Silk and Paper

13. November 2011

EWIGkeit

Filed under: kurzgeSCHICHTen, philosophische FRAGMENTe, Uncategorized, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 1:50 PM

 November 2011

Vor zwei Jahren fällte man den Baum vor meinem Haus, einer von den dreien, deren Äste mir fast ins Fenster ragen. Bevor der Gartenbaudienst die Säge ansetzte, war es gerade dieser Baum, der in mir Erstaunen weckte. Er hatte einen einzelnen Stamm und ragte hoch hinauf. In der Höhe meines Fensters teilte sich der Stamm in zwei Teilstämme  und schoß weiter in die Höhe. Im Frühjahr duftete er süß- seine Blüten hingen wie weiße Ohrringe herab. Er wehte mit seinen ovalen Blättern den Schatten in die Räume, wenn es auf der Straße vor dem Haus längst kochend heiß war.

Eines Tages stellte ich fest, dass der eine aufragende Ast blühte und Blätter trieb, während der andere Ast dieser  Zweigeteiltheit  trocken blieb und leer und nackt in den Himmel wuchs. Geheimnisvoll und trotzdem ganz einfach symbolisierte der Baum Leben und Tod so anschaulich, dass ich hoffte, er würde noch lange so vor meinem fenster stehen. Es  schmerzte mich, als man aus Angst vor herabstürzendem Astwerk den Baum zum Fallen brachte.

Aus drei Baumgeschwister wurden an einem Morgen Zwei.  Stehe ich am Sonnenfenster meines Schlafzimmers rauscht der Eine, ihm war, wenn ich die Situation vermenschlichen würde, es ein bisschen egal, denn er war schon immer für sich, stand um die Ecke und hatte keinen „Sichtkontakt“ zu den beiden anderen vor meiner vorderen  Fensterfront .

Diese beiden waren wie ein Zwillingspaar. Sie grünten, blühten uns welkten zur gleichen Zeit.

Im Oktober färbten ihre Blätter die Straße unter mir gelb und wie blanke Lichter glühten sie noch bin in die Dämmerung hinein. Doch seit dem der eine Zwillingsbaum nicht mehr da ist, scheint etwas Seltsames vorzugehen. Schon im letzten Herbst fiel es mir auf, wenn alle Bäume in den Straßen rings um mein Zuhause schon längst kahl und winterlich waren, dass meine zwei Geschwisterbäume an der vorderen und hinteren Fensterfront  immer noch grünten.

Mir schien es, als wollten sie ewig leben. So, als wollten sie sagen: wir blühen für dich,  gefällter Bruderbaum. Wir zögern hinaus, was die Jahreszeit uns vorbestimmen will.  Wir sind da und spiegeln das Grün auf den Scheiben der Fenster. Selbst wenn das Herbstlich fahl  und weiß und sogar gefrostet am Morgen durch die leeren anderen Bäume blinzelt- wir sind grün.

Sichtbare Ewigkeit

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