Silk and Paper

6. November 2016

ZUgfahrt

Filed under: DER mensch als fremder ORT, Uncategorized, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 1:33 PM

 

Zugfahrt durch Brandenburg

Als Vagabund in meinem eigenen Leben teile ich den Himmel mit Allen und auch dieses Gefühl, durch Zeit und Raum zu reisen, um wieder dort zu sein, wo es nach meinem Ich aussieht. Vorbei an Bahnhöfen und stillgelegten Gleisen, an zerfallenen Häusern und Bäumen, die durch den Zufall und der Hilfe des Windes dort Wurzeln geschlagen haben. Ich schaue zum Fenster hinaus und denke mir, wie es wohl sein würde, wenn ich ein Bewohner dieser oder jener Stadt sein sollte…die Scheibe zwischen Zug und Draußen macht einen transparenten Schnitt…ich fahre weiter, die Häuser huschen vorbei und möchte wie eine wohlerzogenen Fremde freundlich „Guten Tag “ sagen. Ich habe immer das Gefühl, dass Menschen in anderen Städten mehr Freundlichkeit verdienten, wenn man nur für Sekunden , nämlich in der Zeitspanne des Haltens auf dem Bahnhof, bei ihnen zu Gast ist. Menschen steigen ein und ich mache Platz am Fenster für eine alte Dame, die gern rausschauen möchte….Auch am Gang kann man gut sitzen und wie ein Voyeur andere Menschen beobachten, die es nicht bemerken, dass ich in ihren Gesichtern Geschichten lese….

Obwohl es regnete und es sehr ungemütlich schien, war doch die Heimreise eine wiederum schöne Erfahrung des Reisens. Schade nur, dass es immer so schnell vorbeihuscht, das Leben dort draußen, weil die Zeit der langsamen Züge ein für alle Mal vorbei ist. Ich möchte sehr gern mal wieder eine lange Wanderung machen, mit Übernachtungen im Freien und den Geräuschen der Dunkelheit. Aber dazu muss es einfach wärmer sein. Ich hoffe sehr, dass mir der nächste Sommer einige warme Tage beschert und ich in die Mark Brandenburg mal wieder wandere. Diese karge , mit Kiefern bewachsene Landschaft …

Diese Landschaft rund um Berlin bietet sich an, dass man sich seinen meditativen Gedanken hingeben kann…sich zu berauschen an der Leere , die den Horizont so nahe an mich herankommen lässt, sich unter den Alleen, die bis hinauf nach Polen die Straßen säumen, behütet und geschützt zu fühlen, sich in Kornfelder hineinzuwerfen und den Duft der Erde einzuatmen, mit den Augen ins Blau zu blinzeln, in ein Blau, aus dem ich mir am liebsten ein Stück herausschneiden möchte, um es als Splitter weiterzuverschenken… als Vagabund kann ich das tun, denn mir gehört die Welt in diesem Moment. Ich möchte den Sommer wie ein großes Glas Erfrischungsgetränk genießen, durch es hindurchschauen und die Perlen der Kohlensäure aufsteigen sehen, die mir, wenn ich es zu schnell trinke einen „hicks“ verpassen. Ich möchte die Süße der Aromen auf der Zunge spüren, sie erahnen , und die Frische eines Regentages gleichzeitig an meinen Lippen kitzeln lassen.

Die Landschaft lässt mich das sein, was ich immer bin: ein Kind dieser braunen satten Erde, ein Grashalm, eine Kirsche , ein Holunderbusch…Dieses Schwirren in der Luft , die mir zugleich Melancholie und ein Kribbeln im Bauch verspricht, dieses Rauschen des Vorstadtzuges, der Familien ins Grüne bringt, hinaus in die Natur und mich wieder nahe an mich selbst heran… Es wäre ein wundervoller Traum, dieses zögernde und heranschleichende Tänzeln an das , was Nähe ausmachen könnte. Unter einem Baum liegend die weißen Fäden der Wolken zu sehen, die in den Himmel ein zartes Gewebe malen, einen Schleier, der alle meine Gedanken und Träume hinweg nimmt und mich verbindet mit allen Menschen, die mein Herz rühren und verbindet mit denen, die sich in geistiger und sehnsuchtsvoller Verbundenheit an diesem Schleier zurück hangeln , um sich gleichermaßen im Blau der Träume und des Himmels zu gefallen und über dem Baum, unter dem ich liegen werde, die Worte und Gedanken durch die Blätter säuseln können. Berlin Frühherbst . Ich bin wieder hier.

 

 

 

 

 

 

 

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wie immer Copyright  by myself

1. Oktober 2016

Seh(n)sucht nach der Leere


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Mongolei 2016

Anfangs konnte ich die Stille nicht beschreiben. Sitzend auf Steinen, den Blick über eine nicht enden wollende Weite geschickt, kam nur der eine Gedanke: wer hier noch mit sich und der Welt hadert, dem ist nicht zu helfen.
Hier versickert die Zeit und entschwindet dem Horizont entgegen. Der leichte Wind, streifend über Grashalme, Wildblumen, Gehölz, nimmt den Staub von meinen Haaren mit .
Zwischen zwei Steinkolossen schaukelt ein Spinnennetz. Fast einträchtig nebeneinander- eine große an Beinen behaarte Spinne und eine kleine Spinne , flinkere Spinne , die bei der ersten nicht vom Wind herbeigeführten Erschütterung am Netz flüchtet.
Durch das Netz schimmerte der Himmel wie blasses Wasser , geteilt in die abgerundeten Dreiecke des Spinnennetzes und ganz weit hinten, da wo man die Erde abrunden sah , klammerte sich schon die Dunkelheit an das Licht . Die klebrige Flüssigkeit an den Spinnenfäden glitzerten wie winzige Splitter aus Glas
Die Stille verändert sich und verschwimmt mit der Weite, die mich umgibt , zu einer Leere. Es scheint, als stünde man inmitten einer gläsernen Kuppel, die jedes Geräusch und jede Bewegung für Bruchteile von Sekunden auslöscht, fast so, als wolle diese Leere auch mich für diese Bruchteile nicht anwesend haben.
Wenn man inmitten der Wüste steht und die Dämmerung vom Rande der Erde langsam , wie einen schwarzen Flügel eines übergroßen Vogels auf sich zuschweben sieht , sieht man die wenigen Büsche inmitten dieser gelben , sandigen Fläche aufflackern .
Als ob die letzten Sonnenstrahlen fast biblische Worte herauf beschwören wollten – brennende Dornbüsche, flackernde Flammen , kurz bevor sich zu der schon vorhandenen Leere und Stille noch die pechschwarze Dunkelheit gesellte.
Doch sind es nur Momente von diesem Dreiklang Leere, Stille, Dunkelheit. Sobald sich das Auge an das Schwarz gewöhnt hatte , brachen durch die Himmelsdecke tausende und abertausende Sterne , die so funkelten, als wolle jeder einzelne dem staunenden Zuschauer zuzwinkern.
Wie in einem Spiel schienen Stille, Leere und Dunkelheit verschwistert zu sein, verbandelt um diesen einen Moment auszukosten, bis die Sternenpracht sich ausdehnt und dem kühleren Wind nun Raum gewährt. Um die wenigen Felsbrocken, die wie scheinbar in der Wüste verirrt schienen , strich die Brise aus dem Nirgendwo und ließ hörbar ein leises Geräusch zurück. Fast wie ein Seufzen oder ein leichtes Atmen.
An solchen Tagen mutete es sich an, als läge dieses Land auf einem anderen Planeten. Alles bezeugte, dass dieser Flecken Erde etwas ganz Altes ist, etwas so kraftvoll Ursprüngliches, dass man sich plötzlich seiner eigenen Dimension bewusst wird. Und seiner Kleinheit.
Die Draußenwelt mit ihrem Lärm, Schmutz und der Gier nach Reichtum war weit weg . Hier zählte nur der Moment, das Jetzt, das gerade Anstehende.
Für ein paar Tage und Nächte hörte man nichts von alledem , was außerhalb dieses Landes lag. Mittendrin im Wiegen des Steppengrases.

 

wie immer :  ©  bei mir

„Das Einfache, das eigentlich immer vor unseren Augen Seiende ist es, was dem Leben jede Doppelsinnigkeit nimmt und das Sein klar benennt.

https://silkandpaper8.wordpress.com/2016/09/29/leere-und-fulle/     „

29. September 2016

Leere und Fülle


wald-zeichnung

Eingemachtes  (2011)

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Kein Kärtchen wird es sein  , das eine neue Anschrift verkündet- sondern mehrere Gedanken, die mir kamen, als ich eines Morgens ganz anderswo aufwachte.
Der kurze Gedanke als Splitter eines fast vergessenen Refugiums , des Briefeschreibens zum Zwecke des Nachsinnens um Dinge, die etwas mehr bedürfen, als nur das Aussprechen oder des Zurückbleibens eines Fragezeichens; wie die Frage nicht unbedingt einer Antwort bedarf, weil sie selbst schon Antwort ist.
Und doch raubt manche Frage den Wörtern beim Aussprechen jeglichen Inhalt, weil das Was, Wie, Warum nur eine Fixierung von etwas Abstrakten ist.   Des Öfteren sogar Kehrbilder dessen, was man sagen will Das Schöne am aussprechen dessen  ist, dass es sich aus einer Gedankenwelt heraus zu etwas wandelt, was man fast anzufassen könnte- ein Ding ohne Dinghaftigkeit, und doch eine Wirklichkeit, die freischwebend über allem stehen kann, weil sie dem, was noch kein ausgesprochenes Wort ist, eine Möglichkeit gibt, sich dem Dinghaften anzunähern.
Zeit ist, wie ich schon seit Jahren darüber denke  und nachsinne , etwas, was dinghaft daherkommt, ja fast wesenhaft; wir geben der Zeit Raum und Begrenzung, indem wir sie zu Stückwerk verarbeiten, zu Tagen, Wochen, Jahre und Sekunden, Momente- und doch ist sie nur ein Provisorium , welches uns eine fragile Heimat zusichert…
Der Alltag in seiner manchmal erdrückenden Einfachheit geht an die Substanzen- oft meint man, dass der höhere Sinn des Seins in dieser ständigen Wiederkehr verloren ginge, und dabei ist es gerade diese Einfachheit der Wiederholungen, die alle Strukturen des Lebens an sich jeden Tag für uns erfahrbar und erkennbar macht.
Egal was wir tun, selbst wenn man alles Unvorhergesehene als Außerkraftsetzen des eigenen Lebensentwurfes bestätigt wissen will; es ist nur  ein kurzes Moment, das uns zum Nachdenken zwingt , und wir dennoch das Triviale tun – das Triviale, was uns davor schützt, unaussprechliche Wortgebäude fürs Dasein zu konstruieren, denn nichts anderes ist es, das Dasein… ein zeiträumliches , unser Denken begrenzendes Provisorium …
Das einfache im Alltag, das Wesenhafte der Dinge, das Benennen von Gegenständen, die wir berühren, sind Vorstufen zum Sein, welches vom Da-sein bis zur Vollendung geführt werden.
Geht etwas zu Bruch, ist es nicht mehr… so glauben wir zumindest, und wir denken, wir bräuchten diese Splitter und Scherben nicht unbedingt… doch und wie Splitter, wie Scherben sehe ich Dasein und Sein durch das Universum treiben, Wegelagerer, die irgendwann auf den selben Zug aufspringen…
Dasein und Sein sind Abstrahierungen, die wir uns zugestehen zu  glauben, dass beides dasselbe sei. Und dabei macht man doch tagtäglich ganz andere Erfahrungen, die zwar das Dasein, auch das der Dinge,  begrenzt relativieren und somit benennbar machen, aber das Sein als geheimnisspendendes Ewige beunruhigt uns,  und glaubt uns wissen zu machen, dass wir in dieses Ewige ganz und gar eingehen, verschmelzen, wenn das Dasein endet.
Eine kurze Zeitspanne – und doch angefüllt von Da-seiendem und auch dem Abwesendem …so ist dieses halbe Jahr , das ich hatte, um der noch heimatlosen neuen Wohnung meinen Atem einzuhauchen.
Als ich die Decke meiner Wohnung anstreichen wollte, rieselte das Stroh und der Putz auf mich hernieder und mit allerlei Werkzeug und meinem Tun habe ich mir schnell wieder das Dach über dem Kopf repariert. Dort etwas und da etwas, und die Zeit schmolz zusammen und es war “Arbeitszeit”.
Langsam aber sicher kommt die Zeit, wo ich wieder etwas mehr Stunden aufbringen kann , mich auch wirklich umzuschauen und die Gegenstände und Möbel, die Situationen und Erinnerungen an Altes wieder ihren ursprünglichen Namen erhalten: Heimat für die Heimat in mir selbst…

Es fehlte zuweilen an Gestaltenfülle, an der geistigen Nahrung , die eine gute Tasse Kaffee zum Kaffee macht- es fehlen mir die Kaffeehäuser, wo man sitzen, Zeitung lesen und palavern kann, so recht aus dem Stegreif;  und dann gehen mir manchmal die Gedanken durch, wenn der Kopf raucht .
Nirgends habe ich diese Lust am so gar nicht sinnfreien Schwatzen erlebt, als in der Erinnerung an meinen Vater,  an den Kaffee nach dem guten Essen. Mein Vater hat ihn immer in einer Selbstverständlichkeit gefordert, weil dessen Familie diesen Brauch aus der alten Heimat  bis ins Heute bewahrt hat. Ein bisschen haftet mir diese Erinnerung an, weil ich sie in meinem Tun lebendig halte.
Doch auch Trauer nach dem Erkennen des  Verlustes,  dem Wiederfinden von  Momenten der Zerrissenheit . Zwischen Kindheit und dem Umherziehen in fremden Städten, zwischen dem Hinüberretten von familiären Bräuchen und Traditionen blieben nur Bruchstücke erhalten, Ob man aus Alt Neu machen könnte, wenn man die Fragmente wieder in eine brauchbare Form bringen kann?

Bräuche haben es etwas Heimatliches an sich, so denke ich zuweilen.
Bräuche – braucht man und so schlägt es wieder den Bogen zum neuen Heim, welches langsam wieder zu dem wird, was es in der alten Wohnung war…
Es ist paradox, doch den Sinn im “Verlassen der Heimat” als Verlust zu empfinden, finde ich in mir nicht wieder.
“Heimat” ist man doch immer selbst. Anfangs scheint es, dass man beim Verlassen des Vertrauten fast so trauert, wie um einen Menschen, und wenn ich daran denke, wie sehr mich damals die schiefe Tür meines Badezimmers an die Familie Sahin  erinnerte, an ihr zweites Zuhause , oder besser an ihre neue Heimat… wird es durchscheinig , wie das Triviale auf Gegenstände und Situationen zielt ( denn Triviales muss einfach sein…) um sich nicht im Dschungel entglittener Gedanken wiederzufinden .
Es  ist es wohl eine Wahrheit, die man im Seinsprozeß macht: Abschiede sind das vorübergehende Reduzieren der Wirklichkeit. sie sind eine kurzfristige bedeutungsschwere Trauer, die, wie hier zum Beispiel, die Heimat in eine Begrenzung zurückwirft.
Hier war es die Tür, die für das Eintreten und Hinzukommen einer ganzen Familie stand – und doch nur eine Zeitsequenz Dazugehöriges sein,  kann für die Dauer ihres  Wohnens,  und nun auch von mir verlassenen Wohnung.  Oder auch  das Rattern und Vibrieren der U-Bahn, die symbolisch für das immerwährende Kommen und Gehen stand, für Menschen, die unwissentlich durch mein Leben hindurch fuhren …
Dass diese Erinnerungen mehr als bloße ästhetisch-anmutende Darbietungen meines Lebens sein müssen, mehr als Grenzhaftes, welches sich auf Jahre festlegen lässt, erfahre ich nun wieder neu.
Mag sein, dass es der Frühling mit der Erneuerung von erwachendem  Leben wiederum einen flüchtigen Blickwechsel erlaubt mit den Dingen , die man verloren, entschwunden oder versteckt geglaubt hat , aber die Wirklichkeit der Jahreszeiten , ihres einfachen Daseins , welches das menschliche Sein in Hochgefühle und Lebensfreude katapultiert, sie macht, dass sich die vermeintliche Leere wieder füllt.
Fast bin ich geneigt zu sagen, es sei das helle, gelbe Licht, welches sich wie ein sorglos-anmutender Schleier einer Braut über alles noch Winterliche legt; aber es ist eigentlich der Schatten, die tanzenden Linien der Äste eines Baumes, die vom Licht künden.           Wäre der Schatten nicht, würde ich das Licht nicht erkennen und auch nicht benennen können.
Das Einfache, das eigentlich immer vor unseren Augen Seiende ist es, was dem Leben jede Doppelsinnigkeit nimmt und das Sein klar benennt. Es ist nicht an magisch heraufbeschworene Bedingungen gebunden, nicht ans Rätselhafte oder unsichtbar Verworrene- es ist wie die Wurzeln jenes Baumes… Es ist einfach da.
Das Was, Warum und Wie – benennen muss es nicht. Man muss es nur sehen.

MAR /silkandpaper 2011

(more…)

12. September 2016

mongolei wüste gobi wüste karakourum kurze EINdrücke 2016

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5. Mai 2016

sprachFRAGmente 俳句

Filed under: KLANGsprache, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 12:23 PM

ich liebe es , der Musik zu lauschen- doch mein Instrument ist eben der Bleistift…ab und zu Tusche oder Farbe…
Einerseits schätze ich das Minimalistische auch in der Sprache eines Gedichtes , eines Haiku zum Beispiel, wo in wenigen Silben mitunter die ganze Welt um Dich herum erstehen kann. Es ist doch sehr interessant, wenn man gerade ein Haiku beleuchtet; wir übersetzen es einfach nur als “ Silbengedicht“ , ich würde es feiner übersetzen wollen, als freie Phrase, denn in der japanischen Schriftsprache wird Hai  俳 als das Wort „Schauspieler“ übersetzt zu finden sein, und auch das ist nur eine grobe Übersetzung, denn Hai 俳 hat seinen Ursprung in zwei Silbenbegriffen, die sich aus zwei Kanji-Radikalen zusammensetzt: Mensch und dem Begriff des Streunens, des ziellosen, freien Umherziehens, oder bildhafter ausgedrückt, des vielleicht Heimatsuchenden, Nichtseßhaften im positiven Sinne . Und schon jetzt kann man erkennen, das uns das Wort “ Silbengedicht“ auf eine falsche Fährte lockt, uns irritiert und den Zugang zum Haiku erschwert. Haiku ist also der „suchende Vers“ , der mit uns kokettiert wie ein Schauspieler auf der Bühne es tut, er spielt mit uns und spricht uns an. Denn das Haiku ist ein Gedankenfragment , ursprünglich als Einleitung für Waka-gedichte gedacht…
Das Haiku sucht also noch, ist unterwegs, ein Gedicht zu werden und bleibt dann in seinen Anfangssilben stehen. Und der Mensch, der in diese Sprache hineinlauschen kann, wird die Heimat für diesen suchenden Vers- und das ist das Anliegen des Haiku.
Wir werden dadurch selbst zu Dichtern, die mit Phantasie und Sensibilität den Vers weiterführen, wir beleben ihn und wir tun dies wortlos.
So möchte ich gern umgehen mit Fragmenten, mit Skizzen in den Schubladen; sie als Herausforderung zu einem Abenteuer , als Wahrnehmung zu verstehen , und als Bruchteil einer unendlichen Tiefe , als Reisebeschreibung , als schüchterne Begegnung, als einen Hauch von etwas Großem – und in der scheinbaren Belanglosigkeit einer dahinfliegenden Leichtigkeit erlangen diese Worte eine Räumlichkeit , werden zur Bühne unseres Lebens. Und das Interessante ist die Entdeckung, das der Raum zwischen den Worten erkennen lässt, wieviel Ausschmückung das Weglassen bedeuten kann- wenn sich Silben und Buchstaben auflösen, bis in uns nur noch die Stille bleibt und eben auch jene Spannung, die alles offen lässt.
So ist es auch in der Musik … Orchesterwerke können mitunter wahre Gefühlsstürme in mir auslösen, aber das einzelne Instrument , insbesondere Cello , Geige oder auch die Ud kosten mich manchmal meine Nachtruhe, weil derart aufgewühlt etwas in mir passiert, was eine andere Sprache erfordert , als die mir angeeignete. Das kann mitunter auch nur ein Musikfragment sein, oder auch nur ein Stück- aber es öffnet sich dadurch eine Tür, in die ich hineinspazieren kann und da mache ich die wundersame Entdeckung der Wörter.

2007

9. Januar 2016

HUNDERT Jahre Zeit —.—.—.Wir verlieren unsere Vergangenheit…

Filed under: philosophische FRAGMENTe, wahrNEHMungen — Schlagwörter: , , , — silkandpaper @ 1:55 PM

…diese Weisheit und  Genügsamkeit bei langlebigen Menschen ist etwas, was in den letzten 70 Jahren verloren gegangen scheint.  Kaum noch begegnen wir Hundertjährigen- oder wir entdecken sie nicht mehr- ihren Reichtum an Jahren und am Wissen um das lange Leben. Der materielle Reichtum verblendet und blendet uns so, dass wir es nicht mehr wahrnehmen, dieses Stück Ewigkeit und die Zähigkeit, es auszuhalten.
Positive Erfahrungswerte , die nichts mit Geld und Reichtum zu tun haben, werden von der Gier und dem falschen Bild vom Glück verdrängt. die Zuversicht, dass man die Kraft hat, sich aus einer tiefen Talsohle wieder nach oben zu tragen ist, so scheint es mir , durch das veränderte Wertesystem , in den Hintergrund gedrängt. und durch die Eile und Schnelligkeit, die in der Atemlosigkeit im Alltag den Menschen kaum noch Zeit lässt, inne zu halten, um „Grund“-bedürfnisse nach dem erfüllten Leben in sich selbst auszuloten.

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Natürlich brauchte es auch die Oberflächlichkeit, um den „Grund“ in sich zu erkennen. dahin zu gelangen, um zu erkennen, dass halbleere Gläser auch halbvolle Gläser sind, braucht es Bruchstellen im Leben/ Gesellschaft. Und es braucht Zeit.

Jede Bruchstelle „erweitert“ die Fläche/ Zeit/ Erfahrung  , auf der man das Leben „ausbreiten“ kann, es also vergrößert, verbreitert, erweitert.

Brüche im Leben, unvorhersehbare Situationen sind dynamische Faktoren, um Bewusstsein und auch eine gewisse Vorhersehbarkeit zu ermöglichen. Fraktale eben . wie in der Mathematik.

Wenn man das halbvolle/ halbleere Wasserglas vor sich stehen hat, und genau mit dem Blick auf einer Ebene  und der Wasseroberfläche ist,  sieht es so aus, als würde ringsum das Glas brechen, als hätte es einen Riss…die Wasseroberfläche „erweitert“ somit eine imaginäre Bruchstelle- und dort, wo man „voll oder leer“ beginnt zu definieren, beginnt letztendlich das dynamische System eines Fraktals, einer Bruchstelle. und mit der Bruchstelle entsteht eine weitere Dimension.

Je mehr Bruchstellen bzw. Unvorhersehbares im Leben eines Menschen auftreten, um so dimensionaler und erkennbarer wird sein Kern, sein Inneres. nämlich, dass es nicht glatt und klar und durchschaubar und absehbar ist , sondern dass durch Dynamik ein unsichtbares Netz an Bruchstellen auftreten müssen, um voll und leer unterscheiden zu können.

Wenn man nicht genau hinschaut, wenn man die Bruchstellen zu umschiffen sucht, verlieren wir  unsere Vergangenheit…

13. Dezember 2015

Die Entzauberung des MOMENTs

Filed under: philosophische FRAGMENTe, Uncategorized, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 12:59 PM

 

Im Fernsehen läuft eine Werbung. Man preist eine Kamera an, die innerhalb von Sekunden Hunderte von Bildern macht. Hinter einer bunten Seifenblase lacht ein Kind und man soll den Eindruck gewinnen, dass das Kind inmitten dieser schillernden Welt aus Seifenlauge glücklich, glücklicher, am glücklichsten ist.

Die Stimme aus dem Off erzählt dem Zuschauer, wie herrlich es ist, in den Sekunden alle Momente einzufangen , um dann den perfekten, den reinsten und scheinbar schönsten Moment auf ein Papierfoto aufzuziehen.

Der Moment, der Augenblick, der flüchtigste aller erinnerbaren Zeitabschnitte wird zerstückelt, zurechtgebogen, technisch geschönt. Als Zeitraffer verkauft. So, als hätte der Moment nicht das Recht, als Zeitfragment, als Bruchstück des Seins in Ruhe und eingebettet in den Lauf der Erinnerungen zu überdauern.

Das menschliche Gehirn wird in dieser Werbeanzeige durch einen Moment gepeitscht, um es abzulenken von der Wirklichkeit. Abzulenken von der Schönheit und Wichtigkeit der Vergänglichkeit.

Das Kind, eingefangen in einer bunten Seifenblase , sagt auf eine für mich erschreckende Weise, wie es um den kindlichen Geist der Heutzeit in vielen Elternhäusern bestellt ist. Die Eile, die Hast, immer einen Desktop in Greifnähe, Kopfhörer auf, Spiele im Internet… eine technische Blase, die den Moment, die innere Suche nach Tiefe in Bits und Bytes einteilt und das Wunder des Wesentlichen aus den Augen verlierend.

Auch die riesige Seifenblase, die scheinbar schwerelos vor das Gesicht des Kindes gleitet, ist ein Produkt von Überdimensionalität, die es so im ganz normalen Spiel mit Seifenlauge nicht gibt. Alles muss größer sein, alles muss so überproportional aussehen – und dabei unmerklich das Drumherum, die normale Welt und die Menschen als Nebensache abzutun scheint.

Ich kann nicht über meinen Schatten springen, ich kann nicht in dieser Seifenblase verweilen, die eine große , ja übergroße Begrenzung zu sein scheint. Ich kann dort , in dieser  suggerierten Welt ,  nicht ausruhen, kann nicht das finden, was meine Wahrnehmungen erweitert und mich auf das Ausdehnen meiner Erinnerungen vorbereitet. Ich muss aus der Zeit fallen, ich muss zurückgehen können zu Momenten, die Erkenntnis wurden. Und ich möchte diese Momente nicht so technisch geschönt einfangen und auf zusammengerafften Bildern konservieren .

22. November 2015

ERinnerungen

Filed under: DER mensch als fremder ORT, kurzgeSCHICHTen, privat, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 7:21 AM


Als ich noch Kind war, sagte mein Vater, dass jede Schneeflocke ein guter Gedanke sei, der nun als kleiner Stern hernieder fällt auf die Erde um zu helfen, die Düsterkeit der zu früh hereinbrechenden Nächte auszuleuchten. Wenn man dann tagsüber durch dieses herabgefallene Sternenmeer liefe, würde man ein leises Knirschen hören…

Er meinte, ich solle dem Knirschen des Schnees gut zuhören, denn dies wären die
Worte, die in diesen Gedanken versteckt wären.Jeden Morgen lief ich
zum Fenster um zu schauen, ob es geschneit hätte. Stundenlang konnte ich
schweigend durch den Park laufen. Ringsum war es von einer besonderen Stille.
Der Park war ein großes weißes Zimmer, welcher alle lauten Geräusche
verschluckte, damit man den eigenen Schritten lauschen konnte. Wenn es begann zu
schneien, öffnete ich meinen Mund und fing mit meiner Zunge die Schneesterne
auf. Sie zerrannen sofort.
In meinem kindlichen Glauben war ich mir sicher,
dass ich ein paar gute Gedanken auf meiner Zunge schmelzen lassen würde.

Später,wenn ich durchgefroren und müde nach Hause kam und die Eltern mich fragten, wie denn der Nachmittag mit den Freunden war, was ich denn erlebt hätte, erzählte ich davon, wie ich diese oder jene Flocke erhascht hatte. Ich plapperte und plapperte. Meine Eltern schmunzelten und mein Vater meinte, es müssten aber viele Schneegedanken gewesen sein, die ich heute gegessen hätte.

Über den Winternächten meiner Kinderzeit lag immer ein besonderer
Schimmer. Es waren Nächte voller Geschichten. Voller Geheimnisse. Ich wollte vom
Vater wissen, was denn mit all den guten Gedanken geschähe, die in diesen
weichen Flocken zur Erde herabschwebten und deren leise knirschenden Worte man
nie richtig verstehen konnte. Sie würden doch schmelzen und versickern, sie
würden einfach weg sein! Aber nein, sagte er, sie verstecken sich nur unter der
Erde. Die guten Gedanken würden dann als Grashalme aus der Erde sprießen. Ich
schaute den Vater ungläubig an und lachte dann los.

Er schmunzelte und wusste wohl, dass ich ihm hier nicht glauben wollte, doch er wäre nicht mein Vater gewesen, wenn er keine Erklärung gefunden hätte. Siehst du, Gedanken und Worte kommen in vielerlei Gestalt daher. Als Schnee, der knirscht, als Gras, das rauscht, als Musik, die ein Lied wird. . Deshalb solltest Du immer die Ohren
spitzen und auf die Dinge um dich herum gut achten, damit du später, wenn du
groß sein wirst, immer die richtigen Worte findest.


Mein Vater deckte mich zu und blickte zum Fenster. Draußen schneite es immer noch. Und ich wünschte mir viel Schnee.

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diese Geschichte habe ich auch unter Pseudonym   anderswo veröffentlicht

 

 

1. November 2015

ZEITengrenzgänger

Filed under: DER mensch als fremder ORT, going underGROUND, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 7:12 AM

Zeitengrenzgänger

20 Zeilen, 50 oder manchmal nur 10. Und dann ein Punkt. Das Buch sinkt in
meinen Händen und ruht sich aus auf meinem Schoß. 200 Seiten Buchstaben, die
leise wippend und zitternd an jeder Station sich von neuem ordnen müssen. Und
wenn ich sie wieder an mein Gesicht führe, vor meine Augen, die hungrig sind
nach Druckerschwärze, stillen sie meine Sehnsucht nach fast Vergessenem.

Ich dachte mir ein bisschen frech, dass ich mindestens 10 Seiten pro Fahrtrichtung
lesen werde – doch nun bin ich, nach einigen Tagen des Querlesens zur Erkenntnis
gekommen, dass ich so etwas nicht machen kann. Es wäre ein Frevel, eine
unverzeihliche Eile. Nun bleibe ich auf den Seiten lange haften; blättere zurück
und manchmal bewegen sich unsichtbar, und nur für mich allein, meine Lippen.

Mein Gesicht verschwindet hinter den Blättern, so nah, dass mein Sitznachbar nicht mitlesen kann. So etwas mochte ich noch nie, denn ich habe dann immer das Gefühl, als würde ein Jemand aus meinen Gedanken heraussuchen, was ihm ohnehin nicht Auskunft geben könnte, wieso ich dieses Buch und kein anderes lese. Ohnehin würde er falsche Schlüsse ziehen über mich. Wer ich bin, das kann man nicht über einen Blick meiner Schulter definieren, nicht über zwei, drei mitgelesene Worte. Es soll kein Egoismus sein, es ist eben nur eine Marotte von mir.
Früher hatte ich ein Blatt einer Zeitung als Umschlag benützt, Es
war immer erst mein Geheimnis, bevor ich es mit anderen teilte. Sogar das
Titelblatt.

Ich bin kein Bestseller-Leser und es kommt kaum vor, dass ich im Mainstream schwimme, wenn es um Bücher geht. Ich meide Stapel, die zu Türmen
aufgerichtet in Buchläden das Licht schlucken und das Gefühl vermitteln, dass
ich ganz klein wäre, weil ich noch nicht jeden Buchstaben aus diesem Berg von
„the best“ kenne. Ich finde, Bücher sollen Menschen wachsen lassen und nicht
klein machen.

Wenn ich Bücher lese, dann habe ich eine Reise vor mir. Der erste Blick auf die erste Seite, das Überfliegen des Klappentextes, die Fußnoten, die Personenanhänge…das sind alle Entdeckungen, die ich aufsauge und sie bleiben in mir; und jeder Buchstabe, jedes Wort kriecht in den letzten Winkel meines Selbst. Nichts kommt mir mit so viel Aufforderung zur Phantasie entgegen, wie Seiten eines ungelesenen Buches.

Die Protagonisten meiner Bücher fahren mit mir U-Bahn .Sie sitzen mit mir auf einer Bank oder hängen mit einem Arm am Haltegriff. Sie lassen mich teilhaben an ihrem ganz menschlichen Chaos und an dem Alltäglichen. Und sie müssen mit meinem Chaos leben lernen, wenn auch nur schaukelnd und zitternd auf Papierseiten gebannt, und verblättert zur nächsten Seite….

Manchmal müssen sie tagelang mit mir hin-und herfahren,
weil sich ihr Leben träge und schwer durch den Tag quält. Und das, obwohl ich
beschwingt bin.

Doch mit diesem Buch, was seit einer Woche Heimat in meiner
Tasche fand, ist alles etwas anders.
20 Zeilen, 50 Zeilen, vielleicht eine Seite. Zwischen jedem Wort ist ein anderes Leben versteckt. Ganze Universen und Galaxien ! Ein Satz, den ich mit den Augen abtaste, scheint aus verschiedenen Leben zu sein. Die scheinbare Absurdität ist die Sprache unter der Sprache und eigentlich ist jedes Wort, was dort steht, schon zu viel. Man hat das Gefühl, er ist einer der Autoren die mit Nichtgeschriebenem noch mehr ausdrücken können, als mit Worten. Und dass es sich so unmittelbar offenbart, das ist etwas Seltenes.
Reduziert auf Wesentliches. Jede bunte Bemalung oder helle Belichtung der Worte wäre Zerstörung. An diesem Wesentlichen muss man stehenbleiben und die Wucht der scheinbaren Klarheit innerlich aushalten.

Jede kleine Story hat ihre Geheimnisse, sind Räume mit Wänden und einem Fundament, welches manchmal schwankt. An manchen Geschichten geht man mit einem Lächeln vorüber und trägt einen Duft mit sich fort, der sanft betäubt, dann aber, wenn die Kopfnote, wie bei einem Parfum, verflogen ist, die Herznote offenbart. Atmosphärische kleine Welten, die wie zufällig hier auf unserem Planeten zurückgelassen wurden.

Richard Brautigan’s Universen aus dem Tokio-Montana-Express fallen herab wie Schnee. Sie fallen auf mein Gesicht, sie fallen auf meine Hände, legen sich auf meine Schulter und sie schmelzen nicht. Was für ein merkwürdiger Zustand.

Ich lese und lese und ich denke, dass dieser Mann irgendwann einmal durch mein Leben spaziert sein muss, als ich selbst dort war, in Japan, meiner Herzenswelt, wo er auch weilte.
Er scheint wie ein Unsichtbarer durch mich hindurch gelaufen zu sein. Einige meiner Erinnerungen hat er scheinbar mit sich genommen. Oder hat er seine Erinnerungen in mir vergessen?

Ein Zeitengrenzgänger.

Aber sind das nicht alle Menschen, die sich auf Bücher einlassen? Doch wer geht schon ständig auf der Grenzlinie spazieren?
Wo war er, als ich dort war? In welchem Abteil des Zuges, der in die gleiche Richtung
fuhr…?

12 schwarze Zeilen auf weißem Papier. Ganz dicht an sich gedrängt,
damit der Inhalt nicht so einfach aufsteigt wie Atem. Worte als Aggregatzustände.

Ich blicke von meinem Buch auf und stelle fest, dass ich eine Station zu weit gefahren bin. Heute werde ich zu spät kommen, dachte ich.
Aber ich dachte auch, dass es nicht tragisch sei, wenn ich mich eines Freundes
wegen verspäte. Dieses Buch ist mein Freund. Und der Mensch, der es mir
empfohlen hat, verdient meine ferne Bewunderung. Er kannte mich kaum , aber woher wusste er nur, dass im Tokio-Montana-Express unfassbar viel versteckt war , was ich schon lange verloren glaubte und unbedingt wiederfinden sollte…
Ich ahne, dass manche Fremde manchmal mehr von einem wissen, als es manchmal Freunde je können.

Abends nehme ich, um nach Hause zu kommen, eine andere U-Bahn-Linie. Etwas erschöpft vom Tag, der ein bisschen melancholisch war. Wie auf Reisen. Man weiß, irgendwann kommt man an, doch ich sitze immer noch in diesem imaginären Express aus den Gedanken eines Dichters und kann den Zug nicht verlassen. Trotzdem muss ich irgendwo an einer Station aus der U-Bahn aussteigen. Boddinstaße. Hier war ich schon lange nicht mehr. Obwohl ich für 3 Jahre hier gelebt hatte. Ich laufe zur Treppe, die zur Straße hinauf führt. Oben höre ich den Verkehr und fernes Rufen und Lachen fremder Menschen. Lärm.

Ein Graffiti, mit weißer Farbe mitten vor die Stufen
geschrieben, lässt mich für nur 3 Sekunden länger verweilen.

Zwei Worte
stehen da: „Kopf hoch!“

Weiße Buchstaben auf schwarzem Grund.
Und ganz klein daneben hatte jemand hinzugefügt: Das Leben ist schön!
Doris Prabhu aka MAR

Ps. Das Graffiti findest Du in der U-Bahnstation Boddinstraße- in der Hoffnung, dass es dort lange lesbar bleibt

Der Lesetipp kam von J….  zwischen Tür und Angel .

ps: Inzwischen sind  Monate vergangen. Tausende von Menschen sind über das Graffiti hinweggelaufen.  Nun ist es ganz verblasst und nur wenn man ganz ganz nahe heran geht, kann man es noch gerade so lesen.   April 2012

pps Jetzt haben wir November 2015. Der U-Bahnhof Boddinstraße wurde saniert und repariert. Alle Spuren sind verschwunden.

 .

27. Oktober 2015

ABSCHIED vom Licht

Filed under: kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 5:42 AM

Abschied vom Licht.

Die Straße zerfällt in kleine Gevierte. Haus für Haus und Fenster für Fenster. Gelb und Ocker zaubern die Hausanstriche mediterrane Stimmung in die Luft. Hoch oben, wo die Giebel an den Himmel anstoßen, scheint sich das azurblaue Meer zu spiegeln und die Wolken gleiten wie weiße Segelboote dahin. Obwohl die Sonne gleich untergehen wird, streichelt die Wärme meine Haut. In dieser Zeit, wo sich Tag und Nacht die Hände reichen, strömt aus den Häusern der ganze Duft des vergangenen Tages. Geräusche von Betriebsamkeit dringen an mein Ohr. Klappern. Lachen. Weinen. Das Trällern einer Frau. Ein Glas fällt zu Boden. Der Kellner im Straßencafé eilt fort und versucht es aufzufegen. Für einen Bruchteil bricht sich die Sonne in diesen Scherben. Grell und weiß springt ihr Strahl wie eine Brücke auf die Reise ins Dämmerlicht, ins Innere des Cafés und klettert wie eine Tonleiter an Tassen und Tellern entlang, die dort auf einem Bord über dem Tresen stehen, um sie zum Klingen zum bringen, wie eine leise Melodie. Das glänzende, glatte Weiß des Porzellans badet förmlich im Licht, wie Körper, die aneinandergereiht am Strand nach Sonne und Wärme rufen. An einer Straßenecke wartet ein großer Schatten. Dort ist die Sonne schon entschwunden. Nur in einer Fensterscheibe spiegelt sich der letzte Rest vom Tag. Abschied vom Licht. Abschied von meiner Straße, die ich jeden Tag entlang eilte, Abschied von der Treppe am Morgen…
Abschied ist wie ein Schmerz, der sich in alles bohrt, was mit dem Leben verbunden scheint. Ich nehme die Helligkeit eines Himmels am Abend zum Anlass, all meine Sehnsucht nach noch Unbekanntem hinein zu legen. Die Morgen, die kommen, werden anders sein, und die Abende. Das zersplitterte Glas und seine bizarre Welt einer zerbrochenen Eleganz, der Kellner, das Café- alles wird entschwunden sein, wenn ich um die Ecke biege. Für einen Moment schließe ich die Augen. Wenn ich sie wieder öffne, ist das vorbei, was jenes Schimmern ausmachte, als ich an den Dingen vorüberging. Abschied vom Licht. Und ich lasse es gehen.


© Doris Prabhu/ MAR

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