Silk and Paper

1. November 2015

ZEITengrenzgänger

Filed under: DER mensch als fremder ORT, going underGROUND, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 7:12 AM

Zeitengrenzgänger

20 Zeilen, 50 oder manchmal nur 10. Und dann ein Punkt. Das Buch sinkt in
meinen Händen und ruht sich aus auf meinem Schoß. 200 Seiten Buchstaben, die
leise wippend und zitternd an jeder Station sich von neuem ordnen müssen. Und
wenn ich sie wieder an mein Gesicht führe, vor meine Augen, die hungrig sind
nach Druckerschwärze, stillen sie meine Sehnsucht nach fast Vergessenem.

Ich dachte mir ein bisschen frech, dass ich mindestens 10 Seiten pro Fahrtrichtung
lesen werde – doch nun bin ich, nach einigen Tagen des Querlesens zur Erkenntnis
gekommen, dass ich so etwas nicht machen kann. Es wäre ein Frevel, eine
unverzeihliche Eile. Nun bleibe ich auf den Seiten lange haften; blättere zurück
und manchmal bewegen sich unsichtbar, und nur für mich allein, meine Lippen.

Mein Gesicht verschwindet hinter den Blättern, so nah, dass mein Sitznachbar nicht mitlesen kann. So etwas mochte ich noch nie, denn ich habe dann immer das Gefühl, als würde ein Jemand aus meinen Gedanken heraussuchen, was ihm ohnehin nicht Auskunft geben könnte, wieso ich dieses Buch und kein anderes lese. Ohnehin würde er falsche Schlüsse ziehen über mich. Wer ich bin, das kann man nicht über einen Blick meiner Schulter definieren, nicht über zwei, drei mitgelesene Worte. Es soll kein Egoismus sein, es ist eben nur eine Marotte von mir.
Früher hatte ich ein Blatt einer Zeitung als Umschlag benützt, Es
war immer erst mein Geheimnis, bevor ich es mit anderen teilte. Sogar das
Titelblatt.

Ich bin kein Bestseller-Leser und es kommt kaum vor, dass ich im Mainstream schwimme, wenn es um Bücher geht. Ich meide Stapel, die zu Türmen
aufgerichtet in Buchläden das Licht schlucken und das Gefühl vermitteln, dass
ich ganz klein wäre, weil ich noch nicht jeden Buchstaben aus diesem Berg von
„the best“ kenne. Ich finde, Bücher sollen Menschen wachsen lassen und nicht
klein machen.

Wenn ich Bücher lese, dann habe ich eine Reise vor mir. Der erste Blick auf die erste Seite, das Überfliegen des Klappentextes, die Fußnoten, die Personenanhänge…das sind alle Entdeckungen, die ich aufsauge und sie bleiben in mir; und jeder Buchstabe, jedes Wort kriecht in den letzten Winkel meines Selbst. Nichts kommt mir mit so viel Aufforderung zur Phantasie entgegen, wie Seiten eines ungelesenen Buches.

Die Protagonisten meiner Bücher fahren mit mir U-Bahn .Sie sitzen mit mir auf einer Bank oder hängen mit einem Arm am Haltegriff. Sie lassen mich teilhaben an ihrem ganz menschlichen Chaos und an dem Alltäglichen. Und sie müssen mit meinem Chaos leben lernen, wenn auch nur schaukelnd und zitternd auf Papierseiten gebannt, und verblättert zur nächsten Seite….

Manchmal müssen sie tagelang mit mir hin-und herfahren,
weil sich ihr Leben träge und schwer durch den Tag quält. Und das, obwohl ich
beschwingt bin.

Doch mit diesem Buch, was seit einer Woche Heimat in meiner
Tasche fand, ist alles etwas anders.
20 Zeilen, 50 Zeilen, vielleicht eine Seite. Zwischen jedem Wort ist ein anderes Leben versteckt. Ganze Universen und Galaxien ! Ein Satz, den ich mit den Augen abtaste, scheint aus verschiedenen Leben zu sein. Die scheinbare Absurdität ist die Sprache unter der Sprache und eigentlich ist jedes Wort, was dort steht, schon zu viel. Man hat das Gefühl, er ist einer der Autoren die mit Nichtgeschriebenem noch mehr ausdrücken können, als mit Worten. Und dass es sich so unmittelbar offenbart, das ist etwas Seltenes.
Reduziert auf Wesentliches. Jede bunte Bemalung oder helle Belichtung der Worte wäre Zerstörung. An diesem Wesentlichen muss man stehenbleiben und die Wucht der scheinbaren Klarheit innerlich aushalten.

Jede kleine Story hat ihre Geheimnisse, sind Räume mit Wänden und einem Fundament, welches manchmal schwankt. An manchen Geschichten geht man mit einem Lächeln vorüber und trägt einen Duft mit sich fort, der sanft betäubt, dann aber, wenn die Kopfnote, wie bei einem Parfum, verflogen ist, die Herznote offenbart. Atmosphärische kleine Welten, die wie zufällig hier auf unserem Planeten zurückgelassen wurden.

Richard Brautigan’s Universen aus dem Tokio-Montana-Express fallen herab wie Schnee. Sie fallen auf mein Gesicht, sie fallen auf meine Hände, legen sich auf meine Schulter und sie schmelzen nicht. Was für ein merkwürdiger Zustand.

Ich lese und lese und ich denke, dass dieser Mann irgendwann einmal durch mein Leben spaziert sein muss, als ich selbst dort war, in Japan, meiner Herzenswelt, wo er auch weilte.
Er scheint wie ein Unsichtbarer durch mich hindurch gelaufen zu sein. Einige meiner Erinnerungen hat er scheinbar mit sich genommen. Oder hat er seine Erinnerungen in mir vergessen?

Ein Zeitengrenzgänger.

Aber sind das nicht alle Menschen, die sich auf Bücher einlassen? Doch wer geht schon ständig auf der Grenzlinie spazieren?
Wo war er, als ich dort war? In welchem Abteil des Zuges, der in die gleiche Richtung
fuhr…?

12 schwarze Zeilen auf weißem Papier. Ganz dicht an sich gedrängt,
damit der Inhalt nicht so einfach aufsteigt wie Atem. Worte als Aggregatzustände.

Ich blicke von meinem Buch auf und stelle fest, dass ich eine Station zu weit gefahren bin. Heute werde ich zu spät kommen, dachte ich.
Aber ich dachte auch, dass es nicht tragisch sei, wenn ich mich eines Freundes
wegen verspäte. Dieses Buch ist mein Freund. Und der Mensch, der es mir
empfohlen hat, verdient meine ferne Bewunderung. Er kannte mich kaum , aber woher wusste er nur, dass im Tokio-Montana-Express unfassbar viel versteckt war , was ich schon lange verloren glaubte und unbedingt wiederfinden sollte…
Ich ahne, dass manche Fremde manchmal mehr von einem wissen, als es manchmal Freunde je können.

Abends nehme ich, um nach Hause zu kommen, eine andere U-Bahn-Linie. Etwas erschöpft vom Tag, der ein bisschen melancholisch war. Wie auf Reisen. Man weiß, irgendwann kommt man an, doch ich sitze immer noch in diesem imaginären Express aus den Gedanken eines Dichters und kann den Zug nicht verlassen. Trotzdem muss ich irgendwo an einer Station aus der U-Bahn aussteigen. Boddinstaße. Hier war ich schon lange nicht mehr. Obwohl ich für 3 Jahre hier gelebt hatte. Ich laufe zur Treppe, die zur Straße hinauf führt. Oben höre ich den Verkehr und fernes Rufen und Lachen fremder Menschen. Lärm.

Ein Graffiti, mit weißer Farbe mitten vor die Stufen
geschrieben, lässt mich für nur 3 Sekunden länger verweilen.

Zwei Worte
stehen da: „Kopf hoch!“

Weiße Buchstaben auf schwarzem Grund.
Und ganz klein daneben hatte jemand hinzugefügt: Das Leben ist schön!
Doris Prabhu aka MAR

Ps. Das Graffiti findest Du in der U-Bahnstation Boddinstraße- in der Hoffnung, dass es dort lange lesbar bleibt

Der Lesetipp kam von J….  zwischen Tür und Angel .

ps: Inzwischen sind  Monate vergangen. Tausende von Menschen sind über das Graffiti hinweggelaufen.  Nun ist es ganz verblasst und nur wenn man ganz ganz nahe heran geht, kann man es noch gerade so lesen.   April 2012

pps Jetzt haben wir November 2015. Der U-Bahnhof Boddinstraße wurde saniert und repariert. Alle Spuren sind verschwunden.

 .

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