Silk and Paper

27. September 2014

Filed under: DER mensch als fremder ORT, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 1:51 PM

http://www.arte.tv/guide/de/suchergebnisse?keyword=irbo

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25. September 2014

NÄHE ist ungenau

Filed under: sprach-RÄUME lyrik — silkandpaper @ 2:04 PM

…in die Tiefe schauen,

denn Nähe ist ungenau ,

zu klar der erste Blick,

zu hell blendendes Licht.

Sich erfinden,

unten im Abgrund…

selbst Umrisse sind

nicht erkennbar,

dort, wo alles eingeschlossen

von Schwärze,

wird das Auge schärfer

für Wesentliches.

2010

unfertig

Filed under: sprach-RÄUME lyrik — silkandpaper @ 9:41 AM

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Unfertig bist du noch, sagte sie .
als Rufer in der Wüste taugst du
noch nicht in diesem bitteren Land

selbst wenn du den Apfel
in den Honig tauchst
an diesem besonderen Tag.

Doch der Biss , sagte ich , auf den
Kern im Gehäuse, schmeckt
nach Unendlichkeit der Erde.

Jetzt ist der Apfelbaum längst
verwurzelt in mir und trägt
Jahr um Jahr süße Früchte

Unfertig werd’ ich immer sein.
Als Rufer in der Wüste tauge ich
nicht – nirgendwo.

Rosh Ha Shana  in Erinnerung an meine Großmutter llave-der-schlussel-tm-by-silkandpaper.jpg

13. September 2014

ERinnerung

Filed under: sprach-RÄUME lyrik, Uncategorized, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 4:49 PM

balkon 039

Der Herbstwind bauscht

meinen Mantel auf,

und auch meine Seele,

die wieder lernen muss,

in der Vergangenheit zu atmen.

Sein Hauch streift mein Tagebuch

Langsam blättert es sich auf ,

ein weißer Fächer

und verirrt sich

im Niemandsland der Worte.

Ein Duft von Quitten

haftet ihm noch  an.

Eine zarte Erinnerung

aus dem Gestern.

Aus längst vergangener Zeit .

12. September 2014

der BÜCHER-verkäufer

Filed under: DER mensch als fremder ORT, kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 8:11 PM

Ich wollte schon immer wissen, wohin die Wörter gehen, wenn sie geschrieben und abgeheftet, eingetütet und abgeschickt, im schlimmsten Falle zurückgeschickt, und dann in Schubladen überdauern.Wo sind sie?
Meine kindlichen Fantasien gingen soweit,das ich abends im Bett liegend, Zwiesprache hielt mit diesen Gefangenen in der alten Schreibtischlade.Ich befreite sie aus dem hölzernen Verlies und siehe da; diese Freiheit schien ihnen gut zu bekommen. Sie fochten kleine Kämpfe an meiner Seite aus, ließen Schneeweißchen und Rosenrot , Kalif Storch, das Katerlieschen oder Nasreddin auferstehen und fanden sogar noch die Kraft Widerworte zu erfinden gegen meine Mutter, die verzweifelt versuchte, die Nacht zum Schlafen zu nützen …
Und dann-endlich! Schulanfang.

Da sind die Wörter! Ich hatte sie entdeckt an einem Schwarzen Brett. Eine schwarze Schiefertafel … Ein Schwarzes Brett, das wusste ich , ist nur für wichtige Dinge vorbehalten. Hier ist der Ort, der mein Rätsel löst. Meine Freunde waren wie durch ein Wunder aus ihrem Versteck befreit sie spazierten über leeres Papier und waren sogar bereit, sich zwischen kleinen roten und blauen Zeilen einzuzwängen (aberwitzige gab es trotzdem und die wurden vom Rotstift der Lehrerin bestimmt aber liebevoll gemaßregelt … )
Meine Wörter! Mama hatte keine Chance mehr. Meine Wörter – sie waren frei! Wie ich.
Überall konnte ich sie mit hinnehmen, sie schaukelten gern auf meinen Knien, wenn der Bus mich zur Schule fuhr. Ihr neues Zuhause, meine Fibel …

Wo sind die Wörter nur hingegangen, hingegangen, mit denen ich streiten konnte, mich wieder versöhnte, ihnen zustimmte, sie ablehnte, sie nicht verstand oder mich auch in ihren Wohlklang verliebte. Wörter, die allein durch ihre Lautmalerei mich mit allem versöhnten, was unverständlich blieb.

Mein erstes Buch, ABC …
Hier sollte ich meine Suche beginnen, hier und bei seinen Geschwistern, den Tausenden anderen Büchern.
Wie ich herausgefunden hatte, sind meine kleinen Freunde von damals schon immer Vagabunden gewesen, das hatte es mir erschwert, auf die Suche zu gehen. Alles wegschließen, einsperren, verfremden oder verstecken hat sie nicht davon abbringen können, Grenzen zu überschreiten. Damals wusste ich noch nicht, das meine Freiheit auch ihre Freiheit bedeutete.

Jetzt, wenn ich mich erinnere, habe ich sie teilweise sogar genötigt, von mir wegzugehen. Mein erster Liebesbrief, er kam nie mehr zurück … er wäre auch ohne Sinn geblieben in meinen Händen, hätte die Wörter nie wieder verwenden können.
Oder auch die harschen Worte auf dem Zettel in der Küche mit der Aufforderung, das Leben doch endlich in Ordnung zu bringen …

Ja, damals haben sich die Wörter vorwitzig und unbedacht, überschwänglich und selbstverliebt in meinem Bleistift hineingeschlichen …
Nun aber , wenn ich den kleinen Vagabunden nachreisen konnte in ihre andere Welten, beschlich mich ein wenig Furcht, ob sie mich noch erkennen und ob ich sie wiederfinden könnte, dort in der Fremde, unter anderem Namen. Mit der Fantasie eines Kindes vielleicht aber jetzt ?

Eins- zwei- drei- vier-Eckstein., wer kennt ihn nicht, den Kindervers, zum Auszählen, zum Verzögern der Zeit , wenn man jemanden suchen sollte. Versteck spielen.
Zuerst sucht man in allen herkömmlichen Nischen, Ecken und Winkel.,sie sind vertraut. Ganz selten begann man mit der Suche an den unmöglichsten Plätzen …
Aber meine Wörter? Sie sind, das wusste ich, nicht die einfachsten unter meinen Freunden. In kluger Weise haben sie sich in den quirligen Zwischentönen aller Sprachen versteckt.
Und dann?
Also sollte ich mich an sie heranpirschen, sie beobachten, ihre neue Ausdrucksweise lernen, sie neu entdecken. Gleichwohl wie sie verändert erscheinen, sie sind doch meine Kindheit, die mir nicht abhandenkommen darf!

Und ich hatte Hilfe auf der Suche nach ihnen; ausgerechnet von den Wörter-Büchern, die je wie man es auslegen mag, Freund oder Feind der Wörter sein konnten.

Diese Allianz hat mich in fremde Länder verschlagen, und dort habe ich einige meiner alten Freunde wiederentdecken können libra, book, kniga, hon, journal, gazjeta …
Doch meine wichtigste Erkenntnis, die tiefste Entdeckung bescherte mir ein alter Mann, ein alter Bücherverkäufer auf einem Markt.

Beim Hinabbeugen zu ihm zogen in Höhen und Tiefen Stimmgewirr an meinem Ohr vorbei; das Geräusch klappernder Schritte untermalte das Rascheln suchender Hände in alten Kartons. Es schien, als wollten sich alle Töne in diesem einen Moment selbst überbieten, wie die Radiosender, die im schnellen Auf und Ab des Senderknopfes zu etwas Ungeordnetem werden- und sich trotzdem ausbalancieren. Dieses Geschwirr machte mich fast glauben taub zu sein.

Die Worte des Mannes erreichten mich nicht mehr, ich sah nur seine Augen, und der Luftzug, der mich beim Hinabbeugenstreifte , legte sich wie ein unsichtbarer Film auf sein Gesicht.
Er lächelte mich an und mir schien, als wolle er die Zeit meiner langjährigen Suche einfach hinwegwischen mit der Geste, doch hier an seiner Seite Platz zu nehmen.

Schwungvoll schob er mir über die alten Holzplanken Bücher entgegen, halb aufgelöste Bündel von Papieren, Geschriebenes, Gewesenes, Wörter. Alt wie dieser Mann und älter! Plötzlich wird dieser Händler für mich durchsichtig, transparent, durchschaubar, denn er offenbarte mir mit seinen Erinnerungen eigentlich mein Leben!
Behutsam strich er über die alten Schriftzeichen, zärtlich wendete er die Seiten und versuchte mir zu erklären, dass heutzutage so etwas kaum noch jemand lesen könne, gerade die Jüngeren, die sich mit den Abkürzungen in der Sprache ihre eigenen Barrieren bauen, sie verstünden dies nicht mehr, selbst nicht das gesprochene Wort …

Woran erinnerte mich dieser Bücherhändler? So nahe und vertraut schien er mir, wie er mit einfachen Worten versucht, die komplizierten Schriftzeichen zu erklären. Fast wie ein Museumsführer gestikulierte er mit den Fingern in der Luft, Zuschauer scharrten sich um uns – wir waren eine willkommene Belustigung, der alte Mann und die junge Fremde … und ich fühlte mich fast wie inmitten einer Skulpturengalerie, und meine Neugier ließ mich sogar fast versteinern.

Ich fühlte mich so unkundig, so zurückgewiesen, so verloren in den einfachen Worten des Mannes, in denen sich alles spiegelte, was eine Kultur und sein Wissen ausmachte. Die Bücher, die er mir entgegenstreckte, diese alten papiernen Dokumente vergangener Zeit, von Insekten von der ersten bis zur letzten Seite

durchlöchert, von der Gerbsäure und der feuchten Sommerluft mit braunen, unansehnlichen Rändern zu bizarren Landkarten nicht existierender Kontinente gekennzeichnet – diese Bücher bestanden noch aus jenen Substanzen von Material und Ideellen, die mit den Menschenwörtern verwoben schienen; weil sie so unmittelbar aus der Vergangenheit kommend mich in dieser Gegenwart überwältigten. Fast kam es mir einer Indiskretion gleich, das Berühren dieser Seiten, dieser Worte, es schien mir wie ein Offenlegen alter Akten, an deren Inhalt sich niemand so recht heranwagen will, hat sich doch schon diese oder jene Wahrheit über die Angelegenheit gelegt …
Und da waren sie, die Wörter!

Versteckt in einem Bild, in einem in sich selbst verschlungenen
Schriftzeichen, in einer alten ausgeblichenen Holzschnitt-Illustration.Sie sind mit der schwarzen Tusche in das weiche Papier gesunken, haben die Zeiten überdauert in den Zwischentönen einer anderen Sprache!

Der alte Mann lebt heute nicht mehr, doch er ist immer für mich gegenwärtig. Sein gestikulierendes Gespräch hatte mir die Tür zu meiner Kindheit geöffnet, hat die hölzernen Schreibtischschubladen in meiner Erinnerung wieder geöffnet, hat das was am Verglimmen schien wieder entfacht. Dass was am eigenen Widerschein verfremdet schien, hatte wieder einen Klang und ein Gesicht erhalten.Wörter. Ich habe sie wieder gefunden.

In der Stille, im Lauten.

Sie sind die verstreuten Erinnerungen, sind innere Markierungspunkte, sind doppelt belichtete Fotos und Heimat für den Heimatlosen. Die Wörter, meine vagabundierenden Freunde der Kindheit, zu suchen schien. Fast aussichtslos auf der Suche nach ihnen bin ich mitunter im Niemandsland ankommen. Aber auch das ist gut so, denke ich. So treffend das Gedicht, welches der alte Bücherverkäufer mir zu übersetzen versuchte:

Der Mensch ist ein Wanderer, auch ich bin ein Wanderer. Der Frühling vergeht.

Ich wollte schon immer wissen, wohin die Wörter gehen. Sie sind überall. Sie sind frei. So wie ich.

Und ich bin mir ganz sicher, dass jeder seine Wörter wiederfinden kann.
Alte Bücherverkäufer gibt es überall.

MAR 2007

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