Silk and Paper

1. Juni 2014

türme? nEIN ! türen


 

 

Türme? Nein, Türen!

 

Der Mensch ist ein fremder Ort. Er ist der Turm von Babel , der zwar hoch hinauf ragt und weithin sichtbar im Gedächtnis der Menschheit als geflügeltes Wort beheimatet ist , der aber auch als Synonym für Unverständnis und Sprachgewirr steht. Der Mensch als Raum, als Gefäß für die Sprachen der Welt, für die Kulturen der Welt…

Beim Blättern in einer Museumsbuchhandlung entdeckte ich zufällig das Bild vom Turmbau zu Babel , die Sprachverwirrung von Gustave Dorè , dessen Bilder und Illustrationen immer einen Hauch von Science-Fiction haben und das, obwohl er aus einem ganz anderen Jahrhundert stammt als die, die sich gern seiner Bilder bedienen.

Vor dem wolkenverhangenen konischen Turm von Babel richtet sich in fast verzweifelter Pose ein Mensch auf, der mit den geöffneten Händen den Himmel anzuflehen scheint.

Ich war und bin immer sehr weit entfernt von mystisch-verklärten , biblischen Darstellungen, aber unter dem Blick, sie als Allegorie zu erkennen, die der literarischen Metapher gleich, gerade DURCH das „anders umschreiben “ die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, blieb ich bei diesem Bild nachhaltig berührt.

Der Bogen spannt sich hier zu einem Samstag 2008 , als ich mit Kindern und Jugendlichen ein Museum besuchte Es war die Ausstellung von Candice Breitz, die sich mit dem Starkult Jugendlicher auseinander gesetzt hat und auf sehr eindrucksvolle Weise reflektiert hatte . Nach dem Besuch ist eigentlich vor dem Besuch, denn wie auch beim Lesen öffnen sich plötzlich geistige Türen und Schleusen und ehe man sich versieht , plante man schon den nächsten Besuch, das nächste Buch, die nächste Ausstellung.

Nach der Ausstellung gingen wir ins Café und das Postkartenbild legte ich auf den Tisch.

Dieser kurze Absatz ist für Euch Lesende schon ein babylonische Sprachgewirr? Was hat Dorès Bild mit Starkult zu tun und wieso sind biblische Themen in der Malerei mitunter wie eine Eintrittskarte zu sich selbst ?

Ich versuche es auf einen Nenner zu bringen. Beim Betrachten des Bildes fiel mir ganz spontan das Wort „Identität“ ein .

Wie die Geschichte um den Turmbau von Babel zustande kam, kennt eigentlich jeder… Zur auffrischenden Erinnerung die Kurzfassung: … die EINE Sprache, die bis dahin alle Völker sprachen, zerfiel in 70 Sprachen und alles, die sich vorher mühelos verständigen konnten, wurden der gemeinsamen Sprache beraubt.

Breitz‘ Ausstellung: zusammengetragene Aufzeichnungen von nachgestellten und nachgesungenen Songs von Popstars durch jugendliche Fans : … wie eine Suche nach der verlorenen Identität, wie das Vergessene noch vergessener machen, wie das Daherschenken seiner selbst zugunsten einer fremden Identität.

Identität ist Heimat ; so wie ich diese Verlorenheit des flehenden Menschen auf dem Bild von Dorè deute, ist es nicht nur der Schmerz über den Verlust der Sprache, sondern auch der Schmerz um den Verlust der Heimat, die den Menschen offensichtlich als kollektives Erinnern oder kollektives Gedächtnis bis heute prägt . Identitätssuche, Identitätsfindung geht doch immer einher mit Sprache.

Im Gespräch mit den Jugendlichen über die Problematik von Starkult, über die Selbstaufgabe bis hin zur Starhysterie zu Gunsten von Fanclubs etc. , spannte sich ohne weiteres Zutun der Bogen bis hin zu diesem Bild , welches im Caféhaus auf dem Tisch lag.

Ich nahm im Gespräch keinen großen Bezug auf die Genesis, weil es mir in diesem spontanen Miteinander weniger um religiöse Malerei als um Selbstentdeckung, Selbstfindung und Selbsterkenntnis von Teenagern ging.

Ja, man kann sehr gut erklären, dass wir alle „fremde Orte“ sind. Wir alle sind ein Stück vom Turm , sprachverloren, ständig auf der Suche nach dem Ich, nach dem, was uns ausmacht, nach dem, was uns miteinander verbindet und uns ähnlich macht.

Nicht selten stürzen wir uns ins Sprachgewirr und versuchen, die Worte zu entziffern, zu verstehen und selten will man sich eingestehen, das man NICHT so weit ins Gedächtnis der Menschheit zurückgehen kann, um ALLES zu begreifen, was die Einzigartigkeit eines jeden einzelnen ausmacht. Nicht selten müssen wir uns damit zufrieden geben, wenn wir uns selbst manchmal nur ansatzweise verstehen können.

 

Der Mensch ist ein fremder Ort , und es lohnt sich, ihn aufzusuchen, ihn zu bereisen. Wie ? Redet miteinander ! Auch wenn der Schatten des Turm von Babel auf Euch fällt. Auch wenn man dreimal nachfragen muss… Auch wenn man eine andere Sprache lernen muss. Sprecht miteinander! Und vielleicht ist eine Postkarte oder ein Lied der Anfang dazu.

MAR 

 

 

 

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