, wo Zeit plötzlich nichts mehr zählt, weil der Moment, auf den sie zu warten scheint, seit Ewigkeiten herbeigesehnt wurde…Wonach sehnt man sich am frühen Morgen?
Ich lasse die Frau erst einmal „ihre“ Zeit, ihre Stunden und Minuten zählen und wende mich wieder meinen Gedanken zu. Doch ich stelle fest, das es schon gar nicht mehr meine Gedanken sind, die ich vor wenigen Minuten noch hatte…. sie sind verflüchtigt und das, was von ihnen noch vorhanden ist, krallt sich beharrlich an den Moment, wie diese Frau die Zeit in den Händen hält. Eigentlich will ich es nicht so genau wissen, was in meiner fremden Weggefährtin vor sich geht, ich denke, sie hat ihre Gründe, warum sie dies macht, auch wenn diese sicher vielen absurd erscheinen mögen.


Auch ich muss ja pünktlich sein, muss mich dem Gefüge von gezählter Zeit beugen, muss mich sogar entschuldigen, wenn ich die Zeit vergessen habe, muss mich entschuldigen, wenn ich nicht einmal dafür kann, wenn ich mitten auf einer Strecke stehen bleibe, und mir die Zeit davonläuft… Sie läuft sogar so davon, dass ich es spüre, wie in mir eine Eile einsetzt, obwohl ich ruhig und fast gelassen aussehe auf meinem Sitz im Wagon… So kann man sich täuschen. Eile kann nach außen hin durchaus so aussehen, als ob sie still stünde.
Zeit ist ein Phänomen. Nicht nur, das sie Philosophen beschäftigt und Wissenschaftler zu weit ausufernden Werken verhilft. Nein, ich denke auch, weil sie, obwohl mechanisch sichtbar gemacht, sie doch etwas Unsichtbares, Besonderes und Durchsichtbares ist. Ganze Welten machen sich an der Zeit fest, Planeten und Galaxien sind Lichtjahre von uns entfernt, Meere haben ihre Gezeiten, Zivilisationen benennen sich nach Jahrhunderten und auch Kriege , die 30 Jahre dauerten ,er-„zählen“ ihre Geschichte. Ganze Kulturen etablieren sich am 21. Jahrtausend als moderne und fortschrittliche Ordnungen…


Was ist die Zeit? Was ist meine Zeit? Ist sie meine Uhr, die erst erfunden werden muss?
Ich erinnere mich an eine Reise, mit Aufenthalt in Kyoto. Ich wollte mich einfach etwas von der Arbeit in der Papiermühle erholen und konnte einfach nicht die innere Uhr abschalten, die sich im Laufe des Arbeitsalltages in mir manifestiert hatte. Also stand ich 4 Uhr morgens auf, nahm das Fahrrad und fuhr zum Eikando-Tempel, der in der Nähe meiner Unterkunft war. Die Stadt war still. Die alten, kleinen und in sich verschachtelten Häuser ruhten wie sauber verpackte Geschenke auf einem großen Tablett. Ab und zu hörte man jemanden hüsteln, ein alter Suppenhändler schob seinen Karren nach Hause, eine Katze miaute…
Die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Eine Stadt, eine Anreihung aus Häusern und Fenstern, die mit matten Papiershoji die äußere Welt von der innen stattfindenden Welt abgrenzte. Beim schwachen Lichtschimmer fand fremdes Leben statt, Ereignisse, die durch Zeit und Raum eine Bedeutung erlangten. Ewigkeiten oder Sekunden- das war hier egal. Die Zeit war aufgehoben in einer Schattenwelt und diese Schatten schienen sich an mir festzuhaften. Mir war, als würde ich mit den Umrissen dieser Menschen auch einen Teil dieser Zeit mit mir mitzunehmen auf meinem klapprigen Fahrrad, welches mir Imamura-san ausgeliehen hatte.
Vielleicht war es auch dieses Gefühl von Erhabenheit, die diese Anonymität so an sich hatte. Die Menschen, deren Schatten sich auf den Shojis abzeichneten sind mir bis heute fremd. Sie waren Erscheinungen eines frühen Morgen, und doch war mir ihr Sein durch die Momenthaftigkeit so vertraut, als hätte ich schon immer an ihrem Leben teilgenommen. Mir schien, als würden der Sog und die Eile, die Hast und das Gedränge und der Lärm dieser großen Stadt hier im Morgengrauen gefiltert, und übrigblieb die Stille und Größe einer alten kaputten Turmuhr, die würdevoll die Häuser überragt. So, als würde dieser einzelne , freistehende imaginäre Turm die Unendlichkeit der Zeit wie ein Tuch über diese Menschen legen, die wie ich am frühen Morgen Nachtzeit und Tagzeit voneinander trennen wollen.

Ich fühlte mich ganz frei und beschwingt und so in Gedanken erreichte ich den Eikando, klopfte an die Tür und der Prior öffnete. Ich hatte mir in der Zeit meines Aufenthaltes morgendlichen Zugang aushandeln können und saß stundenlang, sogar noch, als die Besucherströme nach 10 Uhr einsetzten im Tempel.
Der Grund meiner Anwesenheit war da ein ganz anderer als der , das Phänomen Zeit zu ergründen, und trotzdem erinnere ich mich gerade heute daran, als wäre es gestern gewesen, das ich die Stufen erklomm, hinauf in das rotbedachte Holzgebäude. Stundenlang saß ich auf den alten Tatamis, den Blick auf diese Statue gerichtet, die ich studieren wollte, oder vielmehr die Historie ihres Dortseins. In den Nebengebäuden hörte ich das Murmeln der Mönche und die leisen metallenen Gongs. Im Takt und mit der Melodie einer fremdem Sprache verknüpften sich mein Zeitempfinden und die Phantasie um die Geschichte dieser Amida-Statue zu einer Reise entlang der Jahrhunderte.
Ich glitt auf imaginären Schienen in die Vergangenheit zurück und das leise Singen der Mönche verwob sich auf dieser Zeitreise zur unmittelbaren Realität. Die Vergangenheit schien aufgehoben, die 900 Jahre, die seither vergangen waren, schienen den Raum zu füllen mit Erzählungen und die Geschichte dieser alten Zeit tastete sich mit mir zurück auf diesen phantasiebeladenen Wegen. Was ist Zeit? Ist sie der schemenhafte Morgen in Kyoto oder die übervolle U-Bahn in Berlin? Zeit ist die Leere, das Nichts. Ja , tatsächlich ist Zeit doch NICHTS, bis zu dem Moment , wo ich sie bevölkere mit meinen Gedanken, sie auffülle mit erklärbaren, absurden, verrückten Dingen. Zeit ist eine Leere, bis ich ihr Gestalt gebe mit allen möglichen Umschreibungen und Bezeichnungen. Zeit als Moment …und egal, welche Bedeutung man solchen Momenten beimisst, sie sind auch ein Fragment meiner Zeit.


In dieser einen Erinnerung an Kyoto sehe ich mich sehr oft und ich denke, dass vieles von dem, was ich dort unbewusst oder bewusst aufgenommen habe, mich immer wieder in die Mitte der Zeit stellt. Mir scheint, als hätte ich durch mein Dortsein einen Moment die Zeit angehalten und immer, wenn es mein Leben erfordert, katapultiert mich die Erinnerung zurück , so als wolle sie sagen:
jetzt zieh aber mal die Uhr auf, sie steht schon seit geraumer Zeit …
Und dann geht es auch weiter, dieses Leben. Mit all den tickenden Uhren um mich herum .

Die Frau mit der Stoppuhr sitzt immer noch auf ihrem Platz. Vielleicht ist das ihr eigener innerer Protest gegen das Nichtmessbare, was Zeit ja auch sein kann. Ihre Zeit ist wie ihr Spiegelbild, welches sich im dunklen Hintergrund in den Scheiben abzeichnet. Der U-Bahn-Tunnel wird zum Taktmesser, zum Minutenzähler. Eigentlich Sekundenzähler, denn mancher Weg von Station zu Station dauert tatsächlich weniger als eine Minute, also nur Sekunden.
Ich werde das Rätsel um diese Frau nicht lösen können. Nicht heute. Und nicht morgen. Dafür brauche ich Zeit. Ich denke, dass ich diese Zeit haben werde. Jeden Tag betrete ich so einen Bahnhof im Untergrund, jeden Tag öffnen sich die Türen mit einem leisen Seufzer – Zt Zt Zt Zt.
Wie lustig, denke ich, das klingt fast so, als hätte das Wort ZEIT das E und das I „verloren“ und das Öffnen der U-Bahn- Tür ist wie eine Einladung, auf die Suche zu gehen. Ich weiß nicht so recht, ist die U-Bahn eine Zeitschleife?
Immerhin bin ich für 2,40 Euro 10 Jahre zurück bis nach Kyoto gereist. Nun ja, es war nur in Gedanken, in meiner Erinnerung, aber immerhin habe ich wieder einmal die Zeit angehalten!

 

17. September 2007

wenn männer in bewegung kommen – oder der sprung in den abgrund


tusche-cigarette.jpg

malheureusement je ne parle pas de france, je ne peux pas tourner non plus de cigarettes-vient en plus que je suis de toute façon toujours à l’abîme.
donc je pense, je ne dois pas vous pousser à la démence.

Nun denken jetzt sicher manche, jetzt fange ich auch noch an, Botschaften in einer anderen Sprache auszusenden… reicht es nicht, das wir schon im Deutschen so unsere Verständigungsschwierigkeiten haben?
Keine Sorge, es geht nur wieder mal um mein allerliebstes Fortbewegungsmittel, die Berliner U-Bahn, oder besser gesagt, um das, was mir so ins Auge springt…

Umsteigebahnhof Berliner Straße…“diese Zigarette hat soundsoviel Milligramm Giftstoffe, die Sie töten können“ … Freundlich lächelt mich der junge Mann aus dem Plakat heraus an. Er sieht eigentlich nicht so aus, das es ihn stören würde, dieser kleinen blauen Packung in seinen Händen ein seliges Ende zu bereiten. Mit größter Gelassenheit sitzt er zusammen mit seiner Liebsten am äußersten Mauersims eines Wolkenkratzers. Mir wird ganz flau im Magen, fast so, als würde ich mit der Achterbahn ins Nichts geschleudert…. Also gehe ich doch lieber ein Stück weiter und lande wieder mal bei Norwegens bizarrer Landschaft. Interessanterweise denke ich bei Norwegen immer zuerst an Wittgenstein- schon komisch . Hat das was mit den geistigen Sprüngen zu tun, die man so hoch ansetzen muss, wie die Felsen an dieser rauen Küste?

Das wäre eine Überlegung wert…

Aber auch hier , mit dem Blick auf grüne Täler und Höhen präsentiert sich ein wagemutiges Paar auf steiler Felsenklippe ; der Blick geht tief hinab in einen blauen Grund. Man hört praktisch das Wasserplätschern und den leisen Widerhall an steilen Felsvorsprüngen. Das Leben scheint aus Abgründen zu bestehen, der kleine Hinweis unten rechts sogar: visit no(r)way will mir so hinten durch die Brust ins Auge suggerieren, das es einfach keinen Ausweg gibt, aus diesem „kauf mich, nimm mich mit, ich mach dich glücklich. Unentwegt bin ich in Gedanken dabei, meinen Geldbeutel auf Inhalt von Kleingeld und Scheinen zu überprüfen, ob ich es wagen könnte ( nächste Station Günzelstrasse- kaufen Sie bei uns , sie kriegen Rabatt huscht an mir vorbei) meinem Konto eine Ausnahme zuzumuten. Eine neue Hose bräuchte ich schon mal wieder…. bald gibt’s Weihnachtsgeld, warte noch ein bisschen, sage ich mir.

Spichernstrasse. Ich mustere die Leute. Irgendwie sehen die Charlottenburger oder die Krumme Lankes wohlbetuchter aus , nicht so bescheiden gekleidet wie der Mann, der seit Mehringdamm die Wegstrecke mit mir fährt. Er steht an der Tür und lehnt sich gelassen gegen den Haltegriff. Ich komme nicht umhin, ihn zu mustern, natürlich mache ich das nicht so aufdringlich; aber Menschen interessieren mich nun mal …
Eigentlich bräuchte er viel eher eine neue Hose oder ein Pullover…Natürlich könnte ich mich täuschen, zerrissen scheint in zu sein und bügeln ist schon lange out. Abgesehen bin ich eh der Mensch, den Äusserlichkeiten schnurz sind. Hauptsache ist, der Kopf ist klar und das Herz auf den rechten Fleck. Munter ist er ja, der Mann mit dem ungebügelten Jackett. Flinke , grüne Augen und sehr aufmerksam, wenn Neuzusteiger Platz brauchen. Er tritt dann nicht nur beiseite , sondern sogar hinaus auf den Bahnsteig , lässt die Fahrgäste einsteigen und erst dann , wenn alle schnell und mit Nachdruck einen Platz erobert haben, steigt er wieder zu. Noch ein kurzer Blick auf den Bahnsteig sei ihm gegönnt- der Wagen schließt und ab geht’s. Jetzt erst dämmert es mir ! Er fährt schwarz ! Dafür muss man ein Händchen haben, man muss aufpassen und auf der Hut sein, nicht erwischt zu werden. Jeder Penner , jede Mutter mit Kinderwagen , die einsteigt, könnten der Kontrolleur sein.
Irgendwie finde ich das sehr anstrengend, immer auf der Hut zu sein . Also ich könnte das nicht, schwarz fahren. Mir wird schon siedendheiß, wenn ich das Gefühl habe, meine Monatskarte vergessen zu haben.

Der Unterhaltungswert der U-Bahnfahrt hat sich gesteigert. Vergessen die gefährlichen Versprechen diverser Zigarettenfabrikanten, das der Tod Euch hole, oder auch die angstvollen Minuten über einem Gletschersee, wo man als Model so tun muss, als fände man den Sprung ins Nichts atemberaubend schön. Auch die Trauer um die noch nicht gekaufte Hose weicht meiner Neugier. Ich rechne zusammen, was so ein Mann alles zusammengespart haben könnte, wenn er das schwarzfahren so seit 5 Jahren durchzieht. Jeden Tag 4,40 gespart, das sind pro Woche 30,80 , das sind in 5 Jahren 7920 Euro. Donnerlittchen, denke ich, dafür kann man sich einen Reise nach Paris gönnen oder mit der selbstgedrehten Zigarette auf einem Dachgarten von New York die Silhouette der Stadt genießen, meinetwegen auch norwegische Fjorde aufsuchen und Wittgensteins rotgestrichenes Häuschen besichtigen, und die teure Hose von Luzifer wäre auch noch drin. Nicht nur das, ich könnte meine Bahncard verlängern lassen und wieder mal kreuz und quer durch die Lande fahren, irgendwo in einem tollen Restaurant Schampus bestellen und so tun , als hätte man es dicke… Ach man, was man nicht alles machen, kaufen, reisen könnte für diese 7920 Euro…

Kurfürstendamm . Ich schrecke aus meinem Tagtraum auf. Nächste muss ich raus, muss zur Arbeit , muss mich mit Studenten herumplagen und den Kaffee irgendwann kalt trinken…und ich träume hier und packe eigentlich in Gedanken meine Koffer. Meinem anonymen Begleiter scheint es ebenso zu ergehen. Seine Augen sind etwas in die Ferne gerichtet. Kann schon sein, das er ähnlich wie ich sein erspartes Geld schon längst in seiner Phantasie verbraten hat. Sein Träumen wird ihm zum Verhängnis. „ Die Fahrausweise bitte….“ Mir tut er richtig leid, mein unbekannter Begleiter Von Mehringdamm bis Ku‘damm ist eine lange Strecke, die er tapfer durchgehalten hat.
Das ist wirklich Pech, auf der letzten Station erwischt zu werden. Die U-Bahn fährt in Bahnhof Zoo ein. Leider nicht schnell genug. Die Kontrolleure sind schon da und bauen sich vor ihm auf. 3 Männer gegen einen. Ich finde das ungerecht. Mein letzter Blick zu ihm, der nun seine Anonymität preisgeben muss, seinen Ausweis zückt und so tut, als ginge ihn das gar nicht an. Und als sollte es nicht anders sein, grüßt auch hier der Städte- Dschungel vom Plakat einer Reisebürogruppe, die meint, das es im Winter besonders preiswert sei, in den Süden zu reisen. Wie wär’s mit Andalusien ?

Ich bin nun plötzlich gar nicht mehr so heiter . Diese blöden Kontrolleure! Jeden noch so kleinen menschlichen Abgrund pflastern sie zu mit ihrem bürokratischen Gehabe. Irgendwie hätte ich es ihm gegönnt, daß er sich diesen oder jenen Traum hätte erfüllen können. Wie kann man sich solche Reisen leisten, wenn man am Sparen gehindert wird …

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