Silk and Paper

25. Oktober 2013

SCHLÜSSElloch…

Filed under: legENDEn von romeo und julia, privat, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 5:32 PM

Hör den Geschichten zu,
die Dich zu den Verstecken Deiner Erinnerungen führen.
Sie blühen auf , wenn im Herbst die Blätter verwehen,
Im Sommer beschirmt der grüne Schatten Dein Leben,
im Herbst zerpflückst du den Strauch wilder Beeren
die eine fremde Süße verströmen.
Hör zu, wenn die Einsamkeit beginnt, Dich zu berauschen.
Erinnere Dich, denn dies ist der Schlüssel zu Deiner Kindheit,
ist das Zeugnis, unter dem Du mit Deiner Unterschrift
Dein SEIN besiegelst

*

Gestern hatte ich den ganzen Tag Zeit. Ich saß in einer Freundes Wohnung fest und wartete geduldig auf den Monteur. Es war sehr still und nur das Ticken der Uhr durchbrach die Ruhe . Aus Sorge, ich könnte das Läuten an der Tür überhören, stellte ich auch nicht einmal das Radio an. Mein Blick verlor sich im Grün des Balkons, im Rot der Früchte, die bald geerntet werden müssen, im wässrigen Himmel. Draußen wurde es gestern wirklich Herbst. Die Baumspitzen endeten kurz vor der 4. Etage. Eine Pappel, die auf dem Gelände gegenüber all die Jahre stand, war geborsten und hing traurig in der Form einer Eins nach unten . Genau in der Mitte, so schien es, war der Bruch, der Riss, der durch das Holz ging. Früher ging ich öfters dort spazieren. Da war es noch eine wilde Wiese und kein Bauamt wäre auf den Gedanken gekommen, dort eine Strandbar zu eröffnen…

In all der Stille und Ergriffenheit über die noch immer erhabene Schönheit dieses sterbenden Baumes dachte ich , dass im Frühjahr sicher eine gärtnerische Hand den Baum fällen wird. Bis dahin wird auf diesem Platz ebenso eine Stille einkehren wie hier in diesem Zimmer. Der Winter ist ein Genesungschlaf der Natur.

Wenn sich im Sommer die Marienkäfer über den wilden Beifuß hermachen, der sich überall in Städten und auf Mittelstreifen der Straßen breitmacht, so verliere ich diese Pflanze als Fixpunkt; denn der Regen wird ihn fortschwemmen, zum Verwelken bringen… Er wird sich im Schlamm seinem Tod ergeben und dann im Winter werde ich ihn sogar zeitweilig vergessen . Das unsichtbare Seil zwischen meinem Blick und dem Erblickten wird scheinbar durch die erste Kälte zerrissen- fast wie eine schwebende Spinnwebe, die meine Hand mit einem Streich wegwischen kann. Ich bemerkte, dass ich schon wieder dabei war, in der mir auferlegten Stille mich diesen Dingen wie kaum sichtbaren Spinnfäden oder unsichtbaren imaginären Bändern zwischen mir und der Natur zu nähern, und dabei war es doch nur ein flüchtiger Blick, der am Baum gegenüber haften blieb…

Tausende solcher Momente streifen mich, wenn ich auf der Straße gehe oder bei einem Spaziergang im Park. Mir fiel ein, dass ich ähnlich empfunden hatte, als ich am Sonntag auf dem alten böhmischen Friedhof war, der sonst für Fremde geschlossen ist,  ich aber einen kurzen Spaziergang durch diese Reihen der Gräber aus dem 17. Jahrhundert machen konnte…

Seit Jahren stahl ich mit einem Blick durch das Schlüsselloch des großen gusseisernen Tores Ausschnitte dieses kleinen Friedhofes; immer wollte ich die alten verwitterten Grabsteine lesen, und als ich dann davor stand, war mir so, als kannte ich sie alle, diese böhmischen Einwanderer. Die Fremdheit wich und mit der archaischen Erinnerung an das, was mit uns allen geschehen wird,  kam die Vertrautheit. Der Zauber, die fast kindliche Neugier, mit der ich immer durch das Schlüsselloch lugte, verwandelte sich in ein Bild , das ich schon lange zu kennen geglaubt und nun , beim Annähern fand es wieder an den Platz in meiner verlorengeglaubten Erinnerung .

Nähert man sich den Dingen zu sehr, wird der Zauber leicht zerstört, wird der flüchtige Augenblick wie zu einem festen Bestandteil einer Gemäldegalerie, zu schweren dicktropfig-festen Ölgemälden, die das leichtfüßige Leben manchmal unnötig beschweren.

Ist der unbeschwerte Augenblick im Sommer nur schmückendes Beiwerk zu den von Sonnenglut durchtränkten Beeten, so wird er im Winter der einzige Halt, an dem man sich durch die kalten Jahreszeiten hangelt.. Wertigkeiten verschieben sich durch die Dinge von Außen, werden von ihnen durchdrungen und einer Metamorphose ausgesetzt. Schöne Dinge werden weniger schön und die weniger schönen Dinge erhalten durch ihr einmaliges , kurzes Aufflackern wie mit Diamanten bekränzt. Denkt man an die frostgemalten Blätter in Rinnstein, die wie Gold in der Wintersonne funkeln , doch sobald sie im Schatten eintauchen, sind sie doch nur moderndes Laub.

Das Haus gegenüber, der gütige Schattenspender im Sommer wird nun im Herbst der bedrohliche Riese, der das Licht verschluckt. Auf der Straße , die unter mir lag, war schon dieses Ersterben der Natur zu erahnen. Ich dachte, dass es nicht von ungefähr käme, dass man im Herbst soviel an Abschied denkt und an das Nimmerwiedersehen, oder gar an den Tod. Natürlich weiß ich, dass der Frühling wieder völlig andere Bilder zaubert; könnte einfach nur sagen: dass doch alles Gute im Inneren läge, im Verborgenen und dass die kalte, schmutzige Welt drumherum diesen guten Kern des Wissens um die Wiederkehr nie anzutasten vermag, trotzdem.

Denn wenn ich das Ruhen, das Nichtstun und das Ausharren der Natur betrachte, weiß ich, dass zwar wie zum Beispiel der Frost als Allegorie zum Draußen vieles ersterben lässt, aber dass auch der gleiche Frost nötig ist, um chemische Prozesse in einem Pflanzensamen in Gang zu setzen, die gewährleisten, dass das Verborgene unter der Erdkruste im Frühling sogar Pflastersteine aufbrechen kann, nur um die Schönheit seiner Blüte ans Licht zu bringen.

Es ist merkwürdig, wie dieser schattige Tag in meinen Gedanken Assoziationen freisetzt… So wie ein Schatten das Licht nur kurz verbergen kann, so wie Glasscheiben oder glattpolierter Asphalt die restliche Sonne reflektieren, so reflektieren Menschen auch in dunklen Momenten ihres Lebens diese Kraft, die im Übergang der Jahreszeiten liegt . Man kann plötzlich in diesem Riss der Zeit, der sich zwischen dem abrupten Übergang von Sommer zum Herbst schiebt, sich selbst klar und deutlich erkennen. Man kann verstehen, dass das Ungeordnete, das Dunkle oder Verborgene nach einem Gesicht verlangt.

Aber da nur der Tod die Rätsel für all das Verborgene auflösen kann und Ordnung ins SEIN bringt, erklärt man sich selbst das Unerklärbare am Kommen und Gehen, am Wechsel der Jahreszeiten, die uns Menschen an den Zeitabschnitten dieser Welt  festzurren, als gälte nur dieses eine Gesetz. Uns wird in diesen kleinen aufhellenden Zeitrissen klar, dass wir das Gesicht, nachdem man ein Leben lang sucht , nie selbst sehen werden, sondern nur die Menschen, die schlussendlich da sind, wenn der letzte Herbst kommt.

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ps. die Fotos sind alte Grabsteine ca. 1702 -1716 vom Böhmischen Gottesacker in Berlin Neukölln/ Rixdorf

MAR 2009

20. Oktober 2007

wenn Männer in Bewegung kommen- oder warum braucht Man(n) einen Schirm ?


 

 

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Herrlich so ein Halbtagsjob!
Gut gelaunt trete ich hinaus aus der Tür und steuere der U-Bahn zu . Bahnhof Zoo. Lavazza-Stand . Schnell einen guten Espresso und hinein in den mittäglichen Verkehr. Touristen mit Rucksäcken und Stadtplänen strömen durch die Hallen…Kindergartengruppen und Schulklassen haben Knut gesehen und plappern wild durcheinander drauflos. Gut , daß ich den Espresso hatte, denn der gibt mir Gelassenheit. Und rote gesunde Wangen…

Ich krame in meiner Überlebenstasche, deren Inhalt alles andere ist, als wichtig zu sein scheint . Rechnungen, ausgedruckte Manuskripte, Photo-CD, Konto-Ausdrucke , Mobiltelefon, Bonbons vom vergangenen Jahr, Kaugummi, Haarklammer, Schnippgummi, ein welkes Blatt vom letzten Spaziergang, Deoroller, Parfum, Taschentücher, alt und neu….und endlich mein Buch, welches ich gerne in der U-Bahn lesen wollte. Eine schöne Geschichte, die ich da lese. Von einem Mann, dessen Frau verstarb und beim Aufräumen der Sachen Briefe fand, von ihrem Liebhaber. Der Überlegung nachgegangen, dass der Liebhaber auch wissen müsste, das die Frau verstorben ist, teilt er es dem Liebhaber mit; der wiederum glaubt, es sei die Frau, die ihm nach langer Zeit wieder schreibt , um ihm mitzuteilen, das sie nun tatsächlich für ihn gestorben sei ( sinnbildlich: laß mich in Ruhe…) Die Turbulenzen, die sich aus dem Briefwechsel ergeben, den sich beide Männer liefern ( der Liebhaber glaubt immer noch, es sei die Frau, mit der er korrespondiert) möchte ich der Leserschaft nicht wiedergeben. Das muß man selbst lesen ….

Es ist eine Welt für sich, in die man eintaucht, wenn man liest.
Mich amüsierte jedoch die Phantasie der beiden Protagonisten und ich dachte mir so, was Männer doch alles bewerkstelligen, wenn sie Dingen auf den Grund gehen wollen…Sonderbar, wie mutig und einfallsreich sich Protagonist Nr. 1 seinem Leben stellt, als er plötzlich erfährt, das er nicht der Einzige war…Ich liebe es , in Büchern von solchen Situationen zu lesen, werde von der wunderbaren Phantasie erfasst und ich fragte mich schon sehr oft, ob diese Geschichten nur Wunschdenken eines männlichen Autors waren ; ob der Wunsch, aus dem Allerlei des möglicherweise gelangweiltem Alltag einer 20-jährigen Beziehung auszubrechen, so dringlich wird, das man einen verflossenen Liebhaber der verstorbenen Ehefrau beginnt, gern zu haben, zu bewundern, ja sogar bereit wird, alles Bisherige in Frage zu stellen. Und sei es nur in der Erzählung…

So etwas kann nur in Büchern stehen; welcher heutige Mann kauft sich denn eine Fahrkarte und steht als Überraschung vor der Tür , wer reserviert denn heutzutage ein ganzes Lokal und bestellt einen Stehgeiger. Welcher Mann in diesem Alter des Protagonisten wagt es denn noch, spontan zu sein. Na, den will ich mal sehen!

Ich kicherte in mich hinein…und ich war erschrocken, als ich feststellte, das ich tatsächlich hörbar lachte…
Verstohlen schaute ich mich um. Zwei Reihen schräg gegenüber saß ein Mann , der sofort wegschaute, als mein Blick ihn traf. Er hatte mich offensichtlich beobachtet. So was mag ich eigentlich gar nicht. Aber was soll es… Ich las weiter. Doch die Ruhe war dahin. Der Mann beobachtete mich und ich spürte seine Blicke …Jedes Aufblicken in seine Richtung erschreckte ihn und das Handy wurde nun willkommenes Spielzeug in seinen nervösen Händen. Irgendwie belustigend.
Ok. Das Buch wanderte in meine Tasche zurück und ich schaute in das Dunkel des vorbeigleitenden Tunnels und sah wie in einem Spiegel gleich, wie er mich musterte…

Hermannplatz.
Wie immer stand ich im letzten Moment auf und sprang hinaus auf den Bahnsteig. Er auch. Aber das sah ich schon nicht mehr Es mußte fast im letzten Moment gewesen sein. Die Tür schloss sich . Die U-Bahn fuhr weiter.
In meinem Kopf setzte die normale hausfräuliche Geschäftigkeit ein. Ich nahm meinen Einkaufszettel und las: Waschpulver, Fotos abholen, Rohrreiniger, Shampoo… ok. Also sollte ich gleich zu Rossmann gehen… Alles andere um mich herum war ausgeblendet. Ich hatte nicht bemerkt, das dieser Mann wie ich die Rolltreppe benutzte, wie ich bis zum ersten Wagenhalt den Bahnsteig entlangging und mit mir in der gleichen U-Bahn weiterfuhr.
Meine Station – ich stieg aus . Stufe für Stufe spürte ich hinter mir einen Blick im Rücken. Das kennt man ja, wenn man fixiert wird, fühlt es sich so an, als würde man berührt werden.
Strassenmitte, Ampel, Rot. Ich wartete. Plötzlich sprach mich eine Männerstimme von der Seite an. “ Ich wollte Ihnen sagen, das Sie schön aussehen. Sie gefallen mir“. Ich schaue zur Seite und da steht dieser Mann. Ganz nah sehe ich seine dunklen Augen und das bisschen Angst darin. Die Falten in seinem Gesicht verrieten sein Alter. Mindestens 60 . Seine Sprache , der Akzent verriet auch seine Herkunft.
Ich knurre ihn an. „Danke“ und überquerte die Strasse.
Gut, das Rossmann gleich an der Ecke ist, denn dort bin ich gerettet vor Komplimenten auf der Verkehrsinsel. Ich kramte meine Fotos aus einem Berg von Tüten, verglich Preise von Waschmittel, sah Gummidrops, die mich einluden sie mitzunehmen- und aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen Schatten , der mich stetig verfolgte. Es war der Mann. Er folgte mir auf Schritt und Tritt und versuchte doch , unauffällig zu sein. Es war offensichtlich, das ihn mein Knurren auf der Strasse nicht getroffen hatte.
In der langen Reihe an der Kasse stand er hinter mir. Wieder versuchte er, mir zu sagen, das ich ihm gefiele, das mich die Baskenmütze gut kleide. “ Danke, und nun ist gut“ fauche ich. Er senkte den Kopf “ ich verstehe…“flüsterte er.

Betreten und verlegen greift er nach einem Regenschirm, der in der Nähe der Kasse zum Verkauf angeboten wird.
Draußen ist ein sonniger Tag. Und er sieht auch nicht so aus , als bräuchte er einen Regenschirm, denn aus der Jackentasche lugt der Knauf eines Minischirms…
Er zahlt schnell und ich sehe, das er sich plötzlich seiner Aktion bewusst wird . Er stürzte bei Rot über die Strasse und verschwindet wieder im U-Bahnhof. Sicherlich hatte er seine ursprüngliche Fahrtroute geändert und mußte nun schnell und möglichst ohne Zeitverlust nach Hause zu seiner Frau fahren …
Beladen mit allerlei Krimskrams schlenderte ich nach Hause. Warf die Waschmaschine an, schüttete den Rohrpuster in den Wannenausguß, legte die Fotos auf den Küchentisch und frage mich selbst, warum in aller Welt widerfährt mir so etwas immer in der U-Bahn . Nie bleibt da Zeit, sich auf Verrücktes einzulassen. Immer sind es (Weiter-) Reisende …Warum nicht im Cafe, oder im Kaufhaus, meinetwegen auch am Gemüsestand. Die Rolltreppe sowieso.
Muss sich denn ein Mann, der beherzt eine Frau anspricht , erst einen Regenschirm kaufen?
Muss er wohl, wenn er nicht im Regen stehen will.

18. Oktober 2007

wenn männer in beWEGung kommen…und sei es auf der rolltreppe


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Es ist wirklich jedes Mal am Morgen… ich schließe die Tür, nehme die Zeitung aus dem Kasten, kaufe mir ein Croissant, manchmal nehme ich noch einen Kaffee in der Bäckerei und dann komme ich in die Gänge.
Sprich, ich beginne meinen Tag.
U-Bahn-Fahrt. Das Zauberwort. Fast jeden Tag begebe ich mich in den Untergrund…in das diffuse Licht von spärlich ausgeleuchteten Bahnsteigen; platziere mich auf eine der Wartebänken aus den 30-ern und warte wie alle anderen, das sich ein morgendlicher Schwung einstellt.
Endlich. Der Luftzug kündigt an, dass an der Leinestraße der Zug abgefahren ist und meine 20 minütige Fahrt ins Glück beginnt.
Das Glück ist unbestimmt, wie alles im Leben… hier beschränkt es sich auf einen freien Sitzplatz.
Tür auf. Tür zu. Meine Augen schweifen umher. .
Heute habe ich es eilig- also besser, ich bleibe an der Tür stehen.

An der nächsten Haltestelle stürze ich hinaus, renne wie eine Verrückte zur Rolltreppe und will mich an den brav Wartenden vorbeischlängeln. Und schon ist es geschehen- ich trete einem Mann, der vor mir steht in den Hintern.
Wohlerzogen entschuldige ich mich. Er blickt zurück. Sagen wir es mal mit den Worten unserer aus der Türkei heimkehrenden Damen: er hatte wundervolle, dunkelbraune Augen. Schwarze Haare. Ein sehr gepflegtes Aussehen. Mit einem Wort : ein potentieller Askim! Und das nonplusultra : ein Türke! Als hätte er meine Gedanken lesen können, ging ein Lächeln über sein Gesicht…es schien, als käme Bewegung in sein Leben. Am Bahnsteig blieb er stets in meiner Nähe…noch einen Schritt näher, naja, und nun fragt er auch noch, was ich lese…. Ich wäre keine Frau, hätte ich nicht schon längst über den Zeitungsrand gelugt und belustigt festgestellt, daß er wohl zu überlegen schien , wie und was er anstellen könnte, um den letzten Schritt auf mich zuzumachen …

Die U-Bahn kam. Glück sah für ihn ähnlich aus, wie für mich. Ein Sitzplatz, nein zwei; einen für mich und einen für ihn selbst. Natürlich nebeneinander. Aber durch das Leben gut mental und geistig darauf vorbereitet , war ich mir sicher, er würde ALLES für mich tun. Alles, das war im Moment, einen Platz für mich zu ergattern, was morgens 8:30 am Hermannplatz nicht einfach ist. Das muss man wissen, wenn man sein Opfer richtig würdigen will…
Der gut aussehende, gut gekleidete Herr namens Adnan (den Namen verriet er mir beim Rüberstrecken seiner Hand) arbeitete, so verriet er mir, im türkischen Konsulat. Zumindest konnte ich ohne aufdringliches Verhalten zu produzieren sagen, das wir zumindest bis zum Ku’damm gemeinsam reisen. Binnen kürzester Zeit (aber das kennen wir ja schon) hatte ich das Gefühl, etwas ganz Besonders zu sein. In 15 Minuten wusste ich seinen Geburtsort, daß er im Juni dorthin fährt, daß er in der Leinestraße wohnt, daß er seit 10 Jahren in Deutschland lebt und ich muss sagen; das alles brachte er in einem akzentfreiem deutsch rüber. Ich war beglückt. So früh am morgen hatte ich keinen Nerv, Sprachakrobatik zu veranstalten. Ich liebe es, wenn der Tagesbeginn etwas dahinplätschert….

Eine wundervolle Visitenkarte wurde mir gereicht (es fehlte das Tablett, um vollkommen zu wirken). Eine Frage mit einem Augenaufschlag, der einem Omar Sharif zur Ehre gereicht hätte, folgte der Visitenkarte: sieht man sich denn mal? Wenn man doch quasi Nachbar ist…?

Jeder kennt das sicher. Das Herz raste, im Kopf kreisen merkwürdige Gedanken, der BH kneift nicht mehr, man sitzt aufrecht und setzt ein zuckersüßes Lächeln auf…. Hach! Ich habe seine Visitenkarte, ich habe seine Visitenkarte….
Ein Blick darauf und meine Freude war gedämpft…. Eine Handynummer. Kein Festnetz. So was mag ich nicht. Ach, das kann ich ihm ja am Sonntag sagen, wenn wir uns zum Kaffee treffen werden.
Die gepflegte Hand drückt die meine- er müsse nun aussteigen…cok güzel sind Sie, was für ein Zufall, das Sie ausgerechnet mich in den Hintern getreten haben…. ich bin so glücklich ….sprach er, und stieg aus.
Welcher Tag ist heute? Ich überlegte und in meinem Gehirn war nur noch Adnan-Montag, nein Adnan-Mittwoch…. Mittwoch! Meine Güte , noch 5 Tage bis Sonntag.

Zoologischer Garten…aussteigen… Rolltreppe rauf, Jebenstraße, Uni.
Zumindest meine innere Karte ist noch in Ordnung, ich finde den Weg zur Uni im Schlafe, besser gesagt, im Trancezustand…
Der Tag war herrlich, das Leben ist schön! Meine Bandscheibe war in einem versöhnlichen Einvernehmen mit mir… Sonntag , Sonntag jubelte es….

Der Sonntag kam. Herrliches Wetter. Ich bretzelte mich auf. Ein sorgfältiges , dezentes Make-up…. Nicht zu frivol. Nicht zu aufdringlich. Nicht zuviel nackte Haut. Nur ein bisschen, nur eine Ahnung…. Na ja, Frauen wissen was ich meine….

Treffpunkt Südstern… das ist wunderbar. Dort ist nur ein Aufgang. Da kann man theatralisch geschult die Treppen hinaufschreiten. Was will Frau mehr…

Bubum bubum… das Herz nahm jede seismographische Welle wahr, die dort oben vom Ausgang mir entgegenschlug.
Da stand er. Ein lachendes Gesicht. Ich schritt wie einer Königin gleich die Steinstufen hinauf. Was für ein ergreifendes Gefühl.
Noch eine Stufe und noch eine Stufe…

Adnan. Da stand er, in Jogginghose, ausgewaschenem Polohemd (mindestens 10 Jahre täglich durch die Waschmaschine getrudelt…) Turnschuhe… einen Rosenstrauß in der Hand.

Bum bum bu bu mmmmmmmmmmmm. Ich erstarrte. Gott sei Dank bin ich nicht vor Schreck umgefallen.
Das erste und einzige, was ich sagen konnte war: du bist Familienvater, hast dich Sonntagnachmittags von Frau und Kindern weggeschlichen, um angeblich mal kurz mit einem Freund ein Zigarettchen rauchen…

Sein Unterkiefer fiel runter, das Lächeln verschwand. Die Augen wurden plötzlich müde und leer.
Woher weißt du das…fragte er mich.
Na ja- Erfahrung …..

* das Kaffeetrinken fand statt und jeder ist seines Weges gegangen. Eine unvollendete Geschichte  

8. September 2007

die legende von romeo und julia – oder, wie schwer es romeo hat, wenn julia nur virtuell unterwegs ist…


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Mein Name ist Julia. Ja – wirklich … bitte glaubt mir,
ich heiße wirklich so, allerdings ist das mein zweiter Vorname, der so lange wie ich mich erinnere allen Frauen in unserer Familie gegeben wurde, zurück bis ins 17. Jahrhundert …Shakespeare wurde schon im 16. Jahrhundert mit dem größten Liebesdrama aller Zeiten berühmt, ich schätze mal, dass spätestens da in unserer Familie der Hang zum Theatralischen geweckt wurde- zumindest was die Namensgebung unserer schwarzhaarigen Schönen anbelangte, griffen die Väter meiner Familie gern in die historische Kiste mit Namen aus Übersee, wir können dankbar sein , dass ihnen nicht der Name Pygmalion in den Sinn kam, sondern das schöne , schlichte Julchen…. In veränderter Form mal als Juliane, Juliana, Juliette, Jule, Julie und eben Julia schmückt es unsere Ahnentafel und immer, wenn sich weiblicher Nachwuchs einstellte war klar, das ist und wird eine Julia sein. Wie in jeder Familie gibt es dann so kleine Legenden um diese oder jene Julia, die einzige lebende Legende , die ich kannte war meine Omi . Ich war so stolz, dass ich ihren Namen tragen durfte…ich konnte zwar nicht mit der äußerlichen Schönheit meiner Oma aufwarten, aber dafür hatte ich ja meinen anderen Vornamen und sogar einen Dritten… Echt- so steht es in meinem Pass, den ich gerade gestern abholen konnte. Mit neuem Passbild, biometrisch vermessen… Ich habe zwar einen Heidenschreck bekommen, weil ich mich selbst nicht wiedererkannt habe, ich hoffe nur, das der Kontrolleur am Flughafen in Antalya mir nicht einen Stempel neben das Visum hineindrückt, mit der Aufschrift „absolut nicht askim-tauglich…“
Schrecklich, was ein Fotograf aus einem Gesicht so alles machen kann… nun ja wie gesagt, dann gehe ich eben in Antalya nicht als Julia an den Start sondern als Mar, macht sich eh besser…

Diese biometrischen Veränderungen, die einem da so verpasst werden sind zwar nicht besonders schick für eine Frau von meinem Format, aber ich kann schon dankbar sein, dass das Einreise -und Passwesen auf dem Bürgeramt in Berlin im nachherein nicht von mir verlangt hat, mich einer Gesichts-OP zu unterziehen, damit ich dem Foto ähnlicher sähe…
Ich bin zudem heilfroh, das ich diese dumme Doppelgesichtigkeit Passfoto-Realität mit einem gesunden Maß an Selbstbewusstsein und dem Hang zum intellektuellen Um-die –Ecke-Denken zu vertuschen weiß. Als Frau muss man das heutzutage können. Da muss man nicht Julia heißen und 15 sein… Es ist ja nicht nur, das da ein Foto meine Person sichtbar verunstaltet, es ist ja eigentlich sogar nicht mein richtiges Gesicht, welches der Fotograf da abgelichtet hat. Unter einer Schicht Maquillage, die mir freundlicherweise eine französische Firma gegen eine hohe Schutzgebühr überlassen hatte, konnte ich meine Persönlichkeit und das wahre Alter perfekt tarnen. Das da die CIA noch nicht darauf gekommen ist !!!!das besonders die Damen ja ständig inkognito reisen….

Jetzt bin ich aber abgeschweift von meiner Familiengeschichte und dem Bedürfnis, den Ahnennamen einer besagten Julia aus dem 17. Jahrhundert weiterzureichen.
Wir kennen das ja auch aus anderen Familien, wo plötzlich Maximilians, Oskars, Ottos , Marthas und ähnliche Namensverwandte wie Pilze aus dem Boden schossen, schon interessant, das extra dafür Kinder auf die Welt kommen dürfen , damit weiterhin die wundervollen Namen unserer Vorfahren lebendig in diesem Sprachraum erhalten bleiben.

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Mein erster Vorname ist echt bescheuert, deshalb will ich den auch gar nicht hier zum Besten geben, denn die Kinder haben in Anlehnung an diesen immer Scherzlieder gemacht- was ich heute nicht ganz nachvollziehen kann, denn eine ganz nette amerikanische Hollywood-Diva trägt denselben Namen und die wurde nie ausgelacht- ihr hat man sogar den Oscar verliehen, mehrmals.
Aber ich bin ja nicht neidisch. Nachdem gestern von einem guten Freund ein Fanclub für mich anvisiert wurde, bewege ich mich sozusagen in den Fußstapfen besagter Hollywood-Schönen, nun sagen wir nicht gerade für den Oscar, aber immerhin in Richtung eines Preises für Schreiberlinge …


Mir macht nur etwas echt zu schaffen. Was mache ich denn bloß, wenn das Komitee des Preises wegen zu mir nach Hause kommt … Wer soll da die Tür öffnen? Julia, Mar oder die erste Dame des Hauses ? Oh je, nein! Ich muss ja als MAR präsent sein, denn unter diesem Namen habe ich so manches literarische Werk veröffentlicht … So ein Mist, die hatte ich ja fast vergessen!
So etwas kann ich meiner Omi doch nicht antun, dass ich den guten alten Familiennamen ausgerechnet dann leugne, wenn es zur Preisverleihung gehen soll… Also muss ich doch wieder die gute , vertraute Julia sein, die dezent geschminkt mit natürlichem Charme in Anlehnung an die historische Julia die Wohnungstür öffnet, um die wichtigen Gäste hereinzubitten .
Aber das zweite Dilemma folgt auf dem Fuß. Ich muss ja . um einen Literaturpreis zu erhalten, vorab Arbeiten einreichen. Der Segen der Technik macht es mir leicht- ich verlinke einfach meine Arbeiten im Brief und sende diesen per Email ab. Alles ist so einfach – dachte ich jedenfalls. Aber keiner weiß, wer ich bin! Dieser Preis wird an weibliche Autoren vergeben. Das macht sich gut, denn auch Preisrichter müssen die Frauenquote in unserer Gesellschaft einhalten können. Ja, da bin ich ja richtig. Ich bin ja durch und durch eine Frau. Mein Name bürgt für Qualität. Julia, wie ein Schmelz liegt das auf der Zunge; Julia, das Pseudonym für die Frau und die Liebe an sich ( denkt mal an die Groschenromane! ) – immer auf der Suche nach ihren Romeo , keine andere Tragödie ist so populär wie diese… so aktuell. Wo ist aber mein Romeo abgeblieben? Ich bin hier ganz alleine in meiner Wohnung, und dieses männliche Pendant an meiner Seite, welches meine Weiblichkeit durchaus nach außen hin sichtbar unterstreichen könnte, hat sich noch nicht mit MAR anfreunden können. Ich brauche Euch, liebe Leserfreunde…. ich brauche Euch ganz dringend!
Ist hier irgendjemand da, der mich kennt? Jemand der garantiert weiß, dass Julia / MAR tatsächlich existiert. Meldet Euch!!!
Leute-ich sitze in der Klemme…. Auf den Literatur- Preis könnte ich notfalls verzichten , aber wie fatal wäre es , wenn Julia ihren Romeo nicht finden könnte, weil er gar nicht weiß, dass MAR ( bisher virtuell)  tatsächlich eine FRAU ist…

 

 

 

7. September 2007

zweites frühstück ! oder wenn der TAG gelaufen ist


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Irgendwann hatte ich Euch, liebe Leser das Dessert versprochen, nach der aufgewärmten Suppe hatte ich ja eine Woche Zeit, mir ein Rezept zu überlegen.
Und ungewollt bin ich in eine ganz „alte“ Zeit hineingeschlittert, gestern, als ich mich an die die Zutaten für eine nette Liebesgeschichte erinnerte , Julia und Romeo aufleben lassen wollte , und dabei feststellte, das Julia eigentlich ein Romeo war… Meine Laune war dahin und es war einfach gestern wie im Theater, wenn der Startenor sagt: heute bin ich sehr angeschlagen, lässt lieber die Primadonna meinen Part singen…( Tenöre sind so zickig , das weiss ich aus eigener Erfahrung…) Was macht man denn, wenn man im virtuellen Theater improvisieren muss…Dieses chaotische Suchen nach einer Notlösung…

Das hat mich ein bisschen an meine Zeit erinnert, als ich noch eine Kunstgalerie und ein Künstlercafe mit einer Theaterbühne in Berlin hatte und man tatsächlich so eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung den Bühnenvorhang neu installieren muss.

First Part: MAR auf der Leiter in schwindelnder Höhe , den Schlagbohrer in der Hand und unten stehend der Künstler des Abends, der aus lauter Panik, das seine Vorstellung ausfallen würde, an den Fingernägeln zu kauen begann.
Ist zwar nicht das leckerste, aber es hat ihn offensichtlich beruhigt.
Schweissperlen auf der Stirn, Schritt für Schritt stieg ich dann die Leiter hinab, geschafft.

Second Part: Abendkasse. Im Rücken unsere angesäuselte französische Bardame ( wir wissen ja, der Rotwein…! ) drängelnde Besucher im handtuchgroßen Cafe, direkt daneben in der Küche gingen Teller zu Bruch, das Klopapier staute sich in der Gästetoilette, jemand hatte die Hintertür offengelassen und wildfremde Menschen warfen Blicke in die Künstlergarderobe, wo gerade die Pianistin noch einmal den BH zurechtrückte- ein spitzer Aufschrei ihrerseits, als sie durchs Fenster in wildfremde Männeraugen sah… und MAR überall gleichzeitig sein müssen…das auch noch in hochhackigen Schuhen , mit den putzverschmierten Händen von der Vorhangmontage mal schnell durchs Haar gestrichen- die Lacher waren nicht auf meiner Seite- aber endlich, endlich . Der Herr Künstler gab das Signal zum Anfangen, die kleine Tresenklingel rief den letzten Cafe-Gast zum Rendezvous mit der Muse ( „nehmen Sie doch Ihr angebissenes Brötchen mit in den Saal…. geht schon –hier eine Serviette „)…. Türe zu.
Kassensturz gleich….die Gage muss ausgezahlt werden, nachher, wenn alles vorbei ist , wenn man am Habitus der Pianistin das Gefühl hatte, es hätte Rubinstein persönlich gespielt…
Aber das ist später. Nach diesen unglaublichen 60 letzten Minuten vor dem Bühnenvorhang brauchte ich erst einmal eine Pause. Herrlich! Das Cafe ist leer, ein zwei verprengte Stammgäste vom Wohnhaus gegenüber hocken beim Bierchen an der Theke, ich suchte mir die alte Ledercouch in der hintersten Ecke und genehmigte mir einen heissen Tee.

Third Part: Die Künstlergarderobe ist verwaist, der angetragene Smoking hängt traurig und zerdrückt auf der Stange, die billige Schminke von „Frau Rubinstein“ liegt verstreut vor dem blinden Spiegel ; warum müssen Künstler denn immer nur so schlampig sein?
Alle sind auf und davon. Die Luft ist zum Schneiden dick. Die französische Bardame kichert mit Stammgast Nr. 1 ( ich sehe das nicht so eng…. er ist ein alter Feinschmecker, Giselle ist sicher nur das Appetitshäppchen, der Hauptgang steht zu Hause auf dem Tisch…) Ich sperre ab und lass die beiden allein… müde bin ich.
12 Uhr nachts. Wie komme ich jetzt nach Hause ? Warum ist es denn schon wieder so spät geworden.

6 Uhr ist die nacht für mich vorbei. Von Schönheitsschlaf keine Spur- kaum hingelegt, klingelt der Wecker schon wieder.
Rein in die Dusche , kaltes Wasser, denn schließlich sollte ich gut ausgeschlafen wirken, wenn ich meinen Brotjob nachgehe…. Die 10 Minuten, die ich mich noch einmal kurz umgedreht hatte, haben keine Wunder bewirkt. Ich brauche meinen Kaffee- ach was , ich brauche das Doppelte von dem, was sonst in meinem Kaffee chemisch an Coffein als Inhaltstoff nachweisbar ist.
Vorhang . Ende. Verbeugung . Abgang.

Ps. Ach ja, das Dessert! Das habe ich fast vergessen…
Im realen Leben, so wie zu der Zeit meiner kleinen Galerie-Bühne konnte ich in Laufe des Abends nur Tee oder Saft trinken… so etwas ist einfach professionell , sagt man in der Branche .
Aber hier, im virtuellen Reich, da lehne ich mich zurück auf meiner Couch, der zickige Tenor ist Legende,
“ Frau Rubinstein“ spielt jetzt tatsächlich im Boston Philharmonischen Orchester, Rosenstolz sind berühmt geworden, das Cafe ist zum Reisebüro mutiert für exklusive Schiffsreisen…Was kümmert mich das alles .
Ich sitze hier nach dieser gelungenen Vorstellung von Romeo und Julia , nach allem hin und her (danke den Akteuren ! ) … und geniesse mein Dessert: Champagner…
Champagner für Alle !
Aufs Haus natürlich….

27. August 2007

Die große Liebe


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Letzte Woche in der U-Bahn. Eine Kindergartengruppe von 5- 6 Jährigen nahm den ganzen Waggon in Beschlag. Schnatternd und lärmend erzählten sich die Kinder über Sitzbänke hinweg die Erlebnisse ihres Ausfluges. Sie waren im Zoo und nun ging es wieder zurück zum Kindergarten, irgendwo mitten in Kreuzberg, in den Dschungel alter Gründerzeitbauten, dichtbesiedelter Stadtteile und lärmender Strassenzüge …Neben mir auf der Dreierbank saß rechterhand eine junge Frau und linkerhand quetschten sich noch schnell zwei Kinder mit bunten Rucksäcken auf den verbliebenen Platz… so kleine Menschen passen da gerade noch rein! Trotzdem „hingen“ beide, der kleine Junge und das kleine Mädchen , irgendwie nur halb auf dem Sitz. Die Rucksäcke beider Kinder und die Enge auf der Sitzbank verhinderte ein gemütliches Anlehnen ….obwohl die junge Frau und ich etwas enger zusammenrückten , damit für uns alle Platz wurde. Trotzdem rutschte das kleine Mädchen ständig auf dem glatten Plastikbezug des Sitzes nach vorn und konnte sich als ein Leichtgewicht sich nicht so richtig am Sitz festhalten und versuchte irgendwie wieder nach hinten zu rutschen. Während der Fahrt plauderten die beiden Dreikäsehochs und immer, wenn die Kleine nach vorn rutschte , versuchte der Junge sie festzuhalten und wieder vorsichtig und liebevoll auf den Sitz zurückzuziehen, damit sie nicht beim Anfahren und Stoppen der U-Bahn runter auf den Gang fallen konnte. Vier Haltestellen später, beim intensiven Plaudern über den leckersten Lolly und das lustigste Tier im Zoo, über den Ärger mit der kleinen Schwester und den Zwilligsbruder wurde das Mädchen müde und lehnte sich mit ihrem Kopf auf die Schulter des Jungen. Aus dem Augenwinkel betrachtete ich die beiden amüsiert. Die Gespräche der Beiden klangen so vertraut; das ich gar nicht anders konnte, als die beiden zu belauschen. Der U-Bahn – Zug ruckelte wieder an. Wieder rutschte das Mädchen nach vorn, wieder zog der Junge sie zurück auf den Sitz, wieder versuchte das Mädchen sich an seiner Schulter auszuruhen aber besann sich dann doch eines Besseren und legte ihren Rucksack auf seinen Schoß und darauf ihren Kopf . Behutsam beugte sich der Junge zu ihr runter und sagte leise zu ihr: das geht aber nicht, das ist nicht gut so… Warum, flüsterte sie zurück. Wieder beugte er sich hinunter und sagte noch leiser: mach das lieber nicht , dann weiß doch jeder, das ich dich liebe…

PS : Die U-Bahn hielt, die Kinder stiegen aus . Leute stiegen ein …In einer Ecke stand nun ein Pärchen, das sich wild knutschte und und der Mann die Hände gar nicht bei sich halten konnte. Ich musste leise lachen…Der 6-Jährige war wirklich der Klügere von beiden! Die große Liebe ist unsichtbar und die posaunt man eben nicht einfach so aus….

25. August 2007

der ud-SPIEL-er

Filed under: KLANGsprache, kurzgeSCHICHTen, legENDEn von romeo und julia — silkandpaper @ 8:26 PM

 

 

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Endlich ist der lange, graue Winter vorbei . Alles was mich jetzt noch daran erinnern könnte , sollte ich schnell wegpacken! Stiefel, Mützen, Mäntel .Dabei fiel mir mein langer Wintermantel wieder in die Hände, mein Lieblingsstück, bodenlang, verhüllend, warm … Schnell noch die weich ausgefütterte Kapuze einschlagen und weg damit…
Meine Finger streichen noch einmal über den Stoff, dunkles blaugrau. Blaugrau, blaugrau,blaugrau – da ist doch diese blaugraue Erinnerung ganz anderer Art.
Ja , das war doch nun schon einige Jahre her, als ein besonders langer und ungemütlicher Winter mein Konsumbedarf an Theater und Konzerten ins schier Unermessliche zu wachsen schien. Das graue Wetter schrie förmlich nach Kurzweil und so begleitete ich liebend gern ,eine Freundin in ein Theaterstück ; natürlich blieb es nicht aus, das wir anschließend in einem Kreuzberger Lokal landeten, um besagtem Schauspielerpaar zu helfen , das die Gage der Künstler und auch unsere Scheine sehr bald den Besitzer wechselten, und wir uns nach einigen Flaschen Rotwein drei Uhr morgens in der Wohnung besagter Schauspieler in überaus bester Stimmung halb vertrockneten Toast, saure Gurken und so etwas wie Käse wiederfanden . Mit viel Phantasie wollten wir das als ein sehr frühes Frühstück ansehen … Meine Freundin und ich warteten dann endlich , etwas fröstelnd ( weil übermüdet und weil Wohnungen von Künstlern meist wegen chronischen Geldmangels nicht beheizt wurden ) auf den ersten Bus, der vom Mehringdamm zum Zoologischen Garten fuhr. Untergehakt kicherten wir an der Bushaltestelle wie Schulmädchen , dem Busfahrer war die Situation offenbar nicht fremd und ließ uns zur Freude das Radio laut laufen…

 

Der Morgenhimmel über einer erwachenden Stadt ist auch an einem Februartag als bizarr romantisch zu bezeichnen… Es hatte etwas, als wir die Eisblumen von dem kalten Glas der beschlagenen Fensterscheibe weghauchten und draußen am tiefdunkelblauem Himmel erste rote Streifen der Sonne zu sehen war. Nebel ,oder vielleicht der erste Rauch der Kohleheizungen, jedenfalls zauberte die Kälte Märchengebilde in die Luft.
Zoologischer Garten, Busbahnhof… die einzige Möglichkeit zu damaliger Zeit so früh nach irgendwo zu kommen, hier setzten die ersten Busse ein. Meine Freundin trennte sich von mir, ihr Bus kam –ich musste warten .
Kalt ! Ich zog die Kapuze des besagten Mantels, den Freunde scherzhaft den Anna-Karenina-Mantel nannten , tief über mein Gesicht, die Hände vergrub ich in den Taschen, und um keine Wärme zu verlieren wäre ich fast bereit gewesen nicht mehr zu atmen- geschweige denn zu bewegen. Minus 20 Grad! Kein Taxi weil keinen Pfennig mehr in der Tasche… Mir blieb nur der Bus .
Die Nacht schaukelte in eine andere Dämmerung hinüber ( oder schaukelte ich wegen der Kälte oder des Weines… ) Das Licht genau so von dem wir sagen, das alle Katzen grau wären… und da sah ich auf der anderen Seite des Busbahnhofs die Silhouette eines Mannes. Niemand sonst auf der Strasse , nur wir zwei wartende Menschen. Die Ratschläge , was zu tun ist, wenn frau alleine nachts ( oder hier frühmorgens ) unterwegs ist, wurden blitzschnell in meinem Gehirn abgesucht. Das fehlte mir noch! Vielleicht ein Betrunkener oder wer weiß wer… Am besten so tun als ob nicht bemerken, mit dem Rücken zu ihm stehen , keine Möglichkeit geben…
So stand ich nun da, überaus reges Interesse an dem Busfahrplan vortäuschend und betete, das der blöde Bus doch endlich käme! „ Warten Sie auch auf den Bus?“ Ich zog die Kapuze noch tiefer und schnaufte ein wenig unwillig zurück .
„ Ja sicher, deshalb stehe ich an der Haltestelle…“. Aus dem Augenwinkeln erspähte ich einen Instrumentenkasten. Ah ! Etwas Vertrautes! Instrumente heißen für mich so etwas wie Heimat, Musiker sind besondere Menschen. Ein Künstler also. Auch so ein verspäteter Nachtfalter. Also kein plumpes Annähern. Gut. Keine Angst. Trotzdem , ich war nicht zum Reden mit einem Fremden bereit.
„Sie sind auf der falschen Seite, ich denke Sie sollten lieber wieder zurückgehen…“ „ Nein ich nicht wollen schöne Madame hier in kalte Tag alleine stehen…“

 

Dieses gebrochene Deutsch machte neugierig und schaute auf und in das Gesicht des Mannes. Wäre ich nicht schon vor Kälte erstarrt gewesen, jetzt wäre ich es sicher vor Überraschung! Ein Gesicht wie gemeißelt, mich blickten zwei blaue Augen an, so eine Farbe habe ich noch nie vorher gesehen ; heute weiß ich das man diese Farbe türkisch cakir nennt, und es eine besondere Bewandtnis mit diesem Blau hat. Dieses Blau! Nun sah dieser Mensch ganz offen und so leuchtend in mein Gesicht, gar nicht müde oder übernächtigt…Frisch , mit einem sehr hübschen Lächeln dazu-

 

Meine Neugier, die mein Segen und mein Fluch sein kann, nahm überhand und ich fragte zurück. Binnen einer Minute konnte ich in Erfahrung bringen, das er UD-Spieler sei, das er in Restaurants die Leute mit traditioneller Musik verzauberte, daß er von einer Arbeit käme und nun …. und da kam mein Bus. Schnell beim Einsteigen rief er mir noch den Namen des Restaurants hinterher, mehrmals wiederholend, fast beschwörend , komm am nächsten Sonntag mal dorthin, ich lade dich zum Essen ein und spiele für dich…Die Bustür schloß sich, ein Blick durchs Rückfenster…Dort stand der Mann, den Instrumentenkasten umfaßt wie als wolle er eine Frau umarmen ; plötzlich kniete er sich mit einem Bein auf die Strasse nieder , eine Pose wie als würde ein Troubadour seiner Liebsten die Aufwartung machen… das Gesicht malte mit Augen und Lippen Bilder, die ich so deuten konnte , ich solle doch ins Restaurant kommen… Ich wollte laut loslachen, aber es hatte etwas sehr Rührendes , wie er da in der Kälte mitten auf der Strasse sein Instrument umklammernd mich davonfahren sah.

 

Und da bog der Bus in die Kantstrasse ein , ich war gerettet! Gerettet, wie das klingt. Nun ja , irgendwie schon, vor der Kälte, vor einem längeren Gespräch, vor der befremdlichen Nähe eines überschwenglichen Mannes. Was war das? Habe ich geträumt, bin ich nur so übernächtigt? Ist das wirklich geschehen?
Vielleicht sollte ich mich ausschlafen…
Jeden Tag darauf stieg ich am Busbahnhof aus, und ob ich wollte oder nicht , ich musste schmunzeln und an diesen UD-Spieler denken. Ach was soll es , sagte ich mir selbst- warum nicht die nette Einladung annehmen, es ist ja ein Restaurant, was soll da passieren…
Also stand ich Sonntag am Eingang des damals recht kleinen türkischen Restaurant in einer Seitenstrasse des Ku’damms und
war so zwiegespalten , richtig-falsch, falsch-richtig, als mich die zwei blauen Augen freudestrahlend anschauten. „Danke , Du da bist, dort der beste, gute Tisch für Dich, ich spielen jetzt und Du essen , später essen weiter zusammen, gut ? Du alles bestellen, , ich essen auch das was Du lieben …“ Der Tisch wurde gedeckt, Köstlichkeiten , die ich noch nicht kannte, duftende Speisen mit blumigen Namen ; die melancholische Musik der UD im Hintergrund, dieses Schwingen der Saiten auf dem dunklenhölzernen Korpus, der Spieler schloß die Augen, um ganz zu verschmelzen mit den Klängen, doch wenn er die Lider hob , dann fixierten mich diese blauen Augen mit einer Intensität, das ich nicht wußte, wohin schauen. Es war mir etwas schwindelig . Alles zusammen war wie aus einem Kitschfilm zusammengeschmolzen; schwarzgelockte Kellner, bitte Madame, ist es so recht, noch ein Glas, aber bitte gern, der schmachtenden Blick des Musikers, die Klänge, die nur dazu gemacht schienen, Frauenherzen zu brechen, die völlige Unwirklichkeit nahm von mir Besitz , Leichtigkeit breitete sich um mich herum aus, der Kopf war frei …
Ja, denk nicht so viel, freue Dich, dieses merkwürdige , fast surrealistische Treffen in der Kälte findet hier im Restaurant einen wohligen , freundlichen Abschluss. Warum nicht? Nach dem Konzert, welches sich mit Pausen über 3 Stunden hinzog , und mir in dieser Zeit einen Appetit abnötigte, der mich an das Tafeln von Fürsten erinnerte, mit meinem charmanten radebrechenden Tischnachbarn, der sich nun endlich zu mir setzen konnte, waren alle Vorbehalte verflogen und ich freute mich sehr, diesen Mann getroffen zu haben ,welcher doch eine recht nette und dazu noch außergewöhnlich interessante Erscheinung war. Es war spät, es war schon nach Mitternacht, langsam war Zeit zu gehen. Trotz des so harmonischen Abends machte sich die erste Unsicherheit in meiner Magengrube bemerkbar… Der Mann stand auf , und verbeugte sich „ Ich hole mein Instrument und kläre meine Sachen mit dem Wirt und dann gehen wir, ja? „ Ja, das war mir recht, wollte mich gern noch revanchieren für dieses köstliche Essen, für die Einladung und die Musik- vielleicht noch mit einem Kaffee irgendwo , oder einem Cocktail…

 

Ich wartete am Tisch. Ich wartete 10 Minuten, wartete 20 Minuten , wartete 30 Minuten. Unerträglich… Der Wirt saß noch mit Stammgästen und schwatzte. Ich wurde ungeduldig. Es war spät, ich war müde, ich saß schon lange genug… Ein Herz fassend sprach ich den Wirt an, wo denn der UD- Spieler
sei… erstaunt sah er mich an- der sei doch schon längst gegangen, hinten durch die Küche. Ach so! Ich schlug die Augen nieder, ich mochte dem Wirt nicht unbedingt zeigen, das ich sehr gekränkt war. „Nun dann gehe ich jetzt auch“ , schlüpfte in meine Mantel und wollte mich verabschieden. Und was denn mit der Rechnung sei, fragte er mich. „Aber ich war doch eingeladen worden von ihrem Musiker! „ Eingeladen von cakir Ergün ?“ Er begann zu lachen , kein böses Lachen, sondern eher wissend, fast väterlich erklärte er mir, das der UD-Spieler ihn schon seit Wochen in den Ohren liegen würde, weil er doch gerne hier musizieren würde, er müsse doch mal endlich Geld verdienen… Darauf hin hätte er , der Wirt ihm zum Scherz gesagt, wenn er doch wenigstens mal EINEN guten Gast brächte , dann ließe er ihn einmal spielen. Heute musste ich mein Versprechen einlösen, sagte der Wirt : er hat einen guten Gast gebracht, die Dame, die zu speisen wußte…
Aber wie der Wirt an meinem bestürzten Gesichtsausdruck ablesen konnte, war ich die Einzige, die von dieser Vereinbarung nichts wußte. „ Nun , Madame, trinken wir einen Raki und dann gehen Sie nach Hause, alles andere vergessen Sie ganz schnell- auch die Rechnung…“ Natürlich könne ich meine Rechnung begleichen, das wäre nicht das Problem, ich wäre einfach nur verletzt. Der Wirt küsste meine Hand , fast als wolle er sich für alles entschuldigen, nein, es wäre alles erledigt für ihn, keine Sorge…Ehrenschulden eines vermeintlichen Kavaliers , der plötzlich verschwand, so etwas wäre ihm auch noch nicht vorgekommen…
Und er blieb wie vom Erdboden verschwunden, dieser UD- Spieler, niemals mehr danach gab es kalte Wintermorgen wie dieser, niemals mehr konnte ich das Restaurant betreten, ich war nie wieder in meinem Leben so irritiert .

 

Aber etwas merkwürdiges war geschehen. Ich konnte diesen Mann nicht vergessen. Ich war verliebt ! Er hat gemacht, das ich mich verliebte . Nein, nein, nicht in ihn . Auch nicht in diese unglaublichen Augen- in die UD habe ich mich verliebt. Diese melodischen, klagenden Laute, dieses weiche Timbre der Musik. Dieser nebulös verschwundene Musiker ist schuld, das ich abends in der Dämmerung diese Musik höre. Eine Liebe für mein Leben. Die UD hat meine Sehnsucht entfacht nach dem Goldenen Horn. Wie könnte ich cakir Ergün böse sein.
Auch jetzt, wenn ich meinen graublauen Wintermantel verpacke, vibrieren die Töne durch die Räume.

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