Silk and Paper

2. Juli 2016

Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !



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Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !

Natürlich musste wieder die gute, alte U-Bahn den Hintergrund liefern, um Geschichten entstehen zu lassen, kleine Begebenheiten und Begegnungen. Wo sonst ist man auf so engem Raum beisammen und kann sich ungestört an den Gesichtern der mitfahrenden Gäste sattsehen.
25 Minuten Fahrtzeit bieten schon einen recht schönen Zeitrahmen für einen Einakter, der fast aufführungsreif wäre, ob wegen meiner Begriffsstutzigkeit oder der belustigenden Reaktion des Fahrgastes mir gegenüber, wer weiß.
Station Berliner Straße, der Umsteigehafen für die Neuköllner Richtung , immer auch die passende Gelegenheit, einen Sitzplatz zu ergattern. Wunderbar, gleich in der ersten Reihe macht jemand einen Sitzplatz frei und ich packe mich mit Handtasche, Büchertasche und einem etwas dickerem Paket, was zur Post sollte, an die Fensterreihe.
Mir schräg gegenüber sitzt ein Mann so in den Fünfzigern. Graumeliertes Haar und einen sehr gepflegten grauen Bart. Etwas unruhig rutscht er auf dem Sitz hin-und her und schaut zur Decke, zum Boden, auf die Mitreisenden und dann bleibt sein Blick auf mir stehen. „was meinen Sie? Ibo gut? “ Am Akzent höre ich, dass er kein geborener Berliner ist. Ibo, das ist ein mir geläufiger Name , den ich mal hier und mal da gehört habe, der Mann einer Freundin heißt Ibo, also gehe ich in diesem Moment davon aus, dass der Mann Türke ist, und die geläufige Koseform benützt.
Ich schaue ihn ganz irritiert an und antworte (man will ja nicht unhöflich sein), dass ich nicht wüsste, ob Ibo gut sei, denn ich kenne Ibo nicht.
“ Du Deutsche bist, oder? Ich habe fragen alle Leute und keiner kennt Ibo! “ Ich entschuldige mich höflich und sage, dass ich ihn heute zum ersten Mal sehe und bin etwas belustigt über den Fortgang der Unterhaltung. Mittlerweile schaut der Nachbar von der anderen Seite auch schon in unsere Richtung…
„Ja, aber alle Leute  gesagt, Ibo das Beste und ist gut und ich nicht verstehe, warum keiner Ibo weiß.“
Ich glaube in meinen Augen zeigte sich schon ein Anflug von Heiterkeit, denn ich mutmaßte, dass er vielleicht aus gekränkter Eitelkeit heraus nun volle Unterstützung für sich und seinen edlen Charakter suchte- ausgerechnet in der U- Bahn, wo die Leute meist genervt oder sich gestört fühlen, wenn man was von ihnen will.
Ich mache dem Gespräch ein Ende und meinte zu ihm, dass ich nicht verstehe, was er von mir will.

Kaum gesagt, steht er auf und fährt mit seiner Hand in die Hosentasche. Er wühlt und sucht und zieht ein Päckchen heraus. Ein kleines weißes zerknülltes Etwas mit der Firmenaufschrift : Pharma. “ Du gucken, hier, alle sagen Ibo gut und du nicht kennen?“
Ich schaue auf die Packung und lese die großen Buchstaben IBU und etwas kleiner gedruckt: Ibuprofen .
Ich musste plötzlich so breit lachen – er meinte Tabletten!
Ich versicherte ihm, dass ich Ibuprofen kenne und dass es Tabletten gegen Schmerzen seien. “ Ja, ich wissen, Frau aus Laden hat gesagt, sehr gut. Was denken du? “ Ja, ich sage ihm, dass ich gute Erfahrung mit IBUPROFEN hatte und er diese ohne Sorge nehmen kann.

Sichtlich aufatmend , aber mit gekräuselter Stirn , stand er nun auf und steuerte auf den Wagenausgang zu. Hier, am Kotti musste er raus. Beim Aussteigen höre ich ihn murmeln :

“ uuuuhhhhhhhhh, ich Kopfschmerzen jetzt haben. Frauen mir immer Kopfschmerzen machen“.
Ich liege innerlich fast flach vor Lachen auf dem Waggonboden. Ich war mir gar nicht bewusst, dass man, wenn sich mit mir unterhält, immer IBU bei der Hand haben muss…

 

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7. Juni 2014


26. Juli 2012

wenn Männer in Bewegung kommen- und sei es nur eine Fata Morgana

Filed under: wahrNEHMungen, wenn männer in beWEGung kommen-und sei es... — silkandpaper @ 7:41 AM

Seit langer, langer Zeit läuft er mir hinterher, der alte Herr S..
Anfangs tat er jungenhaft und hüpfte wie ein gerade geschlüpfter Wiesenschreck mit den ersten Sonnenstrahlen um die Wette. Um Aufmerksamkeit heischend ließ er mich dann gar nicht mehr aus dem Augen und nun sitzt er mir tagtäglich im Nacken. Obwohl er so viele Jahre auf dem Buckel hat und , wenn man von diesem Alter ausgeht,  erwartet man , dass er schwerfällig und laut durch die Lande stapft; doch schleicht er sich an und bringt mich dazu, immer noch an seinen jugendlichen Leichtsinn zu glauben.
Er ist an manchen Tagen dick und schwer und zaubert trotz dieser Behäbigkeit Gefühle von Tanzen und Springen und die Sehnsucht nach leichtem Wein an holzigen Sommergartentischen in mein Herz. Immer wieder drängt er sich auf. Jedes Jahr macht er seine Runde und bleibt am liebsten dort, wo es nach Winzerseligkeit und Waldbeeren duftet. Da ich hier und da den ersten frischen Wein schon trinken kann, vermute ich, dass er immer zur gleichen Zeit wie ich hier Ferien macht. Die Vermutung liegt nah, denn kaum bin ich hier angekommen, schleicht er mir hinterher und bringt mich echt zum Schwitzen. Gegen Mittag heftet er sich besonders gern an meine Fersen und pustet mir seinem heißen Atem in den Nacken. Diese Aufdringlichkeit! Obwohl ich versuche, seiner Nähe zu entfliehen, setzt er mir nach wie ein Springinsfeld oder ein Gigolo, und ist manchmal schon eher dort, wo ich gerade hingehen wollte.
Ab und zu flüstert er mir zu und meint zu mir, ich solle mich nicht so anstellen, denn schließlich müsste ich ihn schon lange genug kennen; zumindest so lange genug, um zu wissen, dass ich ihm nie ausweichen kann. Ganz schön schlimm, der alte Herr. Und so von sich überzeugt.
Da ich gelernt habe, freundlich zu Alten zu sein., verdrehe ich nur die Augen, seufze und setze mir einfach die Sonnenbrille auf, damit er nicht sehen kann, wie er mir , wie an manchen Tagen, mit seiner Eintönigkeit auf die Nerven geht. Immer dasselbe! Er versucht ganz frech, meinen ganzen Körper abzutasten. Ich kann ihm nicht einmal auf die Finger schlagen, denn jedes Mal, wenn ich aushole, springt er beiseite und kichert lausbübisch. Er begnügt sich allerdings nicht, nur mich zu erinnern, dass er allgegenwärtig ist, sondern er streckt seine Hände auch nach allen anderen aus, die sich auf der Landstraße oder im Wald bewegen. Ihm ist es einerlei, ob er mit seinem Überschuss an Energie mitten im Blickfeld steht oder hinter einem Busch hockt.
Er ist wie ein Liebhaber, den man nicht abschütteln kann. Er weiß genau, sobald er sich dann tatsächlich aus dem Staub macht, wird man ihm nachweinen und spätestens nach einem halben Jahr herbeisehnen. Der alte Herr ist so was von selbstsicher. Und während ich hier auf einer Parkbank sitze, macht er sich so breit, dass er mit seinem schweren Duft von wilden Rosen und Wiesenblumen mir fast den Atem nimmt. Nicht einmal das bemerkt er. Er umarmt mich, hüllt mich ein mit seinem Schmeicheln und bringt mich dazu, die Tastatur einfach Tastatur  sein zu lassen. Er verleitet mich zum Faulenzen, zum Träumen und zur Trägheit. Ich sage mir, dass es sicher für einen Tag nicht schaden könnte, auf seine jahrhundertealte Weisheit zu hören, aber dann winkt er mich schon wieder mit seinen langen Fingern hin zum Teich hinter den Bergen, wo die Straußwirtschaft lockt.
Und schon hat er mich da, wo er mich haben wollte. Ich laufe hinter ihm her.

23. April 2010

wenn männer in beWEGung kommen-oder: der tag danach

Filed under: kurzgeSCHICHTen, wenn männer in beWEGung kommen-und sei es... — silkandpaper @ 9:42 AM


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Der Tag danach. Oder : ein etwas anderes Silvester ( 2007/2008 )

Und auch wenn es der Silvesterabend war und nicht ein Allerweltsabend ; ich packe die Geschichte mal in das Wortdurchgangszimmer und nicht zu den Jahresendthreads , weil ich bitte in Anlehnung an die Möglichkeit der Endlosigkeit von Geschichten auch noch nach Silvester mit Sicherheit einem Morgen danach gibt ….vielleicht nicht so dramatisch angehauchte, wie Milva es mal besungen hatte , aber immerhin; unsere Leben sind voller Geschichten und kleinen Tragödien, die wir , um sie besser erklärbar zu machen in VORHER und DANACH einteilen. was auch immer wir als Danach oder Vorher bezeichnen. .Also , wenn immer Ihr solche Geschichten vom Tag danach habt: her damit !

Gestern wollte ich eigentlich einen ganz ruhigen und beschaulichen Abend alleine zu Hause verbringen, diesen Vorsatz fasste ich letzte Woche, weil ich die Knallerei und die „Hasenjagd“ nach Passanten auf der Strasse gar nicht abhaben kann.

Dann aber , Mar , also ich, ( ich sollte nicht in der dritten Person von mir sprechen…) als Kurzentschlossene , und typisch für die Eigenwilligkeit, dem Moment des letzten Tages im Jahr , doch noch in seiner Besonderheit auf den Grund zu gehen ….und aus einem zufällig gegebenen persönlichen Anlass stieß diesen Vorsatz gleich noch am gestern um…. Ich genehmigte mir nämlich eine Flasche Yakut ( OK, nur die halbe ist es hier zu Hause geworden…) schlüpfte nach ausgiebigem Bad in ein enges Schwarzes, bemühte mich die Haare zu bändigen, was mir nicht gelang , griff zur Schere und schnitt dann auch noch in einem kurzen Moment von Dummheit meinen Pony zu kurz ab… ne aber auch…! So blieb dann nichts anderes , als mich der Frisur anzupassen, und gab dem kleinen Schwarzen einfach mit einer langen Perlenkette einen Hauch von Nostalgie…. Mit Hilfe einer Maquillage gelang es mir langsam das das Gesicht einer Dame aus den 30-igern dem Spiegel zu entlocken.

Voila… der Ponyverschnitt war kaschiert . Prüfender Blick… OK. Damit keine Missverständnisse aufkommen, das Café, welches ich spontan aufsuchte, ist bekannt für schöne nostalgische türkische Musik, klassische Musik und alten Liedern aus Istanbul ala Zeki Müren…das passen Spitzenhandschuhe , Hut und eben das kleine Schwarze.

Das einzige Paar Hochhackige an und natürlich die roten Spitzenhandschuhe übergestreift… und hinaus in den Rachen der Großstadt, die Feuer spie und mit lautem Getöse und Böllern ihrer Opfer harrte… Menschen wie ich, die zusammenzucken, wenn es plötzlich zischt und merkwürdig riecht und dann….. bommmm! Kichern im Hausflur, wo die kleinen Rabauken und zu Kindern gewordenen Erwachsenen sich ergötzen an dem Erschrockensein. Nur heute darf man das….also schnell noch einen Böller hinterherschicken! Das enge Schwarze erweist sich nicht besonders als sportliches Outfit und meine ungeübten Beine in Absatzschuhen geben auch nicht das her, was sie sonst so können, wenn es ums schneller laufen geht…

Gott sei Dank ist das Café gleich um die Ecke…man folgt den größeren Familienautos , zwei Stretchlimosinen, superschicken Frauen , schulterfrei ( bei diesem Wetter! ) und den Ehegatten mit den Kindern im Schlepptau. Es ist ja nicht nur Silvester, sondern auch Kurban Bayram. Familienfest.

Das ist schon eine ganz besondere Atmosphäre; ich glaube gerade weil diese spontane Überlegung, einer netten Einladung zu folgen , sich im nachherein als äußerst ergiebige Quelle für etliche Geschichten herausstellte… Situationen und Menschen in einem Café: die Tische geflittert und mit Luftballons in einen imaginären Schwebezustand versetzt…Menschen jeden Alters und jeder Couleur fallen sich mit Worten in die Arme, welches ich nur als zwitschern wahrnehmen kann, des Türkischen nicht mächtig, aber was soll es…

Mein Gastgeber, der Namensvetter eines kleinen Internetromans im deutsch-türkischen Forum ( http://www.turkish-talk.com/philosop…-der-text.html ) der sich übrigens darüber amüsierte, das jemand ihn schon jetzt am Anfang sterben lassen wollte , saß schon an einem kleinen Tisch, in Blickrichtung Mitte des Saals- er war allein, irgendwie hat hat er kein Glück mit seinen Fatma’s . Fatma Nummer 1 folgte Fatma Nummer 2 , dann eine Fatime, dann wieder eine Fatma… und als ob es dieses Jahr so in sich hat; das Jahr neigt sich dem Ende ohne Fatma.

Aber Erol wäre nicht Erol, er ist trotzdem den Freuden des Lebens nicht abgeneigt , und möchte das neue Jahr mit Spaß und einer gehörigen Portion Heimweh nach Istanbul begehen…( das Heimweh nach Istanbul ist eine ganz kleine, wenigstens zu 50% Ausrede, sich eine Flasche Raki zu ordern. Die Damengesellschaft der Familie Dilek am Nebentisch äugte etwas erschrocken hinüber, als noch meine Flasche Yakut ( die ich folgerichtig nach der von zu Hause geöffneten Flasche bestellte) . Ich musste innerlich doch schmunzeln, weil ich daran denken musste, wie wunderbar sich doch diese Posen in die folgenden Episoden des Romans übertragen lassen würden, wenn denn Erol nicht sterben müsse…mein kleines Schmunzeln blieb nicht unbemerkt und die Nachfrage beantwortete ich sehr artig mit dem Fortgang des Romans ( also das muss ich doch schnell einflechten- der echte Erol ist natürlich ganz und gar einverstanden, hier verewigt zu werden) .

Nachdem ich ihm seinen möglicherweise frühen Tod prognostiziert hatte, setze er sich aufrecht und mit unglaublich ernster Miene in seinem Stuhl zurecht. Langsam griff er in seine Hosentasche und holte einen Revolver heraus. Mir wurde es ganz heiß und kalt … Mindestens 250 Gäste waren im Raum , Volkan sang gerade Cicek Pazari und schlitterte mit geübten Schritten zwischen den Tanzenden auf dem Parkett unsere Richtung… er hatte uns erspäht und wollte Hallo mit dem Mikrofon in der Hand zuwinken, auf unseren Tisch zusteuern und mit seelenbetörender Stimme mein Herz erreichen , denn Cicek Pazari und Istanbul Sokak sind meine Lieblingslieder – Ein wenig stolperte er mit seinen Worten den Noten hinterher, wohl möglich, das er die Waffe sah, die Erol jetzt hob und einfach in Richtung Saalmitte zielte. Scheisse…. jetzt passiert etwas , dachte ich. Ist eine Fatma aufgetaucht oder eine Fatma zuviel da, oder …. Er drückte ab .

Ein leises Zischen, eine kleine zitternde Flamme – und ein Zigarettchen glimmte in seinem Mundwinkel. Die jüngere Dame der Familie Dilek war ebenso wie ich nicht ganz von diesem Spaß eingenommen und fast gleichzeitig atmeten wir tief und erleichtert auf.

Jetzt machte sich ein Lachen breit auf diesem Gesicht, die Grübchen wurden tiefer, das Lachen wurde breiter, die Haltung wieder legerer… vorbei der Spuk. „Also Erol nicht so einfach sterben, immer noch leeeebendig, bitte sagst Du das diese Schreiber von Roman…ich bin Türke, Türke nicht so einfach aufgeben.“

Cicek Pazari war verklungen; Volkans angedeuteter Handkuss auf meinen rotbehandschuhten Händen ( die übrigens meine raue Haut vom Saubermachen am Vortag vorzüglich versteckte…) machte Frau Dilek, die Jüngere, ganz eifersüchtig. Das machte mir den aufrechten Sitz und die nonchalante Pose sehr leicht.

Eifersüchtige Frauen , die auf einen Blick ihres Gesang-Idols warten , können mitunter gefährlicher werden als wenn der Mann mal gerade fremdgeht ( das sieht sie ja meist nicht…, wohl aber wenn die Frau am Nachbartisch vom Star des Abends nach dem Befinden gefragt wird… ) oh oh die Sonne verfinsterte sich …

Dafür flackerten die ersten Sternchenfeuer auf , die ersten Obst-Etagerien würden serviert, und es waren eine Menge Obst-Etagerien, die immer als ein untrügbares Zeichen von Raki-Konsum am jeweiligen Tisch zeugten ( Melonen, Äpfel, Weintrauben) .

Die Kinder, derer nicht wenige waren, tanzten selbstversunken oder mit dem wunderbaren orientalischen Hüftschwung um die Tische herum; ein roter Luftballon landete auf meinem Kopf, eine kleine Prinzessin im weißen Tüllkleid und unwiderstehlichem Lächeln holte ihn sich ab… Es wurde warm im Raum,

die Musik heizte mächtig ein, jetzt bedauerte ich zum ersten Mal das ich das enge Schwarze gewählt hatte , kein Lufthauch passte zwischen Stoff und Haut… Auch auf Erols Stirn zeichneten sich Schweissperlen ab…Seine Augen wanderten mal zu dem und zu jenem, ein freundliches Kopfnicken in die Richtung, dann in die andere Richtung, eine Lage Raki wurde geordert für die Kapelle und für Geschäftsfreunde hinter dem großen grünen Defne-Baum aus Kunststoff. Das große weiße Taschentuch glitt über Erols Stirn und er beugte sich etwas über den Tisch, um mir etwas zu sagen. Aber ich hörte nur die Geige und die Tabla, das Stampfen der Füsse und mein Handy klingelte , zwar lautlos aber das blaue Blinken machte mich trotzdem nervös . Ich stand auf, um in den Flur nach draußen zu gehen. Dabei erhaschte mein Blick die Tischgesellschaften hinter mir und auffällig in unsere Richtung vor sich hinschauend eine Frau mittleren Alters im silberglänzendem Gewand und so rotgeschminkten Mund, das man schon sagen musste, das sie garantiert nicht zu übersehen war. Ich stand in der „Schusslinie“ wenn man die Linie zwischen Erols Blicken und den Augen der Frau so nennen darf. Und es war eine Schusslinie.

Da ich erst einmal mit dem läutendem Handy nach draußen lief, entging mir die erste Szene des Schauspiels. Mehr oder weniger spielte sich eine Tragödie ab, die leise und nonverbal aber dafür um so eindringlicher, das ich förmlich fühlen konnte, das diese Frau und Erol sich kannten. Er wandte sich mir wieder zu, nachdem ich zurückkam und sagte mir, das er die Frau kenne…. Fast tonlos fragte ich: „ist das eine Fatma?“ Und er flüsterte mir wieder zu und ich konnte des Lärmes wegen nur die Lippen ablesen: “ nein, eine Hülya“.

Ups. Diesen Namen höre ich zum ersten Mal. Erol nahm den Stuhl und rückte etwas näher an mich heran.

“ Diese Frau mich haben wollen, lange Zeit, immer mich gucken , immer andere Leute fragen , ob ich verheiratet bin, andere Leute wissen mich nicht , meine private Leeeeben geheim. Aber immer wenn ich Abrechnung machen will, sie ist da und will meine Nähe sein. Ich mag diese Frau nicht. Nicht mein Geschmack. Und jetzt sie ist dort und seit ich sie sehe , sie trinkt eine Raki nach dem anderen. Schaut mich in meine Augen und trinkt ohne meine Augen zu verlassen. Scheisse…“

Na ja, meine Neugier war größer und wie so in solchen Fällen tut man so, als fiele etwas herunter und man schickt einen Blick wie heimlich und schaut , was Sache ist.

Jetzt erst viel mir auf, das der lange Blick auch vom Betrunkensein herrühren müsste.

Langsam erhob sie sich , und ich muss schon anerkennend sagen, sie konnte fast gerade laufen, und sie steuerte genau auf unseren Tisch zu. Erol, der Mächtige, der durch nichts zu Erschütternde, der Herr im weißen Anzug , der Kindskopf mit dem spitzbübischen Lachen, Erol, der noch NIE in der Öffentlichkeit getanzt hat ( “ ich bin schwere Mensch , ich tanze nicht… mit schwer meint er seine Seele…) , also dieser Erol sprang wie ein geölter Blitz auf, zerrte mich auf die Tanzfläche, breitete seine Arme aus, wie ein Greifvogel und begann eben nach guter alter türkischer Sitte zu tanzen und zu stampfen und stieß mich immer weiter in den Pulk der Menschenmenge hinein.

Meine Arme flatterten ebenso in der Luft, meine Handgelenke nahmen die türkische Staatsbürgerschaft an und konnten wie von selbst graziös den Rhythmen folgen, so als hätten sie nichts anderes getan. Und plötzlich…. plötzlich war Erol verschwunden. Abgehauen ….Ich drehte mich alleine mit Frau Dilek, der Älteren und Frau Kaya mit Kind auf dem Arm in einem Reigen.

Manno, wo ist dieser Bursche abgeblieben ? Die Musik war zu Ende, die betrunkene Frau, die zwei-dreimal unseren Tisch fassungslos umkreiste, weil niemand auf den Stühlen saß, lief besonders zielstrebig und langsam in Richtung Ausgang und dann sah ich sie noch durch die Fensterscheiben hindurch, wie sie im Dunkel des Hotelhofes verschwand. Der nette Kellner fragte mich besorgt, ob alles in Ordnung sei, weil ich so mutterseelenallein und mich den nun schadenfrohen Blicken von Frau Dilek, der Jüngeren ausgeliefert sah. Evet, evet, alles in Ordnung.

Aber wo zum Teufel ist Erol abgeblieben? Ach schau, da war er plötzlich wieder in freudiger Eintracht , mit dem Fotografen, der mit einem Papier-Rosenstrauss und einer Sofortbildkamera seine Runde drehte … Erols Blick ging ringsum , Aufatmen, die Frau war weg. Mit einem triumphierenden Blick, als hätte er gerade die Schlacht von Troja gewonnen, setzte er sich , natürlich in markanter männlicher Pose auf seinen Stuhl und schaute mich mit seinen Augen und einem Schalk darin an….

„Wo warst Du?“ ….“Auf der Toilette, da was ein kleines Fenster und ich immer durchgeguckt habe, das diese Hülya weg ist. Frau ist Katastrophe. Ihr Kollege war auf Toilette und hat mir gesagt, das Hülya ganz schockiert war, Erol mit Frau hier zu sehen. Niemand weiß, das wir nur Freund sind und keine verheiratet, aber egal…. Hülya ganz eifersüchtig und traurig und trinken und dann mit mir sprechen wollen…..ich habe so auch gedacht und deshalb lieber wegrennen zum Tanzen…“

Darauf einen Yakut und einen Raki. Sherefe.

Erol, Erol, diese Situationskomik ist einfach unbezahlbar. Es wäre unverzeihlich, wenn Erol jetzt stürbe in unserem Roman. Das Leben schreibt die besten Geschichten. Ich bin sicher, das man da noch einiges erwarten kann von ihm. Spätestens wenn Fatma Nummer 4 auftaucht. Also liebe Leute Erol lässt Euch herzlich grüßen und zwinkert Euch lausbübisch zu. Was das bedeutet? Es heisst: lasst mich bitte am Leeeeeeeben!

 




in Erinnerung an meinen guten Freund Erol geb. am  2.Oktober 1962- gest. am 16. April 2010

27. Januar 2010

wenn männer in bewegung kommen-verkaufen sie dir das GLÜCK


kekse

Fünfzehn Grad minus!Würde heute ein Vermummungsverbot bestehen, wäre ich erfroren…

Ich zwänge mich in eine übervolle U-Bahn und hoffe, einen Platz zu ergattern, Wie die Sardinen in einer Büchse stehen die Fahrgäste, und wenn die Bahn anfährt, fällt man sich ungewollt in die Arme. Ich versuche mich am einen Türgriff festzukrallen, weil vor und hinter mir Menschen stehen. Es ist ziemlich still, es scheint, als wären auch die Münder vereist und zugefroren.

Plötzlich höre ich von ganz hinten rufende Worte… Ein völlig neues Vokabular! Keine MOTZ, kein STRASSENFEGER, kein Musikant. „Glückskekse“ höre ich, und gleich den hinterhergerufen der Preis , „ 50 Cent das Stück!“. Da meine Nachbarn wirklich so nah wie noch nie meinen Augen kamen, sah ich, wie sich bei Vielen eine Art Belustigung breitmachte.

Ich fand das sehr mutig von diesem älteren Mann, sich zwischen so dicht gedrängten Menschen am frühen Morgen mit einem Korb hindurchzuzwängen. Im Korb lagen in goldglänzendem Folienpapier die typischen Glückskekse, die man im Chinarestaurant mit auf den Weg bekommt. Innerlich musste ich schmunzeln, denn 8:30 Uhr in der Früh das Glück für eine kleine Summe zu verkaufen, passte irgendwie nicht in diesen eiskalten Wintertag in diese U-Bahn.

Es fehlte der Geruch von gebratenen Nudeln oder Reis, der Duft von Peking-Ente oder Dim-Sum; Hier roch alles nach getragener Winterkleidung, Schweiß oder zuviel aufgetragenem Parfüm. In der Regel sollte einem das Glück in den Schoß fallen, es sollte aufblitzen, es sollte einen ereilen. Doch hier war es einfach 50 Cent wert… ich musste es haben! So leicht erreichbar war es noch nie. Dieser alte Herr, der wie alle Fahrgäste dick vermummt und wintertauglich angezogen war, verströmte an diesem eisigen Morgen einen Hauch von Exotik, ja sogar das Bedürfnis, ein Reiseticket zu kaufen, welches mich nach China brächte.

Leider schaffte er es nicht mehr , sich bis zu mir hindurch zu drängeln , weil die Haltestelle nahte und die aussteigenden Fahrgäste ihn beiseite schubsten und er mit allen auf dem Bahnsteig landete. So nahe war mein Glück und nun sah ich es schon zerrinnen und entschwinden. Der große Zeiger auf der Bahnsteiguhr zeigte mir an, dass ich noch etwas Spielraum hatte, um zur Arbeit zu gelangen und in einem Moment von Eingebung sprang ich aus dem Wagen hinaus.

Die U-Bahn fuhr weiter und die meisten Leute hatten die Rolltreppe erreicht. Der alte Mann und ich standen auf dem Bahnsteig und warteten auf den nächsten Zug, der in 3 Minuten kommen sollte. Ich kramte 50 Cent heraus und bat ihn, mir einen Glückskeks zu verkaufen. Dabei schwatzten wir und ich sagte ihm, dass ich extra  wegen des Glücksversprechens vorher ausgestiegen bin. Na ja, ein bisschen verrückt vielleicht, aber was soll’s. So einen kalten Tag muss man sich irgendwie schön machen und sei es mit einem kleinen Tip fürs Leben. Ich zog die Handschuhe aus und griff etwas tiefer in den Korb. Sich ein noch unbekanntes Glücksmoment herauszusuchen hat schon was Besonderes. Es ist kein Lotterielos, sondern etwas, was auf dem Zettel stünde soll ich glauben, dass es mir widerführe… Also zog ich eines der goldenen Glücksbringer heraus und mit kindlicher Neugier öffnete ich die Folie und las:

 Erlauben Sie sich eine kleine Verrücktheit, sie wird wirken wie Medizin.

Hier musste ich schallend lachen.

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26. Januar 2009

wenn männer in bewegung kommen…sind sie DIESSEITS nicht zu fassen

Filed under: wenn männer in beWEGung kommen-und sei es... — silkandpaper @ 10:16 AM

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Auch wenn die U-Bahn nicht mehr unter meinem Haus hindurchfährt, und mit Vibrationen die Steine nicht mehr zum leisen Schwingen bringt, so ist sie doch täglich mein liebster Transporteur geblieben, der mich von A nach B fährt und meinen neugierigen Blicken Nahrung gibt für Gedanken jenseits der Bahngleise , auf denen ich im großen gelben Wagen dahinschaukele. Auch Paul Klee , der mich mit großen Augen und einem energischen-zusammengepressten Lippenpaar anschaut und mir entgegenruft „Diesseits bin ich gar nicht fassbar!“ , scheint meinen Sinn fürs Ausscheren aus dem Alltäglichen zu teilen.
Obwohl sepiabraun und mit kleine Schäden , weißen Flecken und Schatten , von einer alten Fotolinse verursacht, geht eine Farbigkeit von diesem Plakat aus, dem man sich schwer entziehen kann. Überdimensional , mit herausfordernden Blicken sind auch seine Nachbarn mit deftigen Sprüchen mit von der Partie, den spärlich beleuchteten Bahnsteig zu einem Minutenevent der Aussagefähigkeit von Kunst zu machen.

Ich schaue mich um. Der Winter scheint tatsächlich nicht die Jahreszeit der Männer zu sein! Grau in Grau , in undefinierbaren Farben schäbiger Parkas, dunkelbraunkarierten Schals, ausgefranster Wollmützen, so viel von Tristesse, daß ich kaum den Blick heben mag, wenn so ein wintermüder und übernächtigter Mann mit durchgetretenen Winterstiefeln wie aus den 50-zigern an mir vorbeischlurft und sich auf die kalte Holzbank fallen lässt.
In diesem grauen dunkel-schmutzigen Schein eines frühen Wintermorgens wünschte ich mir eher die Farben der ersten Tulpen oder auch ein wenig Duft von dunkelblauen Hyazinthen , oder wenigsten eine rote Pudelmütze, die mir das Morgenrot einer Sonne vorgaukelt. Nichts von alledem !

Wo sind denn nur die Mutigen abgeblieben, die mit Unkonventionalität und dem Hunger nach der Farbe und den Mustern dem Zeitgeist und der Profanität weit voraus waren? Wieso sind Männer immer so zurückhaltend mit den Farben, warum so scheu, einmal einen knallgelben Schal zu tragen?

„Männer sind Fossile, aus Plastik, sind Bleistifte und wollen sich nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden. Dazu kommt, daß sie es lieben, Butter auf Stühle zu schmieren und zudem sich auch noch aus Dosen ernähren; sie würden , um schreiben und malen zu können , alles tun, sogar sich durch Schlamm und Kloaken winden “ ,um sich als wahre Helden eines Zeitalters zu fühlen, von dem wir heute, und insbesondere die Jüngeren nichts wissen.
Diese Fossile schämen sich nicht ihrer mageren Körper oder ihre teils pathologischen Ansichten zum Thema Kunst, Paar oder Frau. Sie haben keine Probleme, wenn ihnen die 5. Frau davonläuft und der beste Freund ihnen die 6. Frau ausspannt.
Aus diesem Schmerz wird ihre Kreativität geboren, die wir später als Genialität bezeichnen.

Das Gesicht von Andy, eingehüllt in einer Winterkapuze , machte Campbells berühmter, als es der Inhalt der Suppendose jemals vermocht hätte…allerdings gab er auch die Wahrheiten kund, daß Sex und Parties das Einzige wäre, wo man persönlich erscheinen müsse…Vincent, der magere Rothaarige , der sich mehr auf Theo verlassen konnte, als auf die Weitsicht seiner kunstunverständigen Zeitgenossen, malte sich im Farbenrausch hungrig an der Welt, die aus Kornfeldern und bäuerlicher Betriebsamkeit bestand. Für alle Damen dieser Welt pflückte er den allerschönsten Blumenstrauß und wußte es nicht einmal, das er wie auch kleine Veilchensträußchen englischer Ladies konserviert wurde und für die Ewigkeit nun in der Vase steht. Joseph, der einen ambivalenten Hang zu Lebensmitteln hatte , verwechselte den Stuhl mit einer Brotscheibe und zog den Zorn einer übereifrigen Putzfrau auf sich….Jeff, dessen Herz sich lila färbte beim Anblick eines roten Balloon-Pudels oder Clemens, der sich wagte, einem anderen Mann die Stirn zu bieten und ein ungleicher Wettkampf zu Höhenflügen Beider führte, anderer war Karl Friedrich , dem wir die berühmtesten Bauten Berlins verdanken. Und natürlich unwiderstehlich Alberto, der Glutäugige, der auf italienischer Liebhaber macht, aber eigentlich schon längst Schweizer war…Nicht zu vergessen Salvatore, der sich den Bart zwirbelte ,um mitten ins Herz der ihm umschwirrenden Damen zu treffen…

Wie heiter bunt plötzlich der alte Bahnhof schillert, es raunen die Worte Brentanos wie ein weicher Wind durch die lange Halle…Und da ich wohl die einzige zu sein scheint, die sich der Vielfarbigkeit des schwarzweißen Plakates annimmt und sie neu entdeckt, setze ich mich halb gedankenversunken, halb hellwach auf die hölzerne Sitzbank, deren Farbe schon absplittert …Neben mir sitzt der Mann mit den abgetretenen Schuhen und auch er schaut wie ich auf die Plakate , die des Künstlers Kult dem Betrachter nahebringen will, und plötzlich fühle ich mich nicht alleine mit den verrückten, sensiblen, erschrockenen und unverstandenen Männern auf den Plakaten. Der Mann scheint zu bemerken, das ich wiederum bemerke, das seine Schuhe auch schon mal bessere Tage gesehen haben, und beginnt irgendwie schamhaft mit einem Papiertaschentuch das verschmutzte Leder zu säubern.

Eine merkwürdige Stimmung baut sich auf . Immer noch gebannt und voller Phantasie spazieren meine Gedanken auf dem Plakat herum und irgendwie schien dieser Mann auf das Plakat hinzu zu gehen . Seine graue, unscheinbare Kleidung und die Handschuhe, die er vor dem Säubern der Schuhe neben sich auf die Bank gelegt hatte , seine Gestalt und sein hageres Profil erinnerte mich ein wenig an ein Foto aus den Jahren der Zweifarbenfotografie, welches vom Fotografen durch Retusche ein wenig Farbe erhielt- ein bisschen Illusion im Grau des Alltags .
Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkeln heraus . Wie aus der Zeit , ja wie aus dem Plakat herausgelöst , so erschien es mir, saß er da. Mit ruhiger Hand griff er nach den Handschuhen , stand auf und warf das Taschentuch in den Mülleimer, ein anderes Taschentuch entwischte seinen Händen …
Er stand ganz still, ohne ein Wort zu sagen, ja fast ohne zu atmen. Es war, als wäre er dem Plakat entsprungen, hätte sich mal nur so aus Spaß auf der Bahnhofsbank niedergelassen und nun , nachdem ich seine Lebendigkeit entdeckt habe, auf das Plakat zurückwolle…
Der U-Bahn rollte ein. Ein großer Windstoß , den die Bahn vor sich herschob bauschte sein Haar auf und er hob die Hand und ordnete sein Haar.
Ich nahm meine Tasche, meine Zeitung und stieg ein. Als ich meinen Blick hob, war er entschwunden. Auf keinem Sitz, in keinem Gang, nirgends stand oder saß er. Die Bahn machte einen Bogen und in der Kurve kann man vom ersten Wagen bis zum letzten Wagen sehen, wer ein-oder ausgestiegen war. Der Mann blieb verschwunden, aufgelöst im Nichts dieses Morgens. Mir kann der aberwitzige Gedanke, das er auf der anderen Seite des Wagens die Tür geöffnet haben könnte, um wieder im Plakat entschwinden zu können, sozusagen „trockenen Fußes“ übers Gleisbett gehen konnte. Ja, plötzlich war er im Diesseits nicht mehr fassbar. Allerdings hatte ich auch gesehen, das er noch beide Ohren hatte und auch die Lippen waren voller. Die Augen waren nicht glutäugig, sondern eher hell, von einem bernsteingesprenkeltem Braun . Die Hände waren nicht feingliedrig, wie die eines Musikers, auch nicht grob und schwer, wie die eines Skulpteurs oder auch nicht nervös, wie die eines Fotografen. Nichts von all dem . Kein Merkmal , das ihn als einen von ihnen gekennzeichnet hätte…Er war vielleicht einfach ein Mann, der scheinbar in der falschen Zeit lebte und in seine Zeit zurückgegangen war.

Als ich nachmittags wieder nach Hause kam und den Bahnsteig entlanghastete, konnte ich nicht anders, als noch einmal meinen Blick auf das Plakat zu werfen. Alles war wie vorher ; das Plakat hing immer noch auf seinem Platz , niemand hatte es mit Graffity verschmiert, niemand hatte die lose Stelle weiter abgerissen- nur unter dem Plakat, auf dem schwarzen Gleisen , zwischen den ölverschmierten Bohlen zitterte ein Stück von einem lehmverschmierten Papiertaschentuch . Und was sagte Hans? Sehen ist Alles !

 

18. November 2008

wenn männer in bewegung kommen- oder wann trinke ich mit ihm die halbe flASCHE wein


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Wenn Männer in Bewegung kommen- oder wann trinke ich mit ihm die halbe Flasche Wein

Das Telefon läutete. „ Ich komme etwas später, ist das ein großes Problem für Sie?“
Ich verneine und bemerkte, dass ich ohnehin zu Hause sei und es mir nicht darauf ankäme, wenn er sich um eine Stunde verspäte.

Ich nutze die Zeit, die Dokumente zu ordnen und den Taschenrechner bereit zustellen

Das Telefon läutete ein zweites Mal. „ ich bin unterwegs. In einer halben Stunde bin ich da.“ Ich blicke auf die Uhr. Es ist 19 Uhr und der Termin war auf 17 Uhr angesetzt. Ich hatte Hunger. Und ich dachte gleichzeitig, dass das Gespräch nicht länger als 30 Minuten dauern würde. Essen könne ich also auch noch später.

Das Telefon läutete ein drittes Mal. „ ich bin bin noch unterwegs…“ Ich erklärte den Weg und knallte den Hörer auf die Gabel. Das Telfon zitterte leise und ich befürchtete, dass ich es kaputtgemacht habe. Ich nahm noch einmal dem Hörer und war erleichtert, als der Ton erklang.

Wo blieb denn bloß dieser Mann, der mir das Gefühl verlieh, er nähme sich einfach zuviel Zeit. Endlich ! An der Tür höre ich ein leises Kratzen und kurz darauf schellte die Wohnungsklingel. Ich rannte den 10-Meter-Flur entlang und öffnete fast atemlos die Tür.

Im Türrahmen stand im Gegenlicht der Abendsonne der Mann, auf den ich gewartet hatte. Der erste Blick- und es geschah etwas. Es war wie ein WUSCH! Es war wie etwas, als hätte man zwei Magneten plötzlich das hölzerne Trennblatt weggezogen, was verhindert sollte, das sie aufeinanderprallen.

Ich bat den Mann in das Zimmer und setzte mich gegenüber. Alles in mir musste ich zur Ruhe zwingen. Ich wollte nichts anderes, als schnell diesen geschäftlichen Termin hinter mich bringen. Aber irgendwie kamen wir im Gespräch vom Hundertste ins Tausendste. Wir sprachen über seinen Akzent, sein Geburtsland, und unwillkürlich musste ich an die größte Diva seines Landes und an den berühmtesten Schriftsteller seiner ehemaligen Heimat, Mario Llosa, denken. An Mario Llosa eher weniger, sondern an seine Romane, die irgendwie das gleiche Kichern und Lächeln auf dem Gesicht zu tragen schienen, wie dieser Mann hier.

Nach drei Stunden Gesprächen über Literatur, Musik und Kunst und anhaltendem Lachen über ähnliche Empfindungen, zwischendurch Erläuterungen, wie man eine Wohnung kauft, begleitete ich ihn zur Tür, diesen Mann, der irgendwie gar nicht gehen mochte, sondern es bedauerte, diese Gespräche nicht fortsetzen zu können.

Ich schloss die Tür hinter ihm. Der kurze Moment, wie er wieder im Türrahmen stand und seine Hand auf das alte Holz legte, als wolle er sich abstützen, war das Letzte, was ich von ihm sah.

—————————————-

Das Telefon läutete. „ Ich brauche noch einige Dokumente. Und eine Faxnummer“
„ Moment“ sagte ich, ich könne ihm die Faxnummer gleich durchgeben. Ich fand die Nummer nicht und bedauerte mit dem Hinweis, dass ich die Nummer per E-Mail zusenden könne. „Nein, nein, rufen Sie mich morgen an. Ich bin zwar nicht da, aber“…er holte Luft und fuhr fort „…aber so kann ich ihre Stimme noch einmal hören“.
Da war es wieder, dieses WUSCH!

Etwas irritiert legte ich den Hörer auf, und hoffte, das der Anrufbeantworter nicht anspringen möge, sondern eine Kollegin oder ein Kollege am Telefon wäre.
Natürlich hatte ich zu früh gehofft und meine Stimme geistert nun seit dem Juni auf diesem Anrufbeantworter herum.

Ich verreiste. Das Telefon läutete sicher, aber ich war nicht da. Aber das wusste er.
Die Dokumente lagen bereit und die Zeit arbeitet für mich. Auf der Reise dachte ich manchmal an den Mann jenseits der Anden und jenseits der Spree, aber die Gedanken verflachten ins Geschäftliche und auch die Rosen des Sommers waren längst verblüht.

Es wurde August. Ich kehrte heim, und in der Zeit tat sich alles in seinem Büro, was zu tun war, um den Grund seines ersten Besuches zur Vollendung zu bringen.
Ich schrieb noch eine e-Mail, um ein abschließendes Gespräch zu führen. Er war nicht im Büro und die e-Mail blieb unbeantwortet.
Ein Freund, der das ganze Geschehen begleitete und den Kauf der Wohnung forcierte, und auch einige Telefonate während meiner Abwesenheit mit dem Mann führte, bot sich an, den Abschluss des Kaufes per Telefonat mitzuteilen und ein angemessenes Besiegeln des Projektes anzubieten.
Ein Essen, eine Einladung, vielleicht ein eigenes Parfüm, extra für ihn kreiert.

Das Telefon läutete. Bei ihm. Auf der anderen Seite der Leitung. Mein Freund teilte sein freudiges Anliegen mit und so ergab sich wohl ein Wort dem anderen und die Unterhaltung dauerte 45 Minuten. Lautes Lachen, leises Kichern. Ich dachte mir leicht verärgert: was schwatzt er so lange mit ihm? Es klang wie ein vertrautes Gespräch unter Freunden, die sich Geheimnisse anvertrauen.

Endlich konnten wir den Champagner öffnen und anstoßen. Ein merkwürdiges Zittern begleitete mich. Im Glas funkelte der Champagner und ich sah eigentlich, wenn ich auf die Oberfläche der Champagnerschale sah, nur zwei schwarze Augen funkeln . Ich fragte meinen Freund, was es denn so lange mit diesem Mann zu kichern gab und dann sagte er mir: „ Ich glaube, bei ihm hat es auch WUSCH! gemacht. Er wurde plötzlich so sentimental im Gespräch. Er meinte, dass es so schade sei, dass mit Abschluss des Projektes der Alltag einkehrte ; er hätte sich gewünscht , miteinander irgendwie in Kontakt zu bleiben. Dieser Abschluss gäbe ihm das Gefühl, er hätte plötzlich etwas verloren “

Es hatte also WUSCH! gemacht. Und ich habe jetzt so ein Gefühl, als stünde irgendwo noch eine halbe Flasche Wein, die darauf wartet, ausgetrunken zu werden.

MAR September 2008

für J. A. Danke für die Inspiration !

24. August 2008

wenn Männer in Bewegung kommen-oder Navigationssysteme für Mann und Frau


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wenn Männer in Bewegung kommen-oder Navigationssysteme für Mann und Frau

Eigentlich bin ich in vielen Dingen, insbesondere mit dem Schreiben so richtig altmodisch. Wenn ich unterwegs bin und ich möchte unbedingt etwas notieren, dann habe ich die altbewährten fliegenden Blätter bei mir. Schon seit Kindestagen lebe ich mit diesem System, dass in irgendeiner Manteltasche doch irgendwo diese Notiz sein müsste…!
Die Zeiten ändern sich, die Bleistifte weichen dem Kugelschreiber und die Kugelschreiber weichen dem Computer.
Vor nicht einmal 15 Jahren gab es solche ausgefeilten Suchsysteme wie “ Tante Google“. Tante Google ich eine meiner Lieblingstanten. Als Mensch, der immer auf der Suche nach interessanten Büchern ist, gibt sie mir wertvolle Tipps und kann mich sogar ab und zu Schnäppchenkäufen in Online-Buchhandlungen verleiten.

Kürzlich, als es draußen regnerisch und düster war, und meine Stimmung ebenso dunkel, erinnerte ich mich an einen Spontankauf von vor zwei Jahren. Da erstand ich ein Buch, welches mich einen ebenso regnerischen Tag wie der heutige durch seine Heiterkeit und Wortwitzigkeit wirklich vergessen ließ.
Mein neuzeitliches Schreibgerät von Compaq schnurrte noch; und so fragte ich Tante Google, ob es noch andere Bücher gäbe von diesem Witzbold, der in nullkommanix Wellness pur für meine Lachmuskeln war.
Ja, sagte die Tante, schau mal, da gibt’s eine ganze Menge. Kauf mich, riefen die Bücher! Es geht in diesem Online-Laden zu wie im Märchen von Frau Holle, wenn die Brote rufen: zieh mich raus, zieh mich raus….
Nur hier hieß das: Klick mich an und Du hast mich!

Mein kleiner Finger gehorchte aufs Wort und klickte an und in einer Rekordzeit von 3 Minuten kaufte ich zu den Büchern des Satirikers noch 2 Romane von Frau Schrobsdorff und ein neues Wörterbuch der englischen Sprache.
Fast zufrieden lehnte ich mich zurück. Wie wunderbar es doch ist, das alles auffindbar und durchschaubar und bestellbar ist. Und das , ohne die Wohnung zu verlassen. Nun musste ich nur noch warten, dass mein Briefträger ein braunes Päckchen in meinen Kasten wirft…
Der Tag, der für mich wie Weihnachten und Ostern zugleich war, ist nicht etwa mein Geburtstag, sondern der, an dem ich, die Stufen hinauf zur Wohnung eilend, schon im Hausflur die Bücherpakete aufriß. Vorsorglich zog ich den Stecker des Telefons heraus und innerhalb von 2 Tagen verschlang ich jedes Wort und ich meinte fast, der Witzbold, der die Bücher schrieb, säße zum Tee neben mir auf der Couch.

Ich dachte, das muss der Mensch doch wissen, dass er aus einem Regentag Sonnenstunden zaubern kann. Tante Google schnurrte immer noch…komm, komm, hier darfst du dich bedanken…
Da ich ein gut erzogener Mensch bin, sollte man auf „Tanten“ ab und zu hören und ich nehme ihre angebotene Hilfe in Anspruch und finde tatsächlich ein kleines Gästebuch, wo hinein ich meine Freude und mein Glücksgefühl kundgeben kann. Und wohlerzogen erwartet man nicht unbedingt, dass der mit Lob Beschenkte dank dieses ausgeklügelten Systems im Internet bei mir melden wird.

Diese Zuverlässigkeit dieser Tante ist phänomenal! Was alles möglich ist und in welcher Geschwindigkeit…Ja sitzt denn der lustige Geschichtenschreiber tatsächlich mit seinem heißen Kaffee neben mir und mag sich unterhalten?
Tante Google kann mir jetzt nicht weiterhelfen; die Worte, die ich jetzt sage oder schreiben möchte, können nur aus dem Fundus meiner altmodischen Erfahrungen mit Sprache geschöpft werden. Also spielen der Schriftsteller und ich Pingpong mit kleinen, feinen Sätzen und senden uns diese per Klick zu.
„Hallo Du“ schreibt er mir „Du kannst mich kommenden Tag im Fernsehen sehen!“ Und da er wahrscheinlich in der Eile einen einzigen, klitzekleinen Buchstaben falsch geschrieben hatte, konnte ich diesem Hinweis gar nicht folgen und landete immer auf der Error-Seite. Puhh, dachte ich, dieser Mensch will sich wohl einen Scherz machen. Andererseits aber regte sich in mir mein gesundes Gefühl, das dies sicher ein Versehen war…

Also musste ich doch wieder Tante Google in meine Privatsphäre hineinlassen und sie fragen, was um alles in der Welt meint er und vor allem wo befindet sich der Fernsehsender.
Geübte Finger tippten den Namen ein, Schlagworte wie Fernsehen, das erahnte richtige Wort und siehe da! Tausende von Informationen stürzten auf mich ein, überfluteten mich geradezu mit Informationen, so dass es mir ganz schwindelig wurde. So viel wollte ich eigentlich gar nicht wissen über den geheimnisvollen Mann gegenüber! Eigentlich genügte mir doch das Fernsehprogramm, denn auch wenn hinter einer Mattscheibe, kann ich mir dann doch aber ein lebendiges Bild machen…

Ach Tante Google! Deine Geschwätzigkeit hat mich und mein inneres Navigationsgerät für besondere Worte und besondere Menschen etwas durcheinander gebracht! All diese Informationen sind zwar gut gemeint, aber sie sagen mir all das, was ich als Briefeschreiberin gar nicht so schnell von meinem gegenüber wissen wollte…
Ich fand unter all den Informationen, die mich sehr beeindruckten, endlich auch den Fernsehsender. Unglücklicherweise konnte ich diesen Sender nicht empfangen.
Egal, wie ich meine Digitalantenne auch drehte und wendete, es wollte mir nicht gelingen. Tante Google erzählte mir von Streams und Videos, aber auch da wurde ich nicht fündig; nur eine Aufzeichnung vom letzten Jahr. Was sollte ich tun?

Eine wahre Flut von blinkenden Versuchungen: Klick mich, drück mich, downloade mich, speichere mich ab, mach eine Notiz in deine Merkliste, stell mich zu den Favoriten ein, zu den Lesezeichen….
Nein, ich wollte das alles nicht!
Ich schrieb dem erwartungsvollen Briefpartner, dass ich mir die Sendung anschauen werde. Ich verschwieg ihm allerdings, dass es die Aufzeichnung sein wird. Mein einfaches Navigationsgerät zum auffinden der richtigen Wörter muss einfach aktiviert werden. Wie kann ich ihm mitteilen, dass ich seine Sendung nicht gesehen habe, aber auch, dass ich es nicht so schlimm finde, weil dann doch noch so etwas Geheimnisvolles bestehen bleibt…

Vielleicht ist Tante Google doch nicht nur so modern und so flink und so überaus korrekt…Sie ist zudem auch sehr feinfühlig … Warum ich das sage? Trotz der Fülle, trotz der Schnelle und trotz der Treffergenauigkeit konnte sie mir vermitteln, dass ich mich nicht nur auf das System verlassen sollte. Zwischen all den Ergebnissen, die mir diesen Briefpartner quasi als offenes Buch präsentieren wollten, lag immer noch all das Unausgesproche, was ich für mich als eher wichtig empfand. Die Moral von der Geschicht‘- immer trau ich Tante Google nicht!

Und so weiß ich bis heute nicht, wie die Sendung gelaufen ist. Ich hoffe, mein Briefeschreiber wird es mir erzählen. So auf altbewährte Art. Persönlich. Ohne Tante Google zwischenzuschalten…

MAR

 

wenn männer in bewegung kommen- und die gelüste auf TANZ wecken

Filed under: wenn männer in beWEGung kommen-und sei es... — Schlagwörter: — silkandpaper @ 7:53 AM

 
 
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wenn Männer in Bewegung kommen – und die Gelüste auf Tanz wecken

Vom Scheitel ( übers Dekolleté ) bis zur Sohle

Auch wenn ich in den letzten Wochen weniger Zeit aufbringen konnte, täglich etwas zu schreiben, so heißt das ja noch lange nicht, dass ich meine Wahrnehmung zum Alltäglichen abgeschaltet hätte…
Der tägliche Weg führt mich immer noch in den Untergrund und die diffuse Beleuchtung mancher Bahnhöfe zwingt mich fast, noch genauer hin zu sehen.
Als ich kürzlich die Rolltreppe am Zoologischen Garten benützte, und zwar die Hintertreppe, da traute ich meinen Augen kaum. Am Rand der Rolltreppe, gleich neben dem Handlaufband stand ein Damenschuh!

Er war aus schwarzem Satin und hatte einen durchtanzten Absatz, ein richtiger Tango-Schuh, der ein schönes Frauenbein schmückte ,und beim Herumwirbeln sicher den Rocksaum etwas lüftete, wenn die Spitze des Schuhs diesen berührte…so dachte ich in dieser Sekunde.
Der Mann vor mir drehte sich um und ich sah in seinem Gesicht ähnliches Erstaunen.

Ich dachte mir, wie lustig, im richtigen Leben widmet ein Mann den Schuhen seiner Freundin oder Frau sicher weniger Aufmerksamkeit; vielleicht ist er sogar genervt, wenn es schon wieder hieße: duuuuuuuuuuuu , ich habe keinen vernünftigen Schuh im Schrank….
Aber ein fremder Schuh einer vielleicht schönen fremden Frau könnte mitunter aufregend sein…

Unsere Blicke trafen sich, denn ich stand auf der Rolltreppe genau zwei Stufen hinter ihm. Da die Rolltreppe aufwärts fuhr, leistete er sich noch einen Blick aufs Dekolleté. Ich dachte bei mir: jetzt fehlt nur noch die rote Rose im Mund und das Stampfen der eisenbespickten Absätze und ein morgendliches Tänzchen im U-Bahnschacht ist perfekt.
Der Schuh, den eine wohl recht eilige Cinderella in der Nacht verloren hatte, brachte ein wenig tanzerotisches Verlangen…und das morgens 8:30 Uhr.

Die Rolltreppe näherte sich der Straße, ein Rucken, ein Sprung und schon hat man wieder festen Boden unter den Füßen. Aus der Traum. Die Sohle klebt am Asphalt fest; es ist in den letzten Tagen sehr heiß gewesen. Mein Alltag hatte mich wieder im Griff und der Traum, den Tango den ich vor Jahren auf der Straße tanzte, noch einmal zu wiederholen, zerplatzte…
Mein Tanzpartner von damals ist längst übergewichtig und hat eine eifersüchtige Ehefrau…

Also sollte ich vielleicht einen Schuh irgendwo platzieren und der Prinz geht auf die Suche nach den Füßen dazu….

2. Juni 2008

WENN Männer in Bewegung kommen- oder warum karierte Hosen nicht unbedingt langweilig sein müssen


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Sehr oft, wenn ich U-Bahn fahre, werde ich das Gefühl nicht los, dass ich mit meinen Blicken die Leute „ausziehe“. Nein, ich meine das nicht in dem Sinne, wie man es sonst verstehen wollte, sondern eher in dem Sinne, als zöge ich all die traurigen, fröhlichen, nachdenklichen oder flatterhaften Stunden im Leben dieser Menschen an ; wie meine Morgengarderobe, die mir stets Sorgen bereitet…
Immer und immer wieder drehe ich mich vor dem Spiegel, um letztendlich doch wieder Vertrautes überzustreifen.
Ich verstehe es selbst nicht! Wieso kauft man sich ein neues T- Shirt oder einen teuren Pullover, wenn sie doch allesamt in der gleichen Farbe sind. Aber erst dann, wenn mir das Vertraute, Bewährte auf der Haut liegt, verlasse ich mein Zuhause mit dem , was meine Zufriedenheit ausstrahlt und meine Gefühle wiedergibt.
Es ist fast wie Einkaufen, wenn ich den U-Bahn-Waggon betrete und mich mit kreischenden Farben, Blümchenmustern und zerrissenen Jeans konfrontiert sehe . Ich fühle mich wie in einem Kaufhaus, wo man Gefühle, Laune oder Provokationen kaufen kann und manches Mal halte ich inne und frage mich selbst, wieso ich den bunten Ringelpulli wieder beiseite gelegt habe – und schwarz gewandet in die Sonne gegangen bin.

Andererseits kommen mir dann so absurde Gedanken, dass mein Schwarz wohl all den anderen Farben die Möglichkeit geben will, heller zu leuchten, zu strahlen, oder gar in ihnen die Sehnsucht zu wecken, sich mit dem Schwarz zu verbrüdern , es umarmen. Vielleicht verursacht dann dieses unsichtbare „hinüberspringen“ auf meine schwarze Alltagskleidung dieses Gefühl, dass ich denke, die Leben oder besser gesagt die Lebendigkeit der anderen Menschen spränge auf mich über und baut dieses satte Empfinden um mich herum auf, als würde sich eine bunte und lustige Energiequelle in diesem einen Waggon zusammenbrauen.

Allerdings fasse ich an melancholischen Tagen dieses Aufeinanderprallen der farblichen Gegensätze als etwas wie Heimatlosigkeit auf, weil alle Farbenklänge die Sehnsucht nach der Ferne wecken, und in diesem Schmelztiegel verschiedener Kleidungsstile entdecke ich sogar, das Pink eine schöne Farbe sein kann, wenn darunter gebräunte Haut sichtbar wird und sich pechschwarzes Haar darüberlegt.
Heute aber ist so ein Tag, der etwas aus dem „schwarzen“ Rahmen fällt. Heute trage ich mal alles in Weiß, na ja, nicht ganz alles, denn meine Tasche ist zwar mit weißer Seide gefüttert, aber mit schwarzen Herzchen bedruckt, die ganz versteckt unter dem derben Leinenstoff auf der Suche sind nach dem Rot und Blau und Grün und vorwitzig aus dem umgekrempelten Rand meiner Tasche heraus lugen.

Ich sitze auf einem harten Polster inmitten schwitzender Körper, die schon am frühen Morgen dampfen und dabei einen Duft von Seife verströmen. Ich beginne wie immer die Umgebung mit meinen Blicken zu erforschen, als sich plötzlich die zwei Pobacken eines Mannes vor meinem Gesicht platzieren.   Kariert scheint IN zu sein, denn als ich halb empört und halb belustigt versuche, meine Augen anderswohin wandern zu lassen…und treffen sie auch das Gegenüber.

Auch mein Gegenüber liebt Kästchen! Es ist komisch, denn ich assoziiere karierte Hosen immer mit älteren Männern , aber diese beiden sind jünger als ich und sehen auch nicht so aus, als hätten sie einen verirrten Geschmack. Beim näheren Betrachten der beiden Gesichter, das eine im Profil und das andere frontal, fällt mir auf, das die beiden „Karierten“ sehr zufriedene und aufgeräumte Gesichter haben, so , als hätten sie ihr ganzes Leben wohlgeordnet in diesen kleinen schwarzweißen Kästchen ihrer Bekleidung verstaut. Ich bin mit meiner Phantasie sogar geneigt zu sagen, dass diese beiden Männer sicher eine ganz und gar geradlinige Lebensspur fahren müssten, schlösse ich dies von der Pepita-Musterung ihrer Kleidung auf das Innenleben eines Menschen.

Doch halt! Zwischen dem Weiß und dem Schwarz hat sich ein lichtblauer Faden verirrt, der dort eingewebt, dieses geordnete Quadratische aufzubrechen scheint dem mathematischen Augenschein den Hauch einer unbekannten Variablen oder besser das Wissen vom angedeuteten Chaos ankündigt.

Plötzlich ist mir meine eigene heutige weiße Bekleidung nicht mehr recht.
Und das schon am frühen Morgen… Ich vermisse mein gewohntes Schwarz, das mich wie ein Beobachtungsposten distanzierend und zurückhaltend sein lässt… Weiß – das ist so ein unbeschriebenes Blatt, eine Art Leere, in das man alles hineinschreiben und hineinprojezieren kann. Weiß scheint Menschen aufzufordern,  es zu bemalen. Ich streife mit meinen Händen über meine weiße Hose und zupfe die schwarzen Herzen etwas weiter aus dem Innenfutter heraus, so, als wolle ich wenigstens ein klein wenig Farbe bekennen. Aber sind schwarze Herzen denn wirklich farbig? Und überhaupt, schwarze Herzen! Schlimm genug, dass es Menschen zu geben scheint, die gar kein Herz besitzen, aber ein schwarzes Herz nach außen zu kehren, kommt mir nun noch viel schlimmer vor…
Ich belächle meinen eigenen absurden Gedanken und schiebe das Innenfutter wieder zurück in die Hosentasche. Es ist wirklich zum Lachen! Zwei karierte Hosen , die auf dem ersten Blick etwas unzeitgemäß daherkommen, lösen bei mir eine Hinterfragung über die Zustände in den Herzen der Menschen aus ; und nicht nur das – sie lassen mich nachdenken, ob Weiß denn tatsächlich rein und klar und geordnet sein kann…

Der Mann mit dem blauen Streifen im Karo blickt auf und lächelt mich an. Er muß wohl bemerkt haben, dass ich ihn betrachte.
Ich werde rot und fingere am Reißverschluß meiner Tasche herum. Ich bin verlegen und nehme mir vor, nicht andauernd die Leben anderer Menschen „überzustreifen“, während ich in der U-Bahn sitze. Ich zupfe und ziehe immer weiter am Reißverschluß und plötzlich fällt meine Tasche zu Boden. Alles, was an Inhalt darin ist, ergießt sich in den Waggon. Meine Überlebenstasche schüttet alles , was ich so am Tag benötige , vor die Füße der Fahrgäste.
Der Abdeckstift kullert unter die Bank, mein Schlüssel schlägt hart auf dem Metall auf, meine Stulle schimmert durch eine Plastiktüte und offenbart ihr Geheimnis: Salami und Gurke. Der halbdefekte Kugelschreiber zerfällt nun vollends in seine Bestandteile und meine unfreiwillige Sammlung aus Plastikkarten schlittert wie auf Eis durch den halben Wagen und der Schlüsselanhänger mit meiner Campuskarte verrät, wo ich arbeite und die Aspirin petzt, dass ich manchmal Kopfweh habe….

Ich springe auf und versuche meinen ganzen Kleinsthaushalt wieder in die Tasche zu raffen. Der karierte Mann hockt sich mit mir auf den Boden und versucht zu helfen. Er kichert und sagt ziemlich gut hörbar für alle Mitfahrgäste zu mir: „recht bunt geht’s in ihrer Tasche zu! Irgendwie passt das gar nicht zu diesem Weiß. Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, ob es bei ihnen zu Hause auch so blitzblank sei…“

Nun muss ich laut loslachen. „Nö, sage ich zu ihm, auch bei mir schlingert sich ein chaotischer blauer Faden durch die Wohnung, wie in ihrer karierten Hose“ Er schaut mich verdutzt an. Woher soll er denn wissen, was ich meinen könnte? Er blickt an sich selbst herab und entdeckt wohl wirklich zum ersten Mal den blauen Faden in seinem wohlgeordnetem Leben. „Man sagt eigentlich immer , dass der rote Faden sich durch alles ziehen kann, hier ist es eben ein blauer Faden, der einem Klischee Lügen strafen will…“ Jetzt schaut er noch verdutzter und ich nehme meinen Mut zusammen und meine  etwas frecher zu ihm, daß jeder so etwas wie ein kleines verstecktes Chaos beherbergt ; der eine in der Tasche, der andere als karierte Hose… Der Mann lacht lauthals los und meint zu mir: „ ich hatte mir am morgen Kaffee über meine andere Hose geschüttet und mir danach die erstbeste Ersatzhose gegriffen. Die ist von meinem Mitbewohner…“

Oh je, dachte ich , jetzt habe ich auch noch meine Phantasie um ihre Authentizität betrogen ! Eine halbe Stunde lang mache ich mir bizarre Gedanken um karierte Hosen , um Menschen , die solche Hosen tragen. Und dann sind es nicht einmal seine Hosen- also ist es auch nicht sein wohlgeordnetes Leben, welches er spazieren trägt, sondern das eines anderen… !

Was für ein Morgen! Ich nehme mir vor, in den nächsten Tagen etwas weniger intensive Gedanken zu machen- zumindest nicht über Muster an männlichen Hosenbeinen….

 

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