Silk and Paper

27. Oktober 2015

ABSCHIED vom Licht

Filed under: kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 5:42 AM

Abschied vom Licht.

Die Straße zerfällt in kleine Gevierte. Haus für Haus und Fenster für Fenster. Gelb und Ocker zaubern die Hausanstriche mediterrane Stimmung in die Luft. Hoch oben, wo die Giebel an den Himmel anstoßen, scheint sich das azurblaue Meer zu spiegeln und die Wolken gleiten wie weiße Segelboote dahin. Obwohl die Sonne gleich untergehen wird, streichelt die Wärme meine Haut. In dieser Zeit, wo sich Tag und Nacht die Hände reichen, strömt aus den Häusern der ganze Duft des vergangenen Tages. Geräusche von Betriebsamkeit dringen an mein Ohr. Klappern. Lachen. Weinen. Das Trällern einer Frau. Ein Glas fällt zu Boden. Der Kellner im Straßencafé eilt fort und versucht es aufzufegen. Für einen Bruchteil bricht sich die Sonne in diesen Scherben. Grell und weiß springt ihr Strahl wie eine Brücke auf die Reise ins Dämmerlicht, ins Innere des Cafés und klettert wie eine Tonleiter an Tassen und Tellern entlang, die dort auf einem Bord über dem Tresen stehen, um sie zum Klingen zum bringen, wie eine leise Melodie. Das glänzende, glatte Weiß des Porzellans badet förmlich im Licht, wie Körper, die aneinandergereiht am Strand nach Sonne und Wärme rufen. An einer Straßenecke wartet ein großer Schatten. Dort ist die Sonne schon entschwunden. Nur in einer Fensterscheibe spiegelt sich der letzte Rest vom Tag. Abschied vom Licht. Abschied von meiner Straße, die ich jeden Tag entlang eilte, Abschied von der Treppe am Morgen…
Abschied ist wie ein Schmerz, der sich in alles bohrt, was mit dem Leben verbunden scheint. Ich nehme die Helligkeit eines Himmels am Abend zum Anlass, all meine Sehnsucht nach noch Unbekanntem hinein zu legen. Die Morgen, die kommen, werden anders sein, und die Abende. Das zersplitterte Glas und seine bizarre Welt einer zerbrochenen Eleganz, der Kellner, das Café- alles wird entschwunden sein, wenn ich um die Ecke biege. Für einen Moment schließe ich die Augen. Wenn ich sie wieder öffne, ist das vorbei, was jenes Schimmern ausmachte, als ich an den Dingen vorüberging. Abschied vom Licht. Und ich lasse es gehen.


© Doris Prabhu/ MAR

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