Silk and Paper

15. Juli 2015

nur eine strassenecke WEITER


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Nirgendwo in der Stadt ist die Melancholie so durchsichtig wie in dieser Straße. Rechts und links der Fahrbahn trotzen alte baufällige Häuser der städtebaulichen Fantasie. Die Türen sind mit Brettern zugenagelt. Ich betrete diese Straße sehr selten, aber genau deshalb ist sie in die Galerie der besonderen Erinnerungen aufgenommen. Sie hängt, wie ein Bild an einer Wand in meinen Erinnerungen fest. Und wie in einer Galerie auch, macht es die Beleuchtung oder die Verdunkelung, dass sich meine Sicht auf diese Straße wandelt.

Mitten in Kreuzberg schneidet sie die Oranienstraße in Stücke- eines von vielen Stücken, die wie kleine Kuchenstücke beim Bäcker einfach so daliegen, jedes mit einem anderen Belag, mit anderen Früchten. Streuselkuchen neben Tortenstück…

Auch hier, im Kreuzberger Stadtplan schiebt sich diese Straße wie ein Messer durch den Kuchen und teilt mitten auf der Fahrbahn dieses Viertel in Sushi-Asia -Bioläden und in Kebab-Döner-Teestube- Ausbesserungsschneiderei.

Das Licht an diesem Herbsttag holt all die ungeputzten Fenster aus ihrem dunklen Dasein hervor; der Staub wirbelt zwischen Licht und Schatten und der noch warme Wind trägt den Geruch von Bratkartoffeln mit Gurkensalat auf den Gehsteig. Mein Blick heftet sich auf den Boden, es ist ratsam aufzupassen, wo man hintritt. Hier ist der Bürgersteig übersät mit kleinen Dingen, die man selbst nur 100 Meter weiter nicht finden würde. Abgerissene Kinokarten, zerfetzte Zeitschriften, Gewürztüten von Chinasuppen, Holzstäbchen von Kebab, Servietten voller Ketschup, einen abgeschleckten Lolli, Schokoladeneispapier, eine leere Wasserflasche Marke Irgendwoher, eine alte Garnrolle, ein alter Fahrradschlauch, 2 Cent, eine Hülle von Papiertaschentüchern….und das ließe sich beliebig fortsetzen. Aber es sind nicht nur die Dinge, die meine Aufmerksamkeit fordern, sondern auch die Geräusche und das bewegte Straßenbild.

Spazierengehen in Kreuzberg; unterwegs zum Künstlerhaus Bethanien zu einer Ausstellung, die sich mit der Kunst des Spazierengehens befasst. Fast, so scheint es, ist es gewollt, dass ich diese Strecke zu Fuß zurücklegen muss, so als solle ich mich einstimmen auf Räume, die das „erlaufene“ Leben eingefangen hat. Diese Straße stimmt mich ein und ich überlege, ob ich nicht noch ein paar Umwege machen sollte.

Ganz hinten, am Ende der Straße sehe ich ein grünes, großes Licht. Es ist der Park, der das ehemalige alte Krankenhaus mit hohen Bäumen umschließt. Das Herbstlicht schimmert durch die Blätter und winkt mir aus der Ferne zu. Das Leben um mich herum erscheint mir so dicht, so prall gefüllt von allerlei Leid und Freude, voller Tragödien und Dramen- fast so, als wären all diese Geschichten der vergangenen hundert Jahre in diese alten Mauern der Häuser hineingeschrieben. Da ist der grüne Platz zwei Straßenzüge weiter wie ein guter Freund, der mir zu sagen scheint: Komm, ich nehme dich in meine Arme und du kannst dich hier ausweinen. Und dabei ist dieses Weinen nicht einmal gewollt- es hat sich einfach so als kleine Tränen in meinen Augen verirrt. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Wehmut und Glücksempfinden. Die Melancholie als kleine Schwester der Trauer- Trauer darüber, dass die Zeiten der Häuser einfach vorbei sind und ein Glücksgefühl darüber , dass man trotzdem noch ihre Schönheit wahrnehmen kann.

In dieser morbiden Tristesse dieser Straße scheinen sich viele Erinnerungen verborgen zu halten, die ich seit Kindertagen mit mir herumtrage… Der Geruch von Bohnerwachs, angebrannter Milch, ein Hauch muffiger Luft aus geöffneten Kellerfenstern; schwarze Kohle schimmert durch das fast blinde Glas, eine alte Frau lehnt sich aus dem Fenster, die Arme auf ein Sofakissen gestützt… sie möchte teilhaben am Leben draußen… Die klobigen Türen zu den Gewerbehöfen stehen weit offen, wie große Münder schlingen sie alles hinein, was angeliefert wird. Zwischen Zwiebeln und Stoffballen spielt ein Kind, ein Auto hupt; der Bus schiebt sich um die Ecke und hält.

Ich überquere die Oranienstrasse, und eile dem Platz entgegen, wo ich mich verabredet habe. Still und fast verlassen liegt dieses große Haus, umsäumt von einem verwilderten Park- einige Häuser werden immer noch von Autonomen bewohnt. Ich bin zu früh – also nutze ich die Zeit und durchquere die Parktangente in Richtung Kirche. Ich erinnere mich, dass dahinter die Berliner Mauer war und aus irgendeinem Grund genau hinter der Kirche noch ein kleines Grundstück war, das, da sich bisher kein Besitzer gemeldet hatte, das einzige Niemandsland in Berlin ist . Schon Jahrzehnte wird dieses Stück Land als Garten genutzt. Ein türkischer Gastarbeiter hatte sich dort einen Gemüsegarten angelegt und sich ein Baumhaus gebaut, wild und ohne einen Behördenstempel … Zwischen Wildwuchs und 3 Meter hohen Sonnenblumen sehe ich dicke Kürbisse und Kohlrabi, Bohnen hangeln sich an einem Lattenrost, der als Balkonbrüstung dient und vor dem Eingang zum Gartenhäuschen hat der alte Mann einen Tisch an seinen Beinen einzementiert und die dicke grüne Ledercouch dahinter scheint sagen zu wollen: He, der Tee ist gleich fertig- setz dich.

Es ist schon belustigend, wie mitten in der Großstadt ein alter Mann eine Lücke im Gesetz erkannt hat und hier sein Paradies, seine Robinsonade auf Erden hat. Der Alte dreht sich seine Zigarette, zwei Touristen lassen sich mit ihm fotografieren, ich bleibe stehen und schaue belustigend zu. So ein sympathischer Anarchist… Hinter der halbgeöffneten Laubentür hantiert seine mit Blumenkopftuch behütete Frau und es summt ein Gaskocher… Es ist still auf der Straße. Mittags zwei Uhr, da ruht das Leben für eine kurze Zeit. Mittagsschläfer haben die Fensterläden geschlossen und der Kindergarten seine bunten Vorhänge. Ich möchte irgendwie verweilen in diesem Moment. Die Zeit anhalten. Lachen und Weinen zugleich. Ein unbekanntes Gefühl ergreift Besitz von mir…ich kann nicht einorden, was es mir sagen will. Alles kommt so dicht an mich heran, das ich es mit den Händen greifen könnte- sogar das gelbe Licht ist voller Gestalt. Es wirft Schatten und tanzt zwischen den Büschen und Häusern.

Hinein in das Haus, welches mit Kunstwerken und begehbaren Museumsräumen zum Verweilen einlädt… in den Gängen hört man Kinder Klavierspielen üben und über endlosen Flure gelangt man zu Werkstätten und Ausstellungen.

Die Welt und die Dinge sind da. Jemand macht Fotos, andere durchqueren Straßen, andere zeichnen und wieder andere ziehen eine Spur hinter sich her wie ein roter Faden…Alles, was man sieht und wahrnimmt, findet Platz im Menschen. Man malt sich seine eigenen Bilder in der Galerie der Erinnerungen und es scheint , je dicker die Schicht Farbe auf den Fantasiebildern ist, um so durchsichtiger wird das Leben, umso mehr durchschaut man sich und die Sehnsucht nach der Welt, die man noch nicht entdeckt hat.

Und diese Welt kann wirklich bei jedem nur einen Straßenzug weiter liegen.

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1. Juni 2014

türme? nEIN ! türen


 

 

Türme? Nein, Türen!

 

Der Mensch ist ein fremder Ort. Er ist der Turm von Babel , der zwar hoch hinauf ragt und weithin sichtbar im Gedächtnis der Menschheit als geflügeltes Wort beheimatet ist , der aber auch als Synonym für Unverständnis und Sprachgewirr steht. Der Mensch als Raum, als Gefäß für die Sprachen der Welt, für die Kulturen der Welt…

Beim Blättern in einer Museumsbuchhandlung entdeckte ich zufällig das Bild vom Turmbau zu Babel , die Sprachverwirrung von Gustave Dorè , dessen Bilder und Illustrationen immer einen Hauch von Science-Fiction haben und das, obwohl er aus einem ganz anderen Jahrhundert stammt als die, die sich gern seiner Bilder bedienen.

Vor dem wolkenverhangenen konischen Turm von Babel richtet sich in fast verzweifelter Pose ein Mensch auf, der mit den geöffneten Händen den Himmel anzuflehen scheint.

Ich war und bin immer sehr weit entfernt von mystisch-verklärten , biblischen Darstellungen, aber unter dem Blick, sie als Allegorie zu erkennen, die der literarischen Metapher gleich, gerade DURCH das „anders umschreiben “ die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, blieb ich bei diesem Bild nachhaltig berührt.

Der Bogen spannt sich hier zu einem Samstag 2008 , als ich mit Kindern und Jugendlichen ein Museum besuchte Es war die Ausstellung von Candice Breitz, die sich mit dem Starkult Jugendlicher auseinander gesetzt hat und auf sehr eindrucksvolle Weise reflektiert hatte . Nach dem Besuch ist eigentlich vor dem Besuch, denn wie auch beim Lesen öffnen sich plötzlich geistige Türen und Schleusen und ehe man sich versieht , plante man schon den nächsten Besuch, das nächste Buch, die nächste Ausstellung.

Nach der Ausstellung gingen wir ins Café und das Postkartenbild legte ich auf den Tisch.

Dieser kurze Absatz ist für Euch Lesende schon ein babylonische Sprachgewirr? Was hat Dorès Bild mit Starkult zu tun und wieso sind biblische Themen in der Malerei mitunter wie eine Eintrittskarte zu sich selbst ?

Ich versuche es auf einen Nenner zu bringen. Beim Betrachten des Bildes fiel mir ganz spontan das Wort „Identität“ ein .

Wie die Geschichte um den Turmbau von Babel zustande kam, kennt eigentlich jeder… Zur auffrischenden Erinnerung die Kurzfassung: … die EINE Sprache, die bis dahin alle Völker sprachen, zerfiel in 70 Sprachen und alles, die sich vorher mühelos verständigen konnten, wurden der gemeinsamen Sprache beraubt.

Breitz‘ Ausstellung: zusammengetragene Aufzeichnungen von nachgestellten und nachgesungenen Songs von Popstars durch jugendliche Fans : … wie eine Suche nach der verlorenen Identität, wie das Vergessene noch vergessener machen, wie das Daherschenken seiner selbst zugunsten einer fremden Identität.

Identität ist Heimat ; so wie ich diese Verlorenheit des flehenden Menschen auf dem Bild von Dorè deute, ist es nicht nur der Schmerz über den Verlust der Sprache, sondern auch der Schmerz um den Verlust der Heimat, die den Menschen offensichtlich als kollektives Erinnern oder kollektives Gedächtnis bis heute prägt . Identitätssuche, Identitätsfindung geht doch immer einher mit Sprache.

Im Gespräch mit den Jugendlichen über die Problematik von Starkult, über die Selbstaufgabe bis hin zur Starhysterie zu Gunsten von Fanclubs etc. , spannte sich ohne weiteres Zutun der Bogen bis hin zu diesem Bild , welches im Caféhaus auf dem Tisch lag.

Ich nahm im Gespräch keinen großen Bezug auf die Genesis, weil es mir in diesem spontanen Miteinander weniger um religiöse Malerei als um Selbstentdeckung, Selbstfindung und Selbsterkenntnis von Teenagern ging.

Ja, man kann sehr gut erklären, dass wir alle „fremde Orte“ sind. Wir alle sind ein Stück vom Turm , sprachverloren, ständig auf der Suche nach dem Ich, nach dem, was uns ausmacht, nach dem, was uns miteinander verbindet und uns ähnlich macht.

Nicht selten stürzen wir uns ins Sprachgewirr und versuchen, die Worte zu entziffern, zu verstehen und selten will man sich eingestehen, das man NICHT so weit ins Gedächtnis der Menschheit zurückgehen kann, um ALLES zu begreifen, was die Einzigartigkeit eines jeden einzelnen ausmacht. Nicht selten müssen wir uns damit zufrieden geben, wenn wir uns selbst manchmal nur ansatzweise verstehen können.

 

Der Mensch ist ein fremder Ort , und es lohnt sich, ihn aufzusuchen, ihn zu bereisen. Wie ? Redet miteinander ! Auch wenn der Schatten des Turm von Babel auf Euch fällt. Auch wenn man dreimal nachfragen muss… Auch wenn man eine andere Sprache lernen muss. Sprecht miteinander! Und vielleicht ist eine Postkarte oder ein Lied der Anfang dazu.

MAR 

 

 

 

2. Juli 2012

BLEIB treu

Filed under: kurzgeSCHICHTen, WEGkreuzungen — Schlagwörter: , , , , , , — silkandpaper @ 3:50 PM

lotti-brief.jpglotti-foto.jpg 

Immer, wenn ich unterwegs bin , werde ich innerlich hellwach .

Es ist so, als würde ich durch imaginäre Labyrinthe laufen, die ihre geheimnisvollen Wege auf meinem Spaziergang meinem Weg anpassen wollten; so als sollte ich da oder dort „anecken“ um aufmerksamer zu werden.

Spazierengehen ist für den einen das ziellose Laufen , für den anderen ein Bummel mit gezielter Neugier, die Menschen zu beobachten… auch , um irgendwie „Platz zu nehmen“ in dieser bewegten Welt an einem Wochentag mitten in Berlin.

Nach langer Zeit bin ich wieder einmal durch Charlottenburg gelaufen…herrschaftliche Häuser, Gedenktafeln , gepflegte Cafés, S-Bahnbögen mit Nobelgeschäften…. Flatterhaftes herbstliches Wetter war an diesem Tag…Die Sonne flirtete mit dem Glas in den Fenstern , das Licht auf den vielen Scheiben reflektierte und baute sich ein Prisma in der durchsichtigen Luft …doch sobald man sich einer Strassenecke näherte, wehte ein kalter Wind um die Ecke, so das ich den Mantelkragen hob, um mein Gesicht darin zu verbergen.

Der erste wirklich kalte Tag nach diesem goldenen Oktober. Ich hatte mich mit einer guten , alten Freundin getroffen , die hier in der Nähe wohnte.

Mommsenstraße, Sybelstraße, Leibnizstraße…ein vertrautes Viertel – da wo ich früher Lotti Huber begegnet war, als sie mit ihrem Einkaufsrolli wie jeder andere auch durch den Supermarkt spazierte ,und auch bei Strassenfesten sie auf der Bühne stand und mitfeierte. Ich erinnere mich immer daran, wenn ich mit dem Bus durch die Straße fahre – und ich sagte zu mir selbst, das ich doch noch mal die Briefe von Lotti durchlesen sollte, die hier zu Hause in einer Schachtel zwischen all den Fotos und Papieren liegen. „Ja, ja, ja…“ so flog mir gestern ihre Schrift entgegen, als ich ein altes Foto von ihr fand.

Diese Aufforderung zum bedingslosen SEIN macht mich nach all den Jahren immer noch glücklich und vor allen Dingen sicher, daß Leben gelebt werden sollte und nicht, daß unvorhergesehene Geschehnisse im Leben eines Menschen dieses unbändige und wundervolle Leben festkettet, anbindet oder dem Gleichklang einer gelangweilten Zufriedenheit unterordnet.

Mit den Gedanken an Lotti laufe ich weiter und sehe weder rechts noch links. Ich laufe einfach so wie ein Mensch im Dunkel, der den Heimweg kennt … fast wie in Trance überquere ich Straßen und lasse alle Geschäfte, Cafés, Goldschmieden und Weinläden links liegen. Es ist nicht einfach, sich von einer Minute zur anderen aus dem Leben und aus der Erinnerung eines Menschen davonzustehlen. An diesem Montagmorgen ist es auf den Straßen nicht still. In dieser Gegend gehören die Straßen den Touristen , die im Literaturcafé oder im Kollwitz-Museum verweilen möchten. Der Kurfürstendamm ist bevölkert von Menschen, die in dieser Stadt nicht zu Hause sind; Menschen, die mit aufgerissenen Augen und verzweifelten Gesichtern ihren Stadtplan studieren, immer in der Sorge, sich zu verlaufen…

“ Könnten Sie mir weiterhelfen?“ Ein Frau mittleren Alters klammerte sich an einem Stadtführer fest und wußte nicht mehr weiter.

Sie suchte die Bleibtreustrasse, ein Café, dort habe sie sich verabredet. Für mich eine willkommene und heitere Unterbrechung meines Spaziergangs und ich änderte meinen Weg ein wenig ab , um die Frau bis zum Café zu begleiten. Natürlich hätte ich auch einfach den Weg erklären können, aber ich war selbst schon lange nicht mehr in der Bleibtreustraße gewesen. Früher hatte ich dort immer die Kinder meiner Freundin aus der jüdischen Grundschule abgeholt. Heute ist die Grundschule längst anderswo und das Eisentor wird nicht mehr von Polizisten bewacht wie damals… Es ist eine Erinnerung, die mich immer beklommen machte…

Erleichtert stimmt die Frau meiner Begleitung zu: so könne sie pünktlich sein, sich nicht verlaufen und vor allem mit einer Berlinerin schwatzen. Ich erzählte ihr kurz, warum ich in Gedanken versunken war und sie hörte aufmerksam zu. Ja, sie könne sich an Lotti Huber erinnern, die verrückte, alte Dame aus dem Fernsehen…Beneidenswert, wie Lotti in ihrem Alter so witzige und auch frivole Statements im Theater zum besten zu geben konnte.

Ja, sagte ich ihr. Dieses „verrückte“ Leben macht doch , daß wir wach bleiben , daß wir offene Augen haben und den Mut , immer wissen zu wollen, was hinter dem ganz normalen Wahnsinn des Lebens steckt…

Wer will das nicht: einmal ausbrechen aus Normen und einmal sein eigenes Ich wirklich sehen können, bizarr und absurd Erscheinendes als völlig normal und gleichberechtigt in sich erkennen. Manche können das zu einer Lebensmaxime machen, andere können nur Momente ihres Lebens für diese Verrücktheiten offen halten. Ja selbst, daß ich sie , diese Frau bis zum Café begleitete , ist auch außerhalb des Normalen… Die Regel wäre, das man einem Fremden den Weg erklärt, und nicht unbedingt, daß man bis vor die Tür begleitet wird… Liebhaber mal ausgeschlossen…

„Ja“ sagte sie. Und lachte. “ Tun Sie oft solche Dinge? Daß Sie ihren Weg ändern oder solchen Gedanken nachhängen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ab und zu , wenn die Zeit es zulässt und ich das Gefühl habe, das es mir auch Freude machen würde…“.

Wir biegen in die Bleitreustraße ein und plötzlich blätterte mein inneres Erinnerungslexikon viele Seiten vor und zurück. Ich schaue die Frau an. “ Kennen Sie Masha Kaléko, die Dichterin ?“fragte ich . Sie schüttelte den Kopf . „Tilla Durieux, die Schauspielerin ?“

„Nein , warum fragen Sie, ich bin nicht aus Berlin, ich kenne diese Namen nicht“ … Ich fände es schade, sagte ich ihr, das sie nicht in ihrem Reiseführer vermerkt hatte, wer alles einmal hier in dieser Straße gelebt hatte. Ja, nicht nur diese Straße, der ganze Bezirk ist ein Geschichtsbuch : Nathan Zuntz, Begründer der Luftfahrtmedizin, ein paar Strassen weiter lebte Adele Sandrock, in einer Querstrasse weiter war das Zuhause von Hedwig Courths-Mahler… “ Ja, die kenne ich“ ruft die Frau… „meine Mutter hat so alte kitschige Bücher von ihr“…. „Else Ury, die Nesthäkchen-Autorin wohnte fast nebenan. Friedrich Spielhagen, der Schriftsteller , Karl Walser und Robert Walser, wenn Sie ein paar Straßen weiter laufen in Richtung Kaiser-Friedrichstraße…

Harro Schulze-Boysen, der Widerstandskämpfer, Artur Schnabel, der Komponist, Joseph Roth, der brillante Journalist, Christian Morgenstern, Murnau, der expressionistische Filmemacher, Irmgard Keun, Schriftstellerin Alfred Kerr und Georg Heym, Schriftsteller, Lilian Harvey, Schauspielerin , Rudolf Diesel, der Erfinder, Gerhart Hauptmann, Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger; am Kurfürstendamm war die Berliner Secession beheimatet, zu der u.a. Max Klinger, Ernst, Barlach, Käthe Kollwitz, Lovis Corinth, Max Liebermann, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Modersohn, Edvard Munch , Heinrich Zille, Lesser Ury gehörten …“

Wir bleiben stehen. Das Bistro Lubitsch war erreicht. Dort wollte sie sich treffen, die Frau, die Berlin nicht kennt und aus dem Staunen nicht herauskommt, auf welchem interessanten Pflaster sie sich bewegte. Das Bistro war noch halbleer. Ihr Begleiter stand auf, umarmte sie , nickte mir freundlich zu . Meine nicht geplante Reise war hier zu Ende. Die Frau war pünktlich und ich könnte einfach weiterbummeln , meinen Gedanken nachhängen…

Aber ich konnte es nicht. Mitten auf dem Weg blieb ich stehen . Ich hatte ein paar Tränen in den Augen. Es ist merkwürdig, denke ich. Hier in dieser Straße sind so viele Läden, die alte Möbel verkaufen, Buchläden mit antiquarischem Bestand… Hier in dieser Straße leben Menschen, die sich gern im Gestern einrichten, die gern durch Rundbögenfenster auf die Straße schauen, ohne vielleicht zu ahnen, wie dicht sie an ihrer Geschichte und an der Vergänglichkeit dran sind.

So viele Menschen , die ihre Stadt verlassen mußten , damals…. und alles was blieb , sind weiße Tafeln auf bröckelnden Fassaden. Die Bleibtreustraße… Der Straßennamen gibt mir den Impuls, über die Worte „bleib treu“ nachzudenken. Ich fühle mich plötzlich wie ein Verräter. Ich war so lange nicht mehr in dieser Straße, in diesem Viertel. Früher, als ich noch am Lietzensee wohnte, bin ich oft zur Uni gelaufen, und es war damals so, als wollte ich jedem , der einst hier lebte sagen : ja, ich habe Euch im Blick, ich habe Euch nicht vergessen. Eure Namen , die blau auf weißem Porzellan sichtbar sind… hier lebte einst, hier wirkte einst…hier war zu Hause….Man sagt sich so oft, alles sei vergänglich. Ich fragte mich in diesem Moment selbst, wo geht denn DAS , was alles vergänglich ist, hin? Wo ist das Zuhause der Vergänglichkeit? Als ich hier noch lebte, war dieses contemporäre Zeitgefühl dieser Straße ein Teil meiner Gegenwart. Bin ich meiner vergangenen Gegenwart treu geblieben?

War ich tatsächlich hier zu Hause? Habe ich die Vorstadtzüge auch so flink, so modern und so laut empfunden wie Masha Kaléko? Habe ich damals wahrgenommen, was so selbstverständlich meinen Alltag bestimmte?

Damals bin ich weggezogen. Im Gegensatz zu vielen der einstigen Bewohner habe ich das freiwillig getan. Ich habe meinen Namen und meine Erinnerungen natürlich mit mir mitgenommen. Jetzt und heute muß ich wissen , daß es die vergangene Zeit ist, in der ich mich in diesem Augenblick befand.

Ich sehnte mich nach dem Dort , wo ich heute lebe… Das geht sicher vielen Menschen ähnlich; wenn man weint, will man das nicht öffentlich tun, sondern zu Hause sein. Geborgen.

Mit diesen Gedanken steige ich in die S-Bahn und fahre nach Hause. Vorbei an Brandmauern alter Häuser, am neugotischen Haus am Bahnhof Zoo, am Tattersall-Haus, dort wo früher die Comedian Harmonists geübt haben und das letzte Mitglied aus dieser berühmten Gruppe grandioser Künstler noch bis zu seinem Tod seine Abende im „Diener“ verbrachte, ein altes Berliner Künstlerrestaurant; am Theater des Westens, an der Gedächtniskirche…

Bleib treu… was will diese Straße mir mitgeben? Wem oder was soll ich treu bleiben ? Ich schaue hinaus in den herbstbelaubten Tiergarten, vorbei am Grips-Theater, der Hansa-Siedlung, vorbei an meiner alten Galerie, vorbei an der alten Akadmie der Künste … vorbei am neuen Hauptbahnhof, der mich erschreckt und zugleich anzieht, linkerhand die alte Charité, die Friedrichstraße mit dem Admiralspalast, hindurch durch die Museumsinsel. Ich blicke in halbverhangene Fenster des Pergamonmuseums , und im Vorbeifahren erhascht mein Blick einen Arm aus Marmor.

Bleib treu bleib treu bleib treu , rattern die Schienen der S-Bahn. Ich atme auf . Alexanderplatz. Hier muß ich umsteigen. Hinunter in den Untergrund. Hinein in die U-Bahn. Bleibtreustraße… Warum spukt sie mir immer noch im Kopf?

Hier in meinem neuen Stadtviertel stehen auch noch viele alte Häuser. Und auch dort gibt es einige weiße Tafeln mit blauer Schrift. Auch dort gibt es Geschichten von Menschen, die ihre gelebte Zeit unsichtbar über mich ausbreiten. Es wird Zeit, das ich mit anderen Blicken durch die neuen Straßen gehe.

Auf vielen Spaziergängen durch mein neues Viertel fallen mir eigentlich völlig andere Dinge auf.

Ich sollte lernen, meine Liebe und Treue zu ihnen zu entwickeln…

Auch diese Vergänglichkeit sollte es wert sein, wahrgenommen zu werden.

Ich sollte mit meinem Notizblock mal wieder in einem Café sitzen und nach Worten suchen, die es noch nicht gibt… Warum nicht, sagte ich mir im Stillen. Steig hier aus, an der Gneisenaustraße, geh zu den Sarotti-Höfen. Da sitzt man nett und man kann stundenlang ohne gestört zu werden , schreiben und lesen.

Plötzlich muß ich lächeln, während ich die Treppen des Bahnhofes hinaufsteige. Bleib treu. Bleib DIR selbst treu… Und während ich mir den Kaffee bestelle und nach meinem Schreibheft greife , sage ich leise wie Lotti ja,ja, ja…. ich bin mir treugeblieben. Auch wenn es für manche unverständlich ist, das ich Charlottenburg und Tiergarten hinter mir gelassen habe. Das ist eigentlich nicht wichtig , was andere davon halten Ich bin ich selbst. Mitten im Großstadtdschungel lebe ich mein verrücktes Leben. Ich bin der Vergangenheit und den Erinnerungen treu und auch meinem Heute .

Wer mag, kann daran teilhaben. Denn auch denen, die mich auf meinen Wegen begleiten, bin ich treu. Bleib treu…

…in Erinnerung an Lotti Huber

Copyright MAR 2007

17. Januar 2010

Filed under: DER mensch als fremder ORT, wahrNEHMungen — Schlagwörter: , , — silkandpaper @ 1:40 PM

Es war dunkel. Trotzdem kniff ich die Augen zusammen, so als würde ich in einem gleisenden Licht stehen. Ringsum war Stille. Es war wieder mal so eine Nacht, wo ich nicht schlafen konnte und anstatt mich unnötig von einer Seite zur anderen zu drehen, das Bett verlies und nach draussen ging. Ich war zu faul, mich umzuziehen und so streifte ich nur eine warme Hose über und einen dicken Pullover. Im Korridor hing noch der Anorak, den ich meist nur trug, wenn ich zum Supermarkt ging- große Taschen, dicke, gemütlich, waschbar ( für den Fall, das mal wieder der Joghurt ausläuft) . Im Treppenflur machte ich kein Licht und schlich mich hinunter. Eine Wand aus kalter Luft und winzigen ,gefrorenen Wassertropfen schlug mir ins Gesicht. Die drei Stufen , die zum Eingang führten, schimmerten bläulich und ich sah trotz zusammengekniffener Augen, wie sich der Schnee verharschte und als Eisskulpturen, winzig klein, auf den Stufen liegenblieb. Ich machte einen großen Schritt, um diese Kunstwerke der Natur nicht zu zerstören. Das Gartentor schloss sich leise quietschend hinter mir und stand auf der Straße. Über mir war alles tiefblau, fast schwarz; man ahnte schon den nahenden Morgen, aber wenn die Wolken sich in dicken dunkelgrauen Ballen unter das Firmamant schoben, war es , es schwabbte schmutzige Tinte in einem großen, gläseren Behältnis und wenn man Glück hatte, sähe man das grüne Glas. Die Nacht schrieb ein Gedicht in den Himmel über mir. In meiner nächtlichen Einsamkeit war ich ein guter Zuhörer und ich begann leise vor mich hin zu summen. Hinter mir raschelte es und und ich hörte einen leisen Atemzug und ein rhythmisches zartes Klopfen. Etwas stiess an mein Bein und ich sprang zur Seite. „Hallo?“ Eine Männerstimme fragte noch einmal: „hallo?“ Und dann krachte es laut neben mir. Seit Wochen habe ich Bauarbeiter vor dem Haus und der Gehweg war nur zur Hälfte begehbar. Die rot-weißen Absperrungen, die nur aus Plastik sind, hielten meinem Gewicht nicht stand und ich fiel mit ihnen mitten in den gefrorenen Sand. „Hallo?“ Eine Hundeschnauze , ein hechelndes Geräusch und dann beugte sich der Mann über mich. Die Hände suchten umständlich, wo er mich zu fassen kriegen könnte und packte dann den Ärmel . Als ich endlich stand, fragte die Stimme, ob ich mich verletzt hätte und was in Gottes Namen ich um diese Zeit alleine auf der Straße sei. Ich konnte das Gesicht des Mannes erkennen; es war der ältere Herr, der immer Parterre am Fenster hockte und auf die Straße blickte. Jeden Tag, fast immer. Manches mal nahm er Pakete für mich an und die reichte er immer gleich durchs Fenster, wenn ich sie abholte. Ich fand es nett, dass er mir den Weg zur Post ersparte, aber trotzdem war er irgendwie immer etwas abweisend, fremd oder gar abwesend, wenn ich ihm den blauen Zettel hinhielt, den der Postbote hinterlegt hatte. Ich sah diesen Mann das erste Mal auf der Straße. Erleichtert lies ich es ihm wissen, dass ich froh bin, dass ein Nachbar mich hier von der Straße aufhalf. Ich wagte nicht laut zu sprechen, denn gleich über meinem Kopf befand sich das Fenster der Erdgeschoss-Mieterin. Es war Nacht und als wolle ich das Poltern der Absperrung ungeschehen machen, flüsterte ich nun leise. Ich bedeutete dem Mann, dass ich spazieren ginge, weil ich nicht schlafen kann und da ich gerne den nächtlichen Himmel sähe, würde ich des öfteren diese stillen Stunden geniessen., „Wie sieht denn der Himmel aus“, fragte er mich. „Da, schauen Sie! Wie eine große Marmorplatte mit vielen dunklen Äderchen, und diese zwei, drei Sterne, die man durch die Wolkendecke schimmern sieht“ . „Wird es schon hell?“ Er streckte die Hand aus und zog seinen Hund etwas zu sich heran. Er tätschelte ihn und sprach leise und zärtlich auf ihn ein. “ Nein“ , sagte ich. „Nein, Man sieht doch kaum die Hand vor Augen“ , und wie man doch sieht, brenne bei niemandem Licht. Es ist vielleicht 4 Uhr . Ich spürte, wie die Kälte unter meine nur kurz übergestreifte Hose kroch und meinte zu ihm, dass ich lieber wieder ins Haus ginge. Vorher aber wollte ich schnell wissen, wieso er so spät den Hund ausführe. Er lachte kurz auf. „Ich führe nicht den Hund aus, der Hund führt mich aus,“ Und im gleichen Moment bemerkte ich in einem kurzen Moment im Licht der alten Straßenlaterne, das er blind war.

MAR

26. Januar 2008

Wenn Perutz, Nietzsche und Platon MIT mir morgens U-Bahn fahren


alter-mann-in-u-bahn.jpg

………..Ruhe bewahren
bei Rauch-und Brandentwicklung
Auszusteigen während der Fahrt kann lebensgefährlich sein !………….

Meine  Berliner U-Bahn…
Auch im neuen Jahr ersetzt sie mir die Mitnahme dicker Bücher, Schlachtschinken zwischen Perutz Die 3. Kugel, Nietzsche’ s Menschliches, Allzumenschliches und Platons Phaidon.

Na ja, die gibt’s zwar schon in Reclam-Ausgaben und passen eigentlich in meine Manteltasche, aber der Inhalt zieht doch schon eine große Beule in die Manteltasche … und man will ja nicht immer das ganze Kulturwelterbe hinter sich herschleifen.

Wenn ich früher mehr auf Virtuelles achtete, oder auch die Plakate betrachtete, die mich zu Fernreisen und zu phantastischen Abenteuern einluden, so habe ich mich heute an einem Schild verfangen, welches in jeder U-Bahn in mehrfacher Ausfertigung hängt und die Menschen auffordert, bei unvorhergesehenen Situationen die Ruhe zu bewahren.
Gleich neben dem deutschen Text ist auf Englisch und Französisch die Verständigungsschwierigkeit von vornherein ausgeschlossen. Die Zweitsprache in Berlin, Türkisch. Fehlt leider.

Heute war die U-Bahn nicht so sehr voll, ich glaube, es sind noch Ferien und da geht es ruhiger zu. Trotzdem hatte ich keinen Sitzplatz.
Ich hielt es mit Perutz und einem abgewandelten Titel: ne ruhige Kugel schieben…
Schwieriger würde es mit Nietzsches Werken werden, dachte ich. Menschlich, ja allzu menschlich wäre es jetzt, jemandem am Jackett hochzuziehen, dem meinen Ausweis unter die Nase zu reiben und mich dort hinzuplumpsen. Da ich aber über eine gute Erziehung verfüge, übte ich stille Toleranz und dachte mir einfach: wer weiß, wie müde dieser Mann ist- lass ihn einfach noch ein bisschen in den Tag hineinschlummern. Und so geht mein Blick, der sich sonst im Dunkel der U-Bahnschächte verliert, zur Anzeigetafel. Dort steht:

Ruhe bewahren
bei Rauch-und Brandentwicklung
Auszusteigen während der Fahrt kann lebensgefährlich sein

Verlassen der U-Bahn während der Fahrt kann lebensgefährlich sein. Ich lese death and serious injure und lande bei Platon, der ja bekanntlich von mehr als nur von der platonischen Liebe sprach. In Phaidon geht es um den Tod von Sokrates.
Ich erinnere mich an Textpassagen, die mehr oder weniger aufgepeppt so manchem Politiker gut zu Gesicht stünden oder auch den Menschen auf der Straße würde ich gern zurufen: lest die Klassiker. Übt Euch im Allzumenschlichen und lernt, mit der Zeit, die Euch gegeben ist, gut umzugehen. Das man Erinnerungen der Vergangenheit, sei es der letzteren oder der ganz weit zurückliegenden, einen größeren Stellenwert zugestehen sollte.

„wenn jemand irgend etwas sieht oder hört oder anderswie wahrnimmt und er dann nicht nur jenes erkennt, sondern dabei noch ein anderes vorstellt, dessen Erkenntnis nicht dieselbe ist, sondern eine andere, ob wir dann nicht mit Recht sagen, dass er sich dessen nicht erinnere, wovon er so eine Vorstellung bekommen hat?“

Natürlich erinnert man sich nicht bewusst an den körperlichen Tod, das ist eine Erinnerung, die dem Unsterblichen zukommt, wohl aber sterben wir doch im Alltag viele kleine Tode.
Sei es, wenn wir verlassen werden, sei es wenn wir verlassen, sei es, wenn wir Schluss-Striche ziehen unter Begebenheiten, die uns den Lebenssaft ausgesaugt hatten. Wir bestimmen selbst, wo und wann der „Tod“ einsetzen soll.
Was hat das mit dem Schild in der U-Bahn zu tun, fragt Ihr Euch sicher. Es ist doch logisch, dass man nicht aus der fahrenden U-Bahn in einen dunklen Tunnel springt, ohne nicht zu wissen, was einem da erwartet.
Und doch sehe ich in den Gesichtern der Umherstehenden, das sie sich gar nicht im Klaren sind, das ein Schild sie auffordert, sich vor Gefahr zu schützen.
Wie der Baum auf dem Berge vom Nietzsche in meinem Gedächtnis verhaftet, der dem Sturm der Erinnerungen standhalten kann, weil er die Erinnerung an Winde verinnerlicht hat , oder so wie Platon, der sich selbst als Abwesender in seinem klassischem Werke verewigt hat.
So , als wolle er in seinem Werke , was er denke als Philosoph ( als Mensch) und dem und dem, wie er handele ( als Allzumenschlicher) , die Gegensätzlichkeit und Gleichzeitigkeit aller wesentlichen und elementaren Lebenssituationen gerecht werden. Elementar ist in meinem Moment die fahrende U-Bahn, fast ein Synonym für bewegendes Leben. Einsteigen, Losfahren. Anhalten. Aussteigen. Seines Weges gehen. Na ja, fast so. Im wahren Leben ist nach dem Aussteigen erst einmal Schluss. Es sei denn, wir halten es wie die großen Philosophen, die im Werden und Vergehen mehr zu sehen bereit sind, als wir U-Bahn-Gäste morgens um acht Uhr.

„Es ist nämlich dieses, dass nicht nur jenes Entgegengesetzte selbst sich einander nicht annimmt; sondern auch alles das, was einander eigentlich nicht entgegengesetzt ist, doch aber das Entgegengesetzte immer in sich hat, auch dieses scheint jene Idee nicht annehmen zu wollen, die der in ihm wohnenden entgegengesetzt ist, sondern, wenn sie kommt, entweder unterzugehen oder sich davonzumachen.“

………………….

Die U-Bahn fährt in den Bahnhof ein. Sie bremst leicht ab und noch in diesen Minuten werden die Türöffner betätigt und die ersten Ungeduldigen springen aus dem noch langsam fahrenden Zug.
Man möchte meinen, das es die Jüngeren wären, die sich dem wagehalsigen Manöver hingeben- nein, es ist der ältere Mann, der nun stolpert und sich das Knie aufschlägt. Ursache und Wirkung liegen so dicht beieinander. Hätte er nicht einfach eine oder zwei Sekunden warten können? Sich ein Bild machen vom Bahnhof, die Stolpersteine wahrnehmen , die nassen Steine, auf denen man ausgleiten kann, oder die Bananenschale sehen, die ihm nun zum Verhängnis wird…

Sicherlich kann man nicht sagen, das Platon oder Sokrates diesen Mann vor einem Sturz bewahrt hätten, wie gesagt: Nietzsche würde es anders sehen, oder Hegel, oder Kant.
Die Ideen, die kluge Menschen in dicke Bücher verpackt haben, oder sagen wir die Quintessenz einiger wesentlicher Erfahrungen prangen schwarz und rot auf einem kleinen Schild neben der U-Bahntür.

Das Prinzip der Teilhabe , der Anwesenheit und der Gemeinsamkeit
kann man gut in 20 Minuten Fahrt beobachten. Relationen . So ist die Größe der Gefahr beim Herausspringen aus der U-Bahn relativ.
Obwohl Menschen doch vernünftig sein sollten, so unvernünftig erscheint es den Mitfahrern in der U-Bahn, dass der Mann trotz wissender Gefahr aus dem Wagen springt ….

Allerdings, so gesteht Sokrates uns Menschen zu, kann man das Ausgeführte nicht mit Vernunft beweisen.

Meine U-Bahn ist wie immer ein metaphorischer Zwischenraum in einer realen Welt. Ich gleite mit meinen Gedanken und Ideen zwischen Draußen und Drinnen hin und her. Manchmal komme ich in Versuchung, eine Rekonstruktion von Zeitbildern oder Raumbildern oder Wortbildern in kleine Reiseberichte zu verpacken.

Ob das im Sinne der schon geschriebenen Werke ist, kann ich nicht einmal berücksichtigen, denn:

„Also dahin wendete ich mich, und indem ich jedes Mal den Gedanken zum Grunde lege, den ich für den stärksten halte, so setze ich, was mir scheint mit diesem übereinzustimmen , als wahr, es mag nun von Ursachen die Rede sein oder von was nur sonst, was aber nicht, als nicht wahr“

Es macht Spass, nachzudenken. Besonders, wenn man auf die Idee kommen sollte ,aus dem fahrenden Zug springen zu wollen.

20. Oktober 2007

wenn Männer in Bewegung kommen- oder warum braucht Man(n) einen Schirm ?


 

 

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Herrlich so ein Halbtagsjob!
Gut gelaunt trete ich hinaus aus der Tür und steuere der U-Bahn zu . Bahnhof Zoo. Lavazza-Stand . Schnell einen guten Espresso und hinein in den mittäglichen Verkehr. Touristen mit Rucksäcken und Stadtplänen strömen durch die Hallen…Kindergartengruppen und Schulklassen haben Knut gesehen und plappern wild durcheinander drauflos. Gut , daß ich den Espresso hatte, denn der gibt mir Gelassenheit. Und rote gesunde Wangen…

Ich krame in meiner Überlebenstasche, deren Inhalt alles andere ist, als wichtig zu sein scheint . Rechnungen, ausgedruckte Manuskripte, Photo-CD, Konto-Ausdrucke , Mobiltelefon, Bonbons vom vergangenen Jahr, Kaugummi, Haarklammer, Schnippgummi, ein welkes Blatt vom letzten Spaziergang, Deoroller, Parfum, Taschentücher, alt und neu….und endlich mein Buch, welches ich gerne in der U-Bahn lesen wollte. Eine schöne Geschichte, die ich da lese. Von einem Mann, dessen Frau verstarb und beim Aufräumen der Sachen Briefe fand, von ihrem Liebhaber. Der Überlegung nachgegangen, dass der Liebhaber auch wissen müsste, das die Frau verstorben ist, teilt er es dem Liebhaber mit; der wiederum glaubt, es sei die Frau, die ihm nach langer Zeit wieder schreibt , um ihm mitzuteilen, das sie nun tatsächlich für ihn gestorben sei ( sinnbildlich: laß mich in Ruhe…) Die Turbulenzen, die sich aus dem Briefwechsel ergeben, den sich beide Männer liefern ( der Liebhaber glaubt immer noch, es sei die Frau, mit der er korrespondiert) möchte ich der Leserschaft nicht wiedergeben. Das muß man selbst lesen ….

Es ist eine Welt für sich, in die man eintaucht, wenn man liest.
Mich amüsierte jedoch die Phantasie der beiden Protagonisten und ich dachte mir so, was Männer doch alles bewerkstelligen, wenn sie Dingen auf den Grund gehen wollen…Sonderbar, wie mutig und einfallsreich sich Protagonist Nr. 1 seinem Leben stellt, als er plötzlich erfährt, das er nicht der Einzige war…Ich liebe es , in Büchern von solchen Situationen zu lesen, werde von der wunderbaren Phantasie erfasst und ich fragte mich schon sehr oft, ob diese Geschichten nur Wunschdenken eines männlichen Autors waren ; ob der Wunsch, aus dem Allerlei des möglicherweise gelangweiltem Alltag einer 20-jährigen Beziehung auszubrechen, so dringlich wird, das man einen verflossenen Liebhaber der verstorbenen Ehefrau beginnt, gern zu haben, zu bewundern, ja sogar bereit wird, alles Bisherige in Frage zu stellen. Und sei es nur in der Erzählung…

So etwas kann nur in Büchern stehen; welcher heutige Mann kauft sich denn eine Fahrkarte und steht als Überraschung vor der Tür , wer reserviert denn heutzutage ein ganzes Lokal und bestellt einen Stehgeiger. Welcher Mann in diesem Alter des Protagonisten wagt es denn noch, spontan zu sein. Na, den will ich mal sehen!

Ich kicherte in mich hinein…und ich war erschrocken, als ich feststellte, das ich tatsächlich hörbar lachte…
Verstohlen schaute ich mich um. Zwei Reihen schräg gegenüber saß ein Mann , der sofort wegschaute, als mein Blick ihn traf. Er hatte mich offensichtlich beobachtet. So was mag ich eigentlich gar nicht. Aber was soll es… Ich las weiter. Doch die Ruhe war dahin. Der Mann beobachtete mich und ich spürte seine Blicke …Jedes Aufblicken in seine Richtung erschreckte ihn und das Handy wurde nun willkommenes Spielzeug in seinen nervösen Händen. Irgendwie belustigend.
Ok. Das Buch wanderte in meine Tasche zurück und ich schaute in das Dunkel des vorbeigleitenden Tunnels und sah wie in einem Spiegel gleich, wie er mich musterte…

Hermannplatz.
Wie immer stand ich im letzten Moment auf und sprang hinaus auf den Bahnsteig. Er auch. Aber das sah ich schon nicht mehr Es mußte fast im letzten Moment gewesen sein. Die Tür schloss sich . Die U-Bahn fuhr weiter.
In meinem Kopf setzte die normale hausfräuliche Geschäftigkeit ein. Ich nahm meinen Einkaufszettel und las: Waschpulver, Fotos abholen, Rohrreiniger, Shampoo… ok. Also sollte ich gleich zu Rossmann gehen… Alles andere um mich herum war ausgeblendet. Ich hatte nicht bemerkt, das dieser Mann wie ich die Rolltreppe benutzte, wie ich bis zum ersten Wagenhalt den Bahnsteig entlangging und mit mir in der gleichen U-Bahn weiterfuhr.
Meine Station – ich stieg aus . Stufe für Stufe spürte ich hinter mir einen Blick im Rücken. Das kennt man ja, wenn man fixiert wird, fühlt es sich so an, als würde man berührt werden.
Strassenmitte, Ampel, Rot. Ich wartete. Plötzlich sprach mich eine Männerstimme von der Seite an. “ Ich wollte Ihnen sagen, das Sie schön aussehen. Sie gefallen mir“. Ich schaue zur Seite und da steht dieser Mann. Ganz nah sehe ich seine dunklen Augen und das bisschen Angst darin. Die Falten in seinem Gesicht verrieten sein Alter. Mindestens 60 . Seine Sprache , der Akzent verriet auch seine Herkunft.
Ich knurre ihn an. „Danke“ und überquerte die Strasse.
Gut, das Rossmann gleich an der Ecke ist, denn dort bin ich gerettet vor Komplimenten auf der Verkehrsinsel. Ich kramte meine Fotos aus einem Berg von Tüten, verglich Preise von Waschmittel, sah Gummidrops, die mich einluden sie mitzunehmen- und aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen Schatten , der mich stetig verfolgte. Es war der Mann. Er folgte mir auf Schritt und Tritt und versuchte doch , unauffällig zu sein. Es war offensichtlich, das ihn mein Knurren auf der Strasse nicht getroffen hatte.
In der langen Reihe an der Kasse stand er hinter mir. Wieder versuchte er, mir zu sagen, das ich ihm gefiele, das mich die Baskenmütze gut kleide. “ Danke, und nun ist gut“ fauche ich. Er senkte den Kopf “ ich verstehe…“flüsterte er.

Betreten und verlegen greift er nach einem Regenschirm, der in der Nähe der Kasse zum Verkauf angeboten wird.
Draußen ist ein sonniger Tag. Und er sieht auch nicht so aus , als bräuchte er einen Regenschirm, denn aus der Jackentasche lugt der Knauf eines Minischirms…
Er zahlt schnell und ich sehe, das er sich plötzlich seiner Aktion bewusst wird . Er stürzte bei Rot über die Strasse und verschwindet wieder im U-Bahnhof. Sicherlich hatte er seine ursprüngliche Fahrtroute geändert und mußte nun schnell und möglichst ohne Zeitverlust nach Hause zu seiner Frau fahren …
Beladen mit allerlei Krimskrams schlenderte ich nach Hause. Warf die Waschmaschine an, schüttete den Rohrpuster in den Wannenausguß, legte die Fotos auf den Küchentisch und frage mich selbst, warum in aller Welt widerfährt mir so etwas immer in der U-Bahn . Nie bleibt da Zeit, sich auf Verrücktes einzulassen. Immer sind es (Weiter-) Reisende …Warum nicht im Cafe, oder im Kaufhaus, meinetwegen auch am Gemüsestand. Die Rolltreppe sowieso.
Muss sich denn ein Mann, der beherzt eine Frau anspricht , erst einen Regenschirm kaufen?
Muss er wohl, wenn er nicht im Regen stehen will.

18. Oktober 2007

wenn männer in beWEGung kommen…und sei es auf der rolltreppe


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Es ist wirklich jedes Mal am Morgen… ich schließe die Tür, nehme die Zeitung aus dem Kasten, kaufe mir ein Croissant, manchmal nehme ich noch einen Kaffee in der Bäckerei und dann komme ich in die Gänge.
Sprich, ich beginne meinen Tag.
U-Bahn-Fahrt. Das Zauberwort. Fast jeden Tag begebe ich mich in den Untergrund…in das diffuse Licht von spärlich ausgeleuchteten Bahnsteigen; platziere mich auf eine der Wartebänken aus den 30-ern und warte wie alle anderen, das sich ein morgendlicher Schwung einstellt.
Endlich. Der Luftzug kündigt an, dass an der Leinestraße der Zug abgefahren ist und meine 20 minütige Fahrt ins Glück beginnt.
Das Glück ist unbestimmt, wie alles im Leben… hier beschränkt es sich auf einen freien Sitzplatz.
Tür auf. Tür zu. Meine Augen schweifen umher. .
Heute habe ich es eilig- also besser, ich bleibe an der Tür stehen.

An der nächsten Haltestelle stürze ich hinaus, renne wie eine Verrückte zur Rolltreppe und will mich an den brav Wartenden vorbeischlängeln. Und schon ist es geschehen- ich trete einem Mann, der vor mir steht in den Hintern.
Wohlerzogen entschuldige ich mich. Er blickt zurück. Sagen wir es mal mit den Worten unserer aus der Türkei heimkehrenden Damen: er hatte wundervolle, dunkelbraune Augen. Schwarze Haare. Ein sehr gepflegtes Aussehen. Mit einem Wort : ein potentieller Askim! Und das nonplusultra : ein Türke! Als hätte er meine Gedanken lesen können, ging ein Lächeln über sein Gesicht…es schien, als käme Bewegung in sein Leben. Am Bahnsteig blieb er stets in meiner Nähe…noch einen Schritt näher, naja, und nun fragt er auch noch, was ich lese…. Ich wäre keine Frau, hätte ich nicht schon längst über den Zeitungsrand gelugt und belustigt festgestellt, daß er wohl zu überlegen schien , wie und was er anstellen könnte, um den letzten Schritt auf mich zuzumachen …

Die U-Bahn kam. Glück sah für ihn ähnlich aus, wie für mich. Ein Sitzplatz, nein zwei; einen für mich und einen für ihn selbst. Natürlich nebeneinander. Aber durch das Leben gut mental und geistig darauf vorbereitet , war ich mir sicher, er würde ALLES für mich tun. Alles, das war im Moment, einen Platz für mich zu ergattern, was morgens 8:30 am Hermannplatz nicht einfach ist. Das muss man wissen, wenn man sein Opfer richtig würdigen will…
Der gut aussehende, gut gekleidete Herr namens Adnan (den Namen verriet er mir beim Rüberstrecken seiner Hand) arbeitete, so verriet er mir, im türkischen Konsulat. Zumindest konnte ich ohne aufdringliches Verhalten zu produzieren sagen, das wir zumindest bis zum Ku’damm gemeinsam reisen. Binnen kürzester Zeit (aber das kennen wir ja schon) hatte ich das Gefühl, etwas ganz Besonders zu sein. In 15 Minuten wusste ich seinen Geburtsort, daß er im Juni dorthin fährt, daß er in der Leinestraße wohnt, daß er seit 10 Jahren in Deutschland lebt und ich muss sagen; das alles brachte er in einem akzentfreiem deutsch rüber. Ich war beglückt. So früh am morgen hatte ich keinen Nerv, Sprachakrobatik zu veranstalten. Ich liebe es, wenn der Tagesbeginn etwas dahinplätschert….

Eine wundervolle Visitenkarte wurde mir gereicht (es fehlte das Tablett, um vollkommen zu wirken). Eine Frage mit einem Augenaufschlag, der einem Omar Sharif zur Ehre gereicht hätte, folgte der Visitenkarte: sieht man sich denn mal? Wenn man doch quasi Nachbar ist…?

Jeder kennt das sicher. Das Herz raste, im Kopf kreisen merkwürdige Gedanken, der BH kneift nicht mehr, man sitzt aufrecht und setzt ein zuckersüßes Lächeln auf…. Hach! Ich habe seine Visitenkarte, ich habe seine Visitenkarte….
Ein Blick darauf und meine Freude war gedämpft…. Eine Handynummer. Kein Festnetz. So was mag ich nicht. Ach, das kann ich ihm ja am Sonntag sagen, wenn wir uns zum Kaffee treffen werden.
Die gepflegte Hand drückt die meine- er müsse nun aussteigen…cok güzel sind Sie, was für ein Zufall, das Sie ausgerechnet mich in den Hintern getreten haben…. ich bin so glücklich ….sprach er, und stieg aus.
Welcher Tag ist heute? Ich überlegte und in meinem Gehirn war nur noch Adnan-Montag, nein Adnan-Mittwoch…. Mittwoch! Meine Güte , noch 5 Tage bis Sonntag.

Zoologischer Garten…aussteigen… Rolltreppe rauf, Jebenstraße, Uni.
Zumindest meine innere Karte ist noch in Ordnung, ich finde den Weg zur Uni im Schlafe, besser gesagt, im Trancezustand…
Der Tag war herrlich, das Leben ist schön! Meine Bandscheibe war in einem versöhnlichen Einvernehmen mit mir… Sonntag , Sonntag jubelte es….

Der Sonntag kam. Herrliches Wetter. Ich bretzelte mich auf. Ein sorgfältiges , dezentes Make-up…. Nicht zu frivol. Nicht zu aufdringlich. Nicht zuviel nackte Haut. Nur ein bisschen, nur eine Ahnung…. Na ja, Frauen wissen was ich meine….

Treffpunkt Südstern… das ist wunderbar. Dort ist nur ein Aufgang. Da kann man theatralisch geschult die Treppen hinaufschreiten. Was will Frau mehr…

Bubum bubum… das Herz nahm jede seismographische Welle wahr, die dort oben vom Ausgang mir entgegenschlug.
Da stand er. Ein lachendes Gesicht. Ich schritt wie einer Königin gleich die Steinstufen hinauf. Was für ein ergreifendes Gefühl.
Noch eine Stufe und noch eine Stufe…

Adnan. Da stand er, in Jogginghose, ausgewaschenem Polohemd (mindestens 10 Jahre täglich durch die Waschmaschine getrudelt…) Turnschuhe… einen Rosenstrauß in der Hand.

Bum bum bu bu mmmmmmmmmmmm. Ich erstarrte. Gott sei Dank bin ich nicht vor Schreck umgefallen.
Das erste und einzige, was ich sagen konnte war: du bist Familienvater, hast dich Sonntagnachmittags von Frau und Kindern weggeschlichen, um angeblich mal kurz mit einem Freund ein Zigarettchen rauchen…

Sein Unterkiefer fiel runter, das Lächeln verschwand. Die Augen wurden plötzlich müde und leer.
Woher weißt du das…fragte er mich.
Na ja- Erfahrung …..

* das Kaffeetrinken fand statt und jeder ist seines Weges gegangen. Eine unvollendete Geschichte  

22. September 2007

der tag an dem ich erst das E und dann das I verlor…


Es ist Zeit, scheint der Wecker zu sagen. Und rasselt los. Müde und unlustig stehe ich auf. Es ist ein ganz normaler Werktag, der mit einem starken Kaffee beginnt und dem Rennen nach der U-Bahn.
Ich bin immer sehr glücklich, wenn ich das Schnurren der U-Bahntüren höre, denn das bedeutet für mich, das ich mich für 20 Minuten aus dem Zeitgefüge der Eile und der Hast ausklinken kann.
Es ist schon merkwürdig, wie sich die Wirklichkeit eines Tages verkleiden kann. Sie kommt daher als ein Kinderwagen, den eine noch schläfrige Mutter schiebt, als Mann, der die Zeitung hastig durchblättert, als junges Mädchen mit dem Kaffee to Go , als Wichtigtuer, der einen teuren Laptop auf seinen Beinen platziert…..keine Zeit! Immer in Eile! alles mit Tempo! So zeitmessend die Worte klingen, so unklar sind ihre Bedeutungen auch. Der Mensch und die Hast im Alltag, das ist fast untrennbar…

Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, als am Hermannplatz eine Frau einsteigt. Eine weiße Umhängetasche, die Träger teilen die schwarze Kleidung längs, wie ein großer Zeiger einer Uhr . Ich sehe kurz auf, registriere sie und will weiter vor mich hin träumen. Plötzlich höre ich ein Klicken. Stille. Wieder ein Klicken, und das in regelmäßigen Abständen. Meine Neugier lässt meinen Blick heben und der bleibt haften an den Händen dieser Frau. Sie hält eine runde, glänzende Stoppuhr in der Hand. Im Minutentakt drückt sie mit dem Daumen den Timer und das klickende Geräusch, so sehe und höre ich nun, kommt von dieser Mechanik. Das ist schon sehr eigenartig, denke ich. Ich sehe zum ersten Mal früh am Morgen jemanden mit der U-Bahn fahrend die Zeit stoppen!
Die Geräusche der Stoppuhr geben einen Takt vor, der mich ja eigentlich immer und zu jeder Zeit begleitet. Die lautlosen Minuten, die Stunden, die diese Minuten bündelt und die Tage, die sich aus diesen gebündelten Minuten zusammensetzt. Still und unsichtbar gleitet die Zeit an uns vorüber oder sie macht sich dann bemerkbar, wenn wir zu wenig von ihr zu haben scheinen. Klagend geben wir dann kund, das die Zeit verrinnt, entflieht oder irgendwo verschluckt worden sein muss, von einem Ungeheuer, das uns genau unsere Zeit stehlen will…


Ich frage mich, was wohl diese Frau bezweckt, das sie in einem fahrenden Zug die Zeit bemessen will , die doch außerhalb des Wagens im Tunnel an uns vorbeirast, während sie hier im Wagen träge und gleichbleibend ihre 60 Sekunden braucht , um wieder auf der Zwölf der Stoppuhr anzukommen.
Welche Art von Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit scheint sie hier zu demonstrieren? Muss sie denn pünktlich sein; irgendwo ankommen, wo Zeit plötzlich nichts mehr zählt, weil der Moment, auf den sie zu warten scheint, seit Ewigkeiten herbeigesehnt wurde…Wonach sehnt man sich am frühen Morgen?
Ich lasse die Frau erst einmal „ihre“ Zeit, ihre Stunden und Minuten zählen und wende mich wieder meinen Gedanken zu. Doch ich stelle fest, das es schon gar nicht mehr meine Gedanken sind, die ich vor wenigen Minuten noch hatte…. sie sind verflüchtigt und das, was von ihnen noch vorhanden ist, krallt sich beharrlich an den Moment, wie diese Frau die Zeit in den Händen hält. Eigentlich will ich es nicht so genau wissen, was in meiner fremden Weggefährtin vor sich geht, ich denke, sie hat ihre Gründe, warum sie dies macht, auch wenn diese sicher vielen absurd erscheinen mögen.


Auch ich muss ja pünktlich sein, muss mich dem Gefüge von gezählter Zeit beugen, muss mich sogar entschuldigen, wenn ich die Zeit vergessen habe, muss mich entschuldigen, wenn ich nicht einmal dafür kann, wenn ich mitten auf einer Strecke stehen bleibe, und mir die Zeit davonläuft… Sie läuft sogar so davon, dass ich es spüre, wie in mir eine Eile einsetzt, obwohl ich ruhig und fast gelassen aussehe auf meinem Sitz im Wagon… So kann man sich täuschen. Eile kann nach außen hin durchaus so aussehen, als ob sie still stünde.
Zeit ist ein Phänomen. Nicht nur, das sie Philosophen beschäftigt und Wissenschaftler zu weit ausufernden Werken verhilft. Nein, ich denke auch, weil sie, obwohl mechanisch sichtbar gemacht, sie doch etwas Unsichtbares, Besonderes und Durchsichtbares ist. Ganze Welten machen sich an der Zeit fest, Planeten und Galaxien sind Lichtjahre von uns entfernt, Meere haben ihre Gezeiten, Zivilisationen benennen sich nach Jahrhunderten und auch Kriege , die 30 Jahre dauerten ,er-„zählen“ ihre Geschichte. Ganze Kulturen etablieren sich am 21. Jahrtausend als moderne und fortschrittliche Ordnungen…


Was ist die Zeit? Was ist meine Zeit? Ist sie meine Uhr, die erst erfunden werden muss?
Ich erinnere mich an eine Reise, mit Aufenthalt in Kyoto. Ich wollte mich einfach etwas von der Arbeit in der Papiermühle erholen und konnte einfach nicht die innere Uhr abschalten, die sich im Laufe des Arbeitsalltages in mir manifestiert hatte. Also stand ich 4 Uhr morgens auf, nahm das Fahrrad und fuhr zum Eikando-Tempel, der in der Nähe meiner Unterkunft war. Die Stadt war still. Die alten, kleinen und in sich verschachtelten Häuser ruhten wie sauber verpackte Geschenke auf einem großen Tablett. Ab und zu hörte man jemanden hüsteln, ein alter Suppenhändler schob seinen Karren nach Hause, eine Katze miaute…
Die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Eine Stadt, eine Anreihung aus Häusern und Fenstern, die mit matten Papiershoji die äußere Welt von der innen stattfindenden Welt abgrenzte. Beim schwachen Lichtschimmer fand fremdes Leben statt, Ereignisse, die durch Zeit und Raum eine Bedeutung erlangten. Ewigkeiten oder Sekunden- das war hier egal. Die Zeit war aufgehoben in einer Schattenwelt und diese Schatten schienen sich an mir festzuhaften. Mir war, als würde ich mit den Umrissen dieser Menschen auch einen Teil dieser Zeit mit mir mitzunehmen auf meinem klapprigen Fahrrad, welches mir Imamura-san ausgeliehen hatte.
Vielleicht war es auch dieses Gefühl von Erhabenheit, die diese Anonymität so an sich hatte. Die Menschen, deren Schatten sich auf den Shojis abzeichneten sind mir bis heute fremd. Sie waren Erscheinungen eines frühen Morgen, und doch war mir ihr Sein durch die Momenthaftigkeit so vertraut, als hätte ich schon immer an ihrem Leben teilgenommen. Mir schien, als würden der Sog und die Eile, die Hast und das Gedränge und der Lärm dieser großen Stadt hier im Morgengrauen gefiltert, und übrigblieb die Stille und Größe einer alten kaputten Turmuhr, die würdevoll die Häuser überragt. So, als würde dieser einzelne , freistehende imaginäre Turm die Unendlichkeit der Zeit wie ein Tuch über diese Menschen legen, die wie ich am frühen Morgen Nachtzeit und Tagzeit voneinander trennen wollen.

Ich fühlte mich ganz frei und beschwingt und so in Gedanken erreichte ich den Eikando, klopfte an die Tür und der Prior öffnete. Ich hatte mir in der Zeit meines Aufenthaltes morgendlichen Zugang aushandeln können und saß stundenlang, sogar noch, als die Besucherströme nach 10 Uhr einsetzten im Tempel.
Der Grund meiner Anwesenheit war da ein ganz anderer als der , das Phänomen Zeit zu ergründen, und trotzdem erinnere ich mich gerade heute daran, als wäre es gestern gewesen, das ich die Stufen erklomm, hinauf in das rotbedachte Holzgebäude. Stundenlang saß ich auf den alten Tatamis, den Blick auf diese Statue gerichtet, die ich studieren wollte, oder vielmehr die Historie ihres Dortseins. In den Nebengebäuden hörte ich das Murmeln der Mönche und die leisen metallenen Gongs. Im Takt und mit der Melodie einer fremdem Sprache verknüpften sich mein Zeitempfinden und die Phantasie um die Geschichte dieser Amida-Statue zu einer Reise entlang der Jahrhunderte.
Ich glitt auf imaginären Schienen in die Vergangenheit zurück und das leise Singen der Mönche verwob sich auf dieser Zeitreise zur unmittelbaren Realität. Die Vergangenheit schien aufgehoben, die 900 Jahre, die seither vergangen waren, schienen den Raum zu füllen mit Erzählungen und die Geschichte dieser alten Zeit tastete sich mit mir zurück auf diesen phantasiebeladenen Wegen. Was ist Zeit? Ist sie der schemenhafte Morgen in Kyoto oder die übervolle U-Bahn in Berlin? Zeit ist die Leere, das Nichts. Ja , tatsächlich ist Zeit doch NICHTS, bis zu dem Moment , wo ich sie bevölkere mit meinen Gedanken, sie auffülle mit erklärbaren, absurden, verrückten Dingen. Zeit ist eine Leere, bis ich ihr Gestalt gebe mit allen möglichen Umschreibungen und Bezeichnungen. Zeit als Moment …und egal, welche Bedeutung man solchen Momenten beimisst, sie sind auch ein Fragment meiner Zeit.


In dieser einen Erinnerung an Kyoto sehe ich mich sehr oft und ich denke, dass vieles von dem, was ich dort unbewusst oder bewusst aufgenommen habe, mich immer wieder in die Mitte der Zeit stellt. Mir scheint, als hätte ich durch mein Dortsein einen Moment die Zeit angehalten und immer, wenn es mein Leben erfordert, katapultiert mich die Erinnerung zurück , so als wolle sie sagen:
jetzt zieh aber mal die Uhr auf, sie steht schon seit geraumer Zeit …
Und dann geht es auch weiter, dieses Leben. Mit all den tickenden Uhren um mich herum .

Die Frau mit der Stoppuhr sitzt immer noch auf ihrem Platz. Vielleicht ist das ihr eigener innerer Protest gegen das Nichtmessbare, was Zeit ja auch sein kann. Ihre Zeit ist wie ihr Spiegelbild, welches sich im dunklen Hintergrund in den Scheiben abzeichnet. Der U-Bahn-Tunnel wird zum Taktmesser, zum Minutenzähler. Eigentlich Sekundenzähler, denn mancher Weg von Station zu Station dauert tatsächlich weniger als eine Minute, also nur Sekunden.
Ich werde das Rätsel um diese Frau nicht lösen können. Nicht heute. Und nicht morgen. Dafür brauche ich Zeit. Ich denke, dass ich diese Zeit haben werde. Jeden Tag betrete ich so einen Bahnhof im Untergrund, jeden Tag öffnen sich die Türen mit einem leisen Seufzer – Zt Zt Zt Zt.
Wie lustig, denke ich, das klingt fast so, als hätte das Wort ZEIT das E und das I „verloren“ und das Öffnen der U-Bahn- Tür ist wie eine Einladung, auf die Suche zu gehen. Ich weiß nicht so recht, ist die U-Bahn eine Zeitschleife?
Immerhin bin ich für 2,40 Euro 10 Jahre zurück bis nach Kyoto gereist. Nun ja, es war nur in Gedanken, in meiner Erinnerung, aber immerhin habe ich wieder einmal die Zeit angehalten!

 

8. September 2007

die legende von romeo und julia – oder, wie schwer es romeo hat, wenn julia nur virtuell unterwegs ist…


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Mein Name ist Julia. Ja – wirklich … bitte glaubt mir,
ich heiße wirklich so, allerdings ist das mein zweiter Vorname, der so lange wie ich mich erinnere allen Frauen in unserer Familie gegeben wurde, zurück bis ins 17. Jahrhundert …Shakespeare wurde schon im 16. Jahrhundert mit dem größten Liebesdrama aller Zeiten berühmt, ich schätze mal, dass spätestens da in unserer Familie der Hang zum Theatralischen geweckt wurde- zumindest was die Namensgebung unserer schwarzhaarigen Schönen anbelangte, griffen die Väter meiner Familie gern in die historische Kiste mit Namen aus Übersee, wir können dankbar sein , dass ihnen nicht der Name Pygmalion in den Sinn kam, sondern das schöne , schlichte Julchen…. In veränderter Form mal als Juliane, Juliana, Juliette, Jule, Julie und eben Julia schmückt es unsere Ahnentafel und immer, wenn sich weiblicher Nachwuchs einstellte war klar, das ist und wird eine Julia sein. Wie in jeder Familie gibt es dann so kleine Legenden um diese oder jene Julia, die einzige lebende Legende , die ich kannte war meine Omi . Ich war so stolz, dass ich ihren Namen tragen durfte…ich konnte zwar nicht mit der äußerlichen Schönheit meiner Oma aufwarten, aber dafür hatte ich ja meinen anderen Vornamen und sogar einen Dritten… Echt- so steht es in meinem Pass, den ich gerade gestern abholen konnte. Mit neuem Passbild, biometrisch vermessen… Ich habe zwar einen Heidenschreck bekommen, weil ich mich selbst nicht wiedererkannt habe, ich hoffe nur, das der Kontrolleur am Flughafen in Antalya mir nicht einen Stempel neben das Visum hineindrückt, mit der Aufschrift „absolut nicht askim-tauglich…“
Schrecklich, was ein Fotograf aus einem Gesicht so alles machen kann… nun ja wie gesagt, dann gehe ich eben in Antalya nicht als Julia an den Start sondern als Mar, macht sich eh besser…

Diese biometrischen Veränderungen, die einem da so verpasst werden sind zwar nicht besonders schick für eine Frau von meinem Format, aber ich kann schon dankbar sein, dass das Einreise -und Passwesen auf dem Bürgeramt in Berlin im nachherein nicht von mir verlangt hat, mich einer Gesichts-OP zu unterziehen, damit ich dem Foto ähnlicher sähe…
Ich bin zudem heilfroh, das ich diese dumme Doppelgesichtigkeit Passfoto-Realität mit einem gesunden Maß an Selbstbewusstsein und dem Hang zum intellektuellen Um-die –Ecke-Denken zu vertuschen weiß. Als Frau muss man das heutzutage können. Da muss man nicht Julia heißen und 15 sein… Es ist ja nicht nur, das da ein Foto meine Person sichtbar verunstaltet, es ist ja eigentlich sogar nicht mein richtiges Gesicht, welches der Fotograf da abgelichtet hat. Unter einer Schicht Maquillage, die mir freundlicherweise eine französische Firma gegen eine hohe Schutzgebühr überlassen hatte, konnte ich meine Persönlichkeit und das wahre Alter perfekt tarnen. Das da die CIA noch nicht darauf gekommen ist !!!!das besonders die Damen ja ständig inkognito reisen….

Jetzt bin ich aber abgeschweift von meiner Familiengeschichte und dem Bedürfnis, den Ahnennamen einer besagten Julia aus dem 17. Jahrhundert weiterzureichen.
Wir kennen das ja auch aus anderen Familien, wo plötzlich Maximilians, Oskars, Ottos , Marthas und ähnliche Namensverwandte wie Pilze aus dem Boden schossen, schon interessant, das extra dafür Kinder auf die Welt kommen dürfen , damit weiterhin die wundervollen Namen unserer Vorfahren lebendig in diesem Sprachraum erhalten bleiben.

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Mein erster Vorname ist echt bescheuert, deshalb will ich den auch gar nicht hier zum Besten geben, denn die Kinder haben in Anlehnung an diesen immer Scherzlieder gemacht- was ich heute nicht ganz nachvollziehen kann, denn eine ganz nette amerikanische Hollywood-Diva trägt denselben Namen und die wurde nie ausgelacht- ihr hat man sogar den Oscar verliehen, mehrmals.
Aber ich bin ja nicht neidisch. Nachdem gestern von einem guten Freund ein Fanclub für mich anvisiert wurde, bewege ich mich sozusagen in den Fußstapfen besagter Hollywood-Schönen, nun sagen wir nicht gerade für den Oscar, aber immerhin in Richtung eines Preises für Schreiberlinge …


Mir macht nur etwas echt zu schaffen. Was mache ich denn bloß, wenn das Komitee des Preises wegen zu mir nach Hause kommt … Wer soll da die Tür öffnen? Julia, Mar oder die erste Dame des Hauses ? Oh je, nein! Ich muss ja als MAR präsent sein, denn unter diesem Namen habe ich so manches literarische Werk veröffentlicht … So ein Mist, die hatte ich ja fast vergessen!
So etwas kann ich meiner Omi doch nicht antun, dass ich den guten alten Familiennamen ausgerechnet dann leugne, wenn es zur Preisverleihung gehen soll… Also muss ich doch wieder die gute , vertraute Julia sein, die dezent geschminkt mit natürlichem Charme in Anlehnung an die historische Julia die Wohnungstür öffnet, um die wichtigen Gäste hereinzubitten .
Aber das zweite Dilemma folgt auf dem Fuß. Ich muss ja . um einen Literaturpreis zu erhalten, vorab Arbeiten einreichen. Der Segen der Technik macht es mir leicht- ich verlinke einfach meine Arbeiten im Brief und sende diesen per Email ab. Alles ist so einfach – dachte ich jedenfalls. Aber keiner weiß, wer ich bin! Dieser Preis wird an weibliche Autoren vergeben. Das macht sich gut, denn auch Preisrichter müssen die Frauenquote in unserer Gesellschaft einhalten können. Ja, da bin ich ja richtig. Ich bin ja durch und durch eine Frau. Mein Name bürgt für Qualität. Julia, wie ein Schmelz liegt das auf der Zunge; Julia, das Pseudonym für die Frau und die Liebe an sich ( denkt mal an die Groschenromane! ) – immer auf der Suche nach ihren Romeo , keine andere Tragödie ist so populär wie diese… so aktuell. Wo ist aber mein Romeo abgeblieben? Ich bin hier ganz alleine in meiner Wohnung, und dieses männliche Pendant an meiner Seite, welches meine Weiblichkeit durchaus nach außen hin sichtbar unterstreichen könnte, hat sich noch nicht mit MAR anfreunden können. Ich brauche Euch, liebe Leserfreunde…. ich brauche Euch ganz dringend!
Ist hier irgendjemand da, der mich kennt? Jemand der garantiert weiß, dass Julia / MAR tatsächlich existiert. Meldet Euch!!!
Leute-ich sitze in der Klemme…. Auf den Literatur- Preis könnte ich notfalls verzichten , aber wie fatal wäre es , wenn Julia ihren Romeo nicht finden könnte, weil er gar nicht weiß, dass MAR ( bisher virtuell)  tatsächlich eine FRAU ist…

 

 

 

7. September 2007

zweites frühstück ! oder wenn der TAG gelaufen ist


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Irgendwann hatte ich Euch, liebe Leser das Dessert versprochen, nach der aufgewärmten Suppe hatte ich ja eine Woche Zeit, mir ein Rezept zu überlegen.
Und ungewollt bin ich in eine ganz „alte“ Zeit hineingeschlittert, gestern, als ich mich an die die Zutaten für eine nette Liebesgeschichte erinnerte , Julia und Romeo aufleben lassen wollte , und dabei feststellte, das Julia eigentlich ein Romeo war… Meine Laune war dahin und es war einfach gestern wie im Theater, wenn der Startenor sagt: heute bin ich sehr angeschlagen, lässt lieber die Primadonna meinen Part singen…( Tenöre sind so zickig , das weiss ich aus eigener Erfahrung…) Was macht man denn, wenn man im virtuellen Theater improvisieren muss…Dieses chaotische Suchen nach einer Notlösung…

Das hat mich ein bisschen an meine Zeit erinnert, als ich noch eine Kunstgalerie und ein Künstlercafe mit einer Theaterbühne in Berlin hatte und man tatsächlich so eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung den Bühnenvorhang neu installieren muss.

First Part: MAR auf der Leiter in schwindelnder Höhe , den Schlagbohrer in der Hand und unten stehend der Künstler des Abends, der aus lauter Panik, das seine Vorstellung ausfallen würde, an den Fingernägeln zu kauen begann.
Ist zwar nicht das leckerste, aber es hat ihn offensichtlich beruhigt.
Schweissperlen auf der Stirn, Schritt für Schritt stieg ich dann die Leiter hinab, geschafft.

Second Part: Abendkasse. Im Rücken unsere angesäuselte französische Bardame ( wir wissen ja, der Rotwein…! ) drängelnde Besucher im handtuchgroßen Cafe, direkt daneben in der Küche gingen Teller zu Bruch, das Klopapier staute sich in der Gästetoilette, jemand hatte die Hintertür offengelassen und wildfremde Menschen warfen Blicke in die Künstlergarderobe, wo gerade die Pianistin noch einmal den BH zurechtrückte- ein spitzer Aufschrei ihrerseits, als sie durchs Fenster in wildfremde Männeraugen sah… und MAR überall gleichzeitig sein müssen…das auch noch in hochhackigen Schuhen , mit den putzverschmierten Händen von der Vorhangmontage mal schnell durchs Haar gestrichen- die Lacher waren nicht auf meiner Seite- aber endlich, endlich . Der Herr Künstler gab das Signal zum Anfangen, die kleine Tresenklingel rief den letzten Cafe-Gast zum Rendezvous mit der Muse ( „nehmen Sie doch Ihr angebissenes Brötchen mit in den Saal…. geht schon –hier eine Serviette „)…. Türe zu.
Kassensturz gleich….die Gage muss ausgezahlt werden, nachher, wenn alles vorbei ist , wenn man am Habitus der Pianistin das Gefühl hatte, es hätte Rubinstein persönlich gespielt…
Aber das ist später. Nach diesen unglaublichen 60 letzten Minuten vor dem Bühnenvorhang brauchte ich erst einmal eine Pause. Herrlich! Das Cafe ist leer, ein zwei verprengte Stammgäste vom Wohnhaus gegenüber hocken beim Bierchen an der Theke, ich suchte mir die alte Ledercouch in der hintersten Ecke und genehmigte mir einen heissen Tee.

Third Part: Die Künstlergarderobe ist verwaist, der angetragene Smoking hängt traurig und zerdrückt auf der Stange, die billige Schminke von „Frau Rubinstein“ liegt verstreut vor dem blinden Spiegel ; warum müssen Künstler denn immer nur so schlampig sein?
Alle sind auf und davon. Die Luft ist zum Schneiden dick. Die französische Bardame kichert mit Stammgast Nr. 1 ( ich sehe das nicht so eng…. er ist ein alter Feinschmecker, Giselle ist sicher nur das Appetitshäppchen, der Hauptgang steht zu Hause auf dem Tisch…) Ich sperre ab und lass die beiden allein… müde bin ich.
12 Uhr nachts. Wie komme ich jetzt nach Hause ? Warum ist es denn schon wieder so spät geworden.

6 Uhr ist die nacht für mich vorbei. Von Schönheitsschlaf keine Spur- kaum hingelegt, klingelt der Wecker schon wieder.
Rein in die Dusche , kaltes Wasser, denn schließlich sollte ich gut ausgeschlafen wirken, wenn ich meinen Brotjob nachgehe…. Die 10 Minuten, die ich mich noch einmal kurz umgedreht hatte, haben keine Wunder bewirkt. Ich brauche meinen Kaffee- ach was , ich brauche das Doppelte von dem, was sonst in meinem Kaffee chemisch an Coffein als Inhaltstoff nachweisbar ist.
Vorhang . Ende. Verbeugung . Abgang.

Ps. Ach ja, das Dessert! Das habe ich fast vergessen…
Im realen Leben, so wie zu der Zeit meiner kleinen Galerie-Bühne konnte ich in Laufe des Abends nur Tee oder Saft trinken… so etwas ist einfach professionell , sagt man in der Branche .
Aber hier, im virtuellen Reich, da lehne ich mich zurück auf meiner Couch, der zickige Tenor ist Legende,
“ Frau Rubinstein“ spielt jetzt tatsächlich im Boston Philharmonischen Orchester, Rosenstolz sind berühmt geworden, das Cafe ist zum Reisebüro mutiert für exklusive Schiffsreisen…Was kümmert mich das alles .
Ich sitze hier nach dieser gelungenen Vorstellung von Romeo und Julia , nach allem hin und her (danke den Akteuren ! ) … und geniesse mein Dessert: Champagner…
Champagner für Alle !
Aufs Haus natürlich….

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