Silk and Paper

2. Juli 2012

BLEIB treu

Filed under: kurzgeSCHICHTen, WEGkreuzungen — Schlagwörter: , , , , , , — silkandpaper @ 3:50 PM

lotti-brief.jpglotti-foto.jpg 

Immer, wenn ich unterwegs bin , werde ich innerlich hellwach .

Es ist so, als würde ich durch imaginäre Labyrinthe laufen, die ihre geheimnisvollen Wege auf meinem Spaziergang meinem Weg anpassen wollten; so als sollte ich da oder dort „anecken“ um aufmerksamer zu werden.

Spazierengehen ist für den einen das ziellose Laufen , für den anderen ein Bummel mit gezielter Neugier, die Menschen zu beobachten… auch , um irgendwie „Platz zu nehmen“ in dieser bewegten Welt an einem Wochentag mitten in Berlin.

Nach langer Zeit bin ich wieder einmal durch Charlottenburg gelaufen…herrschaftliche Häuser, Gedenktafeln , gepflegte Cafés, S-Bahnbögen mit Nobelgeschäften…. Flatterhaftes herbstliches Wetter war an diesem Tag…Die Sonne flirtete mit dem Glas in den Fenstern , das Licht auf den vielen Scheiben reflektierte und baute sich ein Prisma in der durchsichtigen Luft …doch sobald man sich einer Strassenecke näherte, wehte ein kalter Wind um die Ecke, so das ich den Mantelkragen hob, um mein Gesicht darin zu verbergen.

Der erste wirklich kalte Tag nach diesem goldenen Oktober. Ich hatte mich mit einer guten , alten Freundin getroffen , die hier in der Nähe wohnte.

Mommsenstraße, Sybelstraße, Leibnizstraße…ein vertrautes Viertel – da wo ich früher Lotti Huber begegnet war, als sie mit ihrem Einkaufsrolli wie jeder andere auch durch den Supermarkt spazierte ,und auch bei Strassenfesten sie auf der Bühne stand und mitfeierte. Ich erinnere mich immer daran, wenn ich mit dem Bus durch die Straße fahre – und ich sagte zu mir selbst, das ich doch noch mal die Briefe von Lotti durchlesen sollte, die hier zu Hause in einer Schachtel zwischen all den Fotos und Papieren liegen. „Ja, ja, ja…“ so flog mir gestern ihre Schrift entgegen, als ich ein altes Foto von ihr fand.

Diese Aufforderung zum bedingslosen SEIN macht mich nach all den Jahren immer noch glücklich und vor allen Dingen sicher, daß Leben gelebt werden sollte und nicht, daß unvorhergesehene Geschehnisse im Leben eines Menschen dieses unbändige und wundervolle Leben festkettet, anbindet oder dem Gleichklang einer gelangweilten Zufriedenheit unterordnet.

Mit den Gedanken an Lotti laufe ich weiter und sehe weder rechts noch links. Ich laufe einfach so wie ein Mensch im Dunkel, der den Heimweg kennt … fast wie in Trance überquere ich Straßen und lasse alle Geschäfte, Cafés, Goldschmieden und Weinläden links liegen. Es ist nicht einfach, sich von einer Minute zur anderen aus dem Leben und aus der Erinnerung eines Menschen davonzustehlen. An diesem Montagmorgen ist es auf den Straßen nicht still. In dieser Gegend gehören die Straßen den Touristen , die im Literaturcafé oder im Kollwitz-Museum verweilen möchten. Der Kurfürstendamm ist bevölkert von Menschen, die in dieser Stadt nicht zu Hause sind; Menschen, die mit aufgerissenen Augen und verzweifelten Gesichtern ihren Stadtplan studieren, immer in der Sorge, sich zu verlaufen…

“ Könnten Sie mir weiterhelfen?“ Ein Frau mittleren Alters klammerte sich an einem Stadtführer fest und wußte nicht mehr weiter.

Sie suchte die Bleibtreustrasse, ein Café, dort habe sie sich verabredet. Für mich eine willkommene und heitere Unterbrechung meines Spaziergangs und ich änderte meinen Weg ein wenig ab , um die Frau bis zum Café zu begleiten. Natürlich hätte ich auch einfach den Weg erklären können, aber ich war selbst schon lange nicht mehr in der Bleibtreustraße gewesen. Früher hatte ich dort immer die Kinder meiner Freundin aus der jüdischen Grundschule abgeholt. Heute ist die Grundschule längst anderswo und das Eisentor wird nicht mehr von Polizisten bewacht wie damals… Es ist eine Erinnerung, die mich immer beklommen machte…

Erleichtert stimmt die Frau meiner Begleitung zu: so könne sie pünktlich sein, sich nicht verlaufen und vor allem mit einer Berlinerin schwatzen. Ich erzählte ihr kurz, warum ich in Gedanken versunken war und sie hörte aufmerksam zu. Ja, sie könne sich an Lotti Huber erinnern, die verrückte, alte Dame aus dem Fernsehen…Beneidenswert, wie Lotti in ihrem Alter so witzige und auch frivole Statements im Theater zum besten zu geben konnte.

Ja, sagte ich ihr. Dieses „verrückte“ Leben macht doch , daß wir wach bleiben , daß wir offene Augen haben und den Mut , immer wissen zu wollen, was hinter dem ganz normalen Wahnsinn des Lebens steckt…

Wer will das nicht: einmal ausbrechen aus Normen und einmal sein eigenes Ich wirklich sehen können, bizarr und absurd Erscheinendes als völlig normal und gleichberechtigt in sich erkennen. Manche können das zu einer Lebensmaxime machen, andere können nur Momente ihres Lebens für diese Verrücktheiten offen halten. Ja selbst, daß ich sie , diese Frau bis zum Café begleitete , ist auch außerhalb des Normalen… Die Regel wäre, das man einem Fremden den Weg erklärt, und nicht unbedingt, daß man bis vor die Tür begleitet wird… Liebhaber mal ausgeschlossen…

„Ja“ sagte sie. Und lachte. “ Tun Sie oft solche Dinge? Daß Sie ihren Weg ändern oder solchen Gedanken nachhängen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ab und zu , wenn die Zeit es zulässt und ich das Gefühl habe, das es mir auch Freude machen würde…“.

Wir biegen in die Bleitreustraße ein und plötzlich blätterte mein inneres Erinnerungslexikon viele Seiten vor und zurück. Ich schaue die Frau an. “ Kennen Sie Masha Kaléko, die Dichterin ?“fragte ich . Sie schüttelte den Kopf . „Tilla Durieux, die Schauspielerin ?“

„Nein , warum fragen Sie, ich bin nicht aus Berlin, ich kenne diese Namen nicht“ … Ich fände es schade, sagte ich ihr, das sie nicht in ihrem Reiseführer vermerkt hatte, wer alles einmal hier in dieser Straße gelebt hatte. Ja, nicht nur diese Straße, der ganze Bezirk ist ein Geschichtsbuch : Nathan Zuntz, Begründer der Luftfahrtmedizin, ein paar Strassen weiter lebte Adele Sandrock, in einer Querstrasse weiter war das Zuhause von Hedwig Courths-Mahler… “ Ja, die kenne ich“ ruft die Frau… „meine Mutter hat so alte kitschige Bücher von ihr“…. „Else Ury, die Nesthäkchen-Autorin wohnte fast nebenan. Friedrich Spielhagen, der Schriftsteller , Karl Walser und Robert Walser, wenn Sie ein paar Straßen weiter laufen in Richtung Kaiser-Friedrichstraße…

Harro Schulze-Boysen, der Widerstandskämpfer, Artur Schnabel, der Komponist, Joseph Roth, der brillante Journalist, Christian Morgenstern, Murnau, der expressionistische Filmemacher, Irmgard Keun, Schriftstellerin Alfred Kerr und Georg Heym, Schriftsteller, Lilian Harvey, Schauspielerin , Rudolf Diesel, der Erfinder, Gerhart Hauptmann, Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger; am Kurfürstendamm war die Berliner Secession beheimatet, zu der u.a. Max Klinger, Ernst, Barlach, Käthe Kollwitz, Lovis Corinth, Max Liebermann, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Modersohn, Edvard Munch , Heinrich Zille, Lesser Ury gehörten …“

Wir bleiben stehen. Das Bistro Lubitsch war erreicht. Dort wollte sie sich treffen, die Frau, die Berlin nicht kennt und aus dem Staunen nicht herauskommt, auf welchem interessanten Pflaster sie sich bewegte. Das Bistro war noch halbleer. Ihr Begleiter stand auf, umarmte sie , nickte mir freundlich zu . Meine nicht geplante Reise war hier zu Ende. Die Frau war pünktlich und ich könnte einfach weiterbummeln , meinen Gedanken nachhängen…

Aber ich konnte es nicht. Mitten auf dem Weg blieb ich stehen . Ich hatte ein paar Tränen in den Augen. Es ist merkwürdig, denke ich. Hier in dieser Straße sind so viele Läden, die alte Möbel verkaufen, Buchläden mit antiquarischem Bestand… Hier in dieser Straße leben Menschen, die sich gern im Gestern einrichten, die gern durch Rundbögenfenster auf die Straße schauen, ohne vielleicht zu ahnen, wie dicht sie an ihrer Geschichte und an der Vergänglichkeit dran sind.

So viele Menschen , die ihre Stadt verlassen mußten , damals…. und alles was blieb , sind weiße Tafeln auf bröckelnden Fassaden. Die Bleibtreustraße… Der Straßennamen gibt mir den Impuls, über die Worte „bleib treu“ nachzudenken. Ich fühle mich plötzlich wie ein Verräter. Ich war so lange nicht mehr in dieser Straße, in diesem Viertel. Früher, als ich noch am Lietzensee wohnte, bin ich oft zur Uni gelaufen, und es war damals so, als wollte ich jedem , der einst hier lebte sagen : ja, ich habe Euch im Blick, ich habe Euch nicht vergessen. Eure Namen , die blau auf weißem Porzellan sichtbar sind… hier lebte einst, hier wirkte einst…hier war zu Hause….Man sagt sich so oft, alles sei vergänglich. Ich fragte mich in diesem Moment selbst, wo geht denn DAS , was alles vergänglich ist, hin? Wo ist das Zuhause der Vergänglichkeit? Als ich hier noch lebte, war dieses contemporäre Zeitgefühl dieser Straße ein Teil meiner Gegenwart. Bin ich meiner vergangenen Gegenwart treu geblieben?

War ich tatsächlich hier zu Hause? Habe ich die Vorstadtzüge auch so flink, so modern und so laut empfunden wie Masha Kaléko? Habe ich damals wahrgenommen, was so selbstverständlich meinen Alltag bestimmte?

Damals bin ich weggezogen. Im Gegensatz zu vielen der einstigen Bewohner habe ich das freiwillig getan. Ich habe meinen Namen und meine Erinnerungen natürlich mit mir mitgenommen. Jetzt und heute muß ich wissen , daß es die vergangene Zeit ist, in der ich mich in diesem Augenblick befand.

Ich sehnte mich nach dem Dort , wo ich heute lebe… Das geht sicher vielen Menschen ähnlich; wenn man weint, will man das nicht öffentlich tun, sondern zu Hause sein. Geborgen.

Mit diesen Gedanken steige ich in die S-Bahn und fahre nach Hause. Vorbei an Brandmauern alter Häuser, am neugotischen Haus am Bahnhof Zoo, am Tattersall-Haus, dort wo früher die Comedian Harmonists geübt haben und das letzte Mitglied aus dieser berühmten Gruppe grandioser Künstler noch bis zu seinem Tod seine Abende im „Diener“ verbrachte, ein altes Berliner Künstlerrestaurant; am Theater des Westens, an der Gedächtniskirche…

Bleib treu… was will diese Straße mir mitgeben? Wem oder was soll ich treu bleiben ? Ich schaue hinaus in den herbstbelaubten Tiergarten, vorbei am Grips-Theater, der Hansa-Siedlung, vorbei an meiner alten Galerie, vorbei an der alten Akadmie der Künste … vorbei am neuen Hauptbahnhof, der mich erschreckt und zugleich anzieht, linkerhand die alte Charité, die Friedrichstraße mit dem Admiralspalast, hindurch durch die Museumsinsel. Ich blicke in halbverhangene Fenster des Pergamonmuseums , und im Vorbeifahren erhascht mein Blick einen Arm aus Marmor.

Bleib treu bleib treu bleib treu , rattern die Schienen der S-Bahn. Ich atme auf . Alexanderplatz. Hier muß ich umsteigen. Hinunter in den Untergrund. Hinein in die U-Bahn. Bleibtreustraße… Warum spukt sie mir immer noch im Kopf?

Hier in meinem neuen Stadtviertel stehen auch noch viele alte Häuser. Und auch dort gibt es einige weiße Tafeln mit blauer Schrift. Auch dort gibt es Geschichten von Menschen, die ihre gelebte Zeit unsichtbar über mich ausbreiten. Es wird Zeit, das ich mit anderen Blicken durch die neuen Straßen gehe.

Auf vielen Spaziergängen durch mein neues Viertel fallen mir eigentlich völlig andere Dinge auf.

Ich sollte lernen, meine Liebe und Treue zu ihnen zu entwickeln…

Auch diese Vergänglichkeit sollte es wert sein, wahrgenommen zu werden.

Ich sollte mit meinem Notizblock mal wieder in einem Café sitzen und nach Worten suchen, die es noch nicht gibt… Warum nicht, sagte ich mir im Stillen. Steig hier aus, an der Gneisenaustraße, geh zu den Sarotti-Höfen. Da sitzt man nett und man kann stundenlang ohne gestört zu werden , schreiben und lesen.

Plötzlich muß ich lächeln, während ich die Treppen des Bahnhofes hinaufsteige. Bleib treu. Bleib DIR selbst treu… Und während ich mir den Kaffee bestelle und nach meinem Schreibheft greife , sage ich leise wie Lotti ja,ja, ja…. ich bin mir treugeblieben. Auch wenn es für manche unverständlich ist, das ich Charlottenburg und Tiergarten hinter mir gelassen habe. Das ist eigentlich nicht wichtig , was andere davon halten Ich bin ich selbst. Mitten im Großstadtdschungel lebe ich mein verrücktes Leben. Ich bin der Vergangenheit und den Erinnerungen treu und auch meinem Heute .

Wer mag, kann daran teilhaben. Denn auch denen, die mich auf meinen Wegen begleiten, bin ich treu. Bleib treu…

…in Erinnerung an Lotti Huber

Copyright MAR 2007

Advertisements

3 Kommentare »

  1. 🙂

    Kommentar von theta8008 — 25. Oktober 2007 @ 10:40 AM

  2. 😉

    Kommentar von lou — 25. Oktober 2007 @ 11:53 AM

  3. Toll. Ich muss mal durch Berlin laufen. Diese Geschichte regt dazu an.

    Kommentar von Melanie — 26. September 2010 @ 5:37 PM


RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: