Silk and Paper

2. Juli 2016

Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !



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Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !

Natürlich musste wieder die gute, alte U-Bahn den Hintergrund liefern, um Geschichten entstehen zu lassen, kleine Begebenheiten und Begegnungen. Wo sonst ist man auf so engem Raum beisammen und kann sich ungestört an den Gesichtern der mitfahrenden Gäste sattsehen.
25 Minuten Fahrtzeit bieten schon einen recht schönen Zeitrahmen für einen Einakter, der fast aufführungsreif wäre, ob wegen meiner Begriffsstutzigkeit oder der belustigenden Reaktion des Fahrgastes mir gegenüber, wer weiß.
Station Berliner Straße, der Umsteigehafen für die Neuköllner Richtung , immer auch die passende Gelegenheit, einen Sitzplatz zu ergattern. Wunderbar, gleich in der ersten Reihe macht jemand einen Sitzplatz frei und ich packe mich mit Handtasche, Büchertasche und einem etwas dickerem Paket, was zur Post sollte, an die Fensterreihe.
Mir schräg gegenüber sitzt ein Mann so in den Fünfzigern. Graumeliertes Haar und einen sehr gepflegten grauen Bart. Etwas unruhig rutscht er auf dem Sitz hin-und her und schaut zur Decke, zum Boden, auf die Mitreisenden und dann bleibt sein Blick auf mir stehen. „was meinen Sie? Ibo gut? “ Am Akzent höre ich, dass er kein geborener Berliner ist. Ibo, das ist ein mir geläufiger Name , den ich mal hier und mal da gehört habe, der Mann einer Freundin heißt Ibo, also gehe ich in diesem Moment davon aus, dass der Mann Türke ist, und die geläufige Koseform benützt.
Ich schaue ihn ganz irritiert an und antworte (man will ja nicht unhöflich sein), dass ich nicht wüsste, ob Ibo gut sei, denn ich kenne Ibo nicht.
“ Du Deutsche bist, oder? Ich habe fragen alle Leute und keiner kennt Ibo! “ Ich entschuldige mich höflich und sage, dass ich ihn heute zum ersten Mal sehe und bin etwas belustigt über den Fortgang der Unterhaltung. Mittlerweile schaut der Nachbar von der anderen Seite auch schon in unsere Richtung…
„Ja, aber alle Leute  gesagt, Ibo das Beste und ist gut und ich nicht verstehe, warum keiner Ibo weiß.“
Ich glaube in meinen Augen zeigte sich schon ein Anflug von Heiterkeit, denn ich mutmaßte, dass er vielleicht aus gekränkter Eitelkeit heraus nun volle Unterstützung für sich und seinen edlen Charakter suchte- ausgerechnet in der U- Bahn, wo die Leute meist genervt oder sich gestört fühlen, wenn man was von ihnen will.
Ich mache dem Gespräch ein Ende und meinte zu ihm, dass ich nicht verstehe, was er von mir will.

Kaum gesagt, steht er auf und fährt mit seiner Hand in die Hosentasche. Er wühlt und sucht und zieht ein Päckchen heraus. Ein kleines weißes zerknülltes Etwas mit der Firmenaufschrift : Pharma. “ Du gucken, hier, alle sagen Ibo gut und du nicht kennen?“
Ich schaue auf die Packung und lese die großen Buchstaben IBU und etwas kleiner gedruckt: Ibuprofen .
Ich musste plötzlich so breit lachen – er meinte Tabletten!
Ich versicherte ihm, dass ich Ibuprofen kenne und dass es Tabletten gegen Schmerzen seien. “ Ja, ich wissen, Frau aus Laden hat gesagt, sehr gut. Was denken du? “ Ja, ich sage ihm, dass ich gute Erfahrung mit IBUPROFEN hatte und er diese ohne Sorge nehmen kann.

Sichtlich aufatmend , aber mit gekräuselter Stirn , stand er nun auf und steuerte auf den Wagenausgang zu. Hier, am Kotti musste er raus. Beim Aussteigen höre ich ihn murmeln :

“ uuuuhhhhhhhhh, ich Kopfschmerzen jetzt haben. Frauen mir immer Kopfschmerzen machen“.
Ich liege innerlich fast flach vor Lachen auf dem Waggonboden. Ich war mir gar nicht bewusst, dass man, wenn sich mit mir unterhält, immer IBU bei der Hand haben muss…

 

1. November 2015

ZEITengrenzgänger

Filed under: DER mensch als fremder ORT, going underGROUND, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 7:12 AM

Zeitengrenzgänger

20 Zeilen, 50 oder manchmal nur 10. Und dann ein Punkt. Das Buch sinkt in
meinen Händen und ruht sich aus auf meinem Schoß. 200 Seiten Buchstaben, die
leise wippend und zitternd an jeder Station sich von neuem ordnen müssen. Und
wenn ich sie wieder an mein Gesicht führe, vor meine Augen, die hungrig sind
nach Druckerschwärze, stillen sie meine Sehnsucht nach fast Vergessenem.

Ich dachte mir ein bisschen frech, dass ich mindestens 10 Seiten pro Fahrtrichtung
lesen werde – doch nun bin ich, nach einigen Tagen des Querlesens zur Erkenntnis
gekommen, dass ich so etwas nicht machen kann. Es wäre ein Frevel, eine
unverzeihliche Eile. Nun bleibe ich auf den Seiten lange haften; blättere zurück
und manchmal bewegen sich unsichtbar, und nur für mich allein, meine Lippen.

Mein Gesicht verschwindet hinter den Blättern, so nah, dass mein Sitznachbar nicht mitlesen kann. So etwas mochte ich noch nie, denn ich habe dann immer das Gefühl, als würde ein Jemand aus meinen Gedanken heraussuchen, was ihm ohnehin nicht Auskunft geben könnte, wieso ich dieses Buch und kein anderes lese. Ohnehin würde er falsche Schlüsse ziehen über mich. Wer ich bin, das kann man nicht über einen Blick meiner Schulter definieren, nicht über zwei, drei mitgelesene Worte. Es soll kein Egoismus sein, es ist eben nur eine Marotte von mir.
Früher hatte ich ein Blatt einer Zeitung als Umschlag benützt, Es
war immer erst mein Geheimnis, bevor ich es mit anderen teilte. Sogar das
Titelblatt.

Ich bin kein Bestseller-Leser und es kommt kaum vor, dass ich im Mainstream schwimme, wenn es um Bücher geht. Ich meide Stapel, die zu Türmen
aufgerichtet in Buchläden das Licht schlucken und das Gefühl vermitteln, dass
ich ganz klein wäre, weil ich noch nicht jeden Buchstaben aus diesem Berg von
„the best“ kenne. Ich finde, Bücher sollen Menschen wachsen lassen und nicht
klein machen.

Wenn ich Bücher lese, dann habe ich eine Reise vor mir. Der erste Blick auf die erste Seite, das Überfliegen des Klappentextes, die Fußnoten, die Personenanhänge…das sind alle Entdeckungen, die ich aufsauge und sie bleiben in mir; und jeder Buchstabe, jedes Wort kriecht in den letzten Winkel meines Selbst. Nichts kommt mir mit so viel Aufforderung zur Phantasie entgegen, wie Seiten eines ungelesenen Buches.

Die Protagonisten meiner Bücher fahren mit mir U-Bahn .Sie sitzen mit mir auf einer Bank oder hängen mit einem Arm am Haltegriff. Sie lassen mich teilhaben an ihrem ganz menschlichen Chaos und an dem Alltäglichen. Und sie müssen mit meinem Chaos leben lernen, wenn auch nur schaukelnd und zitternd auf Papierseiten gebannt, und verblättert zur nächsten Seite….

Manchmal müssen sie tagelang mit mir hin-und herfahren,
weil sich ihr Leben träge und schwer durch den Tag quält. Und das, obwohl ich
beschwingt bin.

Doch mit diesem Buch, was seit einer Woche Heimat in meiner
Tasche fand, ist alles etwas anders.
20 Zeilen, 50 Zeilen, vielleicht eine Seite. Zwischen jedem Wort ist ein anderes Leben versteckt. Ganze Universen und Galaxien ! Ein Satz, den ich mit den Augen abtaste, scheint aus verschiedenen Leben zu sein. Die scheinbare Absurdität ist die Sprache unter der Sprache und eigentlich ist jedes Wort, was dort steht, schon zu viel. Man hat das Gefühl, er ist einer der Autoren die mit Nichtgeschriebenem noch mehr ausdrücken können, als mit Worten. Und dass es sich so unmittelbar offenbart, das ist etwas Seltenes.
Reduziert auf Wesentliches. Jede bunte Bemalung oder helle Belichtung der Worte wäre Zerstörung. An diesem Wesentlichen muss man stehenbleiben und die Wucht der scheinbaren Klarheit innerlich aushalten.

Jede kleine Story hat ihre Geheimnisse, sind Räume mit Wänden und einem Fundament, welches manchmal schwankt. An manchen Geschichten geht man mit einem Lächeln vorüber und trägt einen Duft mit sich fort, der sanft betäubt, dann aber, wenn die Kopfnote, wie bei einem Parfum, verflogen ist, die Herznote offenbart. Atmosphärische kleine Welten, die wie zufällig hier auf unserem Planeten zurückgelassen wurden.

Richard Brautigan’s Universen aus dem Tokio-Montana-Express fallen herab wie Schnee. Sie fallen auf mein Gesicht, sie fallen auf meine Hände, legen sich auf meine Schulter und sie schmelzen nicht. Was für ein merkwürdiger Zustand.

Ich lese und lese und ich denke, dass dieser Mann irgendwann einmal durch mein Leben spaziert sein muss, als ich selbst dort war, in Japan, meiner Herzenswelt, wo er auch weilte.
Er scheint wie ein Unsichtbarer durch mich hindurch gelaufen zu sein. Einige meiner Erinnerungen hat er scheinbar mit sich genommen. Oder hat er seine Erinnerungen in mir vergessen?

Ein Zeitengrenzgänger.

Aber sind das nicht alle Menschen, die sich auf Bücher einlassen? Doch wer geht schon ständig auf der Grenzlinie spazieren?
Wo war er, als ich dort war? In welchem Abteil des Zuges, der in die gleiche Richtung
fuhr…?

12 schwarze Zeilen auf weißem Papier. Ganz dicht an sich gedrängt,
damit der Inhalt nicht so einfach aufsteigt wie Atem. Worte als Aggregatzustände.

Ich blicke von meinem Buch auf und stelle fest, dass ich eine Station zu weit gefahren bin. Heute werde ich zu spät kommen, dachte ich.
Aber ich dachte auch, dass es nicht tragisch sei, wenn ich mich eines Freundes
wegen verspäte. Dieses Buch ist mein Freund. Und der Mensch, der es mir
empfohlen hat, verdient meine ferne Bewunderung. Er kannte mich kaum , aber woher wusste er nur, dass im Tokio-Montana-Express unfassbar viel versteckt war , was ich schon lange verloren glaubte und unbedingt wiederfinden sollte…
Ich ahne, dass manche Fremde manchmal mehr von einem wissen, als es manchmal Freunde je können.

Abends nehme ich, um nach Hause zu kommen, eine andere U-Bahn-Linie. Etwas erschöpft vom Tag, der ein bisschen melancholisch war. Wie auf Reisen. Man weiß, irgendwann kommt man an, doch ich sitze immer noch in diesem imaginären Express aus den Gedanken eines Dichters und kann den Zug nicht verlassen. Trotzdem muss ich irgendwo an einer Station aus der U-Bahn aussteigen. Boddinstaße. Hier war ich schon lange nicht mehr. Obwohl ich für 3 Jahre hier gelebt hatte. Ich laufe zur Treppe, die zur Straße hinauf führt. Oben höre ich den Verkehr und fernes Rufen und Lachen fremder Menschen. Lärm.

Ein Graffiti, mit weißer Farbe mitten vor die Stufen
geschrieben, lässt mich für nur 3 Sekunden länger verweilen.

Zwei Worte
stehen da: „Kopf hoch!“

Weiße Buchstaben auf schwarzem Grund.
Und ganz klein daneben hatte jemand hinzugefügt: Das Leben ist schön!
Doris Prabhu aka MAR

Ps. Das Graffiti findest Du in der U-Bahnstation Boddinstraße- in der Hoffnung, dass es dort lange lesbar bleibt

Der Lesetipp kam von J….  zwischen Tür und Angel .

ps: Inzwischen sind  Monate vergangen. Tausende von Menschen sind über das Graffiti hinweggelaufen.  Nun ist es ganz verblasst und nur wenn man ganz ganz nahe heran geht, kann man es noch gerade so lesen.   April 2012

pps Jetzt haben wir November 2015. Der U-Bahnhof Boddinstraße wurde saniert und repariert. Alle Spuren sind verschwunden.

 .

5. März 2013

siebenUNDdreissig

Filed under: going underGROUND, kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen, ZEITgeist und abgesang — silkandpaper @ 2:05 PM

…der Albtraum einer U-Bahnfahrt. Früher habe ich auf meinem Blog immer die netten Begebenheiten in der U-Bahn zu Kurzgeschichten verarbeitet. Die Zeiten scheinen vorbei zu sein. Diebstahl, Zusammenschlagen, Beschimpfen.
Heute erlebt: 1. Klasse hat Schulausflug. Alle Kinder sitzen. Die Lehrerin, eine ganz Nette, spielt mit den Kindern Wissenstest, damit die Fahrt nicht langweilig wird. So was ist wirklich selten, dass sich die Begleiter so engagieren. Klein- Muhamad muss aus der Reihe tanzen und sich so hinsetzen, dass seine Schuhe des Nachbarsjungen Hose beschmutzen. Die Lehrerin:“ Muhamad, bitte setze Dich so hin, dass Du niemanden trittst.“ Klein- Muhamad hat beide Ohren „zu“ und setzt sich nun noch so hin, dass die Schuhe voll in den Laufraum der U-Bahn ragen. Die Lehrerin nimmt Muhamad hoch  in den Arm und setzt ihn wieder richtig herum hin, und erklärt ihm, dass es nicht gut ist, Fahrgäste mit den Schuhen zu beschmutzen. Klein -Muhamad juckt das nicht und setzt sich prompt wieder anders hin und tritt dabei die Nachbarin. Wieder fordert ihn die nette Lehrerin auf, doch bitte nicht so etwas zu machen, außerdem wollten sie eh gleich aussteigen und alle Kinder sollen bitte zuhören. Klein- Muhamad juckt es nicht. Die Lehrerin setzt ihn wieder anders herum hin. Das macht sie wirklich sanft und freundlich… Klein Muhamad holt aus und schlägt nach der Lehrerin “ Fass mich nicht an, Du ungläubige Schlampe! „.

19. Juli 2012

Use the shuttle service !

Filed under: going underGROUND, kurzgeSCHICHTen — silkandpaper @ 1:55 PM

Use the shuttle service !

In Berlin wird gebaut! Neu ist das nicht, denn selbst denen in abgelegenen Winkeln der Stadt Lebenden  stellen sich sperrige und hässliche rot-weiß gestrichene Zäune in den Weg.

Sie sind klobige sommerliche und ungebetene Gäste auf den Bürgersteigen und Straßen, besonders dann, wenn man es eilig hat.

Wieder ist mir eine U-Bahn vor der Nase weggefahren. Der Zeitvertreib, Plakate oder Mitteilungen auf Werbeträgern anzuschauen, wird  in diesem Sommer nicht besonders von der BVG gefördert. Die meisten Termine sind schon längst verstrichen, die zum Urlaubmachen aufrufen und auch Bread and Butter (Vorsicht! Damit sind keine Stullen gemeint! ) sind schon längst vorüber.  Es ist irgendwie entschuldbar, dass es so gekommen ist- denn in einigen U-Bahnhöfen wird tüchtig gewerkelt und renoviert, so dass es sich für die Plakatedienste nicht auszahlt, etwas zu erneuern.

Zwischen Kreuzberg und Neukölln sind in den letzten Jahren Sprachschulen wie Pilze aus dem Boden geschossen- die Wirtschaftskrise beschert den Schulen einen unerwarteten Zulauf, denn Old-Germany wird ein begehrtes Pflaster werden.

Zwischen zwitschernden Chinesen und mit Händen lamentierenden Italienern, radebrechenden Franzosen und vom Restalkohol leicht angesäuertem Spät- sorry- Frühheimkehrer aus der Nachtbar am Südstern, machen es sich Diejenigen gemütlich, die zur Arbeit müssen.

Irgendwie hat das die BVG mitbekommen, dass es sich lohnen könnte, das Image aufzupolieren, denn kurz nachdem die U-Bahn am Hermannplatz in Richtung Spandau im Tunnel verschwindet, tönt eine Stimme , die den Fahrgast und seine Mitbegleiter informiert, dass man den Bahnhof Friedrichstraße nicht mehr erreichen kann, ohne Umwege in Kauf zu nehmen.  Für die Sprachschüler, die hier eigentlich eine wunderbare und typische Deutschübung hätten, oder auch für die lernfaulen und übermüdeten Touristen kommt ein englischsprachiger Nachsatz „ to use the shuttle-service from x to y.

Pendeln also sollen diejenigen, die in die östliche Mitte Berlins wollen. Auf Umwegen und anderen U-Bahnlinien irgendwie zur Friedrichstraße zu gelangen…Ratlose Gesichter, erschrockene Mienen, angestrengte Versuche zu verstehen, was wohin und wie am besten…Zeitverlust, Angst sich zu verlaufen, Sorge, den Anschluss zu verpassen, das plagte auch Berliner, die seit Anfang des Monats 45 Minuten länger einplanen, um zur Arbeit zu kommen.

Und dabei ist es wirklich viel schneller, viel einfacher, ohne Fahrgäste, Sprachstudenten oder schläfrige Nachtschwärmer zu verunsichern. :  get off Französische Straße, walk  for 5 minutes and you will  stand right in front of Friedrichstrasse. Mein Vorschlag: einen kleinen Flyer erstellen, mit  einer Liste aller Geschäfte, die auf dem Weg liegen. Inbegriffen ein Gutschein für einen starken Morgenkaffee im Cafe an der Ecke.

Die ohnehin seit langem überbewertete Friedrichstaße kommt so wirklich zu dem Prädikat, den sie eigentlich bis dahin zu Unrecht hatte: Großstadtmeile mit Flair. Ein Lacher, wenn man z.B. den Mehringdamm in Kreuzberg nach 20 Uhr entlang flaniert…Bis dato dümpelte die Friedrichstaße  besonders nach Geschäftsschluss leise und verkehrsarm vor sich hin.

Jetzt hätte man die gute Möglichkeit, ihr eine Auffrischungsspritze zu geben. Wie wäre es,  liebe BVG. Auch wenn wir ein tolles U-Bahnnetz haben, einen gut funktionierenden Busverkehr, Tram und sogar Schiffslinien –  als Berliner darf man eines nicht vergessen: Berlin ist ein Dorf! Und manchmal sollte man die Touristen durchs Dorf treiben.

23. Oktober 2011

ganz unten- MITtendurch


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Der Mensch braucht ein Zuhause. Das ist mir in den letzten Tagen ganz bewusst geworden. Eigentlich wird mir das immer bewusst, wenn es Winter wird. Auch Rilke hat es so wunderbar beschrieben: ?wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr??
Draußen ist es kalt. Nach den langen Tagen daheim in einem warmen Zimmer schoben sich Gedanken an unwirtliche Tage erst in meinen Kopf , als ich die zugigen Gänge meiner U-Bahn-Station betrat . Überall auf den vereinzelt stehenden Bänken saßen Männer mit alter, meist schmutziger Kleidung. In der einen Hand eine Flasche, in der anderen Hand das wenige Gepäck, was ihnen über den Winter helfen soll: eine Decke oder ein alter Mantel, ausgetretene Winterschuhe, weggeworfene Bekleidung einer Wohlstandsgesellschaft am Körper eines Gestrandeten.
Immer wenn es kalt und dunkel draußen wird, entsteht in den U-Bahn-Schächten und auf den Bahnhöfen eine ganz eigene Gesellschaft mit eigenen , uns fremden Gesetzen. Der Kampf um die besten Ruheplätze, wer hat den besten Kontakt zum Kioskbesitzer, wer hat einen Schlafplatz für die Nacht, wer hat Bulli gesehen, der letztes Jahr immer hier war, kennt jemand die kleine Dicke, die immer mit Manni herumhing? In welcher Linie kann man am besten sitzend hin-und her fahren? Wer hat dich weg gescheucht und wer lässt dich in Ruhe?
Wortfetzen drangen an mein Ohr, und die Gespräche gehen weiter, als die U-Bahn einfuhr und sich die kleine Gruppe in Wagen zwei die Sechser-Sitzbank eroberte. Rechts und links rückten sofort die Fahrgäste auseinander. Es roch etwas merkwürdig nach einer Mischung aus Alkohol und abgestandenem Mief alter Kellerräume. Laut redeten die vier Männer über ihre wenigen Bedürfnisse, die sich um schlechtes Wetter- keine Bude, und um „kein Geld-kein Schnaps“ drehten. Ich war nur eine Station unterwegs, aber mir wurde plötzlich bewusst, wie selbstverständlich ich meinen bescheidenen Wohlstand genieße. Und auch, wie wenig ich über den Sommer hinweg diese Armut und Traurigkeit von diesen Menschen ohne Heimat registriert hatte. Ich zog meine Jacke etwas tiefer in den Nacken. Es regnete draußen und es schneite , der Wind riss an meinem Schal und im Nu fühlte ich mich verloren in dieser Kälte , in diesem Wind. Mitten in der Stadt. Mitten unter Menschen. Doch dieser Moment des Verlorenseins dauerte nur Sekunden. Er verschwand sogleich, als sich der Gedanke an meine beheizte Wohnung in mir breit machte.
Die Zeit , die ich von der Treppe der U-Bahn hinauf zur Straße brauchte, war schon genug, um die vier Männer zu vergessen; den Gedanken an sie zu verdrängen, denn hier oben, auf der Straße , wo das Leben tobte, musste ich aufpassen, das ich nicht ausrutschen würde auf welken Blättern, das niemand meine Tasche klauen würde , das mich keiner angrabscht oder auch ich nicht selber unachtsam jemanden in die Hacken trete.
Erst als ich wieder nach Hause fuhr, mit einer Tasche voller Leckereien erinnerte ich mich für einen kurzen Moment , aber auch schon beim Kaffee in der warmen Küche war ich mit mir und meinem Alltag beschäftigt, der sich eigentlich wie ein guter Freund anfühlt. Der Alltag ist immer da. Mit der geregelten Zeit für die warme Dusche, mit dem Summen der Heizung, mit dem Klingeln der Nachbarin, das Leeren eines Briefkastens mit meinem Namen , das Bett beziehen und mal Staub wischen. Den Balkon winterfest machen, die letzten Blüten abpflücken , mit dem Gedanken, sie vor der Kälte zu retten, um sie dann in der Vase auf meinem Tisch doch langsam sterben zu lassen. Auch das kommt mir oft in den Sinn, wenn ich Schnittblumen vom Wochenmarkt mitnehme. Ich kaufe etwas Sterbendes.
Am Abend legte ich mich in mein Bett; baute wie Marlene Dietrich alle Utensilien um mich herum auf , um die Wärme der übergroßen Bettdecke durch unnötiges Aufstehen müssen möglichst lange an meinem fröstelnden Körper zu halten.
Die Ruhe in einem warmen Raum, umgeben von meinen liebsten Dingen, auch von so etwas Unnötigen wie der Fernseher, das Umherschweifen meines Blickes an den Wänden entlang, deren Dekoration mir immer noch missfallen, ließen mich gut aufgehoben fühlen. Ich lehnte mich ins weiche Kissen. Plötzlich spürte ich es wieder! Schon seit ich hier wohne, fühlte ich manchmal so kleine Erschütterungen unter mir. Das Bett vibrierte leicht . Anfangs dachte ich , es sei die Backstube der Bäckerei nebenan. Diese kleinen Vibrationen erinnerten mich an meine Kindheit, denn auch da wurde ich nachts oft von der Backstube der benachbarten Bäckerei wach, wenn der Bäcker den Ofen mit Kohlen beschickte.
Aber ich nahm diese Bewegungen unter mir auch an Tageszeiten wahr. Na dann scheint es eine Waschmaschine zu sein, die rumpelt und tanzt und gegen die Wände schlägt und dann landet es hier bei mir als kleines Erdbeben. Aber so oft wäscht man doch nicht!
Alle 10 Minuten gab es an manchen Tagen scheinbar etwas, was unter mir rumorte. Ich sprang aus dem Bett auf und schaltete noch einmal den Computer an. Ich hatte plötzlich eine Eingebung. Dieser 10-Minuten-Takt ist das Einfahren der U-Bahn, das Bremsen, das Abfahren… In der Stille der Nacht fühlte sich das oft gespenstisch an
Aha- das dachte ich mir doch! Auf dem Bildschirm öffnete sich der Streckenplan der U-Bahn-Trasse. Tatsächlich. Die Strecke  macht einen kleinen Schlenker und somit fährt die U-Bahn tatsächlich haarscharf unter meinem Haus in den U-Bahnhof ein. Jetzt wunderte mich nun gar nichts mehr. Nicht nur, das ich auf meinen Reisen mit der U-Bahn die verrücktesten Sachen erlebe, nein- sie ist auch noch so nah an meinem Leben dran, das sie mit einem langgezogene Pulsieren ihres eigenen Herzschlags mitten durch mein Leben rast.
Tief unter Erde fahren Menschen imaginär durch mein Leben hindurch, halten kurz an, steigen aus, steigen um und fahren weiter. Wie kleine Signale, Impulse oder gar Phantasiegebilde bevölkern sie mich und lassen mich spüren, wie bewegt und bewegend ihre Lebensgeschichten sein können. Und ich musste plötzlich wieder an die vier Obdachlosen denken, die draußen in der großen Stadt nach Heimat suchen und sie im Winter in der U-Bahn finden . Auch diese Vier fahren vielleicht gerade unter mir wieder durch mein Dasein. Für eine Minute lang erinnert mich das Vibrieren an fremde Menschen, die durch die Nacht irren, um eine warme Bleibe zu finden.
Ich saß vor dem Bildschirm und dachte, wie unglaublich doch Zufälle sind. Erst seit ich hier in diesem Haus lebe, schreibe ich Geschichten von den Erlebnissen in der U-Bahn. Seit ich hier wohne, und die U-Bahn mittendurch mein Haus fährt. Erst seitdem ich unter Menschen lebe, die oft weniger haben als ich, werde ich mit Gedanken und Geschichten an etwas erinnert, was man als Kind als Floskel oft hört und mit dem man als Kind wenig anfangen konnte : „ganz unten sein , das geht mittendurch“ .
Mitten durchs Herz.

27. Januar 2010

wenn männer in bewegung kommen-verkaufen sie dir das GLÜCK


kekse

Fünfzehn Grad minus!Würde heute ein Vermummungsverbot bestehen, wäre ich erfroren…

Ich zwänge mich in eine übervolle U-Bahn und hoffe, einen Platz zu ergattern, Wie die Sardinen in einer Büchse stehen die Fahrgäste, und wenn die Bahn anfährt, fällt man sich ungewollt in die Arme. Ich versuche mich am einen Türgriff festzukrallen, weil vor und hinter mir Menschen stehen. Es ist ziemlich still, es scheint, als wären auch die Münder vereist und zugefroren.

Plötzlich höre ich von ganz hinten rufende Worte… Ein völlig neues Vokabular! Keine MOTZ, kein STRASSENFEGER, kein Musikant. „Glückskekse“ höre ich, und gleich den hinterhergerufen der Preis , „ 50 Cent das Stück!“. Da meine Nachbarn wirklich so nah wie noch nie meinen Augen kamen, sah ich, wie sich bei Vielen eine Art Belustigung breitmachte.

Ich fand das sehr mutig von diesem älteren Mann, sich zwischen so dicht gedrängten Menschen am frühen Morgen mit einem Korb hindurchzuzwängen. Im Korb lagen in goldglänzendem Folienpapier die typischen Glückskekse, die man im Chinarestaurant mit auf den Weg bekommt. Innerlich musste ich schmunzeln, denn 8:30 Uhr in der Früh das Glück für eine kleine Summe zu verkaufen, passte irgendwie nicht in diesen eiskalten Wintertag in diese U-Bahn.

Es fehlte der Geruch von gebratenen Nudeln oder Reis, der Duft von Peking-Ente oder Dim-Sum; Hier roch alles nach getragener Winterkleidung, Schweiß oder zuviel aufgetragenem Parfüm. In der Regel sollte einem das Glück in den Schoß fallen, es sollte aufblitzen, es sollte einen ereilen. Doch hier war es einfach 50 Cent wert… ich musste es haben! So leicht erreichbar war es noch nie. Dieser alte Herr, der wie alle Fahrgäste dick vermummt und wintertauglich angezogen war, verströmte an diesem eisigen Morgen einen Hauch von Exotik, ja sogar das Bedürfnis, ein Reiseticket zu kaufen, welches mich nach China brächte.

Leider schaffte er es nicht mehr , sich bis zu mir hindurch zu drängeln , weil die Haltestelle nahte und die aussteigenden Fahrgäste ihn beiseite schubsten und er mit allen auf dem Bahnsteig landete. So nahe war mein Glück und nun sah ich es schon zerrinnen und entschwinden. Der große Zeiger auf der Bahnsteiguhr zeigte mir an, dass ich noch etwas Spielraum hatte, um zur Arbeit zu gelangen und in einem Moment von Eingebung sprang ich aus dem Wagen hinaus.

Die U-Bahn fuhr weiter und die meisten Leute hatten die Rolltreppe erreicht. Der alte Mann und ich standen auf dem Bahnsteig und warteten auf den nächsten Zug, der in 3 Minuten kommen sollte. Ich kramte 50 Cent heraus und bat ihn, mir einen Glückskeks zu verkaufen. Dabei schwatzten wir und ich sagte ihm, dass ich extra  wegen des Glücksversprechens vorher ausgestiegen bin. Na ja, ein bisschen verrückt vielleicht, aber was soll’s. So einen kalten Tag muss man sich irgendwie schön machen und sei es mit einem kleinen Tip fürs Leben. Ich zog die Handschuhe aus und griff etwas tiefer in den Korb. Sich ein noch unbekanntes Glücksmoment herauszusuchen hat schon was Besonderes. Es ist kein Lotterielos, sondern etwas, was auf dem Zettel stünde soll ich glauben, dass es mir widerführe… Also zog ich eines der goldenen Glücksbringer heraus und mit kindlicher Neugier öffnete ich die Folie und las:

 Erlauben Sie sich eine kleine Verrücktheit, sie wird wirken wie Medizin.

Hier musste ich schallend lachen.

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30. November 2008

STILLE

Filed under: going underGROUND, kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 11:53 AM

berlin-spreebogen


 

Meine U- Bahn! Ich muss doch den Berliner Verkehrsbetrieben wirklich danken…Die vielen Stationen, die ich täglich zur Uni fahren muss, liefern mir soviel Möglichkeiten, die Welt zu betrachten, die Menschen zu beobachten, oder auch mal ganz bewusst mich auszuklinken aus der lauten Welt eines U-Bahnhofes. Man weiß ja, das ist nicht einfach; Kinder quengeln nach einem Stück Schokolade, Ehepartner streiten sich laut, an der nächsten Station steigen Musikanten ein, die meinen, sie müssten die Fahrgäste am frühen Morgen mit einem Verschnitt zwischen russischen Walzer und peruanischen Volksliedern beglücken. Der Walkman meines jungen Nachbarn liefert mir Eminen frei „Ohr“ , der kleine Pinscher zwischen den Beinen meines hinteren Nachbarn quietscht laut auf, weil so ein kleiner Rabauke ihm auf den Schwanz getreten hat, ach ja, und der „Straßenfeger“ und die „Motz“ sind wieder neu erschienen und mit leiernder Stimme wird uns erklärt, das man doch tatsächlich mit diesem Erlös kein Rauschgift konsumieren wird, sondern eine Bettenburg für den Winter herrichten will für Wohnungslose…
Umsteigen…. Ach ja, die letzten 4 Stationen bis Ku’damm sind die ruhigsten, selbst um diese Zeit. Hier sind nur die ganz gut bekannten Wilmersdorfer Witwen, die im Kadewe ihren echt norwegischen Lachs kaufen wollen, das Kilo für 56,00 Euro… wir haben es doch! Ein, zwei Studenten haben sich auf einer Bank niedergelassen und reden sehr laut über irgendeine physikalische Einheit; ein recht gut zurechtgemachtes junges Fräulein (sagt man denn das heute noch…?) läuft mit hochhackigen Schuhen auf dem Bahnsteig hin und her… tak tak tak…

Ich möchte flüchten! Was ist das für ein Morgen! In meinem Kopf schwirrt es , weil das blöde Seminar mir im Magen liegt, welches man uns für zwei volle Tage „hineingedrückt“ hat; Training , wie man unhöfliche und aggressiver Bibliotheksbenutzer zu händeln hat. Dafür musste ich auch noch früher aufstehen als sonst… Nein, so einen Tag wünscht man niemanden. Meine Berliner Verkehrsbetriebe haben da so eine Möglichkeit geschaffen, das man mal mit den Gedanken auf Reisen gehen kann… Sehr wirksam, sehr werbungsorientiert und verkaufstüchtig. Überall hängen in der U-Bahn farbenfrohe Plakate. Riesengroße papierne Wände, die mir den musikalischen Kunstgenuss einer Tanzgruppe and Herz legen wollen, Musik, die mit Gummistiefeln auf den Theaterboden eingestampft wird, schön laut und rhythmisch, und gleich daneben steht mit großen Lettern und tiefblauer Schrift ein lockendes Plakat einer ganz anderen Musikrichtung, die unsere Kulturszene gerade beglückt… dort wirbeln wildgewordene Männer mit Blechschilden und Schwertern über die Bühne und zeigen mit kraftvollen Rufen und Schreien, untermalt von einer Grimassenschneiderei und „Haudrauf“- Gestik wie die Männer doch mal männlich waren in der guten alten Zeit… Ich erinnerte mich vage an ein anderes Plakat vom Sommer, als die japanischen Teufelstrommler mit halbnacktem und schweißglänzendem Oberkörper die Ästhetik des Fernen Ostens unter Zuhilfenahme von lautstarker Musik dem verwöhnten Musikliebhaber darbringen wollte…. Also nichts gegen die urbanen und sehr authentischen Instrumente der sicher schwerarbeitenden Künstler, ABER heute … heute an diesem Tag hatte ich sogar das Gefühl, mich würden die Plakate anbrüllen… als lachten sie mich aus…Ruhe? Ruhe willst Du und Stille?…

Was ist mit dieser Welt geschehen? Ist es immer so laut? Warum schreien schon die Plakate ihren Lärm so in den Tag? Warum lasse ich mich heute so von diesem Krach aus dem Takt bringen? Warum mag ich nicht den suggerierten Bildern folgen? Muss ich denn diesen Klängen folgen, die mir nicht behagen? Nein. Ich mag nicht.
Ich atme tief durch.

Ich wäre nicht ich, wenn dieser Morgen mir nichts Bestimmtes zu sagen hätte…
Ich höre in mich hinein. Ich schließe die Augen und entferne mich langsam vom Geschwätz der alten Damen, vom tak tak tak der jungen Frau, vom physikalischen Prinzip der beiden Studenten. Ich blende die schöne bunte Welt des Konsums aus…Hinter meinen geschlossenen Lidern sehe ich den unbekannten Strand meines kommenden Urlaubs, ich höre das Rauschen von Wellen. Es wird ganz still in mir. Kleine bunte Kreise tanzen an meinen Augen vorbei, das Alltagskonfetti einer Minutenträumerei…Eine leichte Brise streichelt meine Wangen…. Ist das der Wind, der vom Meer herüberweht?

Nein, die Ernüchterung folgt; es ist nur die U-Bahn, die einfährt und die schwere maschinenölgetränkte Luft des U-Bahnschachtes vor sich herschiebt… Einsteigen bitte! Türen schließen! Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges!
Ich bleibe stehen, denn ich möchte das leichte Schwanken genießen, welches sich auf meinen Körper überträgt, während die U-Bahn fährt. Es ist fast so, als schaukele man auf einem Dampfer; na ja wenigstens für 4 Stationen noch mache ich Traumurlaub in meiner eigenen Stille.
Kaum zu glauben, das ein Tag, der so lärmend und eindringlich begonnen hat, mit einem leichtbeschwingten stillem Einvernehmen mit der Welt und mit mir weitergehen kann.
Ich steige aus und betrete Neuland. Nein, nicht das ich mich verfahren hätte! Es ist die gleiche Station wie an jedem Morgen. Über dem Zoologischen Garten scheint gerade der Tag zu beginnen, der Park scheint noch die nächtliche Ruhe auszuatmen… ein paar Krähen hocken in den Bäumen und geben ein verhaltenes Krächzen von sich. Ach ja! Sie rufen den anderen Krähen etwas zu, die hoch oben wie eine dicke schwarze lebendige Wolke über dem Bahnhof kreisen.
Die Geräusche über dem nun fast stillgelegtem Bahnhof Zoo sind wie ein Violinkonzert, sogar das Einfahren der S-Bahn ist ein Adagio. Wie still kann die Welt sein, wie laut kann die Welt sein. Laut und leise. Beides ist allgegenwärtig.

Ich denke mir, dass man sich doch die Stille einfach nehmen sollte, wenn es uns an manchen Tagen einfach zu laut wird.
Sie ist doch immer da- die Stille in uns. Und auch die Stille inmitten der lauten Welt.

2. Juni 2008

WENN Männer in Bewegung kommen- oder warum karierte Hosen nicht unbedingt langweilig sein müssen


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Sehr oft, wenn ich U-Bahn fahre, werde ich das Gefühl nicht los, dass ich mit meinen Blicken die Leute „ausziehe“. Nein, ich meine das nicht in dem Sinne, wie man es sonst verstehen wollte, sondern eher in dem Sinne, als zöge ich all die traurigen, fröhlichen, nachdenklichen oder flatterhaften Stunden im Leben dieser Menschen an ; wie meine Morgengarderobe, die mir stets Sorgen bereitet…
Immer und immer wieder drehe ich mich vor dem Spiegel, um letztendlich doch wieder Vertrautes überzustreifen.
Ich verstehe es selbst nicht! Wieso kauft man sich ein neues T- Shirt oder einen teuren Pullover, wenn sie doch allesamt in der gleichen Farbe sind. Aber erst dann, wenn mir das Vertraute, Bewährte auf der Haut liegt, verlasse ich mein Zuhause mit dem , was meine Zufriedenheit ausstrahlt und meine Gefühle wiedergibt.
Es ist fast wie Einkaufen, wenn ich den U-Bahn-Waggon betrete und mich mit kreischenden Farben, Blümchenmustern und zerrissenen Jeans konfrontiert sehe . Ich fühle mich wie in einem Kaufhaus, wo man Gefühle, Laune oder Provokationen kaufen kann und manches Mal halte ich inne und frage mich selbst, wieso ich den bunten Ringelpulli wieder beiseite gelegt habe – und schwarz gewandet in die Sonne gegangen bin.

Andererseits kommen mir dann so absurde Gedanken, dass mein Schwarz wohl all den anderen Farben die Möglichkeit geben will, heller zu leuchten, zu strahlen, oder gar in ihnen die Sehnsucht zu wecken, sich mit dem Schwarz zu verbrüdern , es umarmen. Vielleicht verursacht dann dieses unsichtbare „hinüberspringen“ auf meine schwarze Alltagskleidung dieses Gefühl, dass ich denke, die Leben oder besser gesagt die Lebendigkeit der anderen Menschen spränge auf mich über und baut dieses satte Empfinden um mich herum auf, als würde sich eine bunte und lustige Energiequelle in diesem einen Waggon zusammenbrauen.

Allerdings fasse ich an melancholischen Tagen dieses Aufeinanderprallen der farblichen Gegensätze als etwas wie Heimatlosigkeit auf, weil alle Farbenklänge die Sehnsucht nach der Ferne wecken, und in diesem Schmelztiegel verschiedener Kleidungsstile entdecke ich sogar, das Pink eine schöne Farbe sein kann, wenn darunter gebräunte Haut sichtbar wird und sich pechschwarzes Haar darüberlegt.
Heute aber ist so ein Tag, der etwas aus dem „schwarzen“ Rahmen fällt. Heute trage ich mal alles in Weiß, na ja, nicht ganz alles, denn meine Tasche ist zwar mit weißer Seide gefüttert, aber mit schwarzen Herzchen bedruckt, die ganz versteckt unter dem derben Leinenstoff auf der Suche sind nach dem Rot und Blau und Grün und vorwitzig aus dem umgekrempelten Rand meiner Tasche heraus lugen.

Ich sitze auf einem harten Polster inmitten schwitzender Körper, die schon am frühen Morgen dampfen und dabei einen Duft von Seife verströmen. Ich beginne wie immer die Umgebung mit meinen Blicken zu erforschen, als sich plötzlich die zwei Pobacken eines Mannes vor meinem Gesicht platzieren.   Kariert scheint IN zu sein, denn als ich halb empört und halb belustigt versuche, meine Augen anderswohin wandern zu lassen…und treffen sie auch das Gegenüber.

Auch mein Gegenüber liebt Kästchen! Es ist komisch, denn ich assoziiere karierte Hosen immer mit älteren Männern , aber diese beiden sind jünger als ich und sehen auch nicht so aus, als hätten sie einen verirrten Geschmack. Beim näheren Betrachten der beiden Gesichter, das eine im Profil und das andere frontal, fällt mir auf, das die beiden „Karierten“ sehr zufriedene und aufgeräumte Gesichter haben, so , als hätten sie ihr ganzes Leben wohlgeordnet in diesen kleinen schwarzweißen Kästchen ihrer Bekleidung verstaut. Ich bin mit meiner Phantasie sogar geneigt zu sagen, dass diese beiden Männer sicher eine ganz und gar geradlinige Lebensspur fahren müssten, schlösse ich dies von der Pepita-Musterung ihrer Kleidung auf das Innenleben eines Menschen.

Doch halt! Zwischen dem Weiß und dem Schwarz hat sich ein lichtblauer Faden verirrt, der dort eingewebt, dieses geordnete Quadratische aufzubrechen scheint dem mathematischen Augenschein den Hauch einer unbekannten Variablen oder besser das Wissen vom angedeuteten Chaos ankündigt.

Plötzlich ist mir meine eigene heutige weiße Bekleidung nicht mehr recht.
Und das schon am frühen Morgen… Ich vermisse mein gewohntes Schwarz, das mich wie ein Beobachtungsposten distanzierend und zurückhaltend sein lässt… Weiß – das ist so ein unbeschriebenes Blatt, eine Art Leere, in das man alles hineinschreiben und hineinprojezieren kann. Weiß scheint Menschen aufzufordern,  es zu bemalen. Ich streife mit meinen Händen über meine weiße Hose und zupfe die schwarzen Herzen etwas weiter aus dem Innenfutter heraus, so, als wolle ich wenigstens ein klein wenig Farbe bekennen. Aber sind schwarze Herzen denn wirklich farbig? Und überhaupt, schwarze Herzen! Schlimm genug, dass es Menschen zu geben scheint, die gar kein Herz besitzen, aber ein schwarzes Herz nach außen zu kehren, kommt mir nun noch viel schlimmer vor…
Ich belächle meinen eigenen absurden Gedanken und schiebe das Innenfutter wieder zurück in die Hosentasche. Es ist wirklich zum Lachen! Zwei karierte Hosen , die auf dem ersten Blick etwas unzeitgemäß daherkommen, lösen bei mir eine Hinterfragung über die Zustände in den Herzen der Menschen aus ; und nicht nur das – sie lassen mich nachdenken, ob Weiß denn tatsächlich rein und klar und geordnet sein kann…

Der Mann mit dem blauen Streifen im Karo blickt auf und lächelt mich an. Er muß wohl bemerkt haben, dass ich ihn betrachte.
Ich werde rot und fingere am Reißverschluß meiner Tasche herum. Ich bin verlegen und nehme mir vor, nicht andauernd die Leben anderer Menschen „überzustreifen“, während ich in der U-Bahn sitze. Ich zupfe und ziehe immer weiter am Reißverschluß und plötzlich fällt meine Tasche zu Boden. Alles, was an Inhalt darin ist, ergießt sich in den Waggon. Meine Überlebenstasche schüttet alles , was ich so am Tag benötige , vor die Füße der Fahrgäste.
Der Abdeckstift kullert unter die Bank, mein Schlüssel schlägt hart auf dem Metall auf, meine Stulle schimmert durch eine Plastiktüte und offenbart ihr Geheimnis: Salami und Gurke. Der halbdefekte Kugelschreiber zerfällt nun vollends in seine Bestandteile und meine unfreiwillige Sammlung aus Plastikkarten schlittert wie auf Eis durch den halben Wagen und der Schlüsselanhänger mit meiner Campuskarte verrät, wo ich arbeite und die Aspirin petzt, dass ich manchmal Kopfweh habe….

Ich springe auf und versuche meinen ganzen Kleinsthaushalt wieder in die Tasche zu raffen. Der karierte Mann hockt sich mit mir auf den Boden und versucht zu helfen. Er kichert und sagt ziemlich gut hörbar für alle Mitfahrgäste zu mir: „recht bunt geht’s in ihrer Tasche zu! Irgendwie passt das gar nicht zu diesem Weiß. Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, ob es bei ihnen zu Hause auch so blitzblank sei…“

Nun muss ich laut loslachen. „Nö, sage ich zu ihm, auch bei mir schlingert sich ein chaotischer blauer Faden durch die Wohnung, wie in ihrer karierten Hose“ Er schaut mich verdutzt an. Woher soll er denn wissen, was ich meinen könnte? Er blickt an sich selbst herab und entdeckt wohl wirklich zum ersten Mal den blauen Faden in seinem wohlgeordnetem Leben. „Man sagt eigentlich immer , dass der rote Faden sich durch alles ziehen kann, hier ist es eben ein blauer Faden, der einem Klischee Lügen strafen will…“ Jetzt schaut er noch verdutzter und ich nehme meinen Mut zusammen und meine  etwas frecher zu ihm, daß jeder so etwas wie ein kleines verstecktes Chaos beherbergt ; der eine in der Tasche, der andere als karierte Hose… Der Mann lacht lauthals los und meint zu mir: „ ich hatte mir am morgen Kaffee über meine andere Hose geschüttet und mir danach die erstbeste Ersatzhose gegriffen. Die ist von meinem Mitbewohner…“

Oh je, dachte ich , jetzt habe ich auch noch meine Phantasie um ihre Authentizität betrogen ! Eine halbe Stunde lang mache ich mir bizarre Gedanken um karierte Hosen , um Menschen , die solche Hosen tragen. Und dann sind es nicht einmal seine Hosen- also ist es auch nicht sein wohlgeordnetes Leben, welches er spazieren trägt, sondern das eines anderen… !

Was für ein Morgen! Ich nehme mir vor, in den nächsten Tagen etwas weniger intensive Gedanken zu machen- zumindest nicht über Muster an männlichen Hosenbeinen….

 

26. März 2008

U-bahn streik 2008

Filed under: going underGROUND, sprach-RÄUME lyrik — Schlagwörter: , — silkandpaper @ 8:32 AM

es ist wieder da
das vibrieren
aus der tiefe…
im dunkeln
höre ich
die stadt atmen.
an den gleisen
drängen sich
wieder menschen.

tage und nächte
ohne dem rhythmus
einer stadt…
nur dem pulsieren
des eigenen lebens
lauschen…
atemzug für atemzug
legte sich
auf die stille
und hob
das wesentliche
ans licht.
menschen strömten
wieder
auf gehsteigen
dem aufgehenden
tag entgegen

der untergrund
und die adern, die
sonst dem hier
ihre rastlosigkeit
aufdrückten,
schwieg.
an eisernen zäunen
flatterte die botschaft,
zu fuss das gelände
zu ergründen,
in dem man
zu hause ist.
plötzlich sah man
das haus, es war rosa
und der park dort
war ganz neu…
am ende der straße
erkannte man
seine nachbarin
und es blieb zeit.

es ist wieder da,
das rauschen
aus dem untergrund
und ich höre imaginär
die schritte
fremder menschen,
die dem ausgang zuströmen.
dumpf hallt die tür…
jetzt findet leben
wieder anderswo statt.

mar, u-bahn-streik

26. Januar 2008

Wenn Perutz, Nietzsche und Platon MIT mir morgens U-Bahn fahren


alter-mann-in-u-bahn.jpg

………..Ruhe bewahren
bei Rauch-und Brandentwicklung
Auszusteigen während der Fahrt kann lebensgefährlich sein !………….

Meine  Berliner U-Bahn…
Auch im neuen Jahr ersetzt sie mir die Mitnahme dicker Bücher, Schlachtschinken zwischen Perutz Die 3. Kugel, Nietzsche’ s Menschliches, Allzumenschliches und Platons Phaidon.

Na ja, die gibt’s zwar schon in Reclam-Ausgaben und passen eigentlich in meine Manteltasche, aber der Inhalt zieht doch schon eine große Beule in die Manteltasche … und man will ja nicht immer das ganze Kulturwelterbe hinter sich herschleifen.

Wenn ich früher mehr auf Virtuelles achtete, oder auch die Plakate betrachtete, die mich zu Fernreisen und zu phantastischen Abenteuern einluden, so habe ich mich heute an einem Schild verfangen, welches in jeder U-Bahn in mehrfacher Ausfertigung hängt und die Menschen auffordert, bei unvorhergesehenen Situationen die Ruhe zu bewahren.
Gleich neben dem deutschen Text ist auf Englisch und Französisch die Verständigungsschwierigkeit von vornherein ausgeschlossen. Die Zweitsprache in Berlin, Türkisch. Fehlt leider.

Heute war die U-Bahn nicht so sehr voll, ich glaube, es sind noch Ferien und da geht es ruhiger zu. Trotzdem hatte ich keinen Sitzplatz.
Ich hielt es mit Perutz und einem abgewandelten Titel: ne ruhige Kugel schieben…
Schwieriger würde es mit Nietzsches Werken werden, dachte ich. Menschlich, ja allzu menschlich wäre es jetzt, jemandem am Jackett hochzuziehen, dem meinen Ausweis unter die Nase zu reiben und mich dort hinzuplumpsen. Da ich aber über eine gute Erziehung verfüge, übte ich stille Toleranz und dachte mir einfach: wer weiß, wie müde dieser Mann ist- lass ihn einfach noch ein bisschen in den Tag hineinschlummern. Und so geht mein Blick, der sich sonst im Dunkel der U-Bahnschächte verliert, zur Anzeigetafel. Dort steht:

Ruhe bewahren
bei Rauch-und Brandentwicklung
Auszusteigen während der Fahrt kann lebensgefährlich sein

Verlassen der U-Bahn während der Fahrt kann lebensgefährlich sein. Ich lese death and serious injure und lande bei Platon, der ja bekanntlich von mehr als nur von der platonischen Liebe sprach. In Phaidon geht es um den Tod von Sokrates.
Ich erinnere mich an Textpassagen, die mehr oder weniger aufgepeppt so manchem Politiker gut zu Gesicht stünden oder auch den Menschen auf der Straße würde ich gern zurufen: lest die Klassiker. Übt Euch im Allzumenschlichen und lernt, mit der Zeit, die Euch gegeben ist, gut umzugehen. Das man Erinnerungen der Vergangenheit, sei es der letzteren oder der ganz weit zurückliegenden, einen größeren Stellenwert zugestehen sollte.

„wenn jemand irgend etwas sieht oder hört oder anderswie wahrnimmt und er dann nicht nur jenes erkennt, sondern dabei noch ein anderes vorstellt, dessen Erkenntnis nicht dieselbe ist, sondern eine andere, ob wir dann nicht mit Recht sagen, dass er sich dessen nicht erinnere, wovon er so eine Vorstellung bekommen hat?“

Natürlich erinnert man sich nicht bewusst an den körperlichen Tod, das ist eine Erinnerung, die dem Unsterblichen zukommt, wohl aber sterben wir doch im Alltag viele kleine Tode.
Sei es, wenn wir verlassen werden, sei es wenn wir verlassen, sei es, wenn wir Schluss-Striche ziehen unter Begebenheiten, die uns den Lebenssaft ausgesaugt hatten. Wir bestimmen selbst, wo und wann der „Tod“ einsetzen soll.
Was hat das mit dem Schild in der U-Bahn zu tun, fragt Ihr Euch sicher. Es ist doch logisch, dass man nicht aus der fahrenden U-Bahn in einen dunklen Tunnel springt, ohne nicht zu wissen, was einem da erwartet.
Und doch sehe ich in den Gesichtern der Umherstehenden, das sie sich gar nicht im Klaren sind, das ein Schild sie auffordert, sich vor Gefahr zu schützen.
Wie der Baum auf dem Berge vom Nietzsche in meinem Gedächtnis verhaftet, der dem Sturm der Erinnerungen standhalten kann, weil er die Erinnerung an Winde verinnerlicht hat , oder so wie Platon, der sich selbst als Abwesender in seinem klassischem Werke verewigt hat.
So , als wolle er in seinem Werke , was er denke als Philosoph ( als Mensch) und dem und dem, wie er handele ( als Allzumenschlicher) , die Gegensätzlichkeit und Gleichzeitigkeit aller wesentlichen und elementaren Lebenssituationen gerecht werden. Elementar ist in meinem Moment die fahrende U-Bahn, fast ein Synonym für bewegendes Leben. Einsteigen, Losfahren. Anhalten. Aussteigen. Seines Weges gehen. Na ja, fast so. Im wahren Leben ist nach dem Aussteigen erst einmal Schluss. Es sei denn, wir halten es wie die großen Philosophen, die im Werden und Vergehen mehr zu sehen bereit sind, als wir U-Bahn-Gäste morgens um acht Uhr.

„Es ist nämlich dieses, dass nicht nur jenes Entgegengesetzte selbst sich einander nicht annimmt; sondern auch alles das, was einander eigentlich nicht entgegengesetzt ist, doch aber das Entgegengesetzte immer in sich hat, auch dieses scheint jene Idee nicht annehmen zu wollen, die der in ihm wohnenden entgegengesetzt ist, sondern, wenn sie kommt, entweder unterzugehen oder sich davonzumachen.“

………………….

Die U-Bahn fährt in den Bahnhof ein. Sie bremst leicht ab und noch in diesen Minuten werden die Türöffner betätigt und die ersten Ungeduldigen springen aus dem noch langsam fahrenden Zug.
Man möchte meinen, das es die Jüngeren wären, die sich dem wagehalsigen Manöver hingeben- nein, es ist der ältere Mann, der nun stolpert und sich das Knie aufschlägt. Ursache und Wirkung liegen so dicht beieinander. Hätte er nicht einfach eine oder zwei Sekunden warten können? Sich ein Bild machen vom Bahnhof, die Stolpersteine wahrnehmen , die nassen Steine, auf denen man ausgleiten kann, oder die Bananenschale sehen, die ihm nun zum Verhängnis wird…

Sicherlich kann man nicht sagen, das Platon oder Sokrates diesen Mann vor einem Sturz bewahrt hätten, wie gesagt: Nietzsche würde es anders sehen, oder Hegel, oder Kant.
Die Ideen, die kluge Menschen in dicke Bücher verpackt haben, oder sagen wir die Quintessenz einiger wesentlicher Erfahrungen prangen schwarz und rot auf einem kleinen Schild neben der U-Bahntür.

Das Prinzip der Teilhabe , der Anwesenheit und der Gemeinsamkeit
kann man gut in 20 Minuten Fahrt beobachten. Relationen . So ist die Größe der Gefahr beim Herausspringen aus der U-Bahn relativ.
Obwohl Menschen doch vernünftig sein sollten, so unvernünftig erscheint es den Mitfahrern in der U-Bahn, dass der Mann trotz wissender Gefahr aus dem Wagen springt ….

Allerdings, so gesteht Sokrates uns Menschen zu, kann man das Ausgeführte nicht mit Vernunft beweisen.

Meine U-Bahn ist wie immer ein metaphorischer Zwischenraum in einer realen Welt. Ich gleite mit meinen Gedanken und Ideen zwischen Draußen und Drinnen hin und her. Manchmal komme ich in Versuchung, eine Rekonstruktion von Zeitbildern oder Raumbildern oder Wortbildern in kleine Reiseberichte zu verpacken.

Ob das im Sinne der schon geschriebenen Werke ist, kann ich nicht einmal berücksichtigen, denn:

„Also dahin wendete ich mich, und indem ich jedes Mal den Gedanken zum Grunde lege, den ich für den stärksten halte, so setze ich, was mir scheint mit diesem übereinzustimmen , als wahr, es mag nun von Ursachen die Rede sein oder von was nur sonst, was aber nicht, als nicht wahr“

Es macht Spass, nachzudenken. Besonders, wenn man auf die Idee kommen sollte ,aus dem fahrenden Zug springen zu wollen.

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