Silk and Paper

15. Juni 2014

FRAGmENte

Filed under: DER mensch als fremder ORT, kurzgeSCHICHTen, privat, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 4:44 PM

 

Foto © Ara Güler

Foto © Ara Güler

Die erste Fähre

Alles hat anders angefangen. Momente in der Zeit , die überraschend sich ändern, wenn man nach Ausflüchten oder Erklärungen sucht, wenn man sich für etwas  rechtfertigen wollte oder auch nur, um dem Moment,  der abrupt eine Wende nahm, einen Anfang zu schenken. 

Alles hat anders angefangen, es war nicht immer wie letzte Nacht …so begann auch er, und packte den Stapel loser Bögen fast unachtsam auf die noch vom Regen feuchte Bank neben sich, legte dann die Handflächen auf die Oberschenkel und bog vier Finger seiner Hand zu einer kleinen, offenen Faust;  er zuckte aber sogleich wieder zurück –   die Bügelfalten!   Immer und immer wieder hatte ihn wohl  auch seine Mutter erklärt, dass einen feinen Herrn ausmacht, dass die Bügelfalten in jeder Situation überall scharf und geradlinig den Stoff optisch teilen sollten… Oder war es eine Verlegenheitsgeste, dass seine Hände sich in die Beine krallen wollten und nur die Scheu, andere könnten seine Enttäuschung oder Trauer sehen, hielt ihn ab.  

Der Freund, der ihm gegenüber saß, blinzelte ihm zu und meinte nur, ach so – und geendet hat es anders? Augenblicklich wurde ihm gewahr dass er sich über den Freund lustig gemacht hatte und versuchte, den missglückten Scherz in eine andere Richtung zu lenken und setzte eine ernste Miene auf…Es folgte ein langes Schweigen

Nein, meinte er, sprang von der Bank auf  und beschrieb dramatisch mit den Armen einen halbrunden Bogen und schaute dabei hinauf zum morgendlich blass ausgesternten Himmel. Nein, das meinte ich nicht, sprach er zu sich selbst und dann sah er seinen Freund aus den Augenwinkeln an . Siehst du nicht, wie unerreichbar das Tiefste, das Blaueste, das Unberührbarste ist?  Dieser Himmel, dieses Wunder, welches meine ganze Seligkeit beschreiben kann.  Dann wird es hell und alles ist weggewischt.  Oder dort, diese zitternde, welke Blüte, die auf dem Wasser schaukelt, und die uns beim längeren Hinschauen etwas vorgaukeln kann, was gar nicht da ist. Die Nacht geht,  als hätte sie es nie gegeben…

Du denkst, das Schicksal sei grau. Du denkst, es sei wie diese dunkle Wolke, die über den Köpfen dahingleitet, und dass es hier und da  gerecht etwas von seinen Wehmutsliedern und Freudentrillern verteilt, aber dem ist nicht so. Das Schicksal ist weiß. Es ist ein ausgefranstes Stück Papier. Da, wo gestern noch die Worte standen, die ich für meine  Einzige  geschrieben habe, sind Buchstaben ausradiert und Satzzeichen abgerissen und nun liegt es an mir allein, sie wiederzufinden.  Man  geht auf die Suche und jedes Mal, wenn man denkt, dass sich das Schicksal erfüllen könnte, weht ein Wind daher und reißt dir das soeben Gefundene wieder aus den Händen.

Einen Schritt rückwärts taumelnd griff er nach dem ersten Bogen, der mit zahlreichen durchgestrichenen Wörtern versehen, und nun zwischen seinem Zeigefinger und Daumen im Fahrtwind tanzte 

Du denkst das Schicksal sei grau, weil die Tinte, die im Regen verläuft, sich so ins Weiß frisst, dass es von Weitem so scheint, als würde es zu einer Pfütze verschwimmen. Es ist alles ganz anders. 

Mit den letzten Worten nahm er sein Manuskript und warf es von der Fähre. 

 

 

 

 

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Foto © Ara Güler

Foto © Ara Güler

Am Morgen

 

Es roch nach Wasser. Und auch nach Verbranntem .

Das Streichholz glimmt langsam aus, krümmt sich und bleibt verformt im Aschenbecher liegen.

Der Herr aus Istanbul lehnt sich zurück und lässt den Blick über die feuerrote Zigarettenspitze schweifen. Drüben, auf der asiatischen Seite macht wahrscheinlich gerade der Fährmann das kleine Boot startklar und wird sich sicher nicht in die süße Melodie der Wellen verlieben können wie er, der eigentlich die Nacht ausklingen lässt und bereit ist, diesem frischen und wassergeschwängerten Morgen eine romantische Note zu verleihen. Der Bootsinhaber hört das Scheppern der Kette, das dumpfe Anstoßen seines Bootes am Boot des Nachbarn und vielleicht,  in einem stillen Moment , das Kreischen der Möwen.

 

Der Herr streckt nun die Beine aus und bemerkt, dass die Schuhe, die er am Abend zuvor blank putzen ließ, die Wege durch die Nacht nicht gut überstanden haben. Überall waren senffarbene Spritzer und die Laufsohle war sogar von einer dunkelbrauen Kruste überzogen. Aber nach einer Sommernacht wie dieser, wo er in Gassen und Straßen Menschen ausweichen musste, wo er, leicht angetrunken, hinaus aus der Taverna trat und hinein in eine Pfütze undefinierbarer Farbe; nach so einer Sommernacht verlangt es niemanden nach Perfektion oder gar nach einer Reinlichkeit, die nur Menschen zur Schau trugen, die ihren Lebensinhalt in der beschaulichen Wohnung zu finden vermögen.

 

Auch das typische Hinunterbeugen, um schnell mit einem Stück Papier über die Schuhe zu fahren, konnte er getrost unterlassen- er war allein . Und das war etwas Besonderes in einer Stadt wie Istanbul. Es sind nur wenige Momente am Morgen, wo es den Anschein hatte, dass die Häuser tief und schwer in den Bergen hingen, dass die Minarette ihre hölzernen Luken geschlossen hatten , dass selbst das Wasser zu flüstern schien.

Er war allein, besser gesagt, er war einsam. Nur das wusste er in diesem Moment noch nicht.

 

 

 

ps als ich vor 20 Jahren in Istanbul war, Fragmente aus dem Reisetagebuch. Heute habe ich zwischen fliegenden Blättern 2 Notizen gefunden. Ich dachte mir, es lohne sich, sie aufzuheben.

 

 

 

 

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