Silk and Paper

23. Oktober 2011

ganz unten- MITtendurch


die-stufen-zum-eikando.JPG

Der Mensch braucht ein Zuhause. Das ist mir in den letzten Tagen ganz bewusst geworden. Eigentlich wird mir das immer bewusst, wenn es Winter wird. Auch Rilke hat es so wunderbar beschrieben: ?wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr??
Draußen ist es kalt. Nach den langen Tagen daheim in einem warmen Zimmer schoben sich Gedanken an unwirtliche Tage erst in meinen Kopf , als ich die zugigen Gänge meiner U-Bahn-Station betrat . Überall auf den vereinzelt stehenden Bänken saßen Männer mit alter, meist schmutziger Kleidung. In der einen Hand eine Flasche, in der anderen Hand das wenige Gepäck, was ihnen über den Winter helfen soll: eine Decke oder ein alter Mantel, ausgetretene Winterschuhe, weggeworfene Bekleidung einer Wohlstandsgesellschaft am Körper eines Gestrandeten.
Immer wenn es kalt und dunkel draußen wird, entsteht in den U-Bahn-Schächten und auf den Bahnhöfen eine ganz eigene Gesellschaft mit eigenen , uns fremden Gesetzen. Der Kampf um die besten Ruheplätze, wer hat den besten Kontakt zum Kioskbesitzer, wer hat einen Schlafplatz für die Nacht, wer hat Bulli gesehen, der letztes Jahr immer hier war, kennt jemand die kleine Dicke, die immer mit Manni herumhing? In welcher Linie kann man am besten sitzend hin-und her fahren? Wer hat dich weg gescheucht und wer lässt dich in Ruhe?
Wortfetzen drangen an mein Ohr, und die Gespräche gehen weiter, als die U-Bahn einfuhr und sich die kleine Gruppe in Wagen zwei die Sechser-Sitzbank eroberte. Rechts und links rückten sofort die Fahrgäste auseinander. Es roch etwas merkwürdig nach einer Mischung aus Alkohol und abgestandenem Mief alter Kellerräume. Laut redeten die vier Männer über ihre wenigen Bedürfnisse, die sich um schlechtes Wetter- keine Bude, und um „kein Geld-kein Schnaps“ drehten. Ich war nur eine Station unterwegs, aber mir wurde plötzlich bewusst, wie selbstverständlich ich meinen bescheidenen Wohlstand genieße. Und auch, wie wenig ich über den Sommer hinweg diese Armut und Traurigkeit von diesen Menschen ohne Heimat registriert hatte. Ich zog meine Jacke etwas tiefer in den Nacken. Es regnete draußen und es schneite , der Wind riss an meinem Schal und im Nu fühlte ich mich verloren in dieser Kälte , in diesem Wind. Mitten in der Stadt. Mitten unter Menschen. Doch dieser Moment des Verlorenseins dauerte nur Sekunden. Er verschwand sogleich, als sich der Gedanke an meine beheizte Wohnung in mir breit machte.
Die Zeit , die ich von der Treppe der U-Bahn hinauf zur Straße brauchte, war schon genug, um die vier Männer zu vergessen; den Gedanken an sie zu verdrängen, denn hier oben, auf der Straße , wo das Leben tobte, musste ich aufpassen, das ich nicht ausrutschen würde auf welken Blättern, das niemand meine Tasche klauen würde , das mich keiner angrabscht oder auch ich nicht selber unachtsam jemanden in die Hacken trete.
Erst als ich wieder nach Hause fuhr, mit einer Tasche voller Leckereien erinnerte ich mich für einen kurzen Moment , aber auch schon beim Kaffee in der warmen Küche war ich mit mir und meinem Alltag beschäftigt, der sich eigentlich wie ein guter Freund anfühlt. Der Alltag ist immer da. Mit der geregelten Zeit für die warme Dusche, mit dem Summen der Heizung, mit dem Klingeln der Nachbarin, das Leeren eines Briefkastens mit meinem Namen , das Bett beziehen und mal Staub wischen. Den Balkon winterfest machen, die letzten Blüten abpflücken , mit dem Gedanken, sie vor der Kälte zu retten, um sie dann in der Vase auf meinem Tisch doch langsam sterben zu lassen. Auch das kommt mir oft in den Sinn, wenn ich Schnittblumen vom Wochenmarkt mitnehme. Ich kaufe etwas Sterbendes.
Am Abend legte ich mich in mein Bett; baute wie Marlene Dietrich alle Utensilien um mich herum auf , um die Wärme der übergroßen Bettdecke durch unnötiges Aufstehen müssen möglichst lange an meinem fröstelnden Körper zu halten.
Die Ruhe in einem warmen Raum, umgeben von meinen liebsten Dingen, auch von so etwas Unnötigen wie der Fernseher, das Umherschweifen meines Blickes an den Wänden entlang, deren Dekoration mir immer noch missfallen, ließen mich gut aufgehoben fühlen. Ich lehnte mich ins weiche Kissen. Plötzlich spürte ich es wieder! Schon seit ich hier wohne, fühlte ich manchmal so kleine Erschütterungen unter mir. Das Bett vibrierte leicht . Anfangs dachte ich , es sei die Backstube der Bäckerei nebenan. Diese kleinen Vibrationen erinnerten mich an meine Kindheit, denn auch da wurde ich nachts oft von der Backstube der benachbarten Bäckerei wach, wenn der Bäcker den Ofen mit Kohlen beschickte.
Aber ich nahm diese Bewegungen unter mir auch an Tageszeiten wahr. Na dann scheint es eine Waschmaschine zu sein, die rumpelt und tanzt und gegen die Wände schlägt und dann landet es hier bei mir als kleines Erdbeben. Aber so oft wäscht man doch nicht!
Alle 10 Minuten gab es an manchen Tagen scheinbar etwas, was unter mir rumorte. Ich sprang aus dem Bett auf und schaltete noch einmal den Computer an. Ich hatte plötzlich eine Eingebung. Dieser 10-Minuten-Takt ist das Einfahren der U-Bahn, das Bremsen, das Abfahren… In der Stille der Nacht fühlte sich das oft gespenstisch an
Aha- das dachte ich mir doch! Auf dem Bildschirm öffnete sich der Streckenplan der U-Bahn-Trasse. Tatsächlich. Die Strecke  macht einen kleinen Schlenker und somit fährt die U-Bahn tatsächlich haarscharf unter meinem Haus in den U-Bahnhof ein. Jetzt wunderte mich nun gar nichts mehr. Nicht nur, das ich auf meinen Reisen mit der U-Bahn die verrücktesten Sachen erlebe, nein- sie ist auch noch so nah an meinem Leben dran, das sie mit einem langgezogene Pulsieren ihres eigenen Herzschlags mitten durch mein Leben rast.
Tief unter Erde fahren Menschen imaginär durch mein Leben hindurch, halten kurz an, steigen aus, steigen um und fahren weiter. Wie kleine Signale, Impulse oder gar Phantasiegebilde bevölkern sie mich und lassen mich spüren, wie bewegt und bewegend ihre Lebensgeschichten sein können. Und ich musste plötzlich wieder an die vier Obdachlosen denken, die draußen in der großen Stadt nach Heimat suchen und sie im Winter in der U-Bahn finden . Auch diese Vier fahren vielleicht gerade unter mir wieder durch mein Dasein. Für eine Minute lang erinnert mich das Vibrieren an fremde Menschen, die durch die Nacht irren, um eine warme Bleibe zu finden.
Ich saß vor dem Bildschirm und dachte, wie unglaublich doch Zufälle sind. Erst seit ich hier in diesem Haus lebe, schreibe ich Geschichten von den Erlebnissen in der U-Bahn. Seit ich hier wohne, und die U-Bahn mittendurch mein Haus fährt. Erst seitdem ich unter Menschen lebe, die oft weniger haben als ich, werde ich mit Gedanken und Geschichten an etwas erinnert, was man als Kind als Floskel oft hört und mit dem man als Kind wenig anfangen konnte : „ganz unten sein , das geht mittendurch“ .
Mitten durchs Herz.

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3 Kommentare »

  1. Liebe MAR,

    Teer! Wenn ich zurück komme nach Berlin, die Stufen hinunter gehe, wenn es nach Teer riecht im U-Bahnhof, dann bin ich wieder zu Hause, in Berlin.

    Und Du wohnst über dem U-Bahnhof. Spürst den Takt der Züge, ahnst die Verzweiflung der Heimatlosen.

    Das hast Du sehr schön beschrieben.
    Ist das Literatur? Oder Philosophie?
    Ich glaube, beides!

    Schön!

    LG, Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — 12. November 2007 @ 12:26 AM

  2. vielen dank , ulf, ja das leben bietet in der tat , wenn es von allen seiten beleuchtet wird, uns die philosophie an, um alles wesentliche zu begreifen. . schön, das du ab und zu bei mir reinschaust. liebe grüße MAR

    Kommentar von silkandpaper — 12. November 2007 @ 12:22 PM

  3. Liebe MAR,
    nicht alle haben eine Sinn dafür, das wahrzunehmen, was Du in Deinen Texten beschreibst. Braucht man dafür den sechsten Sinn? Womöglich. Doch dann behaupte ich ganz frech, dass ich ihn habe… 🙂

    Ich freue mich ebenfalls sehr, wenn Du bei mir vorbeischaust.

    Liebe Grüße, Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — 12. November 2007 @ 11:58 PM


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