Silk and Paper

1. Oktober 2016

Seh(n)sucht nach der Leere


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Mongolei 2016

Anfangs konnte ich die Stille nicht beschreiben. Sitzend auf Steinen, den Blick über eine nicht enden wollende Weite geschickt, kam nur der eine Gedanke: wer hier noch mit sich und der Welt hadert, dem ist nicht zu helfen.
Hier versickert die Zeit und entschwindet dem Horizont entgegen. Der leichte Wind, streifend über Grashalme, Wildblumen, Gehölz, nimmt den Staub von meinen Haaren mit .
Zwischen zwei Steinkolossen schaukelt ein Spinnennetz. Fast einträchtig nebeneinander- eine große an Beinen behaarte Spinne und eine kleine Spinne , flinkere Spinne , die bei der ersten nicht vom Wind herbeigeführten Erschütterung am Netz flüchtet.
Durch das Netz schimmerte der Himmel wie blasses Wasser , geteilt in die abgerundeten Dreiecke des Spinnennetzes und ganz weit hinten, da wo man die Erde abrunden sah , klammerte sich schon die Dunkelheit an das Licht . Die klebrige Flüssigkeit an den Spinnenfäden glitzerten wie winzige Splitter aus Glas
Die Stille verändert sich und verschwimmt mit der Weite, die mich umgibt , zu einer Leere. Es scheint, als stünde man inmitten einer gläsernen Kuppel, die jedes Geräusch und jede Bewegung für Bruchteile von Sekunden auslöscht, fast so, als wolle diese Leere auch mich für diese Bruchteile nicht anwesend haben.
Wenn man inmitten der Wüste steht und die Dämmerung vom Rande der Erde langsam , wie einen schwarzen Flügel eines übergroßen Vogels auf sich zuschweben sieht , sieht man die wenigen Büsche inmitten dieser gelben , sandigen Fläche aufflackern .
Als ob die letzten Sonnenstrahlen fast biblische Worte herauf beschwören wollten – brennende Dornbüsche, flackernde Flammen , kurz bevor sich zu der schon vorhandenen Leere und Stille noch die pechschwarze Dunkelheit gesellte.
Doch sind es nur Momente von diesem Dreiklang Leere, Stille, Dunkelheit. Sobald sich das Auge an das Schwarz gewöhnt hatte , brachen durch die Himmelsdecke tausende und abertausende Sterne , die so funkelten, als wolle jeder einzelne dem staunenden Zuschauer zuzwinkern.
Wie in einem Spiel schienen Stille, Leere und Dunkelheit verschwistert zu sein, verbandelt um diesen einen Moment auszukosten, bis die Sternenpracht sich ausdehnt und dem kühleren Wind nun Raum gewährt. Um die wenigen Felsbrocken, die wie scheinbar in der Wüste verirrt schienen , strich die Brise aus dem Nirgendwo und ließ hörbar ein leises Geräusch zurück. Fast wie ein Seufzen oder ein leichtes Atmen.
An solchen Tagen mutete es sich an, als läge dieses Land auf einem anderen Planeten. Alles bezeugte, dass dieser Flecken Erde etwas ganz Altes ist, etwas so kraftvoll Ursprüngliches, dass man sich plötzlich seiner eigenen Dimension bewusst wird. Und seiner Kleinheit.
Die Draußenwelt mit ihrem Lärm, Schmutz und der Gier nach Reichtum war weit weg . Hier zählte nur der Moment, das Jetzt, das gerade Anstehende.
Für ein paar Tage und Nächte hörte man nichts von alledem , was außerhalb dieses Landes lag. Mittendrin im Wiegen des Steppengrases.

 

wie immer :  ©  bei mir

„Das Einfache, das eigentlich immer vor unseren Augen Seiende ist es, was dem Leben jede Doppelsinnigkeit nimmt und das Sein klar benennt.

https://silkandpaper8.wordpress.com/2016/09/29/leere-und-fulle/     „

29. September 2016

Leere und Fülle


wald-zeichnung

Eingemachtes  (2011)

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Kein Kärtchen wird es sein  , das eine neue Anschrift verkündet- sondern mehrere Gedanken, die mir kamen, als ich eines Morgens ganz anderswo aufwachte.
Der kurze Gedanke als Splitter eines fast vergessenen Refugiums , des Briefeschreibens zum Zwecke des Nachsinnens um Dinge, die etwas mehr bedürfen, als nur das Aussprechen oder des Zurückbleibens eines Fragezeichens; wie die Frage nicht unbedingt einer Antwort bedarf, weil sie selbst schon Antwort ist.
Und doch raubt manche Frage den Wörtern beim Aussprechen jeglichen Inhalt, weil das Was, Wie, Warum nur eine Fixierung von etwas Abstrakten ist.   Des Öfteren sogar Kehrbilder dessen, was man sagen will Das Schöne am aussprechen dessen  ist, dass es sich aus einer Gedankenwelt heraus zu etwas wandelt, was man fast anzufassen könnte- ein Ding ohne Dinghaftigkeit, und doch eine Wirklichkeit, die freischwebend über allem stehen kann, weil sie dem, was noch kein ausgesprochenes Wort ist, eine Möglichkeit gibt, sich dem Dinghaften anzunähern.
Zeit ist, wie ich schon seit Jahren darüber denke  und nachsinne , etwas, was dinghaft daherkommt, ja fast wesenhaft; wir geben der Zeit Raum und Begrenzung, indem wir sie zu Stückwerk verarbeiten, zu Tagen, Wochen, Jahre und Sekunden, Momente- und doch ist sie nur ein Provisorium , welches uns eine fragile Heimat zusichert…
Der Alltag in seiner manchmal erdrückenden Einfachheit geht an die Substanzen- oft meint man, dass der höhere Sinn des Seins in dieser ständigen Wiederkehr verloren ginge, und dabei ist es gerade diese Einfachheit der Wiederholungen, die alle Strukturen des Lebens an sich jeden Tag für uns erfahrbar und erkennbar macht.
Egal was wir tun, selbst wenn man alles Unvorhergesehene als Außerkraftsetzen des eigenen Lebensentwurfes bestätigt wissen will; es ist nur  ein kurzes Moment, das uns zum Nachdenken zwingt , und wir dennoch das Triviale tun – das Triviale, was uns davor schützt, unaussprechliche Wortgebäude fürs Dasein zu konstruieren, denn nichts anderes ist es, das Dasein… ein zeiträumliches , unser Denken begrenzendes Provisorium …
Das einfache im Alltag, das Wesenhafte der Dinge, das Benennen von Gegenständen, die wir berühren, sind Vorstufen zum Sein, welches vom Da-sein bis zur Vollendung geführt werden.
Geht etwas zu Bruch, ist es nicht mehr… so glauben wir zumindest, und wir denken, wir bräuchten diese Splitter und Scherben nicht unbedingt… doch und wie Splitter, wie Scherben sehe ich Dasein und Sein durch das Universum treiben, Wegelagerer, die irgendwann auf den selben Zug aufspringen…
Dasein und Sein sind Abstrahierungen, die wir uns zugestehen zu  glauben, dass beides dasselbe sei. Und dabei macht man doch tagtäglich ganz andere Erfahrungen, die zwar das Dasein, auch das der Dinge,  begrenzt relativieren und somit benennbar machen, aber das Sein als geheimnisspendendes Ewige beunruhigt uns,  und glaubt uns wissen zu machen, dass wir in dieses Ewige ganz und gar eingehen, verschmelzen, wenn das Dasein endet.
Eine kurze Zeitspanne – und doch angefüllt von Da-seiendem und auch dem Abwesendem …so ist dieses halbe Jahr , das ich hatte, um der noch heimatlosen neuen Wohnung meinen Atem einzuhauchen.
Als ich die Decke meiner Wohnung anstreichen wollte, rieselte das Stroh und der Putz auf mich hernieder und mit allerlei Werkzeug und meinem Tun habe ich mir schnell wieder das Dach über dem Kopf repariert. Dort etwas und da etwas, und die Zeit schmolz zusammen und es war “Arbeitszeit”.
Langsam aber sicher kommt die Zeit, wo ich wieder etwas mehr Stunden aufbringen kann , mich auch wirklich umzuschauen und die Gegenstände und Möbel, die Situationen und Erinnerungen an Altes wieder ihren ursprünglichen Namen erhalten: Heimat für die Heimat in mir selbst…

Es fehlte zuweilen an Gestaltenfülle, an der geistigen Nahrung , die eine gute Tasse Kaffee zum Kaffee macht- es fehlen mir die Kaffeehäuser, wo man sitzen, Zeitung lesen und palavern kann, so recht aus dem Stegreif;  und dann gehen mir manchmal die Gedanken durch, wenn der Kopf raucht .
Nirgends habe ich diese Lust am so gar nicht sinnfreien Schwatzen erlebt, als in der Erinnerung an meinen Vater,  an den Kaffee nach dem guten Essen. Mein Vater hat ihn immer in einer Selbstverständlichkeit gefordert, weil dessen Familie diesen Brauch aus der alten Heimat  bis ins Heute bewahrt hat. Ein bisschen haftet mir diese Erinnerung an, weil ich sie in meinem Tun lebendig halte.
Doch auch Trauer nach dem Erkennen des  Verlustes,  dem Wiederfinden von  Momenten der Zerrissenheit . Zwischen Kindheit und dem Umherziehen in fremden Städten, zwischen dem Hinüberretten von familiären Bräuchen und Traditionen blieben nur Bruchstücke erhalten, Ob man aus Alt Neu machen könnte, wenn man die Fragmente wieder in eine brauchbare Form bringen kann?

Bräuche haben es etwas Heimatliches an sich, so denke ich zuweilen.
Bräuche – braucht man und so schlägt es wieder den Bogen zum neuen Heim, welches langsam wieder zu dem wird, was es in der alten Wohnung war…
Es ist paradox, doch den Sinn im “Verlassen der Heimat” als Verlust zu empfinden, finde ich in mir nicht wieder.
“Heimat” ist man doch immer selbst. Anfangs scheint es, dass man beim Verlassen des Vertrauten fast so trauert, wie um einen Menschen, und wenn ich daran denke, wie sehr mich damals die schiefe Tür meines Badezimmers an die Familie Sahin  erinnerte, an ihr zweites Zuhause , oder besser an ihre neue Heimat… wird es durchscheinig , wie das Triviale auf Gegenstände und Situationen zielt ( denn Triviales muss einfach sein…) um sich nicht im Dschungel entglittener Gedanken wiederzufinden .
Es  ist es wohl eine Wahrheit, die man im Seinsprozeß macht: Abschiede sind das vorübergehende Reduzieren der Wirklichkeit. sie sind eine kurzfristige bedeutungsschwere Trauer, die, wie hier zum Beispiel, die Heimat in eine Begrenzung zurückwirft.
Hier war es die Tür, die für das Eintreten und Hinzukommen einer ganzen Familie stand – und doch nur eine Zeitsequenz Dazugehöriges sein,  kann für die Dauer ihres  Wohnens,  und nun auch von mir verlassenen Wohnung.  Oder auch  das Rattern und Vibrieren der U-Bahn, die symbolisch für das immerwährende Kommen und Gehen stand, für Menschen, die unwissentlich durch mein Leben hindurch fuhren …
Dass diese Erinnerungen mehr als bloße ästhetisch-anmutende Darbietungen meines Lebens sein müssen, mehr als Grenzhaftes, welches sich auf Jahre festlegen lässt, erfahre ich nun wieder neu.
Mag sein, dass es der Frühling mit der Erneuerung von erwachendem  Leben wiederum einen flüchtigen Blickwechsel erlaubt mit den Dingen , die man verloren, entschwunden oder versteckt geglaubt hat , aber die Wirklichkeit der Jahreszeiten , ihres einfachen Daseins , welches das menschliche Sein in Hochgefühle und Lebensfreude katapultiert, sie macht, dass sich die vermeintliche Leere wieder füllt.
Fast bin ich geneigt zu sagen, es sei das helle, gelbe Licht, welches sich wie ein sorglos-anmutender Schleier einer Braut über alles noch Winterliche legt; aber es ist eigentlich der Schatten, die tanzenden Linien der Äste eines Baumes, die vom Licht künden.           Wäre der Schatten nicht, würde ich das Licht nicht erkennen und auch nicht benennen können.
Das Einfache, das eigentlich immer vor unseren Augen Seiende ist es, was dem Leben jede Doppelsinnigkeit nimmt und das Sein klar benennt. Es ist nicht an magisch heraufbeschworene Bedingungen gebunden, nicht ans Rätselhafte oder unsichtbar Verworrene- es ist wie die Wurzeln jenes Baumes… Es ist einfach da.
Das Was, Warum und Wie – benennen muss es nicht. Man muss es nur sehen.

MAR /silkandpaper 2011

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9. Januar 2016

HUNDERT Jahre Zeit —.—.—.Wir verlieren unsere Vergangenheit…

Filed under: philosophische FRAGMENTe, wahrNEHMungen — Schlagwörter: , , , — silkandpaper @ 1:55 PM

…diese Weisheit und  Genügsamkeit bei langlebigen Menschen ist etwas, was in den letzten 70 Jahren verloren gegangen scheint.  Kaum noch begegnen wir Hundertjährigen- oder wir entdecken sie nicht mehr- ihren Reichtum an Jahren und am Wissen um das lange Leben. Der materielle Reichtum verblendet und blendet uns so, dass wir es nicht mehr wahrnehmen, dieses Stück Ewigkeit und die Zähigkeit, es auszuhalten.
Positive Erfahrungswerte , die nichts mit Geld und Reichtum zu tun haben, werden von der Gier und dem falschen Bild vom Glück verdrängt. die Zuversicht, dass man die Kraft hat, sich aus einer tiefen Talsohle wieder nach oben zu tragen ist, so scheint es mir , durch das veränderte Wertesystem , in den Hintergrund gedrängt. und durch die Eile und Schnelligkeit, die in der Atemlosigkeit im Alltag den Menschen kaum noch Zeit lässt, inne zu halten, um „Grund“-bedürfnisse nach dem erfüllten Leben in sich selbst auszuloten.

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Natürlich brauchte es auch die Oberflächlichkeit, um den „Grund“ in sich zu erkennen. dahin zu gelangen, um zu erkennen, dass halbleere Gläser auch halbvolle Gläser sind, braucht es Bruchstellen im Leben/ Gesellschaft. Und es braucht Zeit.

Jede Bruchstelle „erweitert“ die Fläche/ Zeit/ Erfahrung  , auf der man das Leben „ausbreiten“ kann, es also vergrößert, verbreitert, erweitert.

Brüche im Leben, unvorhersehbare Situationen sind dynamische Faktoren, um Bewusstsein und auch eine gewisse Vorhersehbarkeit zu ermöglichen. Fraktale eben . wie in der Mathematik.

Wenn man das halbvolle/ halbleere Wasserglas vor sich stehen hat, und genau mit dem Blick auf einer Ebene  und der Wasseroberfläche ist,  sieht es so aus, als würde ringsum das Glas brechen, als hätte es einen Riss…die Wasseroberfläche „erweitert“ somit eine imaginäre Bruchstelle- und dort, wo man „voll oder leer“ beginnt zu definieren, beginnt letztendlich das dynamische System eines Fraktals, einer Bruchstelle. und mit der Bruchstelle entsteht eine weitere Dimension.

Je mehr Bruchstellen bzw. Unvorhersehbares im Leben eines Menschen auftreten, um so dimensionaler und erkennbarer wird sein Kern, sein Inneres. nämlich, dass es nicht glatt und klar und durchschaubar und absehbar ist , sondern dass durch Dynamik ein unsichtbares Netz an Bruchstellen auftreten müssen, um voll und leer unterscheiden zu können.

Wenn man nicht genau hinschaut, wenn man die Bruchstellen zu umschiffen sucht, verlieren wir  unsere Vergangenheit…

13. Dezember 2015

Die Entzauberung des MOMENTs

Filed under: philosophische FRAGMENTe, Uncategorized, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 12:59 PM

 

Im Fernsehen läuft eine Werbung. Man preist eine Kamera an, die innerhalb von Sekunden Hunderte von Bildern macht. Hinter einer bunten Seifenblase lacht ein Kind und man soll den Eindruck gewinnen, dass das Kind inmitten dieser schillernden Welt aus Seifenlauge glücklich, glücklicher, am glücklichsten ist.

Die Stimme aus dem Off erzählt dem Zuschauer, wie herrlich es ist, in den Sekunden alle Momente einzufangen , um dann den perfekten, den reinsten und scheinbar schönsten Moment auf ein Papierfoto aufzuziehen.

Der Moment, der Augenblick, der flüchtigste aller erinnerbaren Zeitabschnitte wird zerstückelt, zurechtgebogen, technisch geschönt. Als Zeitraffer verkauft. So, als hätte der Moment nicht das Recht, als Zeitfragment, als Bruchstück des Seins in Ruhe und eingebettet in den Lauf der Erinnerungen zu überdauern.

Das menschliche Gehirn wird in dieser Werbeanzeige durch einen Moment gepeitscht, um es abzulenken von der Wirklichkeit. Abzulenken von der Schönheit und Wichtigkeit der Vergänglichkeit.

Das Kind, eingefangen in einer bunten Seifenblase , sagt auf eine für mich erschreckende Weise, wie es um den kindlichen Geist der Heutzeit in vielen Elternhäusern bestellt ist. Die Eile, die Hast, immer einen Desktop in Greifnähe, Kopfhörer auf, Spiele im Internet… eine technische Blase, die den Moment, die innere Suche nach Tiefe in Bits und Bytes einteilt und das Wunder des Wesentlichen aus den Augen verlierend.

Auch die riesige Seifenblase, die scheinbar schwerelos vor das Gesicht des Kindes gleitet, ist ein Produkt von Überdimensionalität, die es so im ganz normalen Spiel mit Seifenlauge nicht gibt. Alles muss größer sein, alles muss so überproportional aussehen – und dabei unmerklich das Drumherum, die normale Welt und die Menschen als Nebensache abzutun scheint.

Ich kann nicht über meinen Schatten springen, ich kann nicht in dieser Seifenblase verweilen, die eine große , ja übergroße Begrenzung zu sein scheint. Ich kann dort , in dieser  suggerierten Welt ,  nicht ausruhen, kann nicht das finden, was meine Wahrnehmungen erweitert und mich auf das Ausdehnen meiner Erinnerungen vorbereitet. Ich muss aus der Zeit fallen, ich muss zurückgehen können zu Momenten, die Erkenntnis wurden. Und ich möchte diese Momente nicht so technisch geschönt einfangen und auf zusammengerafften Bildern konservieren .

9. November 2013

sprACHe

Filed under: philosophische FRAGMENTe, Uncategorized, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 4:00 PM

hand

Wer Sprache liebt, lässt sie auch lebendig bleiben. Dichter sind die Schatzmeister unserer Worte. Sie sammeln und bewahren  alles auf,  jedes Wort,  jede Stimmung,  manches  Schöne und  manches Hässliche, und sie machen daraus etwas, was unseren Kindern zeigen kann, dass es mitunter möglich ist, die Ewigkeit für Momente erschauen zu können.

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© Mar

8. Januar 2012

die stille IM wort


Immer sind die dunklen Tage gut, um Geschichten zu erfinden. Wir setzen uns und lauschen dem Leben. Im Schein von gelben Licht , im flackernden Schattenspiel einer Kerzenflamme erstehen sie aus dem Fundus unserer Erinnerungen und Wahrnehmungen, all dem , was uns umkreist und außerhalb des Ich’s wie in einem großen Geschenkkarton ruht und uns auf Momente hinweist, die es wert sind , Geschichten zu werden. Wir schnüren unser Leben zu kleinen Bündeln und werfen sie über die Schulter und wissen genau, das all die Zutaten da draußen sind , die das Zubereiten dieser Geistesspeisen ermöglichen Eigentlich sind Geschichten immer schon da, Gefühle, Gebilde, Wahrnehmungen die plötzlich wie aus einem Dunkel heraus auf uns zukommen, hervortreten wie aus einem verwinkelten Hauseingang und sagen: hallo, hier sind wir, gib uns die richtigen Worte, gib uns das Kleid, welches uns schmückt …

Wir strecken die Hände aus und greifen nach den Buchstaben. Ein dichtes Wirbeln von Punkten, Kommata und Strichen, Schlaufen, die auf und ab gleiten, große Buchstaben, die wie eine Kinderschaukel einladen, sich darauf niederzulassen um mit Schwung ins Weite hinauf zu fliegen, hinein in die Wortträumereien aus den Märchen, die wir nicht vergessen haben. Wir pflücken aus den ätherischen Wolken von Klängen seidene Metapher , um das, was unsere Geschichte werden soll , mit Wohlklang zu schmücken. Wortleitern tragen uns von Raum zu Raum, und lassen das alltägliche Nichts zu einer bunten Collage verschwimmen. Zwischen Zuhören und verstehen badet sich die Phantasie in den Wellen und Klängen der Sprache Die Abgrenzungen zwischen Geschichten sind kleine vorwitzige Kobolde, die sich rund und kichernd am rechten Rand ducken und sogar, um den Schabernack noch weiter zu treiben, mitunter dreifach die Wortmusik beenden… Sie spielen mit ihrer Wenigkeit und wissen trotzdem, das nach ihnen alles neu beginnt. Punkte besiegeln und begrenzen , aber sie sind auch wie eine Partitur auf Notenpapier und die Unterbrechungen und das Beenden und Beginnen von Dingen und Undingen sind fast wie ein Wehklagen oder Sehnsuchtsgesänge, denn was kommt danach?

Ist die eine Geschichte zu Ende, will die andere Geschichte sich hervorwagen wie aus einem großen Korb, der fast wie das Innere eines Bienenkorbes in all den Waben und Kammern Tausende von Geschichten verbirgt .Wirgeschichten oder Ichgeschichten, Dugeschichten und Geschichten vom Diesseits und vom Jenseits , ein Buchstabengestöber , welches der Zerstreuung des Geistes und des Wiederfindens seiner Selbst dient… Wir nehmen von all den vielen Fäden, die sich zum Spinnen von Geschichten eignen, wir verstricken uns ohne viel Zutun in ein Gewebe von Fragezeichen und erstauntem Ausrufen, zustimmendem Kopfnicken und ehe man es sich versieht, sind wir weich eingebettet in Rätsel und wissen dennoch, das alles, was wir sagen , uns doch schon längst bekannt sein muß, denn unausgesprochen und vielleicht leise anklopfend haben uns diese Geschichten in diesem Bienenstock voller Räume , schon längst erinnert, das es Zeit wäre , sie ins Licht und somit auftauchen zu lassen.

Leicht und tänzelnd kommen die Worte wie aus der Ferne auf uns zu, am Horizont erscheinen sie wie ein schmaler Strich, ein Schatten, ein Ball und mit zunehmendem Gebrumm und Gesäusel überrollen sie uns fast. In ihrer Farbigkeit überstrahlen sie sogar das hellste Licht, und das sogar, wenn es , so wie jetzt, im Zimmer eigentlich dämmerig ist . Wie eine gute Bekannte klingelt die Erinnerung an der Tür und holt , wie dieselbe zwei Stricknadeln heraus, um das, was vorhanden ist, zu verstricken und zu bekleiden. Rätselhaft gibt sich der Raum, wenn die Geschichten sich an den Wänden niederlassen und sich wie kleine flatternde Vögel in Nischen festhalten , um dann, nachdem sie sich ausgeruht haben, wie aufgeschreckt davon zu huschen. Wie Kinder klatschen wir vor Begeisterung in die Hände , wenn wir bekannte Worte wiedertreffen, oder wenn langverlorene oder geflüsterte Wortfragmente plötzlich wie eine Illustration im lichtverfremdeten Raum stehen. Die Umrisse der Erinnerung nimmt Kontur an, und wen interessiert es schon, das selbst uns beim Erzählen des uns schon längst Vertrautem ein Schauer über dem Rücken läuft. Da , wo sonst Nichts ist, baut sich ein Schloss in den Himmel und man kann über den eigenen Schatten springen, rettet sich mit einem Komma in den Nebensatz und erkennt, das die Wahrheit zwischen der Dugeschichte und der Ichgeschichte noch mit einem Dreifachrätsel und einem Kampf mit dem Drachen noch errungen werden muss.

Es wird sehr früh Nacht, wenn es Winter ist. Das ist die Zeit, Geschichten zu schreiben. Wir sitzen an Tischen und spitzen die Bleistifte an. Die Tinte verbannen wir , denn nur mit einem Bleistift geschriebene Geschichten können wir noch radieren und verändern. Nicht selten denkt man, wie gut es sei, wenn man die Geschichten verböge, sie noch einmal abändere oder gar ganz anders formulieren sollte. Wir können es drehen und wenden, das Papier hat schon alles verewigt und trägt selbst Ausradiertes wie eine kleine eigenständige Geschichte mit sich herum. . Es ist gleich, wie sehr wir innerhalb unseres eigenen Märchens die Begebenheiten verändern, ob wir berichtigen und erleichtert aufatmen, das sich der Schatten des drohenden Berges in kleine Kieselsteine verwandelt hat, in Wahrheit haben wir nur die Furcht in Hoffnung umgeschrieben , und die Hoffnung zur Liebe gemacht und die Liebe zu einer Kraft , die tatsächlich Berge versetzen kann, nämlich dann, wenn der Berg Stück für Stück und Kieselstein für Kieselstein abgetragen wird.

Was für eine Geschichte! Ja. Hinter dem Wort, welches aus uns herausbricht und sich seine Geschwister sucht, steht das Sein von Dingen , die sich nur durch das Aussprechen eines Willen verändern. Solche Geschichten lieben wir, die nach Fortsetzung rufen, die , obwohl sie klein und fast unscheinbar sind, doch den Raum um uns herum füllen. Alles im Raum und alles im Leben ist voller Wirklichkeit und doch unwirklich genug, um es nicht sofort zu erkennen. . Die Lampe flackert , die Lichtkegel der vorbeifahrenden Autos huschen durch das Zimmer. An der Zimmerdecke malen sie gelbe und rote Kreise und verschwinden lautlos im Nichts. Morgen vielleicht, wenn sich die Kreise wieder in meinem Zimmer verirren, kommt sie wieder, die Erinnerung an das Licht im Dunkel. Die Worte wollen jetzt ruhen. Sie sammeln sich und fädeln sich auf zu dieser schwarzen Perlenkette aus Tinte und Feder und lassen sich verpacken in raschelndes Papier. Die Tagebücher unserer Kindheit werden erwachsen und aus denselben Worten werden morgen sehnsuchtsvolle Lieder entstehen oder ein Orkan aus fast unverständlichen Lauten , die aufwirbeln und sich auftürmen zu übergroßen Wortstrudeln, fast wie ein Tornado , der alles hinwegfegt. Wir nehmen die Geschichten und lösen die Schnüre von den Bündeln auf unserem Rücken. Und egal wie Worte sind, laut und wild , oder sanft und weich, mitreißend oder zerstörerisch, schmeichelnd oder fordernd; auch wenn wir sie nicht aussprechen, sind sie da.

Die Wortkleider und Sprachketten , die Punkte eines Lebens. Und egal, wie voll kleiner und großer Geschichten das Leben ist , egal, wie es summt und singt oder weint und lacht; es scheint , daß wir, wenn wir uns inmitten einer großen Wiese diesem Stimmengewirr aus Erkenntnis, Wahrheit, Wahrnehmung und Erinnerung nähern , alles umgeben ist von archaischer Stille.

13. November 2011

EWIGkeit

Filed under: kurzgeSCHICHTen, philosophische FRAGMENTe, Uncategorized, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 1:50 PM

 November 2011

Vor zwei Jahren fällte man den Baum vor meinem Haus, einer von den dreien, deren Äste mir fast ins Fenster ragen. Bevor der Gartenbaudienst die Säge ansetzte, war es gerade dieser Baum, der in mir Erstaunen weckte. Er hatte einen einzelnen Stamm und ragte hoch hinauf. In der Höhe meines Fensters teilte sich der Stamm in zwei Teilstämme  und schoß weiter in die Höhe. Im Frühjahr duftete er süß- seine Blüten hingen wie weiße Ohrringe herab. Er wehte mit seinen ovalen Blättern den Schatten in die Räume, wenn es auf der Straße vor dem Haus längst kochend heiß war.

Eines Tages stellte ich fest, dass der eine aufragende Ast blühte und Blätter trieb, während der andere Ast dieser  Zweigeteiltheit  trocken blieb und leer und nackt in den Himmel wuchs. Geheimnisvoll und trotzdem ganz einfach symbolisierte der Baum Leben und Tod so anschaulich, dass ich hoffte, er würde noch lange so vor meinem fenster stehen. Es  schmerzte mich, als man aus Angst vor herabstürzendem Astwerk den Baum zum Fallen brachte.

Aus drei Baumgeschwister wurden an einem Morgen Zwei.  Stehe ich am Sonnenfenster meines Schlafzimmers rauscht der Eine, ihm war, wenn ich die Situation vermenschlichen würde, es ein bisschen egal, denn er war schon immer für sich, stand um die Ecke und hatte keinen „Sichtkontakt“ zu den beiden anderen vor meiner vorderen  Fensterfront .

Diese beiden waren wie ein Zwillingspaar. Sie grünten, blühten uns welkten zur gleichen Zeit.

Im Oktober färbten ihre Blätter die Straße unter mir gelb und wie blanke Lichter glühten sie noch bin in die Dämmerung hinein. Doch seit dem der eine Zwillingsbaum nicht mehr da ist, scheint etwas Seltsames vorzugehen. Schon im letzten Herbst fiel es mir auf, wenn alle Bäume in den Straßen rings um mein Zuhause schon längst kahl und winterlich waren, dass meine zwei Geschwisterbäume an der vorderen und hinteren Fensterfront  immer noch grünten.

Mir schien es, als wollten sie ewig leben. So, als wollten sie sagen: wir blühen für dich,  gefällter Bruderbaum. Wir zögern hinaus, was die Jahreszeit uns vorbestimmen will.  Wir sind da und spiegeln das Grün auf den Scheiben der Fenster. Selbst wenn das Herbstlich fahl  und weiß und sogar gefrostet am Morgen durch die leeren anderen Bäume blinzelt- wir sind grün.

Sichtbare Ewigkeit

27. Oktober 2011

Z-E-I-T

Filed under: DER mensch als fremder ORT, philosophische FRAGMENTe, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 4:36 PM

Ich bin Zeit.

Nicht: lebe ich in ihr.

Meine Spuren werden

ewig

unentschlüsselbar

sein

20. Oktober 2011

trug-SCHLUSS

Filed under: DER mensch als fremder ORT, philosophische FRAGMENTe, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 8:36 AM

… immer auf der Suche nach dem Unsichtbaren , was  allem Sichtbarem, Berührbarem innewohnt.

…Herausforderung:  dem Trug der Perfektion entrinnen.

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24. September 2011

ORBIS


 

Mit sterbenden Dingen will sich der Kreis schließen.

Muß immer alles OFFEN sein…?

Mu ni kaeru-Ins Nichts zurückkehren

 

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