Silk and Paper

2. Juli 2012

Toasted Susie is my ice-cream! …oder WARum Gertrude Stein schuld ist, daß ich Fußnoten liebe

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Toasted Susie is my ice-cream!
…oder warum Gertrude schuld ist, daß ich Fußnoten liebe.

Wenn der Mittsommer 1 naht, dann beginnt in meinem Körper eine andere Zeit zu ticken. Ich weiss nicht warum, aber irgendetwas sagt mir, das dieser Sommer mein Frühling sein wird…Ich laufe durch den Park und obwohl keine 50 Meter weiter die Stadt tobt- duftet das Gras wie die Wiesen, die mich umfangen und gebettet hatten, als ich mir den ersten Kuss 2 des Lebens geben lies . Ich würde mich am liebsten in diese ganz hohes Halme fallen lassen , so daß sie über meinem Kopf zusammenschlagen. Nur ein kleines Guckloch bleibt ,durch das ich einen blauen weißgepuderten Himmel schaue und dieses grasgrünscheinende Wunder des Sommers entführt mich auf den Wogen 3 eines unbeschreiblichen Glücks ins Land der Phantasie…
So ein wundersamer warmer Tag im Juni , der in eine laue Nacht hinübergleitet… Die Mittsommernacht schleicht sich an mit einem glucksendem Lachen, verstohlen blinzelt sie mir zu und flüstert, das sie doch eigentlich aus dem Süden stamme; sie sei nur vor der Hitze geflüchtet, sie bräuchte 4 eine Auszeit von all dem Lärm an den Stränden und dort im Süden, käme sie nicht mehr dazu, sich auszuruhen. Sie, die Nacht würde dort zum Tag gemacht …
Ich lache hell auf. Was redet sie da, diese leise, schöne, besondere Nacht? Hat sie vergessen, das im schattenlosen Stundenreich dieser wenigen Tage im Juni das ganze Mysterium 5 von Dichtern zu Hause ist? Entlang an den wie von perlenkettenumsäumten Inseln Finnlands oder in den sternenfunkelnden Wassern der Newa 6 in den Petersburgern Weißen Nächten 7 ?
Nein, knistert die Mittsommernacht- die Nacht kann auch zum Tag werden, aber die besten Geheimnisse haben ich den Menschen entlockt, wenn die Magie 8 erwacht, die von Licht und Dunkelheit ausgeht. Hier kann man die Mittsommergeheimnisse aus Menschen entlocken, hier im Norden 9

Ich blicke auf. Noch immer sitze ich am Rande der Wiese , mitten im Park. Es ist taghell und ich frage mich, wo hier der Norden sei! Das warme Licht wärmt auch meine Haut , schon fast zuviel, doch dann sage ich mir, es muss doch etwas dran sein, das ich mit dem herannahenden Mittsommer ein Zwiegespräch 10 führe.
So ganz ist mir die Sache nicht geheuer 11 …und bevor man zu glauben bereit sei, das ich Selbstgespräche führte, muss ich sagen, nein, das tue ich nicht! Zumindest nicht laut. Es klingt kompliziert, ist es aber nicht.
Mir fiel dabei ein Spruch von Gertrude Stein 12 ein: Komplikationen sind immer einfach, aber eine andere Sichtweise als die der ganzen Welt ist ganz selten.

Warum fallen mir solche Worte immer ein, wenn die Nächte länger werden? Warum lese ich an solchen Tagen Bücher über die Zeit 13, über Gravitation 14 , über Zeitsprünge und Wortschleifen, über Geheimnisse fremder Menschen, über Reisen zum Mond und über Schwarze Löcher 15, die als Quader 16 wie in Kubricks 17 Film 2001: Odysee im Weltraum über allem lautlos schweben…

Ist es zu kompliziert 18 , vom Duft einer Sommerwiese , weiter über die Sehnsucht nach der Liebe im Moment , über die Mittsommernacht hin zur Gravitation im Weltall zu gelangen? Wenn Komplikationen einfach sein sollen, ja was sind dann die einfachen Dinge? Kompliziert?
Ich muss wieder innerlich lachen! Natürlich ist es so. Oder nicht?

Jetzt wünschte ich mir mehr Ehrgeiz 19 , den Dingen auf den Grund zu gehen. Aber die laue Luft träufelt 20 sich in meinen Kopf und über meinen Körper , und wie ein Netz legen sich die verschiedenen Gedanken über mein Gesicht…schön eingeteilt in übersichtliche Vierecke… der erste Gedanke in dieses Kästchen, der zweite Gedanke in dieses Kästchen, der dritte dort hinein und der vierte da…
Na bitte! Alles wohlgeordnet. Jedes Ding hat seinen Platz. Dort in der Mitte ist noch ein Kästchen frei. Was oder wen kann ich dort unterbringen, verbannen, einbinden, anbinden ? Vielleicht passt noch ein Gedanke hinein. Ein Gedanke ist flexibel 21 , er ist ein bisschen flüchtig , er kann sich auch mal kleinmachen, wenn alles andere darum herum sich drängelt und schubst und breit macht. Ein Gedanke kann sich auch mal hinter etwas verbergen 22 . Wenn er sich ganz klein macht , passt er sogar hinter das T 23 , welches schmal und fast unsichtbar für so vieles stehen kann.

Der Weg aus dem Park nach Hause führt mich am Eisladen vorbei. Warum nicht ein Eis essen! Ich versüße mir die komplizierte , einfache Welt und kann plötzlich Gertrude 24 verstehen, die in der scheinbaren Abstraktion 25 der Worte die Mystik des alltäglichen Rätsels versteckte.
„Toasted Susie is my ice-cream“ 26 .
Wie ich meine bizarre 27 Gedankenwelt in kleine Netze unterteile, so hat jeder Dichter seinen eigenen Weg, die Worte für sich stehen zu lassen, und sie doch als ein Ganzes zusammenzufügen.

Natürlich bin ich ein Stümper 28 gegen Gertrude Stein, aber trotzdem nenne ich sie manchmal heimlich „Schwester“. So wie ich Baudrillard 29 manchmal meinen „Bruder“ nenne…
Man fragt sich natürlich anhand all dieser scheinbar nicht miteinander verknüpften Dinge, wie sie wohl zueinander fanden.
Sie sind die einfachen Dinge, die kompliziert sind, sie sind die Fußnoten , die einen Text begleiten und die , wie das Kleingedruckte oft übersehen werden. Früher habe ich sie geflissentlich überlesen, diese besternten oder durchnummerierten Erklärungen . Und irgendwann ertappte ich mich dabei, das ich zuerst die Fußnoten las und dann erst das Buch. Das mag bizarr klingen, aber diese literarische Meditation 30 hatte fast das, was ich im Alltag oft mache: ich wende mich dem fast Unsichtbaren zu und entdecke plötzlich darin einen anderen Kosmos 31.

Ich wünsche Euch viel Spass beim Lesen und vielleicht stolpert Ihr mal über eine Fußnote, die Ihr sonst [bersehen hättet…

Habt Ihr mitgezählt ? Es sind 31 Fußnoten- für jeden Tag im Monat eine!


…………und hier sind die Fussnoten…………………..

1. Als Mittsommer wird die Sommersonnenwende am 20., 21. oder 22. Juni bezeichnet. In den nordischen Ländern wird es Nächte zu dieser Jahreszeit kaum dunkel.
2. Der Kuss- ist eine Ausdrucksform einer Emotion. Die Bedeutung des Kusses, insbesondere in der Öffentlichkeit ist jedoch kulturell unterschiedlich.
3. Wogen- sind eine spezielle Wellenform. Die Gravitation bildet Wellen wenn Wasser durch Einwirkung einer Störung zum Schwingen angeregt wird. Beispiele für Störungen sind der Wind, der verantwortlich ist für den Seegang auf den Meeren. Ins Wasser geworfene Steine und Strömungshindernisse erzeugen Wellen, fahrende Schiffe begleitet eine Bugwelle. Seebeben können Tsunamis hervorrufen. Wogen des Glücks ist die literarische Umschreibung des Auf und Ab der Emotionen bei Menschen
4. bräuchte- brauchen, benötigen
5. Mysterium- ist ein Geheimnis … Gemeint ist dabei nicht etwas, was man normal mitteilen könnte , sondern ein komplexer, oft paradoxer Sachverhalt von existenzieller und religiöser Tragweite, der sich der direkten Mitteilung und logischen Analyse wesentlich entzieht.
6. Newa- (russisch Нева) ist ein 74 km langer Fluss in Russland, der vom Ladogasee in die Ostsee fließt. Sie durchquert dabei Sankt Petersburg.
Obwohl die Newa mit 74 km ein sehr kurzer Fluss ist, ist sie vergleichsweise
wasserreich. In der Nacht zwischen 2 und 5 Uhr werden die Newa-Brücken
aufgeklappt, woraufhin zwischen zahlreichen Stadtteilen keine Verbindung mehr
besteht.
7. In den Weißen Nächten von Ende Juni bis Mitte Juli ist die Passage der
Schiffskonvois ein Schauspiel, das sich tausende Menschen trotz der
nachtschlafenden Zeit ansehen.
8. Magie- aus dem altpersischen Magusch, der Bezeichnung der medischen
Priester) ist der Versuch, Ereignisse, Menschen und Gegenstände auf
übernatürliche Weise zu beeinflussen.
9. Norden- ist eine Haupthimmelsrichtung. Die Bezeichnung leitet sich vom
Althochdeutschen nord und der Indogermanischen Einheit -ner für links oder
unter ab, was möglicherweise auf „links der aufgehenden Sonne“ zurückzuführen
ist. Norden hieß auch „Septentrio“, auf das Siebengestirn bezogen.
10. Zwiegespräch- ein Dialog , teils mit sich selbst hinterfragend geführt, u.a. als eine Form philosophischer Erörterung mit der Absicht, zu tieferer Einsicht in einer Frage zu gelangen.
11. Nicht geheuer- nicht geheuer sein : sein Unwesen treiben, gespenstern, herumgeistern, umgehen, irrlichtelieren…in diesem Fall heisst es somit: die Sache ist mir zu unheimlich…
12. Gertrude Stein- Gertrude Stein gehörte mit ihrer extrovertierten Art zu den Kultfiguren der Kunst- und Literaturszene ihrer Zeit. Durch einen von ständigen Wortwiederholungen geprägten Stil wollte sie nach eigenem Bekunden den Kubismus der abstrakten Malerei in die Literatur übersetzen. Mit ihren Schriften zählt sie zu den Avantgardistinnen des 20. Jahrhunderts. Mit dem Satz Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose (aus dem Gedicht Sacred Emily im Band Geography and Plays von 1913) prägte sie ihre eigene Stilfigur des Lithismus, einer Art der verbalen Tautologie. In Paris eröffnete sie einen Salon, der sich zu einem Zentrum der schriftstellerischen Avantgarde entwickelte. Sie gehörte der neuen revolutionären Generation an. Sie war jung genug, die Künstler zu verstehen, reif genug, um sie zu fördern und vermögend genug, um die Bilder zu kaufen. Und so kaufte sie viele Bilder der damals noch verkannten Genies: Cézanne, Monet, Renoir, Daumier, Gauguin. 1907 lernte Gertrude ihre Lebensgefährtin Alice B. Toklas kennen. 1909 veröffentlichte sie ihr erstes Buch Three Lives im Selbstverlag. Mit der Textsammlung Tender Buttons (1914) wandt sie sich verstärkt der experimentellen Literatur zu.
13. Zeit – bezeichnet die vom menschlichen Bewusstsein wahrgenommene Form der Ordnung des Auftretens von Ereignissen. Das menschliche Empfinden von Zeit ist von ihrem Vergehen geprägt, einem Phänomen, das sich bisher einer naturwissenschaftlichen Beschreibung entzieht und als Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hin wahrgenommen wird.
14. Gravitation – ist eine der vier Grundkräfte der Physik. Sie bezeichnet das Phänomen der gegenseitigen Anziehung von Massen. Sie ist die Ursache der irdischen Schwerkraft oder Erdanziehung, die die Erde auf Objekte ausübt.
15. Schwarze Löcher – Als Schwarzes Loch bezeichnet man ein astronomisches Objekt, welches aufgrund seiner hohen Dichte die Raumzeit so stark krümmt, dass von außen aus gesehen nichts in endlicher Zeit aus seiner inneren Region austreten kann. Die Grenze dieses Bereiches heißt Ereignishorizont.
16.Quader – Ein Quader ist ein dreidimensionaler Körper mit
sechs rechteckigen Flächen, dessen Winkel alle rechte Winkel sind,
acht rechtwinkeligen Ecken und zwölf Kanten, von denen jeweils vier gleiche
Längen besitzen und zueinander parallel sind.
Gegenüberliegende Flächen eines Quaders sind kongruent (deckungsgleich).
17.Stanley Kubrick – war ein US-amerikanischer Regisseur, Produzent und
Drehbuchautor. Seine Filme werden vor allem für ihre tiefe intellektuelle Symbolik
und ihre technische Perfektion gepriesen. Als Regisseur war er sowohl berühmt
wie berüchtigt dafür, jede Szene bis ins kleinste Detail zu perfektionieren und
dabei meist die Schauspieler bis an ihre psychischen und physischen Grenzen zu
führen. Die Hauptthemen seiner Filme sind die Unnahbarkeit der Realität und das
Scheitern der Menschlichkeit, ausgedrückt durch das einfache Akzeptieren, das
Ignorieren oder das Ringen der Protagonisten mit ihren dunklen, inneren Kräften
auch ihren Trieben.
18. kompliziert – Kompliziertheit kommt aus dem lat. complicare
„zusammenfalten“, „zusammenlegen“, „verwickeln“
19. Ehrgeiz- gemeint ist jedoch die mittelalterliche Bedeutung Gier, also „nach Ehre gieren“ und nicht etwa „mit Ehre geizen“) versteht man das mehr oder weniger starke Bemühen, ein bestimmtes Ziel zu erlangen, etwa Anerkennung, Autorität, Ruhm, Ehre oder Geld. Er zielt unter anderem auf eine Bewahrung oder Steigerung des Selbstwertgefühls in einer Gemeinschaft aus Wettbewerbern und steht in enger Beziehung zur eigenen Eitelkeit.
20. träufelt- tröpfeln, tropfen lassen
21. flexibel – lat. flectere biegen, beugen; hier heisst es : biegsam, anpassungsfähig
22. verbergen- verdecken, verstecken
23. T – ist der 20. Buchstabe des lateinischen Alphabets und ein Konsonant. Der Buchstabe T hat in deutschen Texten eine durchschnittliche Häufigkeit von 6,15 %. Er ist damit der siebthäufigste Buchstabe in deutschen Texten.
24. Gertrude – Gertrude Stein
25. Abstraktion – von abs-trahere – „abziehen, wegschleppen, -führen; entfernen, trennen“) bezeichnet meist allgemein einen Vorgangs des Weglassens von Einzelheiten und des Überführens auf etwas Allgemeineres oder Einfacheres.
26. Toasted Susie is my ice-cream – Wortkomposition aus dem Werk von Gertrude Stein
27. bizarr – absonderlich, eigenartig, eigenwillig, merkwürdig, seltsam, fantastisch, ausgefallen, befremdend, ungewöhnlich
28. Stümper – hier zum Gebrauch im Sinne von elend, jämmerlich
29. Baudrillard – Jean Baudrillard (* 20. Juli 1929 in Reims; † 6. März 2007 in Paris) war ein französischer Medientheoretiker, Philosoph und Soziologe. Er gilt als einflussreicher, aber auch umstrittener Vertreter des postmodernen Denkens. Baudrillard studierte Germanistik an der Sorbonne in Paris. Von 1958 bis 1966 war er Deutschlehrer , zugleich betätigte sich Baudrillard als Literaturkritiker und Übersetzer (Friedrich Hölderlin, Bertolt Brecht, Peter Weiss) und studierte Philosophie und Soziologie an der Universität Paris-Nanterre. 1968 promovierte er dort mit der Arbeit Le Système des Objets („Das System der Dinge“)
30. Meditation – (lat. meditatio = „das Nachdenken über“; auch in der Bedeutung „zur Mitte ausrichten“ von lat. medius = „die Mitte“) ist eine in vielen Religionen und Kulturen geübte grundlegende religiöse oder spirituelle Praxis. Durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln.
31. Kosmos – Der Begriff Kosmos (griechisch κόσμος, kósmos – die (Welt)Ordnung, auch Schmuck, Anstand) bezeichnet: das Universum (den gesamten Weltraum)

© MAR /  silkandpaper 2007

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