Silk and Paper

26. Juli 2012

wenn Männer in Bewegung kommen- und sei es nur eine Fata Morgana

Filed under: wahrNEHMungen, wenn männer in beWEGung kommen-und sei es... — silkandpaper @ 7:41 AM

Seit langer, langer Zeit läuft er mir hinterher, der alte Herr S..
Anfangs tat er jungenhaft und hüpfte wie ein gerade geschlüpfter Wiesenschreck mit den ersten Sonnenstrahlen um die Wette. Um Aufmerksamkeit heischend ließ er mich dann gar nicht mehr aus dem Augen und nun sitzt er mir tagtäglich im Nacken. Obwohl er so viele Jahre auf dem Buckel hat und , wenn man von diesem Alter ausgeht,  erwartet man , dass er schwerfällig und laut durch die Lande stapft; doch schleicht er sich an und bringt mich dazu, immer noch an seinen jugendlichen Leichtsinn zu glauben.
Er ist an manchen Tagen dick und schwer und zaubert trotz dieser Behäbigkeit Gefühle von Tanzen und Springen und die Sehnsucht nach leichtem Wein an holzigen Sommergartentischen in mein Herz. Immer wieder drängt er sich auf. Jedes Jahr macht er seine Runde und bleibt am liebsten dort, wo es nach Winzerseligkeit und Waldbeeren duftet. Da ich hier und da den ersten frischen Wein schon trinken kann, vermute ich, dass er immer zur gleichen Zeit wie ich hier Ferien macht. Die Vermutung liegt nah, denn kaum bin ich hier angekommen, schleicht er mir hinterher und bringt mich echt zum Schwitzen. Gegen Mittag heftet er sich besonders gern an meine Fersen und pustet mir seinem heißen Atem in den Nacken. Diese Aufdringlichkeit! Obwohl ich versuche, seiner Nähe zu entfliehen, setzt er mir nach wie ein Springinsfeld oder ein Gigolo, und ist manchmal schon eher dort, wo ich gerade hingehen wollte.
Ab und zu flüstert er mir zu und meint zu mir, ich solle mich nicht so anstellen, denn schließlich müsste ich ihn schon lange genug kennen; zumindest so lange genug, um zu wissen, dass ich ihm nie ausweichen kann. Ganz schön schlimm, der alte Herr. Und so von sich überzeugt.
Da ich gelernt habe, freundlich zu Alten zu sein., verdrehe ich nur die Augen, seufze und setze mir einfach die Sonnenbrille auf, damit er nicht sehen kann, wie er mir , wie an manchen Tagen, mit seiner Eintönigkeit auf die Nerven geht. Immer dasselbe! Er versucht ganz frech, meinen ganzen Körper abzutasten. Ich kann ihm nicht einmal auf die Finger schlagen, denn jedes Mal, wenn ich aushole, springt er beiseite und kichert lausbübisch. Er begnügt sich allerdings nicht, nur mich zu erinnern, dass er allgegenwärtig ist, sondern er streckt seine Hände auch nach allen anderen aus, die sich auf der Landstraße oder im Wald bewegen. Ihm ist es einerlei, ob er mit seinem Überschuss an Energie mitten im Blickfeld steht oder hinter einem Busch hockt.
Er ist wie ein Liebhaber, den man nicht abschütteln kann. Er weiß genau, sobald er sich dann tatsächlich aus dem Staub macht, wird man ihm nachweinen und spätestens nach einem halben Jahr herbeisehnen. Der alte Herr ist so was von selbstsicher. Und während ich hier auf einer Parkbank sitze, macht er sich so breit, dass er mit seinem schweren Duft von wilden Rosen und Wiesenblumen mir fast den Atem nimmt. Nicht einmal das bemerkt er. Er umarmt mich, hüllt mich ein mit seinem Schmeicheln und bringt mich dazu, die Tastatur einfach Tastatur  sein zu lassen. Er verleitet mich zum Faulenzen, zum Träumen und zur Trägheit. Ich sage mir, dass es sicher für einen Tag nicht schaden könnte, auf seine jahrhundertealte Weisheit zu hören, aber dann winkt er mich schon wieder mit seinen langen Fingern hin zum Teich hinter den Bergen, wo die Straußwirtschaft lockt.
Und schon hat er mich da, wo er mich haben wollte. Ich laufe hinter ihm her.

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