Silk and Paper

4. Oktober 2010

die zeit BLEIBT stehen

Filed under: philosophische FRAGMENTe, wahrNEHMungen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 5:05 PM

lieber Freund , wie Du inzwischen weißt, ist ein schwerwiegendes und trauriges Ereignis in mein Leben getreten. In so vielen unserer Gespräche haben wir über die Tiefen des Lebens gesprochen und haben dabei den Tod zwar schattig und irgendwo präsent nie aus den Augen verloren, aber nun, da er so unmittelbar wurde und meine Seele und mein Herz in eine unaussprechliche Trauer versetzt, so das er mir die Worte sprichwörtlich aus der Sprache heraus riss.

Auch wenn mich so traurige Momente ergreifen, das ich manchmal den Atem anhalte, so muss ich mich doch mit dem Gedanken versöhnen, das dies Endgültige wie der Tod zum Leben gehört, auch wenn er so unvorbereitet an die Türe junger Menschen klopft und die, die zurückbleiben müssen, in einen Zustand versetzen, der alles bisher Erlebte in Frage stellen wird.

Jede Seinserfahrung hat ihre unauslotbaren Tiefen und der Tod ist so tief, das man in den ersten Tagen, Wochen, Monaten glauben wird, das das Schiff des Lebens auf einem Felsen zerschellte, das die Meere austrocknen, das sich der Himmel verdunkelt und das der letztendliche Schluss mir vielleicht noch den Verstand rauben würde.

Die Zeit bleibt stehen im Hier für den, der geht. Ich kann nicht schreiben, gegangen ist, weil ich noch immer spüre, das seine Seele anwesend ist und eine Sprache sucht, die ich vorher nicht nicht wahrgenommen hatte.

Wenn man die letzten Dinge für einen Menschen verrichtet, der verstorben ist, dann drängen sich unweigerlich immer Erinnerungen an ihn in das Gedächtnis. Das Berühren der Gegenstände, das Auffinden von kleinen Notizen, der Geruch, der dem Wäscheschrank entströmt…

Man schreckt auf, wenn plötzlich eine Uhr zu ticken beginnt, die seit Jahren nicht aufgezogen wurde. Ein Gongschlag lässt mich wissen, das es drei Uhr sei, doch ich weiß, das diese Stunde, die da schlägt, nicht die ist, die meine Gegenwart im Haus meines verstorbenen Freundes bestimmt.

In meinen Wahrnehmungen habe ich ich all den Jahren sehr oft Rückschlüsse auf Wahrheiten des Lebens schließen können. Sie waren Zeichen, die mein Innerstes aufforderten, genauer hinzusehen, hinter das Gesehene zu schauen…

Einige Tage vor seinem Tod sah ich immer und überall Männer, die wie er liefen, wie er gestikulierten und manchmal auch wie er dufteten. Wenn ein ähnliches Auto meinen Weg kreuzte, dachte ich, er sei es.

Dann war es plötzlich für einige Tage still, bis man mir mitteilte, das er gegangen sei.

Meine Ahnungen, das er mir etwas sagen wollte, mein Gespür, das irgendetwas meinen Alltag durchschwebt, durchdringt und anrühren wollte, all diese Zeichen erfüllten sich nun in diesem so plötzlichen Tod.

Wieso? Wieso denken wir immer, das der Tod plötzlich sei? Er ist doch immer da, er schaut hinter jedem Menschen manchmal hervor und mahnt. Wie kann man ein Leben lang nur glauben, das alles, was im Später sein wird, uns in diesem Rausch von Lebendigkeit nichts angehen würde?

Was geschieht mit uns, die hier bleiben und sich mit diesem Ereignis auseinandersetzen müssen?

Ich kenne ihn, diesen letzten Moment, bevor man in das Sein nach dem Leben eintritt. Ich weiß, das dieser letzte Moment nicht voller Angst ist oder Zorn. Er ist die letzte Konsequenz, der sich der Mensch stellen muss und in uns ist eine tiefe Weisheit, die erst dann, wenn alles zu Ende geht, ans Tageslicht tritt. Die Lieben, die einen Sterbenden begleiten, sollten anwesend sein, sollten diese Weisheit des letzten Momentes ganz bewusst als ein letztes Wort , an sie gerichtet, wahrnehmen.

Ich konnte nicht da sein. Doch trotzdem „sehe“ ich die letzten Worte in den Dingen, die mich streifen. Alles, was ich in seiner Wohnung berühre, ist noch beseelt und belebt von der glücklichen Zeit.

Auf dem Boden finde ich eine Eintrittskarte. Auf ihrer Rückseite vermerkt: Gründerzeit-Museum Marzahn, mit Mar dort gewesen…

Die weiße Rose, die ich vor 3 Wochen in sein Zimmer stellte, ist bis heute nicht verwelkt. Sie ist wie am ersten Tag in voller Blüte. Es scheint, als stünde wirklich die Zeit still in diesen Räumen, als will mir seine Seele sagen: sieh, ich bin noch da!

Wir reden so viel über das Sein und Vergehen. Über das Danach kann man nicht reden, denn es entzieht sich unserem Bewusstsein. Nur die Wahrnehmung, nur die Momente der Erinnerung bringen uns für Sekunden in die Welt unserer Lieben, die außerhalb unseres Hierseins sind.

Der Tod ist wirklich nicht endgültig. Irgendetwas geschieht in den Tagen unserer Trauer. Mir scheint, als würde alle Türen in meinem inneren Haus aufgerissen und alle Gedanken, alle Wahrnehmungen und alle gegenständlichen Dinge strudeln und strömen durch mich hindurch. Alles wird hinweg gespült und kann doch trotzdem nicht mein Sein verlassen. Mir ist, als würde alles durchgewirbelt und neu geordnet und es ergreift mich die Gewissheit, das diese neue Ordnung anders sein wird, als meine bisherige. Jemand fehlt in dieser Ordnung. Jemand, der mich eine Zeit begleitet hat.

Zeit gewinnt an Gewichtigkeit in dem Moment, wenn sie vorüber ist, wenn sie das Bewusstsein durchschlägt wie ein Meteor und ein großes schwarzes Loch hinterlässt.

Ich frage mich bis heute, was es zu bedeuten hatte, das ein altes Telefon, welches über 2 Jahre auf einem Hängeboden lag, mir für einige Minuten ein Datum anzeigte. Das Datum seines Todes.

Immer haben wir über Zufälle gesprochen und wie oft haben wir philosophische Rückschlüsse gezogen, wenn wir den Zenit des Bewusstseins überschritten und uns dem Anderssein zuwandten.

Ich begreife jeden Tag, den ich den Räumen meines Freundes zubringe, das alles, was ich dort verrichte, ein Dienst am Leben ist. Am Ende bleibt nicht viel übrig von dem, was man sehen kann . Kleine Gegenstände, winzige Spuren. Damit diese wenigen Dinge nicht ihren Sinn verlieren, dafür bin ich da.

Ich nehme sie in die Hände und verabschiede sie. Manches wird in die Hände anderer Menschen gelangen, es wird sie erfreuen, es wird sie zum Nachdenken bringen. Manches wird irgendwann als Staub im Wind enden, wenn die Zeit gekommen ist, das sie zu Staub zerfallen sollen.

Der endlose Kreislauf des Lebens hat sich hier im Tod meines Freundes für mich geöffnet. Ich muss da hineintreten und in diesem Kreis aufschließen. Ich muss jeden Punkt in diesem Kreis durchlaufen, um am Ende wieder am Anfang sein zu können.

Advertisements

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: