Silk and Paper

27. Oktober 2014

HEUTE habe ich bemerkt

Filed under: Uncategorized — silkandpaper @ 8:27 AM

Heute
habe ich bemerkt
dass die Tür
schief in den Angeln hängt.
Wieso sehe ich es erst jetzt?

Ein Frühlingstag nach meinem Geschmack. Die heiße Tasse Kaffee am Morgen, der junge Tag mit seinen Geräuschen, alles schwirrt und lacht und singt. Nun sitze ich hier in meiner Küche und halte die alte Tasse in der Hand, die den Umzug nicht ganz unbeschadet überstanden hat, und mit einem Riss , der längs das Porzellan spaltet , mir jeden Tag ihr Gebrauchtsein und ihr Alter anzeigt…

Jedes Mal denke ich, heute…., heute wird sie die Wäsche im Geschirrspüler nicht überstehen- aber sie schafft es jedes Mal…Sie ist meine Unendlichkeit, diese Tasse. Mit ihrem farbigen Figuren lacht sie in den Tag hinein , in den Frühlingstag…
Es ist endlich Frühling!
Und dann folgt die Ernüchterung- dreckige Fenster, graue Schleier von Wintertagen, Balkon ist ein Balkon ist ein Balkon, wenn er bewohnbar wird…. ok, Wasser, Gartenschlauch, Blumenerde…ich will arbeiten, ja, das will ich jetzt , sofort, heute- damit ich morgen draußen sitzen kann und mich in den Erinnerungen einwickeln werde …Wie war das im Sommer…? … Wie war es, als das Zimmer im Freien nach Erde duftete und nach selbstgedrehten Zigaretten des Liebsten …Wie war es, als der Rauch aufstieg ins Nichts …Wie war es, als das Mauerwerk schwer nach der Hitze roch…Wie war die lautlose Nacht vor dem großen Spiegel , dort, wo das Kerzenlicht flackerte und Pfingstrosenduft zarte Duftspuren in den Raum warfen…Wie war das, als ich schweigend mit den Glas Rotwein seitenweise Texte las, die mir ein Gedankengeschwister bescherte… Wie war das , als mir dieses Haus ganz plötzlich wirklich Heimat wurde, nach fast einem Jahr endlich mir das Gefühl verhieß, dass sich etwas mit mir verschmolz, was ich bisher nicht gekannt hatte. Dieser fremde Geruch der Wohnung verflog.

Seit ich hier wohne , bin ich hundert Jahre alt.

Warum in aller Welt wohne ich in einem alten Haus, mit alten Fenstern , mit alten, verzogenen  hölzernen Fensterrahmen, mit Messingknäufen, die quietschen und mit alten Geschichten, die unter den Tapetenschichten abgelagert sind. Sie sind überstrichen, übertüncht…Löcher wurden in die Wand geschlagen, vergipst und repariert … und das schon über ein Jahrhundert lang. Und trotzdem ; jede Unebenheit spricht zu mir, es sind kleine Geschichten und Gedichte, Seufzer unerwiderter Lieben, die nie ausgesprochenen Gefühle, die wie kleine weiße Gespenster durch meine Gedanken huschen und eigentlich gerne ein buntes Kleid tragen möchten.
Wie kann ich aus Tagträumen und einer fernen Zeit bunte Gewänder zaubern? Wie kann ich diese Türen und Fenster , diese dicken Mauern mit meinen geflüsterten Gedanken durchdringen ?
Ich gehe durch diesen langen , schmalen Gang , vorbei an Bildern, kleinen Gemälden und Steinen, vorbei am Strandgut vergangener Urlaube am Meer. An einem kleinen rostigen Nagel hängt ein Relief, und dort an anderer Stelle ein Kalender neben der tickenden Uhr… Zeit, Zeit, Zeit , Zeit tickt sie und die leeren Spalten im Kalender sagen nichts, aber auch gar nichts aus über die Jahre, die dieses Haus auf seinem Rücken trägt. Wie so vieles im Leben in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.
Man schließt und öffnet Türen, wie man Lebensabschnitte öffnet und schließt. Die Türen sind hoch und hundert Mal überstrichen worden, sie hängen im Rahmen und irgendwer hat sogar die bunten Glasfenster überstrichen, die in der Zeit des Jugendstils in die Türen eingelassen wurden…Bequemlichkeit, vermute ich, so muss man keine Scheiben putzen. Aber ich möchte gern die Uhr zurückdrehen und so sollte ich mir doch mal die Zeit nehmen, die weiße Farbe anzukratzen und die kleinen in Glas eingelassenen Rosetten in ihrem grün, rot und quittegelb erstrahlen zu lassen.
Ja, so werde ich das machen… Ich trete in den Flur, und im Gegenlicht , welches durch die geöffnete Küchentür in den Korridor flutet, sehe ich sie, die schiefe, in den Angeln hängende Badezimmertür. Wieso habe ich das noch nie bemerkt? Erst jetzt, nach vielen Monaten wird mir gewahr, dass die Wände zwar der Zeit trotzten, aber diese alte Holztür hat sich verbogen. Durch die Feuchtigkeit im Bad, durch den Dunst von wohlriechenden Bädern,; vielleicht hingen dort immer die nassen Handtücher der Familie Sahin, die hier mal wohnte, mit 4 Kindern und 4 Erwachsenen. Viel Wäsche wahrscheinlich…diese Nässe ,die wird in die Holztür eingedrungen sein. Sie hat Einiges hinterlassen, die Familie Sahin…

Die Tür zur zweiten Wohnung, hindurch durch eine Häuserwand , hindurch zu einem anderen Haus… die Tür die man nur über zwei Stufen erreichen kann…Familie Sahin hat eine Tür aufgestoßen, im wahrsten Sinne des Wortes, denn als dann der Bruder nachkam aus Anatolien, wurde die Familie recht bekannt mit ihrer Bäckerei, so eine der ersten in Neukölln.
Familie Sahin hat mir aber auch ein Stück von ihrer Erinnerung geschenkt, denn auf dem Hängeboden fand ich alte Kinderschuhe, wahrscheinlich war das ein perfektes Versteck für eines der Kinder…und ein Kinderkleidchen, selbst genäht, fand ich im Verschlag…bunt gestreift mit kleinen weißen Spitzen am Ärmel. Ich habe es aufbewahrt. Es liegt in einer Schublade, frisch gewaschen und als Erinnerung an die alte Zeit an eine Ayse, Zülal, oder Meryam. Wer weiß, was aus dem Mädchen geworden ist…Zeit , Zeit, Zeit tickt die Uhr.
Stunde um Stunde geht meine Zeit an diesem Frühlingstag spazieren; sie löst sich vom Vertrauten, vom Alltäglichen und legt sich in Ritzen dieser Wände. Ich lasse hier etwas von mir zurück, etwas , was überdauert. Kein Kinderkleid oder einen vergessenen Schuh, nein, es sind meine Gedanken, die vollgesogen sind vom Leben und der Lust nach der Liebe. Vollgesogen vom Rauch der letzten Zigarette und vom letzten Wort.
Die schiefe Tür , sie ist ein Sinnbild für mein Dasein. Ein Leben zwischen Offen und Geschlossen. Lichtspaltbreit eine Verheißung zum Paradies des Lavendelseifenduftes. Dunkelheit am Wintermorgen, Schutz vor Zugluft , dem Sturm im Haus des Alltäglichen . Selbst der alte Riegel hat sich dem verbogenen Holz angeschmiegt, er schließt noch und ich bin sicher, er wird auch noch weitere hundert Jahre schließen, selbst wenn die Tür sich weiter neigen wird. Manches passt einfach zusammen. Das ist so. Da braucht man nicht zu hinterfragen.

ps: hier ist das Kleidchen vom Hängeboden…kleid , gefunden auf dem hängeboden

© MAR 2007

8. Oktober 2014

hinterLASSenschaft

Filed under: DER mensch als fremder ORT, sprach-RÄUME lyrik, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 6:46 PM

ein-teil-des-zimmers

Du gingst ,

und nun stehe ich vor all den

Seiten voller Wörter.

Blatt um Blatt

wende ich  das Leben,

welches Du mir

in Büchern hinterlässt…

und ich wünschte mir,

ich hätte Dir damals

immer genau zugehört.

Staub, sichtbare Teilchen

gewesener Zeit

flirrt durch die Luft und riecht nach Vergangenheit.

Mit dem Finger hinterlasse ich

kleine Spuren

auf dem Einband

und mit einer Brise Atem

hauche ich Dir

für einen Moment

wieder Leben ein.

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