Silk and Paper

1. Juni 2014

reisen- WOhin

Filed under: DER mensch als fremder ORT, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 7:29 AM

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Reisen- wohin?


 

Seit mehreren Jahren statte ich mir ab und zu selbst einen Besuch ab in meinem Leben. Am Ende des Jahres, aber auch zwischendurch in schlaflosen Nächten , wenn man die Gepflogenheit hat, einen innerlichen Kehraus zu machen.

Sich selbst aufzuräumen , zu ordnen, zu verstauen , aufzustapeln, zwischen einem gemütlichen Chaos sitzen zu können , mit einem Augenzwinkern seine ungelösten Fälle in die „fremden Hände“ seiner eigenen Detektei zu legen…Wie macht man das , fragen mich oft die Menschen, denen ich begegne?
Wie kann man bei sich selbst zu Gast sein?

Ist es nicht schon schwer genug, bei sich in der eigenen Seele zu Hause zu sein? 
Man muss, um sich als Gast aushalten zu können, sich selbst einmal anders sehen lernen. Man sollte sich das Abenteuer gönnen, auch einmal von außen an die Tür klopfen. Ein Zwiegespräch führen mit sich, eine eigene Ansprache halten. 
Die schönste Gelegenheit sich als Gast sehen zu lernen, ist die einer Reise in ferne Gefilde. Fern, das kann mitunter schon die nächste Stadt sein, in der Dich niemand kennt ,aber wo Du schon mit beschwingteren Schritten mit Deinen Füßen den Asphalt berührst und mit frechem und trotzigen Blicken einer Neugier standhalten kannst, der Du in Deinem eigenen Umfeld möglicherweise mit Abwehr reagierst. Wer will sich schon in die Karten, oder in den Kochtopf gucken lassen …

Hier, in der momentanen Ferne kannst Du Dich anders spiegeln, anders sehen, mit Dir fremd sein, um bei Dir selbst wieder ankommen zu können. Noch ferner wäre ein anderes Land, um grenzüberschreitend feststellen zu können, dass Du Dich selbst mitgenommen hast und trotzdem bereit bist, ein anderer zu sein?
Ja , wie ist man Gast bei sich selbst und wie kann ich vermitteln, dass ich jetzt ,ausgerechnet jetzt , mein eigener Gast bin, dass ich jetzt , ausgerechnet jetzt , ganz intensiv reflektieren möchte, was ich sehe? 
Viele Möglichkeiten tun sich da auf. z.B. das Schreiben, was für mich wie die Atemluft ist ….immer wieder finde ich mich auf Wortreisen wieder…

Wortreisen. Die gesprochene Sprache, erschütternd tief sein kann und an der Seele kratzt, oder plänkelnd oberflächlich ich und sich selbst genügt … Ich springe beim Schreiben vom Ich zum Du und meine doch jeden Menschen und mich selbst. Ich möchte mich nicht an grammatikalischen Felsen festkrallen und schere aus den Regeln eines Dudens manchmal ziemlich dramatisch aus. Grenzwertig fremd sind mir im ersten Moment manche Überlegungen…. Aber halt! Fremd – das Wort ist schon wieder eine neue Reise wert…


Papierreisen. Aufschreiben und bewahren wollen, was sonst flüchtig wäre, das Dahingeträumte und Dahingesagte…Sätze und Absätze trennen fein säuberlich das vermeintlich Wichtige vom Unwichtigen. Punkte, Kommata, Gedankenstriche zeigen dem Leser an, dass hier und dort das Leben unfertig ist und vielleicht sogar so bleiben muss – unfertig und wartend. Weil es fließt und weil es lebt . Weil es sich verändert, Tag für Tag, um doch das Gleiche bleiben zu können.

Sichtreisen. Augen, die ringsum schauen und ablichten, was kein Fotoapparat je auf ein Bild bannen könnte. Millionenfach gleiten meine Augenlider über meine Pupillen. Ein Leben lang „fotografiere“ ich die Welt, ohne gebührend erklären zu können , was ich sehe, was ich sah…Jeder Augenaufschlag verlangt einen anderen Fokus, weil in den Sekunden eines Augenblickes sich die Welt verändert hat. Das kennen wir alle. Kinderspiele, Verstecken, die Hände vors Gesicht. Aus dem Augenblick der Dunkelheit blinzelt man in den Tag und begibt sich auf die Suche nach den Freunden, die eben noch da waren –aber jetzt versteckt sind. Sekunden wechseln vom Licht zum Schatten und umgekehrt.

Geruchsreise. Ich folge dem olfaktorischen Reiseführer ins Reich der Gerüche. Spuren aus Molekülen, die mich Dank ihrer Intensität sogar in die kleinsten Winkel einer Stadt locken, weil es da nach etwas duftet, was ich noch nicht kenne. . Oder weil da etwas Fremdes in meine Nase steigt, was mir Signal ist, dort, ja gerade dort nachzuschauen. Nicht alles auf einer Geruchsreise hat Stationen, die ich ein zweites Mal frequentieren würde, aber die Erinnerung speichert sich ab – gibt mir ein Zeichen. Man muss nicht alles versprühen, um seine Duftmarke zu setzen. 


Gastreisen. Anzeigendeutsch und belustigend klingend nach 5-Gänge-Menü und Nachtisch aus der Dose. Fremde Betten, die knarren und Matratzen, die durchgelegen sind. Obwohl ich es weiß, dass diese Nächte in fremden Betten Schlaflosigkeit und entsetzliche Rückenschmerzen nach sich ziehen, liebe ich es , dem Flüstern und Knarren des Gebälkes eines Fremdenzimmers zu lauschen, vielleicht unter dem Bett einen liegengebliebenen Zettel zu finden, wenn ich das zerwühlte Kopfkissen am Morgen vom Boden aufklaube. Gast sein – das klingt nach Gastfreundschaft. Ein schönes Wort- zwei Worte , die sich nicht ausschließen- Freundschaft und Gast – aus dem fremden Gast kann ein Freund werden…


Was schreibe ich nur ständig auf, und was will ich damit sagen? Die eigene Reise, die Augenblick an Augenblick fügt und wie ein Film einen Abspann verlangt, eine Liste von Protagonisten, von Statisten und Beleuchtern…diese Reise ist nicht zu Ende.

Ich breche aus. Ich breche aus dem konventionellen Leben aus und gehe mit meiner Phantasie auf Reisen. Manche Reisen, die jetzt noch folgen sind schlussendlich die Quintessenz aus all den Widersprüchlichkeiten des Lebens, die allerdings in die richtige Reihenfolge gebracht, ihrer Widersprüchlichkeit trotzen. 


In einem nächsten Monat, einer Woche, einem Jahr, sitze ich schon wieder auf gepackten Koffern – mit einem Koffer reise ich wie auf dem fliegenden Teppich nach Irgendwo und gehe all den Dingen nach, die mich in meinem Leben aufgespürt haben und sich als Sehnsucht in mir abgesetzt haben. 
So viel Ungesagtes wartet dort auf mich. Ungesagtes, was ich von hier mit dorthin nehme als Worte, Träume und Wünsche, die auf allen Wortreisen noch keine Haltestation fanden…Dort findet jedes Wort seine Bestimmung…


Die Reise zu sich selbst, sein eigener Gast zu sein in einem fernen Land …diese Reise folgt einer inneren Einladung, die ich mir selbst vor Jahren gab. Ich werde in der Dämmerung durch die Stadt streifen um im richtigen Moment die Augen zu öffnen, genau dann, wenn das Licht dem Versteckspiel ein Ende bereitet. Wenn die Sonne aufgeht und das Tosen einer Stadt mir den Atem nehmen wird vor Erstaunen.
Das, was die Stadt mir geben kann wird festgehalten , in den Momenten der Augenblicke.
Die Stadt dort draußen wird ihre Stadtgrenzen erweitern, sie wird sie ausbreiten in mir und mich durchdringen und die Wellen des Meeres werden emotionale Überschwemmungen in mir anrichten. Das wird anfangs ein fremdes Gefühl sein, das, um in mir heimisch werden zu können, vorerst mit dem Gästezimmer meiner Sehnsüchte vorlieb nehmen muss. 


Ich errichte als Mitbringsel mit den Hinterlassenschaften menschlicher Träume ein Labyrinth, welches mit Fotos und Licht-und Schattenspielen, mit Gerüchen und mit Geräuschen hier in meiner Berliner Welt die unlösbaren Rätsel des eigenen Lebens für Momente Fremden zugänglich macht. Fremden, die Gast sein können . Gäste, die bleiben können . Als Freunde.

 

Copyright: MAR / silkandpaper

 

 

 

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