Silk and Paper

5. Mai 2016

sprachFRAGmente 俳句

Filed under: KLANGsprache, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 12:23 PM

ich liebe es , der Musik zu lauschen- doch mein Instrument ist eben der Bleistift…ab und zu Tusche oder Farbe…
Einerseits schätze ich das Minimalistische auch in der Sprache eines Gedichtes , eines Haiku zum Beispiel, wo in wenigen Silben mitunter die ganze Welt um Dich herum erstehen kann. Es ist doch sehr interessant, wenn man gerade ein Haiku beleuchtet; wir übersetzen es einfach nur als “ Silbengedicht“ , ich würde es feiner übersetzen wollen, als freie Phrase, denn in der japanischen Schriftsprache wird Hai  俳 als das Wort „Schauspieler“ übersetzt zu finden sein, und auch das ist nur eine grobe Übersetzung, denn Hai 俳 hat seinen Ursprung in zwei Silbenbegriffen, die sich aus zwei Kanji-Radikalen zusammensetzt: Mensch und dem Begriff des Streunens, des ziellosen, freien Umherziehens, oder bildhafter ausgedrückt, des vielleicht Heimatsuchenden, Nichtseßhaften im positiven Sinne . Und schon jetzt kann man erkennen, das uns das Wort “ Silbengedicht“ auf eine falsche Fährte lockt, uns irritiert und den Zugang zum Haiku erschwert. Haiku ist also der „suchende Vers“ , der mit uns kokettiert wie ein Schauspieler auf der Bühne es tut, er spielt mit uns und spricht uns an. Denn das Haiku ist ein Gedankenfragment , ursprünglich als Einleitung für Waka-gedichte gedacht…
Das Haiku sucht also noch, ist unterwegs, ein Gedicht zu werden und bleibt dann in seinen Anfangssilben stehen. Und der Mensch, der in diese Sprache hineinlauschen kann, wird die Heimat für diesen suchenden Vers- und das ist das Anliegen des Haiku.
Wir werden dadurch selbst zu Dichtern, die mit Phantasie und Sensibilität den Vers weiterführen, wir beleben ihn und wir tun dies wortlos.
So möchte ich gern umgehen mit Fragmenten, mit Skizzen in den Schubladen; sie als Herausforderung zu einem Abenteuer , als Wahrnehmung zu verstehen , und als Bruchteil einer unendlichen Tiefe , als Reisebeschreibung , als schüchterne Begegnung, als einen Hauch von etwas Großem – und in der scheinbaren Belanglosigkeit einer dahinfliegenden Leichtigkeit erlangen diese Worte eine Räumlichkeit , werden zur Bühne unseres Lebens. Und das Interessante ist die Entdeckung, das der Raum zwischen den Worten erkennen lässt, wieviel Ausschmückung das Weglassen bedeuten kann- wenn sich Silben und Buchstaben auflösen, bis in uns nur noch die Stille bleibt und eben auch jene Spannung, die alles offen lässt.
So ist es auch in der Musik … Orchesterwerke können mitunter wahre Gefühlsstürme in mir auslösen, aber das einzelne Instrument , insbesondere Cello , Geige oder auch die Ud kosten mich manchmal meine Nachtruhe, weil derart aufgewühlt etwas in mir passiert, was eine andere Sprache erfordert , als die mir angeeignete. Das kann mitunter auch nur ein Musikfragment sein, oder auch nur ein Stück- aber es öffnet sich dadurch eine Tür, in die ich hineinspazieren kann und da mache ich die wundersame Entdeckung der Wörter.

2007

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1 Kommentar »

  1. Im Einfachen gesagt ist ein Haiku eine Phrase, ein Gedankenmoment, der aus einem (noch gedachten oder zu denkendem )Text herausgerissen scheint und für sich alleine stehen kann. Die Frage, ob man dafür in Japan gewesen sein muss, um das fühlen bzw. verstehen zu können, kann man nicht so lapidar bejahen. Allerdings erleichtert es ein wenig den Zugang zum japanischen Gedicht überhaupt, wenn man optischen und emotionalen Reizen ausgesetzt wird, die gewisse Gefühle beschreiben, die im Deutschen manchmal etwas verflacht umschrieben werden. Das hat aber auch viel damit zu tun, dass das Japanische mit der Besonderheit des KANJI, also der abstrakten Bilderschrift in einem Zeichen schon eine Fülle von Assoziationen freilassen kann. Zudem kommt noch, dass das KANJI in Japan noch fast so unverändert angewandt wird wie vor hunderten von Jahren, als diese Schrift hauptsächlich von Mönchen übernommen, aus China kommend sich in Japan etablierte. Während China in den letzten Jahrzehnten die alte Bildersprache reformierte und die Schriftzeichen total überarbeitete, steht im Japanischen das alte Strichsystem der einzelnen Silben zur Verfügung . Natürlich kann man die Silben auch mit der (extra dafür entwickelten sogenannten Frauensprache , dem Hiragana, phonetisch wiedergegeben, aber die subtilen Feinheiten und, ich sage immer, die zu findenden Geheimnisse in einem Kanji, gehen da meist verloren. Ich empfinde es immer als Glücksfall, dass es die alten Zeichen noch gibt, denn obwohl sich Sprache wandelt, obwohl die moderne Gesellschaft andere Worte braucht, so brauchen Menschen auch noch den roten Faden zum Ursprung der Sprache , eben auch, um sich in der Kultur aus der Vergangenheit wiederfinden zu können, quasi die (Sprach-)Wurzel spüren. Würde ich jemandem ein gemaltes Bild erklären wollen, kann ich es nur mit meinen Worten , weil ein Gemälde persönliche Emotionen weckt oder sogar Vergessenes im Betrachter anstößt. Ich kann aber vielleicht jemandem nur kurz und in einer umschreibenden Phrase eine Anregung geben, sich das Gemälde doch selbst anzuschauen , damit dieser jemand sein ureigenstes Bild vor Augen erstehen lassen kann. So ist es auch mit einem Haiku. Ich kann Ihnen vom Mond erzählen, wie schön und wie hell er den dunklen Weg beleuchtet hat, und wie es mich erfreute, mich wieder an meinen Liebsten zu erinnern – aber wenn jemand anderer z.B. dieselbe Situation als Begebenheit schildert, könnte es sein, dass der Mond und seine fahlen Schatten eher Beklemmung hervorrufen und eine unangenehme Situation suggerieren. Daher kommt wahrscheinlich Ihr Eindruck , dass Sie zwar oberflächlich Freude erkennen , aber begreifen kann man diese Freude erst, wenn Sie in der ähnlichen Situation ähnliches für sich nachempfinden können. Meiner Meinung nach kann man sich dem HAIKU gut nähern, wenn man sich etwas mit der Geschichte und der Gesellschaft und auch der Stellung der Kunst in Japan beschäftigt, aber eben auch hier die Besonderheit des KANJI nicht aus den Augen verliert. Ich habe Japanisch, insbesondere in der Literatur, immer als eine Sprache der „Auslassungen“ empfunden, was natürlich zwangsläufig die Phantasie beflügelt hat. Aber das sollte ja ein gutes Gedicht auch: die Phantasie aufblühen zu lassen und mit ihr in unsere inneren Welten zu reisen. 2007

    Kommentar von silkandpaper — 9. Februar 2014 @ 11:02 AM


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