Silk and Paper

22. Dezember 2013

wINter

Filed under: DER mensch als fremder ORT, kurzgeSCHICHTen, Uncategorized, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 10:19 AM

 

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Innerhalb von zwei Tagen ist nun der Winter eingebrochen und der Wind hat sich vom sanften Schmeichler in einen wilden Gesellen verwandelt. Immer wieder erstaunt es mich doch, wie die Natur uns überraschen kann mit Dingen, die uns Jahr und Tag begleiten. Wir bräuchten uns nur 9 Monate zurückzuerinnern und könnten den Hauch von Eis und Schnee fast spüren. Aber aus irgendeinem sicher erklärbaren Grunde vergessen wir diese Kälte und staunen überrascht, wenn der erste Schnee fällt und der Wind sein Gesicht an das Fenster drückt und die Scheiben leise knirschen.

Und doch, obwohl wir trotz der naturgegebenen Gabe, den ganzen Sommer hindurch einen Erinnerungsverlust zu haben , gibt es Momente oder Situationen, die einen wieder die Kälte spüren lassen , die damals unter die Kleidung kroch, die Hände klamm machte oder uns lieber ins Warme flüchten ließ.

Wie oft bedauerte ich die Verkäufer auf offenen Märkten, die sich fröstelnd in die Hände hauchten und von einem Bein auf das andere sprangen, um nicht ganz und gar in der Kälte zu erstarren. Sommers ist das ein herrlicher Zeitvertreib, dem bunten Treiben und den Gerüchen des Wochenmarktes nachzugehen, hier und da stehen zu bleiben, dem Schwatzen der Menschen zu lauschen. Doch im Winter hastete ich von Stand zu Stand, damit ich so flink wie es nur geht, wieder nach Hause ins Warme kam.
Doch die Vorweihnachtszeit forderte etwas mehr von mir ab. Dort die Nüsse, da die Rosinen, dort die Butter vom Bauern, da die Gewürze, nicht zu vergessen die Tanne…
Meine Zehen kribbelten, denn leider hatte ich in der Eile die ungefütterten Schuhe angezogen und die Kälte kroch durch das dünne Leder.

Ich wollte nur schnell irgendwo Wärme tanken, irgendwo die schweren Taschen absetzen und für einen Moment ausruhen. Die Kirche auf dem Marktplatz, immer geöffnet, war am nächsten, und so setzte ich mich in eine der langen, hölzernen Bänke. Es war still und die dicken Mauern schluckten den Marktlärm so einfach weg; eine dunkle, tiefe Stille lag in diesem Gemäuer. Nur das gefilterte Tageslicht fiel auf die Bankreihen und das hölzerne Interieur an den Wänden warf Schatten.
Anheimelnd war das nicht gerade, ich schien alleine zu sein, ein bisschen unheimlich. Plötzlich hörte ich ein Geräusch; es klang wie ein ganz tiefes, schweres Atmen und dann – ein klagendes Schluchzen. Einige Reihen vor mir saß ein Mann und weinte. Offensichtlich wähnte er sich allein in der Kirche, denn sein Weinen wurde immer lauter und wirklich schmerzerfüllt.
Ich war unsicher, ob ich mich bemerkbar machen sollte; wollte ich ihn doch nicht beschämen, wenn er hier alleine weinen wollte; andererseits dachte ich, bräuchte er Trost. Und so stand ich etwas geräuschvoller auf und ging zu ihm. Ich setzte mich auf die Bankreihe hinter ihm und fragte, ob er Hilfe brauche. Meine Hand legte ich ihm auf die Schulter, damit er das Gefühl bekäme, dass jemand da ist, der Trost spenden kann. Er weinte weiter und während er sich die Nase wischte erzählte er mir, dass seine Freundin ihn nach langer gemeinsamer Zeit verlassen hätte, ohne Vorwarnung, ohne einen für ihn ersichtlichen Grund, nur mit seiner Mutmaßung, dass sie wahrscheinlich einen anderen Mann hat. Gerade jetzt in dieser so kalten, dunklen und einsamen Zeit könne er es nicht in seiner Wohnung ertragen, alleine zu sein. Ich schaute mich fast demonstrativ um und meinte, dass es hier auch nicht gerade vor Menschen wimmele.
Na ja, meinte er, er war auf dem Markt und wollte einkaufen und es wurde ihm kalt. Wie mir, sagte ich ihm, ich wollte auch schnell meine Füße wärmen, bevor ich weiter müsse, um dann nach Hause zu gehen.
Ich schlug ihm vor, in eines der Cafés zu gehen, die ringsum den Marktplatz einrahmten.
Dort wäre es noch wärmer, es wäre heller und es gäbe was Warmes zu trinken,
kurzum lud ich ihn zum Kaffee ein. Nach einer kurzen zögerlichen Pause sagte er zu.  Später, nach fast 3 Stunden im Cafè, glühten nicht nur meine Füße,  sondern auch mein Kopf rauchte. Der Mann erzählte mir aus seinem Leben, so als hätten wir uns schon Jahre gekannt. Und doch ist etwas völlig Einfaches, einem Fremden all das zu sagen, was man seinen Freunden oft nicht mehr sagen kann. Ich war völlig unvorbelastet, völlig frei von Wertung und völlig offen für seinen Kummer, seine schönen Erinnerungen. Alles packte er auf diesen Kaffeehaustisch mit der weißen Papierdecke. Ich brauchte nur zuhören, nicken, trösten. Er musste keine Scham haben, keinen falschen Stolz, denn wir waren nur Bekannte für ein paar Stunden und wussten ungesagt, dass man sich wohl nie wieder begegnen würde.
Draußen wurde es dunkel und an den Einfachscheiben des Cafés begann von den Rahmen her der Frost seine weißen Eisblumen zu zeichnen. Ich sagte ihm dass, wenn die Eisblumen schmelzen, sein Schmerz über die verloren gegangene Liebe vorüber sein wird und dass diese erste, schmerzliche Erinnerung an diese Einsamkeit im Winter fast vergessen sein wird, sobald es wieder wärmer wird. Natürlich klänge dies sehr simpel und fast schon wieder wie aus einem Kitschroman, aber er solle mir glauben und versuchen, den Winter mit der Erinnerung an schöne Sommer und mit der Erwartung an die Wärme des Frühlings zu überstehen.

Welche Art von Abschiedsgruß kann man denn einem Menschen sagen, den man nicht wiedertreffen würde, den man nicht kennt und trotzdem um dessen Schmerz weiß?

Da war mir die Metapher der ewigen Wiederkehr im Kreislauf der Jahreszeiten recht. Ich reichte ihm die Hand und wir gingen verschiedene Wege. Lange habe ich zu Hause noch nachgedacht.  Natürlich konnte ich ihm nicht helfen, natürlich nicht die Probleme lösen, die ein trauerndes Herz nun für Monate mit sich herumträgt. Ich war der fremde  Mensch, dem selbst kalt war, dem fröstelte. Der Zufall führte uns für 3 Stunden  in einem Café zusammen.

Das ist nun schon Jahre her. Wenn ich eingangs das überraschende Erstaunen über den Wintereinbruch beschrieb und die gewollten Erinnerungsverluste über die Kälte, so wundert es mich doch manchmal, dass ich diesen Mann nie vergessen habe. Immer wenn es zum ersten Mal schneit in meiner Stadt, denke ich an diese 3 Stunden, denke ich an diesen Mann, der weinte und sich nicht scheute, sein Herz auszuschütten. Es ist wirklich merkwürdig. So viele Menschen haben seither meinen Weg gekreuzt und an viele von ihnen kann ich mich nicht erinnern. Doch mir dünkt es, dass dieses Erlebnis immer wenn es Winter wird, mit dem kalten Wind angeflogen kommt, an meine Scheiben klopft und meine Gedanken über die Stadt hinweg trägt zu diesem fremden Mann.
Das Leben ist wirklich voller Geheimnisse.

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 Copyright MAR / Silkandpaper

unter Pseudonym in Foren veröffentlicht

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