Silk and Paper

30. Juni 2015

Sommer in Südbaden

Filed under: DER mensch als fremder ORT, Uncategorized, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 12:09 PM

hiza wiese

Sonntag- frühmorgens

Wieder aus der Zeit herausgefallen. Ringsum ist Leere und Stille in einer beängstigten, fast barockenen Pracht. Wiesen zittern in hellem Gelb und der Übergang vom Tag zur Nacht und von der Nacht zum Tag wird in allen Nuancen von Blau in den Himmel aufgetupft. Morgens wirft sich noch ein zarter Schleier aus Nebel über das Dorf und zeichnet es wie ein Bild aus Wasserfarbe hinein in das satte, nasse Grün. Von weit her hört man eine Stimme, die sogleich wieder vom Rauschen der jahrhundertjährigen Kandelaberkiefern verschluckt wird. In der sonntäglichen Frühe liegt das Dorf wie ausgestorben da. Eine Kellnerin macht sich vom Rösslehof auf den Weg ins Dorf- sie trägt schon ihre Tracht, weite, weiße Unterröcke und Spitzenbesatz, darüber ein dunkelgrünes, kleingemustertes Kleid mit einer burgunderroten , bodenlangen Schürze. In dem morgendlichen Erwachen wirkt sie wie ein Fremdkörper. Die Stunde nach dem Erwachen der Landschaft ist von einer Weite getragen, die nicht nur Träume, Erinnern, Gefühle und Gerüche in sich aufzusaugen scheint. In dieser Stunde wird die Stille vermessen, die Leere bekommt plötzlich Raum und der Tag erhält seinen besonderen Anstrich.
Die Schritte der Frau hallen auf dem Pflaster; sie stören und zerschneiden das gerade begonnene Gemälde in meinem Kopf. Die Leere, der frischgeborene Morgen, die in sich zusammengehaltene Stille wird augenblicklich weg gewischt.

Mich beschleicht der unschöne Gedanke, welch ein Störfaktor in manchen Augenblicken menschliche Wesen sein können. Zugleich ärgere ich mich über mich selbst, denn auch ich darf mich als Störfaktor nicht ausnehmen, auch wenn ich ruhig da stehe und die Weite auf mich wirken lasse.
Nach dem ersten unschönen Gedanken folgt dann auch schon der zweite – eher eine Beobachtung. Je weiter und ausgedehnter und je leerer von Menschen die Landschaft vor einem liegt, umso enger und konventioneller wirkt ein Mensch darin. Dieses Herkömmliche, Gewohnte des Menschen trägt einen Schatten auf die Vollkommenheit auf. Nicht so ein pudriger, verwischter Hauch, sondern ein harter, dunkler Strich, der wie ein Federmesser einen tiefen gezielten Schnitt durch ein Bild zieht, der alles zerstört.
Die Nacht und mit ihr die Dunkelheit hat in den Stunden des Ruhens und des Atmens ein Abbild von Schönheit und natürlicher Vollkommenheit gezaubert, welche in einem einzigen Moment zerrissen wird.


hiza wiese

Sonntag- nachmittags
Eigentlich braucht man nicht in melancholische, französische Filme zu gehen. Ich meine jetzt solche Filme, die auf den tiefen Grund des Daseins hinabtauchen und dem Resteuropäer glauben machen will, dass nur die Nouvelle Vogue , voran mit Truffaut, Godard und Resmais in der Lage war, die Tristesse des alltäglichen Lebens so gekonnt darzustellen, dass man danach zu streben suchte, nur wie die Helden auf der Leinwand zu leiden, zu lieben und zu sterben. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass das einfache profane Leben eines Hochschwarzwaldbauern nicht genug Handlungsspielraum böte, um ohne in einen Heimatschinken zu verfallen, die Schwere des nichtsnutzigen Lebens darzustellen…
Weit gefehlt.
Zwischen Mahd und einer sonntäglichen Jause regt sich in einem Dorf wirklich nichts mehr. Der Gedanke, dass der Tod hier gerade seinen Urlaub macht, liegt sehr nah. Der Anblick eines einsamem Grashalmes, der in einer weichen Windböe zittert, bohrt sich mit Schmerz in des Wanderers Körper. Die Trauer einer ganzen Welt versammelt sich auf der einsamen Dorfwiese und das Rauschen des trocknenden Grases klingt wie Weinen und Wispern, so als wäre noch das verhallende Gebet des morgendlichen Gottesdienstes hier zu Gast.
Sonst hört man nichts. Man kann sich verinnerlichen, dass man trotz des Wissens, dass hier Menschen leben, sehr, sehr einsam ist. Auf der Dorfstraße nähert sich ein Auto. Die Räder reiben sich auf dem warmen Asphalt mit nur einen Wusch: schnell weg von hier. Wie in einem schwarz-weißen Film schieben sich düstere Gedanken zwischen die Geräusche der Stille, dem Reiben der Reifen, dem Rascheln des Grases. Wenn man hier stürbe, jetzt gleich, gäbe es niemanden, der es bemerken würde. In drei Stunden vielleicht, wenn mal eine dickliche Frau beim Bäcker den Feiertagskuchen abholen will. Oder ein Kind, welches sich gelangweilt zu Nachbars Zaun trollt, um dort eine Blume abzureißen.
So viel Einsamkeit an einem Ort bekommt schon das Prädikat „ besonders erwähnenswert“. Leider dreht man keinen Film darüber. Na ja, vielleicht einen Zeichentrick-Manga- Comic -Strip, der die Traurigkeit eines Feiertags auf einem deutschen Dorfe so lustig und zum Brüllen komisch darstellen würde, das er vielleicht zum Kassenschlager werden könnte, wenn es denn hier ein Kino gäbe.
Die runde Wiese mit den geköpften Blumen und dem geschnittenen Gras trauert noch vor sich hin , wiegt sich in der Stille des dahinsterbenden Tages, da dröhnt und poltert es mit einem Höllenlärm hinter meinem Rücken los. Eine Rennfahrergruppe prescht wie ein Schwarm großer gieriger Tiere auf Gerätschaften einer sogenannten Zivilisation und ihrer technischen Möglichkeit der Fortbewegung über den Weg durchs Dorf. Die Helme sehen aus wie Köpfe übergroßer, gefährlicher Wespen. Der Fahrtwind zwischen den Speichen singt und schnurrt. Die Melancholie geht dahin.
Hier wäre jetzt der Abspann, der Soundtrack würde sich in den Singsang der Speichenmusik einfädeln und wenn die Radfahrer stoppen, würden die Geigen einsetzen, die dann der Kamera folgend, klangvollendet den Vorhang senken lässt.
Sagt mir mal einer, dass man mitten im dörflichen Wohlstand und grüner Pracht nicht traurig sein kann. Filmreif. Und Schnitt.

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