Silk and Paper

30. Oktober 2017

WAHRnehmen

Filed under: DER mensch als fremder ORT, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 12:11 PM

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Erich Fried, Versuch sich anzupassen . Aus : Liebesgedichte, Verlag Klaus Wagenbach Berlin, 1983

Mir ist beim Staubwischen ein altes Quartheft ( Nr. 103 ) vom Verlag Klaus Wagenbach Berlin in die Hände gefallen. Es stammt noch aus der Zeit, als ich gerade eine neue Wohnung suchte und das meiste, was unter meinen Habseligkeiten war, Bücher waren . In diesen Zeiten ordnet man das Sein und hinterfragt so manches , was vorher auf meine Schultern aufgebürdet, die Schritte hat schwerer werden lassen.

Es war die Zeit, wo ich überleben lernte, im doppelten Sinne. Die Unordnung des Lebens wird scheinbar in Kartons geordnet. Man blättert Seiten durch und entscheidet sich in Minuten , ob ein Buch, ein Gegenstand oder eine Erinnerung in die neue Wohnung mitgenommen werden kann.

Es manifestiert sich für die Zeit der Umzugstage eine Euphorie, dass alles nur noch besser werden kann. Man steht auch innerlich an Klippen und Bergen , über die man wirklich alleine springen will. Das Anerbieten loser Versprechen von Kollegen und Freunden, doch hilfreich zur Seite zu stehen, wenn Kisten und Kartons treppauf – treppab getragen werden müssen, dröseln sich auf in flatternde Eventualitäten und zerfallen am Tag des Ereignisses zu Staub.

Ja, man trägt sein Leben tatsächlich allein dorthin, wo man nun sein möchte.

In diesen Tagen, die schon lange zurückliegen , zerstob auch anderes, als nur meine Familie oder das Vertrauen darauf, dass die Stützbalken auch das Neue und neue Schwere tragen würden.

Der Kauf des Quartheftes fiel auch in die Zeit der Käufe der Bücher von Marlen Haushofer , deren Bücher damals als „Frauenliteratur“ eingeordnet wurden und sich erst viel später als sprach-und seelengewaltige Filmvorlage entfaltete und selbst dann musste man einigen Zuschauern noch erklären, welche Wand denn gemeint sein könnte…

In diese Zeit fällt auch das Erkennen, dass man sich viel zutrauen kann, wenn man sich auf sich selbst verlassen kann. Auf sich verlassen, das hieß auch, jedes Wort umzudrehen, um es auf seinen Gehalt zu untersuchen.

Man muss allerdings sagen, dass es eine Zeit war, in der man selbst noch schrieb und sich nicht an lachende oder weinende Emojis hing, um seinen inneren Zustand auszudrücken. Ein Wort war mehr als ein Semikolon und eine halbe Klammer.

.

Jetzt, wenn ich dieses verblichene Heft in den Händen halte und darin blättere, steht wieder für einen Moment diese Zeit im Raum, damals, als ich überlebte .

Ein Gedicht springt mir besonders ins Auge. Ich habe es aus dem Buch abfotografiert.

Ach ja, das Quartheft 103 sind Liebesgedichte von Erich Fried.

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16. Mai 2017

gestEIN

Filed under: DER mensch als fremder ORT, sprach-RÄUME lyrik — Schlagwörter: , , — silkandpaper @ 7:28 PM

traummar

Tage brechen herunter ,

sie gleiten nicht leise , wie sonst, davon.

Der dumpfe Rhythmus allzu früher Morgen,

der die Nächte ausradiert,

als hätte es sie nie gegeben…

Im bröckelnden Gestein der Zeit

ist Erinnerung vergraben,

verschüttet unter schweren Lasten

des längst vergessenen Geschehens …

Im Geräusch fallender Steine,

hinter grauen Fäden aus Staub

versteckt sich ein Wispern.

Abwesenheit von Sprache.

.

©

6. November 2016

ZUgfahrt

Filed under: DER mensch als fremder ORT, Uncategorized, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 1:33 PM

 

Zugfahrt durch Brandenburg

Als Vagabund in meinem eigenen Leben teile ich den Himmel mit Allen und auch dieses Gefühl, durch Zeit und Raum zu reisen, um wieder dort zu sein, wo es nach meinem Ich aussieht. Vorbei an Bahnhöfen und stillgelegten Gleisen, an zerfallenen Häusern und Bäumen, die durch den Zufall und der Hilfe des Windes dort Wurzeln geschlagen haben. Ich schaue zum Fenster hinaus und denke mir, wie es wohl sein würde, wenn ich ein Bewohner dieser oder jener Stadt sein sollte…die Scheibe zwischen Zug und Draußen macht einen transparenten Schnitt…ich fahre weiter, die Häuser huschen vorbei und möchte wie eine wohlerzogenen Fremde freundlich „Guten Tag “ sagen. Ich habe immer das Gefühl, dass Menschen in anderen Städten mehr Freundlichkeit verdienten, wenn man nur für Sekunden , nämlich in der Zeitspanne des Haltens auf dem Bahnhof, bei ihnen zu Gast ist. Menschen steigen ein und ich mache Platz am Fenster für eine alte Dame, die gern rausschauen möchte….Auch am Gang kann man gut sitzen und wie ein Voyeur andere Menschen beobachten, die es nicht bemerken, dass ich in ihren Gesichtern Geschichten lese….

Obwohl es regnete und es sehr ungemütlich schien, war doch die Heimreise eine wiederum schöne Erfahrung des Reisens. Schade nur, dass es immer so schnell vorbeihuscht, das Leben dort draußen, weil die Zeit der langsamen Züge ein für alle Mal vorbei ist. Ich möchte sehr gern mal wieder eine lange Wanderung machen, mit Übernachtungen im Freien und den Geräuschen der Dunkelheit. Aber dazu muss es einfach wärmer sein. Ich hoffe sehr, dass mir der nächste Sommer einige warme Tage beschert und ich in die Mark Brandenburg mal wieder wandere. Diese karge , mit Kiefern bewachsene Landschaft …

Diese Landschaft rund um Berlin bietet sich an, dass man sich seinen meditativen Gedanken hingeben kann…sich zu berauschen an der Leere , die den Horizont so nahe an mich herankommen lässt, sich unter den Alleen, die bis hinauf nach Polen die Straßen säumen, behütet und geschützt zu fühlen, sich in Kornfelder hineinzuwerfen und den Duft der Erde einzuatmen, mit den Augen ins Blau zu blinzeln, in ein Blau, aus dem ich mir am liebsten ein Stück herausschneiden möchte, um es als Splitter weiterzuverschenken… als Vagabund kann ich das tun, denn mir gehört die Welt in diesem Moment. Ich möchte den Sommer wie ein großes Glas Erfrischungsgetränk genießen, durch es hindurchschauen und die Perlen der Kohlensäure aufsteigen sehen, die mir, wenn ich es zu schnell trinke einen „hicks“ verpassen. Ich möchte die Süße der Aromen auf der Zunge spüren, sie erahnen , und die Frische eines Regentages gleichzeitig an meinen Lippen kitzeln lassen.

Die Landschaft lässt mich das sein, was ich immer bin: ein Kind dieser braunen satten Erde, ein Grashalm, eine Kirsche , ein Holunderbusch…Dieses Schwirren in der Luft , die mir zugleich Melancholie und ein Kribbeln im Bauch verspricht, dieses Rauschen des Vorstadtzuges, der Familien ins Grüne bringt, hinaus in die Natur und mich wieder nahe an mich selbst heran… Es wäre ein wundervoller Traum, dieses zögernde und heranschleichende Tänzeln an das , was Nähe ausmachen könnte. Unter einem Baum liegend die weißen Fäden der Wolken zu sehen, die in den Himmel ein zartes Gewebe malen, einen Schleier, der alle meine Gedanken und Träume hinweg nimmt und mich verbindet mit allen Menschen, die mein Herz rühren und verbindet mit denen, die sich in geistiger und sehnsuchtsvoller Verbundenheit an diesem Schleier zurück hangeln , um sich gleichermaßen im Blau der Träume und des Himmels zu gefallen und über dem Baum, unter dem ich liegen werde, die Worte und Gedanken durch die Blätter säuseln können. Berlin Frühherbst . Ich bin wieder hier.

 

 

 

 

 

 

 

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wie immer Copyright  by myself

1. Oktober 2016

Seh(n)sucht nach der Leere


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Mongolei 2016

Anfangs konnte ich die Stille nicht beschreiben. Sitzend auf Steinen, den Blick über eine nicht enden wollende Weite geschickt, kam nur der eine Gedanke: wer hier noch mit sich und der Welt hadert, dem ist nicht zu helfen.
Hier versickert die Zeit und entschwindet dem Horizont entgegen. Der leichte Wind, streifend über Grashalme, Wildblumen, Gehölz, nimmt den Staub von meinen Haaren mit .
Zwischen zwei Steinkolossen schaukelt ein Spinnennetz. Fast einträchtig nebeneinander- eine große an Beinen behaarte Spinne und eine kleine Spinne , flinkere Spinne , die bei der ersten nicht vom Wind herbeigeführten Erschütterung am Netz flüchtet.
Durch das Netz schimmerte der Himmel wie blasses Wasser , geteilt in die abgerundeten Dreiecke des Spinnennetzes und ganz weit hinten, da wo man die Erde abrunden sah , klammerte sich schon die Dunkelheit an das Licht . Die klebrige Flüssigkeit an den Spinnenfäden glitzerten wie winzige Splitter aus Glas
Die Stille verändert sich und verschwimmt mit der Weite, die mich umgibt , zu einer Leere. Es scheint, als stünde man inmitten einer gläsernen Kuppel, die jedes Geräusch und jede Bewegung für Bruchteile von Sekunden auslöscht, fast so, als wolle diese Leere auch mich für diese Bruchteile nicht anwesend haben.
Wenn man inmitten der Wüste steht und die Dämmerung vom Rande der Erde langsam , wie einen schwarzen Flügel eines übergroßen Vogels auf sich zuschweben sieht , sieht man die wenigen Büsche inmitten dieser gelben , sandigen Fläche aufflackern .
Als ob die letzten Sonnenstrahlen fast biblische Worte herauf beschwören wollten – brennende Dornbüsche, flackernde Flammen , kurz bevor sich zu der schon vorhandenen Leere und Stille noch die pechschwarze Dunkelheit gesellte.
Doch sind es nur Momente von diesem Dreiklang Leere, Stille, Dunkelheit. Sobald sich das Auge an das Schwarz gewöhnt hatte , brachen durch die Himmelsdecke tausende und abertausende Sterne , die so funkelten, als wolle jeder einzelne dem staunenden Zuschauer zuzwinkern.
Wie in einem Spiel schienen Stille, Leere und Dunkelheit verschwistert zu sein, verbandelt um diesen einen Moment auszukosten, bis die Sternenpracht sich ausdehnt und dem kühleren Wind nun Raum gewährt. Um die wenigen Felsbrocken, die wie scheinbar in der Wüste verirrt schienen , strich die Brise aus dem Nirgendwo und ließ hörbar ein leises Geräusch zurück. Fast wie ein Seufzen oder ein leichtes Atmen.
An solchen Tagen mutete es sich an, als läge dieses Land auf einem anderen Planeten. Alles bezeugte, dass dieser Flecken Erde etwas ganz Altes ist, etwas so kraftvoll Ursprüngliches, dass man sich plötzlich seiner eigenen Dimension bewusst wird. Und seiner Kleinheit.
Die Draußenwelt mit ihrem Lärm, Schmutz und der Gier nach Reichtum war weit weg . Hier zählte nur der Moment, das Jetzt, das gerade Anstehende.
Für ein paar Tage und Nächte hörte man nichts von alledem , was außerhalb dieses Landes lag. Mittendrin im Wiegen des Steppengrases.

 

wie immer :  ©  bei mir

„Das Einfache, das eigentlich immer vor unseren Augen Seiende ist es, was dem Leben jede Doppelsinnigkeit nimmt und das Sein klar benennt.

https://silkandpaper8.wordpress.com/2016/09/29/leere-und-fulle/     „

29. September 2016

Leere und Fülle


wald-zeichnung

Eingemachtes  (2011)

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Kein Kärtchen wird es sein  , das eine neue Anschrift verkündet- sondern mehrere Gedanken, die mir kamen, als ich eines Morgens ganz anderswo aufwachte.
Der kurze Gedanke als Splitter eines fast vergessenen Refugiums , des Briefeschreibens zum Zwecke des Nachsinnens um Dinge, die etwas mehr bedürfen, als nur das Aussprechen oder des Zurückbleibens eines Fragezeichens; wie die Frage nicht unbedingt einer Antwort bedarf, weil sie selbst schon Antwort ist.
Und doch raubt manche Frage den Wörtern beim Aussprechen jeglichen Inhalt, weil das Was, Wie, Warum nur eine Fixierung von etwas Abstrakten ist.   Des Öfteren sogar Kehrbilder dessen, was man sagen will Das Schöne am aussprechen dessen  ist, dass es sich aus einer Gedankenwelt heraus zu etwas wandelt, was man fast anzufassen könnte- ein Ding ohne Dinghaftigkeit, und doch eine Wirklichkeit, die freischwebend über allem stehen kann, weil sie dem, was noch kein ausgesprochenes Wort ist, eine Möglichkeit gibt, sich dem Dinghaften anzunähern.
Zeit ist, wie ich schon seit Jahren darüber denke  und nachsinne , etwas, was dinghaft daherkommt, ja fast wesenhaft; wir geben der Zeit Raum und Begrenzung, indem wir sie zu Stückwerk verarbeiten, zu Tagen, Wochen, Jahre und Sekunden, Momente- und doch ist sie nur ein Provisorium , welches uns eine fragile Heimat zusichert…
Der Alltag in seiner manchmal erdrückenden Einfachheit geht an die Substanzen- oft meint man, dass der höhere Sinn des Seins in dieser ständigen Wiederkehr verloren ginge, und dabei ist es gerade diese Einfachheit der Wiederholungen, die alle Strukturen des Lebens an sich jeden Tag für uns erfahrbar und erkennbar macht.
Egal was wir tun, selbst wenn man alles Unvorhergesehene als Außerkraftsetzen des eigenen Lebensentwurfes bestätigt wissen will; es ist nur  ein kurzes Moment, das uns zum Nachdenken zwingt , und wir dennoch das Triviale tun – das Triviale, was uns davor schützt, unaussprechliche Wortgebäude fürs Dasein zu konstruieren, denn nichts anderes ist es, das Dasein… ein zeiträumliches , unser Denken begrenzendes Provisorium …
Das einfache im Alltag, das Wesenhafte der Dinge, das Benennen von Gegenständen, die wir berühren, sind Vorstufen zum Sein, welches vom Da-sein bis zur Vollendung geführt werden.
Geht etwas zu Bruch, ist es nicht mehr… so glauben wir zumindest, und wir denken, wir bräuchten diese Splitter und Scherben nicht unbedingt… doch und wie Splitter, wie Scherben sehe ich Dasein und Sein durch das Universum treiben, Wegelagerer, die irgendwann auf den selben Zug aufspringen…
Dasein und Sein sind Abstrahierungen, die wir uns zugestehen zu  glauben, dass beides dasselbe sei. Und dabei macht man doch tagtäglich ganz andere Erfahrungen, die zwar das Dasein, auch das der Dinge,  begrenzt relativieren und somit benennbar machen, aber das Sein als geheimnisspendendes Ewige beunruhigt uns,  und glaubt uns wissen zu machen, dass wir in dieses Ewige ganz und gar eingehen, verschmelzen, wenn das Dasein endet.
Eine kurze Zeitspanne – und doch angefüllt von Da-seiendem und auch dem Abwesendem …so ist dieses halbe Jahr , das ich hatte, um der noch heimatlosen neuen Wohnung meinen Atem einzuhauchen.
Als ich die Decke meiner Wohnung anstreichen wollte, rieselte das Stroh und der Putz auf mich hernieder und mit allerlei Werkzeug und meinem Tun habe ich mir schnell wieder das Dach über dem Kopf repariert. Dort etwas und da etwas, und die Zeit schmolz zusammen und es war “Arbeitszeit”.
Langsam aber sicher kommt die Zeit, wo ich wieder etwas mehr Stunden aufbringen kann , mich auch wirklich umzuschauen und die Gegenstände und Möbel, die Situationen und Erinnerungen an Altes wieder ihren ursprünglichen Namen erhalten: Heimat für die Heimat in mir selbst…

Es fehlte zuweilen an Gestaltenfülle, an der geistigen Nahrung , die eine gute Tasse Kaffee zum Kaffee macht- es fehlen mir die Kaffeehäuser, wo man sitzen, Zeitung lesen und palavern kann, so recht aus dem Stegreif;  und dann gehen mir manchmal die Gedanken durch, wenn der Kopf raucht .
Nirgends habe ich diese Lust am so gar nicht sinnfreien Schwatzen erlebt, als in der Erinnerung an meinen Vater,  an den Kaffee nach dem guten Essen. Mein Vater hat ihn immer in einer Selbstverständlichkeit gefordert, weil dessen Familie diesen Brauch aus der alten Heimat  bis ins Heute bewahrt hat. Ein bisschen haftet mir diese Erinnerung an, weil ich sie in meinem Tun lebendig halte.
Doch auch Trauer nach dem Erkennen des  Verlustes,  dem Wiederfinden von  Momenten der Zerrissenheit . Zwischen Kindheit und dem Umherziehen in fremden Städten, zwischen dem Hinüberretten von familiären Bräuchen und Traditionen blieben nur Bruchstücke erhalten, Ob man aus Alt Neu machen könnte, wenn man die Fragmente wieder in eine brauchbare Form bringen kann?

Bräuche haben es etwas Heimatliches an sich, so denke ich zuweilen.
Bräuche – braucht man und so schlägt es wieder den Bogen zum neuen Heim, welches langsam wieder zu dem wird, was es in der alten Wohnung war…
Es ist paradox, doch den Sinn im “Verlassen der Heimat” als Verlust zu empfinden, finde ich in mir nicht wieder.
“Heimat” ist man doch immer selbst. Anfangs scheint es, dass man beim Verlassen des Vertrauten fast so trauert, wie um einen Menschen, und wenn ich daran denke, wie sehr mich damals die schiefe Tür meines Badezimmers an die Familie Sahin  erinnerte, an ihr zweites Zuhause , oder besser an ihre neue Heimat… wird es durchscheinig , wie das Triviale auf Gegenstände und Situationen zielt ( denn Triviales muss einfach sein…) um sich nicht im Dschungel entglittener Gedanken wiederzufinden .
Es  ist es wohl eine Wahrheit, die man im Seinsprozeß macht: Abschiede sind das vorübergehende Reduzieren der Wirklichkeit. sie sind eine kurzfristige bedeutungsschwere Trauer, die, wie hier zum Beispiel, die Heimat in eine Begrenzung zurückwirft.
Hier war es die Tür, die für das Eintreten und Hinzukommen einer ganzen Familie stand – und doch nur eine Zeitsequenz Dazugehöriges sein,  kann für die Dauer ihres  Wohnens,  und nun auch von mir verlassenen Wohnung.  Oder auch  das Rattern und Vibrieren der U-Bahn, die symbolisch für das immerwährende Kommen und Gehen stand, für Menschen, die unwissentlich durch mein Leben hindurch fuhren …
Dass diese Erinnerungen mehr als bloße ästhetisch-anmutende Darbietungen meines Lebens sein müssen, mehr als Grenzhaftes, welches sich auf Jahre festlegen lässt, erfahre ich nun wieder neu.
Mag sein, dass es der Frühling mit der Erneuerung von erwachendem  Leben wiederum einen flüchtigen Blickwechsel erlaubt mit den Dingen , die man verloren, entschwunden oder versteckt geglaubt hat , aber die Wirklichkeit der Jahreszeiten , ihres einfachen Daseins , welches das menschliche Sein in Hochgefühle und Lebensfreude katapultiert, sie macht, dass sich die vermeintliche Leere wieder füllt.
Fast bin ich geneigt zu sagen, es sei das helle, gelbe Licht, welches sich wie ein sorglos-anmutender Schleier einer Braut über alles noch Winterliche legt; aber es ist eigentlich der Schatten, die tanzenden Linien der Äste eines Baumes, die vom Licht künden.           Wäre der Schatten nicht, würde ich das Licht nicht erkennen und auch nicht benennen können.
Das Einfache, das eigentlich immer vor unseren Augen Seiende ist es, was dem Leben jede Doppelsinnigkeit nimmt und das Sein klar benennt. Es ist nicht an magisch heraufbeschworene Bedingungen gebunden, nicht ans Rätselhafte oder unsichtbar Verworrene- es ist wie die Wurzeln jenes Baumes… Es ist einfach da.
Das Was, Warum und Wie – benennen muss es nicht. Man muss es nur sehen.

MAR /silkandpaper 2011

(more…)

12. September 2016

mongolei wüste gobi wüste karakourum kurze EINdrücke 2016

Filed under: DER mensch als fremder ORT, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 6:35 AM

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5. Mai 2016

sprachFRAGmente 俳句

Filed under: KLANGsprache, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 12:23 PM

ich liebe es , der Musik zu lauschen- doch mein Instrument ist eben der Bleistift…ab und zu Tusche oder Farbe…
Einerseits schätze ich das Minimalistische auch in der Sprache eines Gedichtes , eines Haiku zum Beispiel, wo in wenigen Silben mitunter die ganze Welt um Dich herum erstehen kann. Es ist doch sehr interessant, wenn man gerade ein Haiku beleuchtet; wir übersetzen es einfach nur als “ Silbengedicht“ , ich würde es feiner übersetzen wollen, als freie Phrase, denn in der japanischen Schriftsprache wird Hai  俳 als das Wort „Schauspieler“ übersetzt zu finden sein, und auch das ist nur eine grobe Übersetzung, denn Hai 俳 hat seinen Ursprung in zwei Silbenbegriffen, die sich aus zwei Kanji-Radikalen zusammensetzt: Mensch und dem Begriff des Streunens, des ziellosen, freien Umherziehens, oder bildhafter ausgedrückt, des vielleicht Heimatsuchenden, Nichtseßhaften im positiven Sinne . Und schon jetzt kann man erkennen, das uns das Wort “ Silbengedicht“ auf eine falsche Fährte lockt, uns irritiert und den Zugang zum Haiku erschwert. Haiku ist also der „suchende Vers“ , der mit uns kokettiert wie ein Schauspieler auf der Bühne es tut, er spielt mit uns und spricht uns an. Denn das Haiku ist ein Gedankenfragment , ursprünglich als Einleitung für Waka-gedichte gedacht…
Das Haiku sucht also noch, ist unterwegs, ein Gedicht zu werden und bleibt dann in seinen Anfangssilben stehen. Und der Mensch, der in diese Sprache hineinlauschen kann, wird die Heimat für diesen suchenden Vers- und das ist das Anliegen des Haiku.
Wir werden dadurch selbst zu Dichtern, die mit Phantasie und Sensibilität den Vers weiterführen, wir beleben ihn und wir tun dies wortlos.
So möchte ich gern umgehen mit Fragmenten, mit Skizzen in den Schubladen; sie als Herausforderung zu einem Abenteuer , als Wahrnehmung zu verstehen , und als Bruchteil einer unendlichen Tiefe , als Reisebeschreibung , als schüchterne Begegnung, als einen Hauch von etwas Großem – und in der scheinbaren Belanglosigkeit einer dahinfliegenden Leichtigkeit erlangen diese Worte eine Räumlichkeit , werden zur Bühne unseres Lebens. Und das Interessante ist die Entdeckung, das der Raum zwischen den Worten erkennen lässt, wieviel Ausschmückung das Weglassen bedeuten kann- wenn sich Silben und Buchstaben auflösen, bis in uns nur noch die Stille bleibt und eben auch jene Spannung, die alles offen lässt.
So ist es auch in der Musik … Orchesterwerke können mitunter wahre Gefühlsstürme in mir auslösen, aber das einzelne Instrument , insbesondere Cello , Geige oder auch die Ud kosten mich manchmal meine Nachtruhe, weil derart aufgewühlt etwas in mir passiert, was eine andere Sprache erfordert , als die mir angeeignete. Das kann mitunter auch nur ein Musikfragment sein, oder auch nur ein Stück- aber es öffnet sich dadurch eine Tür, in die ich hineinspazieren kann und da mache ich die wundersame Entdeckung der Wörter.

2007

13. Dezember 2015

Die Entzauberung des MOMENTs

Filed under: philosophische FRAGMENTe, Uncategorized, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 12:59 PM

 

Im Fernsehen läuft eine Werbung. Man preist eine Kamera an, die innerhalb von Sekunden Hunderte von Bildern macht. Hinter einer bunten Seifenblase lacht ein Kind und man soll den Eindruck gewinnen, dass das Kind inmitten dieser schillernden Welt aus Seifenlauge glücklich, glücklicher, am glücklichsten ist.

Die Stimme aus dem Off erzählt dem Zuschauer, wie herrlich es ist, in den Sekunden alle Momente einzufangen , um dann den perfekten, den reinsten und scheinbar schönsten Moment auf ein Papierfoto aufzuziehen.

Der Moment, der Augenblick, der flüchtigste aller erinnerbaren Zeitabschnitte wird zerstückelt, zurechtgebogen, technisch geschönt. Als Zeitraffer verkauft. So, als hätte der Moment nicht das Recht, als Zeitfragment, als Bruchstück des Seins in Ruhe und eingebettet in den Lauf der Erinnerungen zu überdauern.

Das menschliche Gehirn wird in dieser Werbeanzeige durch einen Moment gepeitscht, um es abzulenken von der Wirklichkeit. Abzulenken von der Schönheit und Wichtigkeit der Vergänglichkeit.

Das Kind, eingefangen in einer bunten Seifenblase , sagt auf eine für mich erschreckende Weise, wie es um den kindlichen Geist der Heutzeit in vielen Elternhäusern bestellt ist. Die Eile, die Hast, immer einen Desktop in Greifnähe, Kopfhörer auf, Spiele im Internet… eine technische Blase, die den Moment, die innere Suche nach Tiefe in Bits und Bytes einteilt und das Wunder des Wesentlichen aus den Augen verlierend.

Auch die riesige Seifenblase, die scheinbar schwerelos vor das Gesicht des Kindes gleitet, ist ein Produkt von Überdimensionalität, die es so im ganz normalen Spiel mit Seifenlauge nicht gibt. Alles muss größer sein, alles muss so überproportional aussehen – und dabei unmerklich das Drumherum, die normale Welt und die Menschen als Nebensache abzutun scheint.

Ich kann nicht über meinen Schatten springen, ich kann nicht in dieser Seifenblase verweilen, die eine große , ja übergroße Begrenzung zu sein scheint. Ich kann dort , in dieser  suggerierten Welt ,  nicht ausruhen, kann nicht das finden, was meine Wahrnehmungen erweitert und mich auf das Ausdehnen meiner Erinnerungen vorbereitet. Ich muss aus der Zeit fallen, ich muss zurückgehen können zu Momenten, die Erkenntnis wurden. Und ich möchte diese Momente nicht so technisch geschönt einfangen und auf zusammengerafften Bildern konservieren .

27. November 2015

Filed under: DER mensch als fremder ORT, sprach-RÄUME lyrik, Uncategorized — silkandpaper @ 6:48 AM

 


glut 

Der Morgen wäscht die Nacht vom Himmel,

im roten Gewande steht er in dem Raum…

durchschreitet die Weite,

dort, wo alles Platz hat sich festzuhalten.

Meine Seufzer und auch mein  Lachen

berühren Tage und Wochen und schweben davon

in bauschigen Wolken mit dem Geruch von Winterschnee

und münden wie schmelzendes Eis in jenen Versen,

die an kalten Tagen

die ruhende Barke am Ufer zum Schwanken bringt.

 Himmelsstürmer , die letzten Vögel ,

die davonfliegen zum nahen Baum ,

um wie Tupfen in der grauen Landschaft,

die ausgefranst und kalt und immer wieder neu gezeichnet,

eine Ahnung zu sein ,

vom Lebendigen zwischen all dem Schweigen.

Auf den Zweigen knarren auch meine Worte,

die den Draußenort zu einer Landschaft verdichten,

sich mit dem Holz verzargen , um nun im ersten Licht

zum Nichts zu verglühen; als weißer Rauch für einen Tag…

©

MAR 

22. November 2015

ERinnerungen

Filed under: DER mensch als fremder ORT, kurzgeSCHICHTen, privat, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 7:21 AM


Als ich noch Kind war, sagte mein Vater, dass jede Schneeflocke ein guter Gedanke sei, der nun als kleiner Stern hernieder fällt auf die Erde um zu helfen, die Düsterkeit der zu früh hereinbrechenden Nächte auszuleuchten. Wenn man dann tagsüber durch dieses herabgefallene Sternenmeer liefe, würde man ein leises Knirschen hören…

Er meinte, ich solle dem Knirschen des Schnees gut zuhören, denn dies wären die
Worte, die in diesen Gedanken versteckt wären.Jeden Morgen lief ich
zum Fenster um zu schauen, ob es geschneit hätte. Stundenlang konnte ich
schweigend durch den Park laufen. Ringsum war es von einer besonderen Stille.
Der Park war ein großes weißes Zimmer, welcher alle lauten Geräusche
verschluckte, damit man den eigenen Schritten lauschen konnte. Wenn es begann zu
schneien, öffnete ich meinen Mund und fing mit meiner Zunge die Schneesterne
auf. Sie zerrannen sofort.
In meinem kindlichen Glauben war ich mir sicher,
dass ich ein paar gute Gedanken auf meiner Zunge schmelzen lassen würde.

Später,wenn ich durchgefroren und müde nach Hause kam und die Eltern mich fragten, wie denn der Nachmittag mit den Freunden war, was ich denn erlebt hätte, erzählte ich davon, wie ich diese oder jene Flocke erhascht hatte. Ich plapperte und plapperte. Meine Eltern schmunzelten und mein Vater meinte, es müssten aber viele Schneegedanken gewesen sein, die ich heute gegessen hätte.

Über den Winternächten meiner Kinderzeit lag immer ein besonderer
Schimmer. Es waren Nächte voller Geschichten. Voller Geheimnisse. Ich wollte vom
Vater wissen, was denn mit all den guten Gedanken geschähe, die in diesen
weichen Flocken zur Erde herabschwebten und deren leise knirschenden Worte man
nie richtig verstehen konnte. Sie würden doch schmelzen und versickern, sie
würden einfach weg sein! Aber nein, sagte er, sie verstecken sich nur unter der
Erde. Die guten Gedanken würden dann als Grashalme aus der Erde sprießen. Ich
schaute den Vater ungläubig an und lachte dann los.

Er schmunzelte und wusste wohl, dass ich ihm hier nicht glauben wollte, doch er wäre nicht mein Vater gewesen, wenn er keine Erklärung gefunden hätte. Siehst du, Gedanken und Worte kommen in vielerlei Gestalt daher. Als Schnee, der knirscht, als Gras, das rauscht, als Musik, die ein Lied wird. . Deshalb solltest Du immer die Ohren
spitzen und auf die Dinge um dich herum gut achten, damit du später, wenn du
groß sein wirst, immer die richtigen Worte findest.


Mein Vater deckte mich zu und blickte zum Fenster. Draußen schneite es immer noch. Und ich wünschte mir viel Schnee.

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diese Geschichte habe ich auch unter Pseudonym   anderswo veröffentlicht

 

 

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