Silk and Paper

2. Juli 2016

Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !



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Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !

Natürlich musste wieder die gute, alte U-Bahn den Hintergrund liefern, um Geschichten entstehen zu lassen, kleine Begebenheiten und Begegnungen. Wo sonst ist man auf so engem Raum beisammen und kann sich ungestört an den Gesichtern der mitfahrenden Gäste sattsehen.
25 Minuten Fahrtzeit bieten schon einen recht schönen Zeitrahmen für einen Einakter, der fast aufführungsreif wäre, ob wegen meiner Begriffsstutzigkeit oder der belustigenden Reaktion des Fahrgastes mir gegenüber, wer weiß.
Station Berliner Straße, der Umsteigehafen für die Neuköllner Richtung , immer auch die passende Gelegenheit, einen Sitzplatz zu ergattern. Wunderbar, gleich in der ersten Reihe macht jemand einen Sitzplatz frei und ich packe mich mit Handtasche, Büchertasche und einem etwas dickerem Paket, was zur Post sollte, an die Fensterreihe.
Mir schräg gegenüber sitzt ein Mann so in den Fünfzigern. Graumeliertes Haar und einen sehr gepflegten grauen Bart. Etwas unruhig rutscht er auf dem Sitz hin-und her und schaut zur Decke, zum Boden, auf die Mitreisenden und dann bleibt sein Blick auf mir stehen. „was meinen Sie? Ibo gut? “ Am Akzent höre ich, dass er kein geborener Berliner ist. Ibo, das ist ein mir geläufiger Name , den ich mal hier und mal da gehört habe, der Mann einer Freundin heißt Ibo, also gehe ich in diesem Moment davon aus, dass der Mann Türke ist, und die geläufige Koseform benützt.
Ich schaue ihn ganz irritiert an und antworte (man will ja nicht unhöflich sein), dass ich nicht wüsste, ob Ibo gut sei, denn ich kenne Ibo nicht.
“ Du Deutsche bist, oder? Ich habe fragen alle Leute und keiner kennt Ibo! “ Ich entschuldige mich höflich und sage, dass ich ihn heute zum ersten Mal sehe und bin etwas belustigt über den Fortgang der Unterhaltung. Mittlerweile schaut der Nachbar von der anderen Seite auch schon in unsere Richtung…
„Ja, aber alle Leute  gesagt, Ibo das Beste und ist gut und ich nicht verstehe, warum keiner Ibo weiß.“
Ich glaube in meinen Augen zeigte sich schon ein Anflug von Heiterkeit, denn ich mutmaßte, dass er vielleicht aus gekränkter Eitelkeit heraus nun volle Unterstützung für sich und seinen edlen Charakter suchte- ausgerechnet in der U- Bahn, wo die Leute meist genervt oder sich gestört fühlen, wenn man was von ihnen will.
Ich mache dem Gespräch ein Ende und meinte zu ihm, dass ich nicht verstehe, was er von mir will.

Kaum gesagt, steht er auf und fährt mit seiner Hand in die Hosentasche. Er wühlt und sucht und zieht ein Päckchen heraus. Ein kleines weißes zerknülltes Etwas mit der Firmenaufschrift : Pharma. “ Du gucken, hier, alle sagen Ibo gut und du nicht kennen?“
Ich schaue auf die Packung und lese die großen Buchstaben IBU und etwas kleiner gedruckt: Ibuprofen .
Ich musste plötzlich so breit lachen – er meinte Tabletten!
Ich versicherte ihm, dass ich Ibuprofen kenne und dass es Tabletten gegen Schmerzen seien. “ Ja, ich wissen, Frau aus Laden hat gesagt, sehr gut. Was denken du? “ Ja, ich sage ihm, dass ich gute Erfahrung mit IBUPROFEN hatte und er diese ohne Sorge nehmen kann.

Sichtlich aufatmend , aber mit gekräuselter Stirn , stand er nun auf und steuerte auf den Wagenausgang zu. Hier, am Kotti musste er raus. Beim Aussteigen höre ich ihn murmeln :

“ uuuuhhhhhhhhh, ich Kopfschmerzen jetzt haben. Frauen mir immer Kopfschmerzen machen“.
Ich liege innerlich fast flach vor Lachen auf dem Waggonboden. Ich war mir gar nicht bewusst, dass man, wenn sich mit mir unterhält, immer IBU bei der Hand haben muss…

 

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2. Juli 2012

BLEIB treu

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Immer, wenn ich unterwegs bin , werde ich innerlich hellwach .

Es ist so, als würde ich durch imaginäre Labyrinthe laufen, die ihre geheimnisvollen Wege auf meinem Spaziergang meinem Weg anpassen wollten; so als sollte ich da oder dort „anecken“ um aufmerksamer zu werden.

Spazierengehen ist für den einen das ziellose Laufen , für den anderen ein Bummel mit gezielter Neugier, die Menschen zu beobachten… auch , um irgendwie „Platz zu nehmen“ in dieser bewegten Welt an einem Wochentag mitten in Berlin.

Nach langer Zeit bin ich wieder einmal durch Charlottenburg gelaufen…herrschaftliche Häuser, Gedenktafeln , gepflegte Cafés, S-Bahnbögen mit Nobelgeschäften…. Flatterhaftes herbstliches Wetter war an diesem Tag…Die Sonne flirtete mit dem Glas in den Fenstern , das Licht auf den vielen Scheiben reflektierte und baute sich ein Prisma in der durchsichtigen Luft …doch sobald man sich einer Strassenecke näherte, wehte ein kalter Wind um die Ecke, so das ich den Mantelkragen hob, um mein Gesicht darin zu verbergen.

Der erste wirklich kalte Tag nach diesem goldenen Oktober. Ich hatte mich mit einer guten , alten Freundin getroffen , die hier in der Nähe wohnte.

Mommsenstraße, Sybelstraße, Leibnizstraße…ein vertrautes Viertel – da wo ich früher Lotti Huber begegnet war, als sie mit ihrem Einkaufsrolli wie jeder andere auch durch den Supermarkt spazierte ,und auch bei Strassenfesten sie auf der Bühne stand und mitfeierte. Ich erinnere mich immer daran, wenn ich mit dem Bus durch die Straße fahre – und ich sagte zu mir selbst, das ich doch noch mal die Briefe von Lotti durchlesen sollte, die hier zu Hause in einer Schachtel zwischen all den Fotos und Papieren liegen. „Ja, ja, ja…“ so flog mir gestern ihre Schrift entgegen, als ich ein altes Foto von ihr fand.

Diese Aufforderung zum bedingslosen SEIN macht mich nach all den Jahren immer noch glücklich und vor allen Dingen sicher, daß Leben gelebt werden sollte und nicht, daß unvorhergesehene Geschehnisse im Leben eines Menschen dieses unbändige und wundervolle Leben festkettet, anbindet oder dem Gleichklang einer gelangweilten Zufriedenheit unterordnet.

Mit den Gedanken an Lotti laufe ich weiter und sehe weder rechts noch links. Ich laufe einfach so wie ein Mensch im Dunkel, der den Heimweg kennt … fast wie in Trance überquere ich Straßen und lasse alle Geschäfte, Cafés, Goldschmieden und Weinläden links liegen. Es ist nicht einfach, sich von einer Minute zur anderen aus dem Leben und aus der Erinnerung eines Menschen davonzustehlen. An diesem Montagmorgen ist es auf den Straßen nicht still. In dieser Gegend gehören die Straßen den Touristen , die im Literaturcafé oder im Kollwitz-Museum verweilen möchten. Der Kurfürstendamm ist bevölkert von Menschen, die in dieser Stadt nicht zu Hause sind; Menschen, die mit aufgerissenen Augen und verzweifelten Gesichtern ihren Stadtplan studieren, immer in der Sorge, sich zu verlaufen…

“ Könnten Sie mir weiterhelfen?“ Ein Frau mittleren Alters klammerte sich an einem Stadtführer fest und wußte nicht mehr weiter.

Sie suchte die Bleibtreustrasse, ein Café, dort habe sie sich verabredet. Für mich eine willkommene und heitere Unterbrechung meines Spaziergangs und ich änderte meinen Weg ein wenig ab , um die Frau bis zum Café zu begleiten. Natürlich hätte ich auch einfach den Weg erklären können, aber ich war selbst schon lange nicht mehr in der Bleibtreustraße gewesen. Früher hatte ich dort immer die Kinder meiner Freundin aus der jüdischen Grundschule abgeholt. Heute ist die Grundschule längst anderswo und das Eisentor wird nicht mehr von Polizisten bewacht wie damals… Es ist eine Erinnerung, die mich immer beklommen machte…

Erleichtert stimmt die Frau meiner Begleitung zu: so könne sie pünktlich sein, sich nicht verlaufen und vor allem mit einer Berlinerin schwatzen. Ich erzählte ihr kurz, warum ich in Gedanken versunken war und sie hörte aufmerksam zu. Ja, sie könne sich an Lotti Huber erinnern, die verrückte, alte Dame aus dem Fernsehen…Beneidenswert, wie Lotti in ihrem Alter so witzige und auch frivole Statements im Theater zum besten zu geben konnte.

Ja, sagte ich ihr. Dieses „verrückte“ Leben macht doch , daß wir wach bleiben , daß wir offene Augen haben und den Mut , immer wissen zu wollen, was hinter dem ganz normalen Wahnsinn des Lebens steckt…

Wer will das nicht: einmal ausbrechen aus Normen und einmal sein eigenes Ich wirklich sehen können, bizarr und absurd Erscheinendes als völlig normal und gleichberechtigt in sich erkennen. Manche können das zu einer Lebensmaxime machen, andere können nur Momente ihres Lebens für diese Verrücktheiten offen halten. Ja selbst, daß ich sie , diese Frau bis zum Café begleitete , ist auch außerhalb des Normalen… Die Regel wäre, das man einem Fremden den Weg erklärt, und nicht unbedingt, daß man bis vor die Tür begleitet wird… Liebhaber mal ausgeschlossen…

„Ja“ sagte sie. Und lachte. “ Tun Sie oft solche Dinge? Daß Sie ihren Weg ändern oder solchen Gedanken nachhängen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ab und zu , wenn die Zeit es zulässt und ich das Gefühl habe, das es mir auch Freude machen würde…“.

Wir biegen in die Bleitreustraße ein und plötzlich blätterte mein inneres Erinnerungslexikon viele Seiten vor und zurück. Ich schaue die Frau an. “ Kennen Sie Masha Kaléko, die Dichterin ?“fragte ich . Sie schüttelte den Kopf . „Tilla Durieux, die Schauspielerin ?“

„Nein , warum fragen Sie, ich bin nicht aus Berlin, ich kenne diese Namen nicht“ … Ich fände es schade, sagte ich ihr, das sie nicht in ihrem Reiseführer vermerkt hatte, wer alles einmal hier in dieser Straße gelebt hatte. Ja, nicht nur diese Straße, der ganze Bezirk ist ein Geschichtsbuch : Nathan Zuntz, Begründer der Luftfahrtmedizin, ein paar Strassen weiter lebte Adele Sandrock, in einer Querstrasse weiter war das Zuhause von Hedwig Courths-Mahler… “ Ja, die kenne ich“ ruft die Frau… „meine Mutter hat so alte kitschige Bücher von ihr“…. „Else Ury, die Nesthäkchen-Autorin wohnte fast nebenan. Friedrich Spielhagen, der Schriftsteller , Karl Walser und Robert Walser, wenn Sie ein paar Straßen weiter laufen in Richtung Kaiser-Friedrichstraße…

Harro Schulze-Boysen, der Widerstandskämpfer, Artur Schnabel, der Komponist, Joseph Roth, der brillante Journalist, Christian Morgenstern, Murnau, der expressionistische Filmemacher, Irmgard Keun, Schriftstellerin Alfred Kerr und Georg Heym, Schriftsteller, Lilian Harvey, Schauspielerin , Rudolf Diesel, der Erfinder, Gerhart Hauptmann, Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger; am Kurfürstendamm war die Berliner Secession beheimatet, zu der u.a. Max Klinger, Ernst, Barlach, Käthe Kollwitz, Lovis Corinth, Max Liebermann, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Modersohn, Edvard Munch , Heinrich Zille, Lesser Ury gehörten …“

Wir bleiben stehen. Das Bistro Lubitsch war erreicht. Dort wollte sie sich treffen, die Frau, die Berlin nicht kennt und aus dem Staunen nicht herauskommt, auf welchem interessanten Pflaster sie sich bewegte. Das Bistro war noch halbleer. Ihr Begleiter stand auf, umarmte sie , nickte mir freundlich zu . Meine nicht geplante Reise war hier zu Ende. Die Frau war pünktlich und ich könnte einfach weiterbummeln , meinen Gedanken nachhängen…

Aber ich konnte es nicht. Mitten auf dem Weg blieb ich stehen . Ich hatte ein paar Tränen in den Augen. Es ist merkwürdig, denke ich. Hier in dieser Straße sind so viele Läden, die alte Möbel verkaufen, Buchläden mit antiquarischem Bestand… Hier in dieser Straße leben Menschen, die sich gern im Gestern einrichten, die gern durch Rundbögenfenster auf die Straße schauen, ohne vielleicht zu ahnen, wie dicht sie an ihrer Geschichte und an der Vergänglichkeit dran sind.

So viele Menschen , die ihre Stadt verlassen mußten , damals…. und alles was blieb , sind weiße Tafeln auf bröckelnden Fassaden. Die Bleibtreustraße… Der Straßennamen gibt mir den Impuls, über die Worte „bleib treu“ nachzudenken. Ich fühle mich plötzlich wie ein Verräter. Ich war so lange nicht mehr in dieser Straße, in diesem Viertel. Früher, als ich noch am Lietzensee wohnte, bin ich oft zur Uni gelaufen, und es war damals so, als wollte ich jedem , der einst hier lebte sagen : ja, ich habe Euch im Blick, ich habe Euch nicht vergessen. Eure Namen , die blau auf weißem Porzellan sichtbar sind… hier lebte einst, hier wirkte einst…hier war zu Hause….Man sagt sich so oft, alles sei vergänglich. Ich fragte mich in diesem Moment selbst, wo geht denn DAS , was alles vergänglich ist, hin? Wo ist das Zuhause der Vergänglichkeit? Als ich hier noch lebte, war dieses contemporäre Zeitgefühl dieser Straße ein Teil meiner Gegenwart. Bin ich meiner vergangenen Gegenwart treu geblieben?

War ich tatsächlich hier zu Hause? Habe ich die Vorstadtzüge auch so flink, so modern und so laut empfunden wie Masha Kaléko? Habe ich damals wahrgenommen, was so selbstverständlich meinen Alltag bestimmte?

Damals bin ich weggezogen. Im Gegensatz zu vielen der einstigen Bewohner habe ich das freiwillig getan. Ich habe meinen Namen und meine Erinnerungen natürlich mit mir mitgenommen. Jetzt und heute muß ich wissen , daß es die vergangene Zeit ist, in der ich mich in diesem Augenblick befand.

Ich sehnte mich nach dem Dort , wo ich heute lebe… Das geht sicher vielen Menschen ähnlich; wenn man weint, will man das nicht öffentlich tun, sondern zu Hause sein. Geborgen.

Mit diesen Gedanken steige ich in die S-Bahn und fahre nach Hause. Vorbei an Brandmauern alter Häuser, am neugotischen Haus am Bahnhof Zoo, am Tattersall-Haus, dort wo früher die Comedian Harmonists geübt haben und das letzte Mitglied aus dieser berühmten Gruppe grandioser Künstler noch bis zu seinem Tod seine Abende im „Diener“ verbrachte, ein altes Berliner Künstlerrestaurant; am Theater des Westens, an der Gedächtniskirche…

Bleib treu… was will diese Straße mir mitgeben? Wem oder was soll ich treu bleiben ? Ich schaue hinaus in den herbstbelaubten Tiergarten, vorbei am Grips-Theater, der Hansa-Siedlung, vorbei an meiner alten Galerie, vorbei an der alten Akadmie der Künste … vorbei am neuen Hauptbahnhof, der mich erschreckt und zugleich anzieht, linkerhand die alte Charité, die Friedrichstraße mit dem Admiralspalast, hindurch durch die Museumsinsel. Ich blicke in halbverhangene Fenster des Pergamonmuseums , und im Vorbeifahren erhascht mein Blick einen Arm aus Marmor.

Bleib treu bleib treu bleib treu , rattern die Schienen der S-Bahn. Ich atme auf . Alexanderplatz. Hier muß ich umsteigen. Hinunter in den Untergrund. Hinein in die U-Bahn. Bleibtreustraße… Warum spukt sie mir immer noch im Kopf?

Hier in meinem neuen Stadtviertel stehen auch noch viele alte Häuser. Und auch dort gibt es einige weiße Tafeln mit blauer Schrift. Auch dort gibt es Geschichten von Menschen, die ihre gelebte Zeit unsichtbar über mich ausbreiten. Es wird Zeit, das ich mit anderen Blicken durch die neuen Straßen gehe.

Auf vielen Spaziergängen durch mein neues Viertel fallen mir eigentlich völlig andere Dinge auf.

Ich sollte lernen, meine Liebe und Treue zu ihnen zu entwickeln…

Auch diese Vergänglichkeit sollte es wert sein, wahrgenommen zu werden.

Ich sollte mit meinem Notizblock mal wieder in einem Café sitzen und nach Worten suchen, die es noch nicht gibt… Warum nicht, sagte ich mir im Stillen. Steig hier aus, an der Gneisenaustraße, geh zu den Sarotti-Höfen. Da sitzt man nett und man kann stundenlang ohne gestört zu werden , schreiben und lesen.

Plötzlich muß ich lächeln, während ich die Treppen des Bahnhofes hinaufsteige. Bleib treu. Bleib DIR selbst treu… Und während ich mir den Kaffee bestelle und nach meinem Schreibheft greife , sage ich leise wie Lotti ja,ja, ja…. ich bin mir treugeblieben. Auch wenn es für manche unverständlich ist, das ich Charlottenburg und Tiergarten hinter mir gelassen habe. Das ist eigentlich nicht wichtig , was andere davon halten Ich bin ich selbst. Mitten im Großstadtdschungel lebe ich mein verrücktes Leben. Ich bin der Vergangenheit und den Erinnerungen treu und auch meinem Heute .

Wer mag, kann daran teilhaben. Denn auch denen, die mich auf meinen Wegen begleiten, bin ich treu. Bleib treu…

…in Erinnerung an Lotti Huber

Copyright MAR 2007

23. Oktober 2011

ganz unten- MITtendurch


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Der Mensch braucht ein Zuhause. Das ist mir in den letzten Tagen ganz bewusst geworden. Eigentlich wird mir das immer bewusst, wenn es Winter wird. Auch Rilke hat es so wunderbar beschrieben: ?wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr??
Draußen ist es kalt. Nach den langen Tagen daheim in einem warmen Zimmer schoben sich Gedanken an unwirtliche Tage erst in meinen Kopf , als ich die zugigen Gänge meiner U-Bahn-Station betrat . Überall auf den vereinzelt stehenden Bänken saßen Männer mit alter, meist schmutziger Kleidung. In der einen Hand eine Flasche, in der anderen Hand das wenige Gepäck, was ihnen über den Winter helfen soll: eine Decke oder ein alter Mantel, ausgetretene Winterschuhe, weggeworfene Bekleidung einer Wohlstandsgesellschaft am Körper eines Gestrandeten.
Immer wenn es kalt und dunkel draußen wird, entsteht in den U-Bahn-Schächten und auf den Bahnhöfen eine ganz eigene Gesellschaft mit eigenen , uns fremden Gesetzen. Der Kampf um die besten Ruheplätze, wer hat den besten Kontakt zum Kioskbesitzer, wer hat einen Schlafplatz für die Nacht, wer hat Bulli gesehen, der letztes Jahr immer hier war, kennt jemand die kleine Dicke, die immer mit Manni herumhing? In welcher Linie kann man am besten sitzend hin-und her fahren? Wer hat dich weg gescheucht und wer lässt dich in Ruhe?
Wortfetzen drangen an mein Ohr, und die Gespräche gehen weiter, als die U-Bahn einfuhr und sich die kleine Gruppe in Wagen zwei die Sechser-Sitzbank eroberte. Rechts und links rückten sofort die Fahrgäste auseinander. Es roch etwas merkwürdig nach einer Mischung aus Alkohol und abgestandenem Mief alter Kellerräume. Laut redeten die vier Männer über ihre wenigen Bedürfnisse, die sich um schlechtes Wetter- keine Bude, und um „kein Geld-kein Schnaps“ drehten. Ich war nur eine Station unterwegs, aber mir wurde plötzlich bewusst, wie selbstverständlich ich meinen bescheidenen Wohlstand genieße. Und auch, wie wenig ich über den Sommer hinweg diese Armut und Traurigkeit von diesen Menschen ohne Heimat registriert hatte. Ich zog meine Jacke etwas tiefer in den Nacken. Es regnete draußen und es schneite , der Wind riss an meinem Schal und im Nu fühlte ich mich verloren in dieser Kälte , in diesem Wind. Mitten in der Stadt. Mitten unter Menschen. Doch dieser Moment des Verlorenseins dauerte nur Sekunden. Er verschwand sogleich, als sich der Gedanke an meine beheizte Wohnung in mir breit machte.
Die Zeit , die ich von der Treppe der U-Bahn hinauf zur Straße brauchte, war schon genug, um die vier Männer zu vergessen; den Gedanken an sie zu verdrängen, denn hier oben, auf der Straße , wo das Leben tobte, musste ich aufpassen, das ich nicht ausrutschen würde auf welken Blättern, das niemand meine Tasche klauen würde , das mich keiner angrabscht oder auch ich nicht selber unachtsam jemanden in die Hacken trete.
Erst als ich wieder nach Hause fuhr, mit einer Tasche voller Leckereien erinnerte ich mich für einen kurzen Moment , aber auch schon beim Kaffee in der warmen Küche war ich mit mir und meinem Alltag beschäftigt, der sich eigentlich wie ein guter Freund anfühlt. Der Alltag ist immer da. Mit der geregelten Zeit für die warme Dusche, mit dem Summen der Heizung, mit dem Klingeln der Nachbarin, das Leeren eines Briefkastens mit meinem Namen , das Bett beziehen und mal Staub wischen. Den Balkon winterfest machen, die letzten Blüten abpflücken , mit dem Gedanken, sie vor der Kälte zu retten, um sie dann in der Vase auf meinem Tisch doch langsam sterben zu lassen. Auch das kommt mir oft in den Sinn, wenn ich Schnittblumen vom Wochenmarkt mitnehme. Ich kaufe etwas Sterbendes.
Am Abend legte ich mich in mein Bett; baute wie Marlene Dietrich alle Utensilien um mich herum auf , um die Wärme der übergroßen Bettdecke durch unnötiges Aufstehen müssen möglichst lange an meinem fröstelnden Körper zu halten.
Die Ruhe in einem warmen Raum, umgeben von meinen liebsten Dingen, auch von so etwas Unnötigen wie der Fernseher, das Umherschweifen meines Blickes an den Wänden entlang, deren Dekoration mir immer noch missfallen, ließen mich gut aufgehoben fühlen. Ich lehnte mich ins weiche Kissen. Plötzlich spürte ich es wieder! Schon seit ich hier wohne, fühlte ich manchmal so kleine Erschütterungen unter mir. Das Bett vibrierte leicht . Anfangs dachte ich , es sei die Backstube der Bäckerei nebenan. Diese kleinen Vibrationen erinnerten mich an meine Kindheit, denn auch da wurde ich nachts oft von der Backstube der benachbarten Bäckerei wach, wenn der Bäcker den Ofen mit Kohlen beschickte.
Aber ich nahm diese Bewegungen unter mir auch an Tageszeiten wahr. Na dann scheint es eine Waschmaschine zu sein, die rumpelt und tanzt und gegen die Wände schlägt und dann landet es hier bei mir als kleines Erdbeben. Aber so oft wäscht man doch nicht!
Alle 10 Minuten gab es an manchen Tagen scheinbar etwas, was unter mir rumorte. Ich sprang aus dem Bett auf und schaltete noch einmal den Computer an. Ich hatte plötzlich eine Eingebung. Dieser 10-Minuten-Takt ist das Einfahren der U-Bahn, das Bremsen, das Abfahren… In der Stille der Nacht fühlte sich das oft gespenstisch an
Aha- das dachte ich mir doch! Auf dem Bildschirm öffnete sich der Streckenplan der U-Bahn-Trasse. Tatsächlich. Die Strecke  macht einen kleinen Schlenker und somit fährt die U-Bahn tatsächlich haarscharf unter meinem Haus in den U-Bahnhof ein. Jetzt wunderte mich nun gar nichts mehr. Nicht nur, das ich auf meinen Reisen mit der U-Bahn die verrücktesten Sachen erlebe, nein- sie ist auch noch so nah an meinem Leben dran, das sie mit einem langgezogene Pulsieren ihres eigenen Herzschlags mitten durch mein Leben rast.
Tief unter Erde fahren Menschen imaginär durch mein Leben hindurch, halten kurz an, steigen aus, steigen um und fahren weiter. Wie kleine Signale, Impulse oder gar Phantasiegebilde bevölkern sie mich und lassen mich spüren, wie bewegt und bewegend ihre Lebensgeschichten sein können. Und ich musste plötzlich wieder an die vier Obdachlosen denken, die draußen in der großen Stadt nach Heimat suchen und sie im Winter in der U-Bahn finden . Auch diese Vier fahren vielleicht gerade unter mir wieder durch mein Dasein. Für eine Minute lang erinnert mich das Vibrieren an fremde Menschen, die durch die Nacht irren, um eine warme Bleibe zu finden.
Ich saß vor dem Bildschirm und dachte, wie unglaublich doch Zufälle sind. Erst seit ich hier in diesem Haus lebe, schreibe ich Geschichten von den Erlebnissen in der U-Bahn. Seit ich hier wohne, und die U-Bahn mittendurch mein Haus fährt. Erst seitdem ich unter Menschen lebe, die oft weniger haben als ich, werde ich mit Gedanken und Geschichten an etwas erinnert, was man als Kind als Floskel oft hört und mit dem man als Kind wenig anfangen konnte : „ganz unten sein , das geht mittendurch“ .
Mitten durchs Herz.

26. März 2008

U-bahn streik 2008

Filed under: going underGROUND, sprach-RÄUME lyrik — Schlagwörter: , — silkandpaper @ 8:32 AM

es ist wieder da
das vibrieren
aus der tiefe…
im dunkeln
höre ich
die stadt atmen.
an den gleisen
drängen sich
wieder menschen.

tage und nächte
ohne dem rhythmus
einer stadt…
nur dem pulsieren
des eigenen lebens
lauschen…
atemzug für atemzug
legte sich
auf die stille
und hob
das wesentliche
ans licht.
menschen strömten
wieder
auf gehsteigen
dem aufgehenden
tag entgegen

der untergrund
und die adern, die
sonst dem hier
ihre rastlosigkeit
aufdrückten,
schwieg.
an eisernen zäunen
flatterte die botschaft,
zu fuss das gelände
zu ergründen,
in dem man
zu hause ist.
plötzlich sah man
das haus, es war rosa
und der park dort
war ganz neu…
am ende der straße
erkannte man
seine nachbarin
und es blieb zeit.

es ist wieder da,
das rauschen
aus dem untergrund
und ich höre imaginär
die schritte
fremder menschen,
die dem ausgang zuströmen.
dumpf hallt die tür…
jetzt findet leben
wieder anderswo statt.

mar, u-bahn-streik

26. Januar 2008

Wenn Perutz, Nietzsche und Platon MIT mir morgens U-Bahn fahren


alter-mann-in-u-bahn.jpg

………..Ruhe bewahren
bei Rauch-und Brandentwicklung
Auszusteigen während der Fahrt kann lebensgefährlich sein !………….

Meine  Berliner U-Bahn…
Auch im neuen Jahr ersetzt sie mir die Mitnahme dicker Bücher, Schlachtschinken zwischen Perutz Die 3. Kugel, Nietzsche’ s Menschliches, Allzumenschliches und Platons Phaidon.

Na ja, die gibt’s zwar schon in Reclam-Ausgaben und passen eigentlich in meine Manteltasche, aber der Inhalt zieht doch schon eine große Beule in die Manteltasche … und man will ja nicht immer das ganze Kulturwelterbe hinter sich herschleifen.

Wenn ich früher mehr auf Virtuelles achtete, oder auch die Plakate betrachtete, die mich zu Fernreisen und zu phantastischen Abenteuern einluden, so habe ich mich heute an einem Schild verfangen, welches in jeder U-Bahn in mehrfacher Ausfertigung hängt und die Menschen auffordert, bei unvorhergesehenen Situationen die Ruhe zu bewahren.
Gleich neben dem deutschen Text ist auf Englisch und Französisch die Verständigungsschwierigkeit von vornherein ausgeschlossen. Die Zweitsprache in Berlin, Türkisch. Fehlt leider.

Heute war die U-Bahn nicht so sehr voll, ich glaube, es sind noch Ferien und da geht es ruhiger zu. Trotzdem hatte ich keinen Sitzplatz.
Ich hielt es mit Perutz und einem abgewandelten Titel: ne ruhige Kugel schieben…
Schwieriger würde es mit Nietzsches Werken werden, dachte ich. Menschlich, ja allzu menschlich wäre es jetzt, jemandem am Jackett hochzuziehen, dem meinen Ausweis unter die Nase zu reiben und mich dort hinzuplumpsen. Da ich aber über eine gute Erziehung verfüge, übte ich stille Toleranz und dachte mir einfach: wer weiß, wie müde dieser Mann ist- lass ihn einfach noch ein bisschen in den Tag hineinschlummern. Und so geht mein Blick, der sich sonst im Dunkel der U-Bahnschächte verliert, zur Anzeigetafel. Dort steht:

Ruhe bewahren
bei Rauch-und Brandentwicklung
Auszusteigen während der Fahrt kann lebensgefährlich sein

Verlassen der U-Bahn während der Fahrt kann lebensgefährlich sein. Ich lese death and serious injure und lande bei Platon, der ja bekanntlich von mehr als nur von der platonischen Liebe sprach. In Phaidon geht es um den Tod von Sokrates.
Ich erinnere mich an Textpassagen, die mehr oder weniger aufgepeppt so manchem Politiker gut zu Gesicht stünden oder auch den Menschen auf der Straße würde ich gern zurufen: lest die Klassiker. Übt Euch im Allzumenschlichen und lernt, mit der Zeit, die Euch gegeben ist, gut umzugehen. Das man Erinnerungen der Vergangenheit, sei es der letzteren oder der ganz weit zurückliegenden, einen größeren Stellenwert zugestehen sollte.

„wenn jemand irgend etwas sieht oder hört oder anderswie wahrnimmt und er dann nicht nur jenes erkennt, sondern dabei noch ein anderes vorstellt, dessen Erkenntnis nicht dieselbe ist, sondern eine andere, ob wir dann nicht mit Recht sagen, dass er sich dessen nicht erinnere, wovon er so eine Vorstellung bekommen hat?“

Natürlich erinnert man sich nicht bewusst an den körperlichen Tod, das ist eine Erinnerung, die dem Unsterblichen zukommt, wohl aber sterben wir doch im Alltag viele kleine Tode.
Sei es, wenn wir verlassen werden, sei es wenn wir verlassen, sei es, wenn wir Schluss-Striche ziehen unter Begebenheiten, die uns den Lebenssaft ausgesaugt hatten. Wir bestimmen selbst, wo und wann der „Tod“ einsetzen soll.
Was hat das mit dem Schild in der U-Bahn zu tun, fragt Ihr Euch sicher. Es ist doch logisch, dass man nicht aus der fahrenden U-Bahn in einen dunklen Tunnel springt, ohne nicht zu wissen, was einem da erwartet.
Und doch sehe ich in den Gesichtern der Umherstehenden, das sie sich gar nicht im Klaren sind, das ein Schild sie auffordert, sich vor Gefahr zu schützen.
Wie der Baum auf dem Berge vom Nietzsche in meinem Gedächtnis verhaftet, der dem Sturm der Erinnerungen standhalten kann, weil er die Erinnerung an Winde verinnerlicht hat , oder so wie Platon, der sich selbst als Abwesender in seinem klassischem Werke verewigt hat.
So , als wolle er in seinem Werke , was er denke als Philosoph ( als Mensch) und dem und dem, wie er handele ( als Allzumenschlicher) , die Gegensätzlichkeit und Gleichzeitigkeit aller wesentlichen und elementaren Lebenssituationen gerecht werden. Elementar ist in meinem Moment die fahrende U-Bahn, fast ein Synonym für bewegendes Leben. Einsteigen, Losfahren. Anhalten. Aussteigen. Seines Weges gehen. Na ja, fast so. Im wahren Leben ist nach dem Aussteigen erst einmal Schluss. Es sei denn, wir halten es wie die großen Philosophen, die im Werden und Vergehen mehr zu sehen bereit sind, als wir U-Bahn-Gäste morgens um acht Uhr.

„Es ist nämlich dieses, dass nicht nur jenes Entgegengesetzte selbst sich einander nicht annimmt; sondern auch alles das, was einander eigentlich nicht entgegengesetzt ist, doch aber das Entgegengesetzte immer in sich hat, auch dieses scheint jene Idee nicht annehmen zu wollen, die der in ihm wohnenden entgegengesetzt ist, sondern, wenn sie kommt, entweder unterzugehen oder sich davonzumachen.“

………………….

Die U-Bahn fährt in den Bahnhof ein. Sie bremst leicht ab und noch in diesen Minuten werden die Türöffner betätigt und die ersten Ungeduldigen springen aus dem noch langsam fahrenden Zug.
Man möchte meinen, das es die Jüngeren wären, die sich dem wagehalsigen Manöver hingeben- nein, es ist der ältere Mann, der nun stolpert und sich das Knie aufschlägt. Ursache und Wirkung liegen so dicht beieinander. Hätte er nicht einfach eine oder zwei Sekunden warten können? Sich ein Bild machen vom Bahnhof, die Stolpersteine wahrnehmen , die nassen Steine, auf denen man ausgleiten kann, oder die Bananenschale sehen, die ihm nun zum Verhängnis wird…

Sicherlich kann man nicht sagen, das Platon oder Sokrates diesen Mann vor einem Sturz bewahrt hätten, wie gesagt: Nietzsche würde es anders sehen, oder Hegel, oder Kant.
Die Ideen, die kluge Menschen in dicke Bücher verpackt haben, oder sagen wir die Quintessenz einiger wesentlicher Erfahrungen prangen schwarz und rot auf einem kleinen Schild neben der U-Bahntür.

Das Prinzip der Teilhabe , der Anwesenheit und der Gemeinsamkeit
kann man gut in 20 Minuten Fahrt beobachten. Relationen . So ist die Größe der Gefahr beim Herausspringen aus der U-Bahn relativ.
Obwohl Menschen doch vernünftig sein sollten, so unvernünftig erscheint es den Mitfahrern in der U-Bahn, dass der Mann trotz wissender Gefahr aus dem Wagen springt ….

Allerdings, so gesteht Sokrates uns Menschen zu, kann man das Ausgeführte nicht mit Vernunft beweisen.

Meine U-Bahn ist wie immer ein metaphorischer Zwischenraum in einer realen Welt. Ich gleite mit meinen Gedanken und Ideen zwischen Draußen und Drinnen hin und her. Manchmal komme ich in Versuchung, eine Rekonstruktion von Zeitbildern oder Raumbildern oder Wortbildern in kleine Reiseberichte zu verpacken.

Ob das im Sinne der schon geschriebenen Werke ist, kann ich nicht einmal berücksichtigen, denn:

„Also dahin wendete ich mich, und indem ich jedes Mal den Gedanken zum Grunde lege, den ich für den stärksten halte, so setze ich, was mir scheint mit diesem übereinzustimmen , als wahr, es mag nun von Ursachen die Rede sein oder von was nur sonst, was aber nicht, als nicht wahr“

Es macht Spass, nachzudenken. Besonders, wenn man auf die Idee kommen sollte ,aus dem fahrenden Zug springen zu wollen.

20. Oktober 2007

wenn Männer in Bewegung kommen- oder warum braucht Man(n) einen Schirm ?


 

 

tusche-cigarette.jpg

Herrlich so ein Halbtagsjob!
Gut gelaunt trete ich hinaus aus der Tür und steuere der U-Bahn zu . Bahnhof Zoo. Lavazza-Stand . Schnell einen guten Espresso und hinein in den mittäglichen Verkehr. Touristen mit Rucksäcken und Stadtplänen strömen durch die Hallen…Kindergartengruppen und Schulklassen haben Knut gesehen und plappern wild durcheinander drauflos. Gut , daß ich den Espresso hatte, denn der gibt mir Gelassenheit. Und rote gesunde Wangen…

Ich krame in meiner Überlebenstasche, deren Inhalt alles andere ist, als wichtig zu sein scheint . Rechnungen, ausgedruckte Manuskripte, Photo-CD, Konto-Ausdrucke , Mobiltelefon, Bonbons vom vergangenen Jahr, Kaugummi, Haarklammer, Schnippgummi, ein welkes Blatt vom letzten Spaziergang, Deoroller, Parfum, Taschentücher, alt und neu….und endlich mein Buch, welches ich gerne in der U-Bahn lesen wollte. Eine schöne Geschichte, die ich da lese. Von einem Mann, dessen Frau verstarb und beim Aufräumen der Sachen Briefe fand, von ihrem Liebhaber. Der Überlegung nachgegangen, dass der Liebhaber auch wissen müsste, das die Frau verstorben ist, teilt er es dem Liebhaber mit; der wiederum glaubt, es sei die Frau, die ihm nach langer Zeit wieder schreibt , um ihm mitzuteilen, das sie nun tatsächlich für ihn gestorben sei ( sinnbildlich: laß mich in Ruhe…) Die Turbulenzen, die sich aus dem Briefwechsel ergeben, den sich beide Männer liefern ( der Liebhaber glaubt immer noch, es sei die Frau, mit der er korrespondiert) möchte ich der Leserschaft nicht wiedergeben. Das muß man selbst lesen ….

Es ist eine Welt für sich, in die man eintaucht, wenn man liest.
Mich amüsierte jedoch die Phantasie der beiden Protagonisten und ich dachte mir so, was Männer doch alles bewerkstelligen, wenn sie Dingen auf den Grund gehen wollen…Sonderbar, wie mutig und einfallsreich sich Protagonist Nr. 1 seinem Leben stellt, als er plötzlich erfährt, das er nicht der Einzige war…Ich liebe es , in Büchern von solchen Situationen zu lesen, werde von der wunderbaren Phantasie erfasst und ich fragte mich schon sehr oft, ob diese Geschichten nur Wunschdenken eines männlichen Autors waren ; ob der Wunsch, aus dem Allerlei des möglicherweise gelangweiltem Alltag einer 20-jährigen Beziehung auszubrechen, so dringlich wird, das man einen verflossenen Liebhaber der verstorbenen Ehefrau beginnt, gern zu haben, zu bewundern, ja sogar bereit wird, alles Bisherige in Frage zu stellen. Und sei es nur in der Erzählung…

So etwas kann nur in Büchern stehen; welcher heutige Mann kauft sich denn eine Fahrkarte und steht als Überraschung vor der Tür , wer reserviert denn heutzutage ein ganzes Lokal und bestellt einen Stehgeiger. Welcher Mann in diesem Alter des Protagonisten wagt es denn noch, spontan zu sein. Na, den will ich mal sehen!

Ich kicherte in mich hinein…und ich war erschrocken, als ich feststellte, das ich tatsächlich hörbar lachte…
Verstohlen schaute ich mich um. Zwei Reihen schräg gegenüber saß ein Mann , der sofort wegschaute, als mein Blick ihn traf. Er hatte mich offensichtlich beobachtet. So was mag ich eigentlich gar nicht. Aber was soll es… Ich las weiter. Doch die Ruhe war dahin. Der Mann beobachtete mich und ich spürte seine Blicke …Jedes Aufblicken in seine Richtung erschreckte ihn und das Handy wurde nun willkommenes Spielzeug in seinen nervösen Händen. Irgendwie belustigend.
Ok. Das Buch wanderte in meine Tasche zurück und ich schaute in das Dunkel des vorbeigleitenden Tunnels und sah wie in einem Spiegel gleich, wie er mich musterte…

Hermannplatz.
Wie immer stand ich im letzten Moment auf und sprang hinaus auf den Bahnsteig. Er auch. Aber das sah ich schon nicht mehr Es mußte fast im letzten Moment gewesen sein. Die Tür schloss sich . Die U-Bahn fuhr weiter.
In meinem Kopf setzte die normale hausfräuliche Geschäftigkeit ein. Ich nahm meinen Einkaufszettel und las: Waschpulver, Fotos abholen, Rohrreiniger, Shampoo… ok. Also sollte ich gleich zu Rossmann gehen… Alles andere um mich herum war ausgeblendet. Ich hatte nicht bemerkt, das dieser Mann wie ich die Rolltreppe benutzte, wie ich bis zum ersten Wagenhalt den Bahnsteig entlangging und mit mir in der gleichen U-Bahn weiterfuhr.
Meine Station – ich stieg aus . Stufe für Stufe spürte ich hinter mir einen Blick im Rücken. Das kennt man ja, wenn man fixiert wird, fühlt es sich so an, als würde man berührt werden.
Strassenmitte, Ampel, Rot. Ich wartete. Plötzlich sprach mich eine Männerstimme von der Seite an. “ Ich wollte Ihnen sagen, das Sie schön aussehen. Sie gefallen mir“. Ich schaue zur Seite und da steht dieser Mann. Ganz nah sehe ich seine dunklen Augen und das bisschen Angst darin. Die Falten in seinem Gesicht verrieten sein Alter. Mindestens 60 . Seine Sprache , der Akzent verriet auch seine Herkunft.
Ich knurre ihn an. „Danke“ und überquerte die Strasse.
Gut, das Rossmann gleich an der Ecke ist, denn dort bin ich gerettet vor Komplimenten auf der Verkehrsinsel. Ich kramte meine Fotos aus einem Berg von Tüten, verglich Preise von Waschmittel, sah Gummidrops, die mich einluden sie mitzunehmen- und aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen Schatten , der mich stetig verfolgte. Es war der Mann. Er folgte mir auf Schritt und Tritt und versuchte doch , unauffällig zu sein. Es war offensichtlich, das ihn mein Knurren auf der Strasse nicht getroffen hatte.
In der langen Reihe an der Kasse stand er hinter mir. Wieder versuchte er, mir zu sagen, das ich ihm gefiele, das mich die Baskenmütze gut kleide. “ Danke, und nun ist gut“ fauche ich. Er senkte den Kopf “ ich verstehe…“flüsterte er.

Betreten und verlegen greift er nach einem Regenschirm, der in der Nähe der Kasse zum Verkauf angeboten wird.
Draußen ist ein sonniger Tag. Und er sieht auch nicht so aus , als bräuchte er einen Regenschirm, denn aus der Jackentasche lugt der Knauf eines Minischirms…
Er zahlt schnell und ich sehe, das er sich plötzlich seiner Aktion bewusst wird . Er stürzte bei Rot über die Strasse und verschwindet wieder im U-Bahnhof. Sicherlich hatte er seine ursprüngliche Fahrtroute geändert und mußte nun schnell und möglichst ohne Zeitverlust nach Hause zu seiner Frau fahren …
Beladen mit allerlei Krimskrams schlenderte ich nach Hause. Warf die Waschmaschine an, schüttete den Rohrpuster in den Wannenausguß, legte die Fotos auf den Küchentisch und frage mich selbst, warum in aller Welt widerfährt mir so etwas immer in der U-Bahn . Nie bleibt da Zeit, sich auf Verrücktes einzulassen. Immer sind es (Weiter-) Reisende …Warum nicht im Cafe, oder im Kaufhaus, meinetwegen auch am Gemüsestand. Die Rolltreppe sowieso.
Muss sich denn ein Mann, der beherzt eine Frau anspricht , erst einen Regenschirm kaufen?
Muss er wohl, wenn er nicht im Regen stehen will.

18. Oktober 2007

wenn männer in beWEGung kommen…und sei es auf der rolltreppe


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Es ist wirklich jedes Mal am Morgen… ich schließe die Tür, nehme die Zeitung aus dem Kasten, kaufe mir ein Croissant, manchmal nehme ich noch einen Kaffee in der Bäckerei und dann komme ich in die Gänge.
Sprich, ich beginne meinen Tag.
U-Bahn-Fahrt. Das Zauberwort. Fast jeden Tag begebe ich mich in den Untergrund…in das diffuse Licht von spärlich ausgeleuchteten Bahnsteigen; platziere mich auf eine der Wartebänken aus den 30-ern und warte wie alle anderen, das sich ein morgendlicher Schwung einstellt.
Endlich. Der Luftzug kündigt an, dass an der Leinestraße der Zug abgefahren ist und meine 20 minütige Fahrt ins Glück beginnt.
Das Glück ist unbestimmt, wie alles im Leben… hier beschränkt es sich auf einen freien Sitzplatz.
Tür auf. Tür zu. Meine Augen schweifen umher. .
Heute habe ich es eilig- also besser, ich bleibe an der Tür stehen.

An der nächsten Haltestelle stürze ich hinaus, renne wie eine Verrückte zur Rolltreppe und will mich an den brav Wartenden vorbeischlängeln. Und schon ist es geschehen- ich trete einem Mann, der vor mir steht in den Hintern.
Wohlerzogen entschuldige ich mich. Er blickt zurück. Sagen wir es mal mit den Worten unserer aus der Türkei heimkehrenden Damen: er hatte wundervolle, dunkelbraune Augen. Schwarze Haare. Ein sehr gepflegtes Aussehen. Mit einem Wort : ein potentieller Askim! Und das nonplusultra : ein Türke! Als hätte er meine Gedanken lesen können, ging ein Lächeln über sein Gesicht…es schien, als käme Bewegung in sein Leben. Am Bahnsteig blieb er stets in meiner Nähe…noch einen Schritt näher, naja, und nun fragt er auch noch, was ich lese…. Ich wäre keine Frau, hätte ich nicht schon längst über den Zeitungsrand gelugt und belustigt festgestellt, daß er wohl zu überlegen schien , wie und was er anstellen könnte, um den letzten Schritt auf mich zuzumachen …

Die U-Bahn kam. Glück sah für ihn ähnlich aus, wie für mich. Ein Sitzplatz, nein zwei; einen für mich und einen für ihn selbst. Natürlich nebeneinander. Aber durch das Leben gut mental und geistig darauf vorbereitet , war ich mir sicher, er würde ALLES für mich tun. Alles, das war im Moment, einen Platz für mich zu ergattern, was morgens 8:30 am Hermannplatz nicht einfach ist. Das muss man wissen, wenn man sein Opfer richtig würdigen will…
Der gut aussehende, gut gekleidete Herr namens Adnan (den Namen verriet er mir beim Rüberstrecken seiner Hand) arbeitete, so verriet er mir, im türkischen Konsulat. Zumindest konnte ich ohne aufdringliches Verhalten zu produzieren sagen, das wir zumindest bis zum Ku’damm gemeinsam reisen. Binnen kürzester Zeit (aber das kennen wir ja schon) hatte ich das Gefühl, etwas ganz Besonders zu sein. In 15 Minuten wusste ich seinen Geburtsort, daß er im Juni dorthin fährt, daß er in der Leinestraße wohnt, daß er seit 10 Jahren in Deutschland lebt und ich muss sagen; das alles brachte er in einem akzentfreiem deutsch rüber. Ich war beglückt. So früh am morgen hatte ich keinen Nerv, Sprachakrobatik zu veranstalten. Ich liebe es, wenn der Tagesbeginn etwas dahinplätschert….

Eine wundervolle Visitenkarte wurde mir gereicht (es fehlte das Tablett, um vollkommen zu wirken). Eine Frage mit einem Augenaufschlag, der einem Omar Sharif zur Ehre gereicht hätte, folgte der Visitenkarte: sieht man sich denn mal? Wenn man doch quasi Nachbar ist…?

Jeder kennt das sicher. Das Herz raste, im Kopf kreisen merkwürdige Gedanken, der BH kneift nicht mehr, man sitzt aufrecht und setzt ein zuckersüßes Lächeln auf…. Hach! Ich habe seine Visitenkarte, ich habe seine Visitenkarte….
Ein Blick darauf und meine Freude war gedämpft…. Eine Handynummer. Kein Festnetz. So was mag ich nicht. Ach, das kann ich ihm ja am Sonntag sagen, wenn wir uns zum Kaffee treffen werden.
Die gepflegte Hand drückt die meine- er müsse nun aussteigen…cok güzel sind Sie, was für ein Zufall, das Sie ausgerechnet mich in den Hintern getreten haben…. ich bin so glücklich ….sprach er, und stieg aus.
Welcher Tag ist heute? Ich überlegte und in meinem Gehirn war nur noch Adnan-Montag, nein Adnan-Mittwoch…. Mittwoch! Meine Güte , noch 5 Tage bis Sonntag.

Zoologischer Garten…aussteigen… Rolltreppe rauf, Jebenstraße, Uni.
Zumindest meine innere Karte ist noch in Ordnung, ich finde den Weg zur Uni im Schlafe, besser gesagt, im Trancezustand…
Der Tag war herrlich, das Leben ist schön! Meine Bandscheibe war in einem versöhnlichen Einvernehmen mit mir… Sonntag , Sonntag jubelte es….

Der Sonntag kam. Herrliches Wetter. Ich bretzelte mich auf. Ein sorgfältiges , dezentes Make-up…. Nicht zu frivol. Nicht zu aufdringlich. Nicht zuviel nackte Haut. Nur ein bisschen, nur eine Ahnung…. Na ja, Frauen wissen was ich meine….

Treffpunkt Südstern… das ist wunderbar. Dort ist nur ein Aufgang. Da kann man theatralisch geschult die Treppen hinaufschreiten. Was will Frau mehr…

Bubum bubum… das Herz nahm jede seismographische Welle wahr, die dort oben vom Ausgang mir entgegenschlug.
Da stand er. Ein lachendes Gesicht. Ich schritt wie einer Königin gleich die Steinstufen hinauf. Was für ein ergreifendes Gefühl.
Noch eine Stufe und noch eine Stufe…

Adnan. Da stand er, in Jogginghose, ausgewaschenem Polohemd (mindestens 10 Jahre täglich durch die Waschmaschine getrudelt…) Turnschuhe… einen Rosenstrauß in der Hand.

Bum bum bu bu mmmmmmmmmmmm. Ich erstarrte. Gott sei Dank bin ich nicht vor Schreck umgefallen.
Das erste und einzige, was ich sagen konnte war: du bist Familienvater, hast dich Sonntagnachmittags von Frau und Kindern weggeschlichen, um angeblich mal kurz mit einem Freund ein Zigarettchen rauchen…

Sein Unterkiefer fiel runter, das Lächeln verschwand. Die Augen wurden plötzlich müde und leer.
Woher weißt du das…fragte er mich.
Na ja- Erfahrung …..

* das Kaffeetrinken fand statt und jeder ist seines Weges gegangen. Eine unvollendete Geschichte  

22. September 2007

der tag an dem ich erst das E und dann das I verlor…


Es ist Zeit, scheint der Wecker zu sagen. Und rasselt los. Müde und unlustig stehe ich auf. Es ist ein ganz normaler Werktag, der mit einem starken Kaffee beginnt und dem Rennen nach der U-Bahn.
Ich bin immer sehr glücklich, wenn ich das Schnurren der U-Bahntüren höre, denn das bedeutet für mich, das ich mich für 20 Minuten aus dem Zeitgefüge der Eile und der Hast ausklinken kann.
Es ist schon merkwürdig, wie sich die Wirklichkeit eines Tages verkleiden kann. Sie kommt daher als ein Kinderwagen, den eine noch schläfrige Mutter schiebt, als Mann, der die Zeitung hastig durchblättert, als junges Mädchen mit dem Kaffee to Go , als Wichtigtuer, der einen teuren Laptop auf seinen Beinen platziert…..keine Zeit! Immer in Eile! alles mit Tempo! So zeitmessend die Worte klingen, so unklar sind ihre Bedeutungen auch. Der Mensch und die Hast im Alltag, das ist fast untrennbar…

Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, als am Hermannplatz eine Frau einsteigt. Eine weiße Umhängetasche, die Träger teilen die schwarze Kleidung längs, wie ein großer Zeiger einer Uhr . Ich sehe kurz auf, registriere sie und will weiter vor mich hin träumen. Plötzlich höre ich ein Klicken. Stille. Wieder ein Klicken, und das in regelmäßigen Abständen. Meine Neugier lässt meinen Blick heben und der bleibt haften an den Händen dieser Frau. Sie hält eine runde, glänzende Stoppuhr in der Hand. Im Minutentakt drückt sie mit dem Daumen den Timer und das klickende Geräusch, so sehe und höre ich nun, kommt von dieser Mechanik. Das ist schon sehr eigenartig, denke ich. Ich sehe zum ersten Mal früh am Morgen jemanden mit der U-Bahn fahrend die Zeit stoppen!
Die Geräusche der Stoppuhr geben einen Takt vor, der mich ja eigentlich immer und zu jeder Zeit begleitet. Die lautlosen Minuten, die Stunden, die diese Minuten bündelt und die Tage, die sich aus diesen gebündelten Minuten zusammensetzt. Still und unsichtbar gleitet die Zeit an uns vorüber oder sie macht sich dann bemerkbar, wenn wir zu wenig von ihr zu haben scheinen. Klagend geben wir dann kund, das die Zeit verrinnt, entflieht oder irgendwo verschluckt worden sein muss, von einem Ungeheuer, das uns genau unsere Zeit stehlen will…


Ich frage mich, was wohl diese Frau bezweckt, das sie in einem fahrenden Zug die Zeit bemessen will , die doch außerhalb des Wagens im Tunnel an uns vorbeirast, während sie hier im Wagen träge und gleichbleibend ihre 60 Sekunden braucht , um wieder auf der Zwölf der Stoppuhr anzukommen.
Welche Art von Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit scheint sie hier zu demonstrieren? Muss sie denn pünktlich sein; irgendwo ankommen, wo Zeit plötzlich nichts mehr zählt, weil der Moment, auf den sie zu warten scheint, seit Ewigkeiten herbeigesehnt wurde…Wonach sehnt man sich am frühen Morgen?
Ich lasse die Frau erst einmal „ihre“ Zeit, ihre Stunden und Minuten zählen und wende mich wieder meinen Gedanken zu. Doch ich stelle fest, das es schon gar nicht mehr meine Gedanken sind, die ich vor wenigen Minuten noch hatte…. sie sind verflüchtigt und das, was von ihnen noch vorhanden ist, krallt sich beharrlich an den Moment, wie diese Frau die Zeit in den Händen hält. Eigentlich will ich es nicht so genau wissen, was in meiner fremden Weggefährtin vor sich geht, ich denke, sie hat ihre Gründe, warum sie dies macht, auch wenn diese sicher vielen absurd erscheinen mögen.


Auch ich muss ja pünktlich sein, muss mich dem Gefüge von gezählter Zeit beugen, muss mich sogar entschuldigen, wenn ich die Zeit vergessen habe, muss mich entschuldigen, wenn ich nicht einmal dafür kann, wenn ich mitten auf einer Strecke stehen bleibe, und mir die Zeit davonläuft… Sie läuft sogar so davon, dass ich es spüre, wie in mir eine Eile einsetzt, obwohl ich ruhig und fast gelassen aussehe auf meinem Sitz im Wagon… So kann man sich täuschen. Eile kann nach außen hin durchaus so aussehen, als ob sie still stünde.
Zeit ist ein Phänomen. Nicht nur, das sie Philosophen beschäftigt und Wissenschaftler zu weit ausufernden Werken verhilft. Nein, ich denke auch, weil sie, obwohl mechanisch sichtbar gemacht, sie doch etwas Unsichtbares, Besonderes und Durchsichtbares ist. Ganze Welten machen sich an der Zeit fest, Planeten und Galaxien sind Lichtjahre von uns entfernt, Meere haben ihre Gezeiten, Zivilisationen benennen sich nach Jahrhunderten und auch Kriege , die 30 Jahre dauerten ,er-„zählen“ ihre Geschichte. Ganze Kulturen etablieren sich am 21. Jahrtausend als moderne und fortschrittliche Ordnungen…


Was ist die Zeit? Was ist meine Zeit? Ist sie meine Uhr, die erst erfunden werden muss?
Ich erinnere mich an eine Reise, mit Aufenthalt in Kyoto. Ich wollte mich einfach etwas von der Arbeit in der Papiermühle erholen und konnte einfach nicht die innere Uhr abschalten, die sich im Laufe des Arbeitsalltages in mir manifestiert hatte. Also stand ich 4 Uhr morgens auf, nahm das Fahrrad und fuhr zum Eikando-Tempel, der in der Nähe meiner Unterkunft war. Die Stadt war still. Die alten, kleinen und in sich verschachtelten Häuser ruhten wie sauber verpackte Geschenke auf einem großen Tablett. Ab und zu hörte man jemanden hüsteln, ein alter Suppenhändler schob seinen Karren nach Hause, eine Katze miaute…
Die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Eine Stadt, eine Anreihung aus Häusern und Fenstern, die mit matten Papiershoji die äußere Welt von der innen stattfindenden Welt abgrenzte. Beim schwachen Lichtschimmer fand fremdes Leben statt, Ereignisse, die durch Zeit und Raum eine Bedeutung erlangten. Ewigkeiten oder Sekunden- das war hier egal. Die Zeit war aufgehoben in einer Schattenwelt und diese Schatten schienen sich an mir festzuhaften. Mir war, als würde ich mit den Umrissen dieser Menschen auch einen Teil dieser Zeit mit mir mitzunehmen auf meinem klapprigen Fahrrad, welches mir Imamura-san ausgeliehen hatte.
Vielleicht war es auch dieses Gefühl von Erhabenheit, die diese Anonymität so an sich hatte. Die Menschen, deren Schatten sich auf den Shojis abzeichneten sind mir bis heute fremd. Sie waren Erscheinungen eines frühen Morgen, und doch war mir ihr Sein durch die Momenthaftigkeit so vertraut, als hätte ich schon immer an ihrem Leben teilgenommen. Mir schien, als würden der Sog und die Eile, die Hast und das Gedränge und der Lärm dieser großen Stadt hier im Morgengrauen gefiltert, und übrigblieb die Stille und Größe einer alten kaputten Turmuhr, die würdevoll die Häuser überragt. So, als würde dieser einzelne , freistehende imaginäre Turm die Unendlichkeit der Zeit wie ein Tuch über diese Menschen legen, die wie ich am frühen Morgen Nachtzeit und Tagzeit voneinander trennen wollen.

Ich fühlte mich ganz frei und beschwingt und so in Gedanken erreichte ich den Eikando, klopfte an die Tür und der Prior öffnete. Ich hatte mir in der Zeit meines Aufenthaltes morgendlichen Zugang aushandeln können und saß stundenlang, sogar noch, als die Besucherströme nach 10 Uhr einsetzten im Tempel.
Der Grund meiner Anwesenheit war da ein ganz anderer als der , das Phänomen Zeit zu ergründen, und trotzdem erinnere ich mich gerade heute daran, als wäre es gestern gewesen, das ich die Stufen erklomm, hinauf in das rotbedachte Holzgebäude. Stundenlang saß ich auf den alten Tatamis, den Blick auf diese Statue gerichtet, die ich studieren wollte, oder vielmehr die Historie ihres Dortseins. In den Nebengebäuden hörte ich das Murmeln der Mönche und die leisen metallenen Gongs. Im Takt und mit der Melodie einer fremdem Sprache verknüpften sich mein Zeitempfinden und die Phantasie um die Geschichte dieser Amida-Statue zu einer Reise entlang der Jahrhunderte.
Ich glitt auf imaginären Schienen in die Vergangenheit zurück und das leise Singen der Mönche verwob sich auf dieser Zeitreise zur unmittelbaren Realität. Die Vergangenheit schien aufgehoben, die 900 Jahre, die seither vergangen waren, schienen den Raum zu füllen mit Erzählungen und die Geschichte dieser alten Zeit tastete sich mit mir zurück auf diesen phantasiebeladenen Wegen. Was ist Zeit? Ist sie der schemenhafte Morgen in Kyoto oder die übervolle U-Bahn in Berlin? Zeit ist die Leere, das Nichts. Ja , tatsächlich ist Zeit doch NICHTS, bis zu dem Moment , wo ich sie bevölkere mit meinen Gedanken, sie auffülle mit erklärbaren, absurden, verrückten Dingen. Zeit ist eine Leere, bis ich ihr Gestalt gebe mit allen möglichen Umschreibungen und Bezeichnungen. Zeit als Moment …und egal, welche Bedeutung man solchen Momenten beimisst, sie sind auch ein Fragment meiner Zeit.


In dieser einen Erinnerung an Kyoto sehe ich mich sehr oft und ich denke, dass vieles von dem, was ich dort unbewusst oder bewusst aufgenommen habe, mich immer wieder in die Mitte der Zeit stellt. Mir scheint, als hätte ich durch mein Dortsein einen Moment die Zeit angehalten und immer, wenn es mein Leben erfordert, katapultiert mich die Erinnerung zurück , so als wolle sie sagen:
jetzt zieh aber mal die Uhr auf, sie steht schon seit geraumer Zeit …
Und dann geht es auch weiter, dieses Leben. Mit all den tickenden Uhren um mich herum .

Die Frau mit der Stoppuhr sitzt immer noch auf ihrem Platz. Vielleicht ist das ihr eigener innerer Protest gegen das Nichtmessbare, was Zeit ja auch sein kann. Ihre Zeit ist wie ihr Spiegelbild, welches sich im dunklen Hintergrund in den Scheiben abzeichnet. Der U-Bahn-Tunnel wird zum Taktmesser, zum Minutenzähler. Eigentlich Sekundenzähler, denn mancher Weg von Station zu Station dauert tatsächlich weniger als eine Minute, also nur Sekunden.
Ich werde das Rätsel um diese Frau nicht lösen können. Nicht heute. Und nicht morgen. Dafür brauche ich Zeit. Ich denke, dass ich diese Zeit haben werde. Jeden Tag betrete ich so einen Bahnhof im Untergrund, jeden Tag öffnen sich die Türen mit einem leisen Seufzer – Zt Zt Zt Zt.
Wie lustig, denke ich, das klingt fast so, als hätte das Wort ZEIT das E und das I „verloren“ und das Öffnen der U-Bahn- Tür ist wie eine Einladung, auf die Suche zu gehen. Ich weiß nicht so recht, ist die U-Bahn eine Zeitschleife?
Immerhin bin ich für 2,40 Euro 10 Jahre zurück bis nach Kyoto gereist. Nun ja, es war nur in Gedanken, in meiner Erinnerung, aber immerhin habe ich wieder einmal die Zeit angehalten!

 

17. September 2007

wenn männer in bewegung kommen – oder der sprung in den abgrund


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malheureusement je ne parle pas de france, je ne peux pas tourner non plus de cigarettes-vient en plus que je suis de toute façon toujours à l’abîme.
donc je pense, je ne dois pas vous pousser à la démence.

Nun denken jetzt sicher manche, jetzt fange ich auch noch an, Botschaften in einer anderen Sprache auszusenden… reicht es nicht, dass wir schon im Deutschen so unsere Verständigungsschwierigkeiten haben?
Keine Sorge, es geht nur wieder mal um mein allerliebstes Fortbewegungsmittel, die Berliner U-Bahn, oder besser gesagt, um das, was mir so ins Auge springt…

Umsteigebahnhof Berliner Straße…“diese Zigarette hat soundsoviel Milligramm Giftstoffe, die Sie töten können“ … Freundlich lächelt mich der junge Mann aus dem Plakat heraus an. Er sieht eigentlich nicht so aus, das es ihn stören würde, dieser kleinen blauen Packung in seinen Händen ein seliges Ende zu bereiten. Mit größter Gelassenheit sitzt er zusammen mit seiner Liebsten am äußersten Mauersims eines Wolkenkratzers. Mir wird ganz flau im Magen, fast so, als würde ich mit der Achterbahn ins Nichts geschleudert…. Also gehe ich doch lieber ein Stück weiter und lande wieder mal bei Norwegens bizarrer Landschaft. Interessanterweise denke ich bei Norwegen immer zuerst an Wittgenstein- schon komisch . Hat das was mit den geistigen Sprüngen zu tun, die man so hoch ansetzen muss, wie die Felsen an dieser rauen Küste?

Das wäre eine Überlegung wert…

Aber auch hier , mit dem Blick auf grüne Täler und Höhen präsentiert sich ein wagemutiges Paar auf steiler Felsenklippe ; der Blick geht tief hinab in einen blauen Grund. Man hört praktisch das Wasser plätschern und den leisen Widerhall an steilen Felsvorsprüngen. Das Leben scheint aus Abgründen zu bestehen, der kleine Hinweis unten rechts sogar: visit no(r)way will mir so hinten durch die Brust ins Auge suggerieren, das es einfach keinen Ausweg gibt, aus diesem „kauf mich, nimm mich mit, ich mach dich glücklich. Unentwegt bin ich in Gedanken dabei, meinen Geldbeutel auf Inhalt von Kleingeld und Scheinen zu überprüfen, ob ich es wagen könnte ( nächste Station Güntzelstrasse- kaufen Sie bei uns , sie kriegen Rabatt huscht an mir vorbei) meinem Konto eine Ausnahme zuzumuten. Eine neue Hose bräuchte ich schon mal wieder…. bald gibt’s Weihnachtsgeld, warte noch ein bisschen, sage ich mir. Spichernstrasse. Ich mustere die Leute. Irgendwie sehen die Charlottenburger oder die Krumme Lankes wohlbetuchter aus , nicht so bescheiden gekleidet wie der Mann, der seit Mehringdamm die Wegstrecke mit mir fährt. Er steht an der Tür und lehnt sich gelassen gegen den Haltegriff. Ich komme nicht umhin, ihn zu mustern, natürlich mache ich das nicht so aufdringlich; aber Menschen interessieren mich nun mal …

Eigentlich bräuchte er viel eher eine neue Hose oder ein Pullover…Natürlich könnte ich mich täuschen, zerrissen scheint in zu sein und bügeln ist schon lange out. Abgesehen bin ich eh der Mensch, dem Äußerlichkeiten schnurz sind. Hauptsache ist, der Kopf ist klar und das Herz auf den rechten Fleck. Munter ist er ja, der Mann mit dem ungebügelten Jackett. Flinke , grüne Augen und sehr aufmerksam, wenn Neuzusteiger Platz brauchen. Er tritt dann nicht nur beiseite , sondern sogar hinaus auf den Bahnsteig , lässt die Fahrgäste einsteigen und erst dann , wenn alle schnell und mit Nachdruck einen Platz erobert haben, steigt er wieder zu. Noch ein kurzer Blick auf den Bahnsteig sei ihm gegönnt- der Wagen schließt und ab geht’s. Jetzt erst dämmert es mir ! Er fährt schwarz ! Dafür muss man ein Händchen haben, man muss aufpassen und auf der Hut sein, nicht erwischt zu werden. Jeder Penner , jede Mutter mit Kinderwagen , die einsteigt, könnte der Kontrolleur sein.
Irgendwie finde ich das sehr sympathisch. Also ich könnte das nicht, schwarz fahren. Mir wird schon siedendheiß, wenn ich das Gefühl habe, meine Monatskarte vergessen zu haben.
Der Unterhaltungswert der U-Bahnfahrt hat sich gesteigert. Vergessen die gefährlichen Versprechen diverser Zigarettenfabrikanten, das der Tod Euch hole, oder auch die angstvollen Minuten über einem Gletschersee, wo man als Model so tun muss, als fände man den Sprung ins Nichts atemberaubend schön. Auch die Trauer um die noch nicht gekaufte Hose weicht meiner Neugier. Ich rechne zusammen, was so ein Mann alles zusammengespart haben könnte, wenn es das so seit 5 Jahren durchzieht. Jeden Tag 4,40 gespart, das sind pro Woche 30,80 , das sind in 5 Jahren 7920 Euro. Donnerlittchen, denke ich, dafür kann man sich einen Reise nach Paris gönnen oder mit der selbstgedrehten Zigarette auf einem Dachgarten von New York die Silhouette der Stadt genießen, meinetwegen auch norwegische Fjorde aufsuchen und Wittgensteins rot gestrichenes Häuschen besichtigen, und die teure Hose von Luzifer wäre auch noch drin. Nicht nur das, ich könnte meine Bahncard verlängern lassen und wieder mal kreuz und quer durch die Lande fahren, irgendwo in einem tollen Restaurant Schampus bestellen und so tun , als hätte man es dicke… Ach man, was man nicht alles machen, kaufen, reisen könnte für diese 7920 Euro…
Kurfürstendamm . Ich schrecke aus meinem Tagtraum auf. Nächste muss ich raus, muss zur Arbeit , muss mich mit Studenten herumplagen und den Kaffee irgendwann kalt trinken…und ich träume hier und packe eigentlich in Gedanken meine Koffer. Meinem anonymer Begleiter scheint es ebenso zu ergehen. Seine Augen sind etwas in die Ferne gerichtet. Kann schon sein, das er ähnlich wie ich sein erspartes Geld schon längst in seiner Phantasie verbraten hat. Sein Träumen wird ihm zum Verhängnis. „ Die Fahrausweise bitte….“ Mir tut er richtig leid, mein unbekannter Begleiter Von Mehringdamm bis Ku‘damm ist eine lange Strecke, die er tapfer durchgehalten hat.
Das ist wirklich Pech, auf der letzten Station erwischt zu werden. Die U-Bahn fährt in Bahnhof Zoo ein. Leider nicht schnell genug. Die Kontrolleure sind schon da und bauen sich vor ihm auf. 3 Männer gegen einen. Ich finde das ungerecht. Mein letzter Blick zu ihm, der nun seine Anonymität preisgeben muss, seinen Ausweis zückt und so tut, als ginge ihn das gar nicht an. Und als sollte es nicht anders sein, grüßt auch hier der Städtedschungel vom Plakat einer Reisebürogruppe, die meint, das es im Winter besonders preiswert sei, in den Süden zu reisen. Wie wär’s mit Andalusien ?
Ich bin nun gar nicht mehr so euphorisch. Irgendwie hätte ich es ihm gegönnt, dass er sich diesen oder jenen Traum hätte erfüllen können. Wie kann man sich solche Reisen leisten, wenn man am Sparen gehindert wird …

27. August 2007

warGAME going underground

Filed under: going underGROUND — Schlagwörter: , , , , , , , — silkandpaper @ 11:40 AM

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gerade heute morgen , wieder eine brechend volle u-bahn, fiel mein blick auf die kleinen monitore, die werbung und nachrichten still aber ziemlich beharrlich in die menge streuen.
da lese ich plötzlich : war game. Leise erinnerte ich mich eines films, ala hollywood…. Ist schon lange her… nun ja, ich dachte, am 8. februar beginnen die filmfestspiele, vielleicht ist das einen retrospektive-ankündigung…. Nein. Weit gefehlt! Es war eine anwerbung der us-army für statisten! Da sucht doch tatsächlich die us-army leute, die als statisten den terroristen geben oder den polizisten oder als opfer eines fiktiven anschlages herhalten . als ob es nicht schon genug kriegsspiele gäbe in form von video und animation… aber es erschliesst sich mir eh nicht vieles, was mit waffengewalt zu tun hat.
der nächste spot aber hatte es in sich. ein jugendlicher macht sich abends ausgehfertig…. nein nein, nicht zur disco , sondern mit vermummender maske und spraydosen im handgepäck zog er auf piste, um seinem drang des vandalismus zu frönen…. die gutbürgerlichen eltern standen ratlos daneben, in ihrer nett eingerichteten wohnung , so auch das zimmer des aufmüpfigen jungen, sauber, ordentlich und wohnlich.
doch der spott wäre nicht ein spott, wenn er so enden würde. kaum war der rabauke ausser haus , demolierten die eltern das zimmer ihres sprösslings, hauten alles kurz und klein, besprühten die wände mit parolen und setzten sich danach zufrieden in ihre ohrensessel und erfreuten sich des wohlverdienten feierabends.
na ja, das blöde gesicht des sohnes kann sich wohl jeder vorstellen! als der nach hause kam und sein zimmer nämlich genau so vorfand, wie er draussen mit dem eigentum andere verfuhr. ein inneres lachen, ok schadenfroh aber ehrlich, durchfuhr mich bei diesem spott….
spot drei der morgendlichen berieselung suggeriert mir „going underground“- … und hilft mir dabei diese kleine geschichte abzuschliessen.
denn „going underground“ ist tatsächlich ein titel , den man den filmfestspielen zuordnen kann. diese worte aber umschreiben ja eine tatigkeit, etwas , was uns geläufig ist als „untertauchen“ – obwohl hier die u-bahn gemeint ist, die während der filmfestspiele wettbewerbsfilme sprich kurzfilme ausstrahlt .
ich musste innerlich einfach nur noch die fäden zusammenknüpfen, die sich zwischen der virtuellen welt des www , und der realen welt der berliner-u-bahn und der suggerierten welt des films vor mir lagen. Wieder einmal bestätigt sich , das alles irgendwie miteinander zu tun hat. oder besser, man kann alles miteinander verknüpfen, wenn man die augen offenhält… war game … ist kriegsspiel, vandalismus ist eine art von einem kleinen kriegsspiel mit ebenfalls verherrender wirkung … und kann man auch mit anderen dingen auf kriegsfuss stehen? sicherlich – und wenn ich mit manch alltäglichen auf kriegsfuss stehe, fliegen schon mal unkontrolliert worte wie kleine kugeln durch den kopf.
going-underground kann man auch ganz anders übersetzen; es ist eine art , sich zu verstecken , zu verbergen…. verstecken und verbergen hat man eigentlich nur nötig, wenn man sich einer nicht angemessenen unrichtigen handlungsweise ganz und gar bewusst ist…
denn : kriegsspiele erfordern eine strategie. ähnlich wie bei den spielen, die harmloserer art sind, wie mensch ärgere dich nicht oder halma, schach oder go…meinetwegen auch kartenspiele oder auch galgenraten. doch halt…. galgenraten ist ein spiel , da muss man worte kennen, da muss man worte buchstabieren können, man muss worte erraten können. man muss mit worten umgehen können. aber mit worten und sprache jonglieren, das erfordert eine andere strategie….
worte , die missbraucht werden können auch zu geschossen mutieren.
so eine art verbaler vandalismus. Ein schrecklicher gedanke, von diesem vandalismus erfasst zu werden…
das möchte ich eigentlich nicht, den ich liebe meine sprache.

morgens in der u-bahn- zwischen 8:30 und 9:10 uhr

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