Silk and Paper

27. Oktober 2011

ZEIT-fenster

Filed under: kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 6:45 AM

wald-hinterzarten.jpg

Herbst. Lichtreflexe. Welke Blätter, die noch tausend Sonnentage in sich tragen…

Pfützenspiegel sammeln sich am Straßenrand. Kalte Hände suchen Wärme . Es scheint, als hätte die See sich in die Stadt verirrt. Es riecht nach Wasser, nach Meer. Berlin mit seinen vielen Brücken… die Spree und die Kanäle winden sich durch die Stadt.

Nur Wenige wissen, dass es hier mehr Brücken gibt als in Venedig… So wie die vielen Brücken fast ein Geheimnis sind , so ist es auch ein Geheimnis, dass man eigentlich ohne anzulegen von Frankreich kommend bis Polen nur auf dem Wasser reisen kann…

Es ziehen am Morgen Nebel auf, das Wasser macht schmatzende Geräusche, wenn es an die Schutzmauer trifft. Ganz leise zieht ein Kahn seine Last durchs Wasser . Woher kommt er ? Wenn er die Stadt hinter sich lässt, wohin fährt er? Ich stehe am Brückengeländer . Neben mir lässt sich eine Möwe nieder. Das ist ein untrügerisches Zeichen, dass die kalte Jahreszeit vor der Tür steht. Möwen in Berlin – das heißt Winter. Unwillkürlich muss ich an Christian Morgensterns Möwenlied denken : ” Die Möwen sehen alle aus als ob sie Emma hießen. Sie tragen einen weißen Flaus…”
Der frische Wind plustert unter ihr Gefieder und sie schaut mich mit ihren schwarzen Knopfaugen ganz schön frech an, als wolle sie sagen: das ist meine Brücke!
Ich habe noch Glück heute Morgen – ansonsten sitzen die Möwen dicht bei dicht, kein Platz mehr für neugierige oder träumerische Menschen, die sich mal 5 Minuten einen Blick auf das Wasser gönnen wollen. 5 Minuten, um sich aus der Zeit hinauszustehlen, zu träumen, dem Wellengeplänkel zu lauschen, vergessen, was gestern war, nicht wissen , was heute geschieht, selbst das Morgen ist noch ganz weit weg.

So ein Herbsttag schiebt sein Grau wie einen Vorhang vor den Sommer Die Tage werden kühler, dunkler, aber auch geheimnisvoller. Ich liebe den Herbst- wahrscheinlich weil ich im Herbst geboren wurde. An solchen Tagen ist es immer schön, durch die Stadt zu laufen, sich auszuklinken aus den zur Gewohnheit gewordenen Anrufen, sich weg zu stehlen von kuchenbeladenen Tischen, lärmenden Gästen…Ich mag die Ruhe an diesem Tag; dieses Hindurchschlüpfen durch ein Zeitfenster. Herbsttage sind die Tage, die mir die Zeit sichtbar machen. Es ist nicht der Spiegel, der mir sagt- hoppla , ein Jahr älter. Es ist nicht der Raureif , der auf den Wiesen liegt und wie Silber schimmert, auch nicht mein Atem, der wie eine kleine flüchtige Wolke in den kalten Morgenhimmel aufsteigt. Es ist der leere Fluss am Morgen… er zieht seinen Weg durch die Landschaft , er bricht mit den Regeln der Zeit. Der Fluss…Er macht das , was ich auch mache. Ich ziehe mit meinem Leben durch die Zeit, ich halte mich nicht auf, ich laufe weiter. So wie der Fluss weiterfließen wird und sich nicht aufhalten lässt. Ich reite auf den Gedankenwellen und nur heute schaue ich zurück. Nur heute an diesem Tag möchte ich hinter mich schauen, um zu sehen, dass mein Lebensschiff eine Zeitspur hinterlassen hat …
Fünf Minuten meines heutigen Tages, am Brückengeländer,

Zwiesprache mit mir und einer frechen Möwe: heitere Melancholie.

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