Silk and Paper

22. November 2015

ERinnerungen

Filed under: DER mensch als fremder ORT, kurzgeSCHICHTen, privat, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 7:21 AM


Als ich noch Kind war, sagte mein Vater, dass jede Schneeflocke ein guter Gedanke sei, der nun als kleiner Stern hernieder fällt auf die Erde um zu helfen, die Düsterkeit der zu früh hereinbrechenden Nächte auszuleuchten. Wenn man dann tagsüber durch dieses herabgefallene Sternenmeer liefe, würde man ein leises Knirschen hören…

Er meinte, ich solle dem Knirschen des Schnees gut zuhören, denn dies wären die
Worte, die in diesen Gedanken versteckt wären.Jeden Morgen lief ich
zum Fenster um zu schauen, ob es geschneit hätte. Stundenlang konnte ich
schweigend durch den Park laufen. Ringsum war es von einer besonderen Stille.
Der Park war ein großes weißes Zimmer, welcher alle lauten Geräusche
verschluckte, damit man den eigenen Schritten lauschen konnte. Wenn es begann zu
schneien, öffnete ich meinen Mund und fing mit meiner Zunge die Schneesterne
auf. Sie zerrannen sofort.
In meinem kindlichen Glauben war ich mir sicher,
dass ich ein paar gute Gedanken auf meiner Zunge schmelzen lassen würde.

Später,wenn ich durchgefroren und müde nach Hause kam und die Eltern mich fragten, wie denn der Nachmittag mit den Freunden war, was ich denn erlebt hätte, erzählte ich davon, wie ich diese oder jene Flocke erhascht hatte. Ich plapperte und plapperte. Meine Eltern schmunzelten und mein Vater meinte, es müssten aber viele Schneegedanken gewesen sein, die ich heute gegessen hätte.

Über den Winternächten meiner Kinderzeit lag immer ein besonderer
Schimmer. Es waren Nächte voller Geschichten. Voller Geheimnisse. Ich wollte vom
Vater wissen, was denn mit all den guten Gedanken geschähe, die in diesen
weichen Flocken zur Erde herabschwebten und deren leise knirschenden Worte man
nie richtig verstehen konnte. Sie würden doch schmelzen und versickern, sie
würden einfach weg sein! Aber nein, sagte er, sie verstecken sich nur unter der
Erde. Die guten Gedanken würden dann als Grashalme aus der Erde sprießen. Ich
schaute den Vater ungläubig an und lachte dann los.

Er schmunzelte und wusste wohl, dass ich ihm hier nicht glauben wollte, doch er wäre nicht mein Vater gewesen, wenn er keine Erklärung gefunden hätte. Siehst du, Gedanken und Worte kommen in vielerlei Gestalt daher. Als Schnee, der knirscht, als Gras, das rauscht, als Musik, die ein Lied wird. . Deshalb solltest Du immer die Ohren
spitzen und auf die Dinge um dich herum gut achten, damit du später, wenn du
groß sein wirst, immer die richtigen Worte findest.


Mein Vater deckte mich zu und blickte zum Fenster. Draußen schneite es immer noch. Und ich wünschte mir viel Schnee.

.

diese Geschichte habe ich auch unter Pseudonym   anderswo veröffentlicht

 

 

Advertisements

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: