Silk and Paper

23. April 2010

was bleibt…

Filed under: sprach-RÄUME lyrik, Uncategorized — silkandpaper @ 12:30 PM

Das erste grüne Blatt ,

darauf Dein Name.

Das  Frühlingswehen

riss Dich fort.

Das Leben

Stellt keine Bedingungen.

Es weiß,

wenn die Uhr stehenbleibt.

Nichts bleibt mir,

nur das Wissen,

daß Istanbul Dich

warm betten wird.

.

In Erinnerung an Erol

*Oktober 1962-  April 2010

wenn männer in beWEGung kommen-oder: der tag danach

Filed under: kurzgeSCHICHTen, wenn männer in beWEGung kommen-und sei es... — silkandpaper @ 9:42 AM


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Der Tag danach. Oder : ein etwas anderes Silvester ( 2007/2008 )

Und auch wenn es der Silvesterabend war und nicht ein Allerweltsabend ; ich packe die Geschichte mal in das Wortdurchgangszimmer und nicht zu den Jahresendthreads , weil ich bitte in Anlehnung an die Möglichkeit der Endlosigkeit von Geschichten auch noch nach Silvester mit Sicherheit einem Morgen danach gibt ….vielleicht nicht so dramatisch angehauchte, wie Milva es mal besungen hatte , aber immerhin; unsere Leben sind voller Geschichten und kleinen Tragödien, die wir , um sie besser erklärbar zu machen in VORHER und DANACH einteilen. was auch immer wir als Danach oder Vorher bezeichnen. .Also , wenn immer Ihr solche Geschichten vom Tag danach habt: her damit !

Gestern wollte ich eigentlich einen ganz ruhigen und beschaulichen Abend alleine zu Hause verbringen, diesen Vorsatz fasste ich letzte Woche, weil ich die Knallerei und die „Hasenjagd“ nach Passanten auf der Strasse gar nicht abhaben kann.

Dann aber , Mar , also ich, ( ich sollte nicht in der dritten Person von mir sprechen…) als Kurzentschlossene , und typisch für die Eigenwilligkeit, dem Moment des letzten Tages im Jahr , doch noch in seiner Besonderheit auf den Grund zu gehen ….und aus einem zufällig gegebenen persönlichen Anlass stieß diesen Vorsatz gleich noch am gestern um…. Ich genehmigte mir nämlich eine Flasche Yakut ( OK, nur die halbe ist es hier zu Hause geworden…) schlüpfte nach ausgiebigem Bad in ein enges Schwarzes, bemühte mich die Haare zu bändigen, was mir nicht gelang , griff zur Schere und schnitt dann auch noch in einem kurzen Moment von Dummheit meinen Pony zu kurz ab… ne aber auch…! So blieb dann nichts anderes , als mich der Frisur anzupassen, und gab dem kleinen Schwarzen einfach mit einer langen Perlenkette einen Hauch von Nostalgie…. Mit Hilfe einer Maquillage gelang es mir langsam das das Gesicht einer Dame aus den 30-igern dem Spiegel zu entlocken.

Voila… der Ponyverschnitt war kaschiert . Prüfender Blick… OK. Damit keine Missverständnisse aufkommen, das Café, welches ich spontan aufsuchte, ist bekannt für schöne nostalgische türkische Musik, klassische Musik und alten Liedern aus Istanbul ala Zeki Müren…das passen Spitzenhandschuhe , Hut und eben das kleine Schwarze.

Das einzige Paar Hochhackige an und natürlich die roten Spitzenhandschuhe übergestreift… und hinaus in den Rachen der Großstadt, die Feuer spie und mit lautem Getöse und Böllern ihrer Opfer harrte… Menschen wie ich, die zusammenzucken, wenn es plötzlich zischt und merkwürdig riecht und dann….. bommmm! Kichern im Hausflur, wo die kleinen Rabauken und zu Kindern gewordenen Erwachsenen sich ergötzen an dem Erschrockensein. Nur heute darf man das….also schnell noch einen Böller hinterherschicken! Das enge Schwarze erweist sich nicht besonders als sportliches Outfit und meine ungeübten Beine in Absatzschuhen geben auch nicht das her, was sie sonst so können, wenn es ums schneller laufen geht…

Gott sei Dank ist das Café gleich um die Ecke…man folgt den größeren Familienautos , zwei Stretchlimosinen, superschicken Frauen , schulterfrei ( bei diesem Wetter! ) und den Ehegatten mit den Kindern im Schlepptau. Es ist ja nicht nur Silvester, sondern auch Kurban Bayram. Familienfest.

Das ist schon eine ganz besondere Atmosphäre; ich glaube gerade weil diese spontane Überlegung, einer netten Einladung zu folgen , sich im nachherein als äußerst ergiebige Quelle für etliche Geschichten herausstellte… Situationen und Menschen in einem Café: die Tische geflittert und mit Luftballons in einen imaginären Schwebezustand versetzt…Menschen jeden Alters und jeder Couleur fallen sich mit Worten in die Arme, welches ich nur als zwitschern wahrnehmen kann, des Türkischen nicht mächtig, aber was soll es…

Mein Gastgeber, der Namensvetter eines kleinen Internetromans im deutsch-türkischen Forum ( http://www.turkish-talk.com/philosop…-der-text.html ) der sich übrigens darüber amüsierte, das jemand ihn schon jetzt am Anfang sterben lassen wollte , saß schon an einem kleinen Tisch, in Blickrichtung Mitte des Saals- er war allein, irgendwie hat hat er kein Glück mit seinen Fatma’s . Fatma Nummer 1 folgte Fatma Nummer 2 , dann eine Fatime, dann wieder eine Fatma… und als ob es dieses Jahr so in sich hat; das Jahr neigt sich dem Ende ohne Fatma.

Aber Erol wäre nicht Erol, er ist trotzdem den Freuden des Lebens nicht abgeneigt , und möchte das neue Jahr mit Spaß und einer gehörigen Portion Heimweh nach Istanbul begehen…( das Heimweh nach Istanbul ist eine ganz kleine, wenigstens zu 50% Ausrede, sich eine Flasche Raki zu ordern. Die Damengesellschaft der Familie Dilek am Nebentisch äugte etwas erschrocken hinüber, als noch meine Flasche Yakut ( die ich folgerichtig nach der von zu Hause geöffneten Flasche bestellte) . Ich musste innerlich doch schmunzeln, weil ich daran denken musste, wie wunderbar sich doch diese Posen in die folgenden Episoden des Romans übertragen lassen würden, wenn denn Erol nicht sterben müsse…mein kleines Schmunzeln blieb nicht unbemerkt und die Nachfrage beantwortete ich sehr artig mit dem Fortgang des Romans ( also das muss ich doch schnell einflechten- der echte Erol ist natürlich ganz und gar einverstanden, hier verewigt zu werden) .

Nachdem ich ihm seinen möglicherweise frühen Tod prognostiziert hatte, setze er sich aufrecht und mit unglaublich ernster Miene in seinem Stuhl zurecht. Langsam griff er in seine Hosentasche und holte einen Revolver heraus. Mir wurde es ganz heiß und kalt … Mindestens 250 Gäste waren im Raum , Volkan sang gerade Cicek Pazari und schlitterte mit geübten Schritten zwischen den Tanzenden auf dem Parkett unsere Richtung… er hatte uns erspäht und wollte Hallo mit dem Mikrofon in der Hand zuwinken, auf unseren Tisch zusteuern und mit seelenbetörender Stimme mein Herz erreichen , denn Cicek Pazari und Istanbul Sokak sind meine Lieblingslieder – Ein wenig stolperte er mit seinen Worten den Noten hinterher, wohl möglich, das er die Waffe sah, die Erol jetzt hob und einfach in Richtung Saalmitte zielte. Scheisse…. jetzt passiert etwas , dachte ich. Ist eine Fatma aufgetaucht oder eine Fatma zuviel da, oder …. Er drückte ab .

Ein leises Zischen, eine kleine zitternde Flamme – und ein Zigarettchen glimmte in seinem Mundwinkel. Die jüngere Dame der Familie Dilek war ebenso wie ich nicht ganz von diesem Spaß eingenommen und fast gleichzeitig atmeten wir tief und erleichtert auf.

Jetzt machte sich ein Lachen breit auf diesem Gesicht, die Grübchen wurden tiefer, das Lachen wurde breiter, die Haltung wieder legerer… vorbei der Spuk. „Also Erol nicht so einfach sterben, immer noch leeeebendig, bitte sagst Du das diese Schreiber von Roman…ich bin Türke, Türke nicht so einfach aufgeben.“

Cicek Pazari war verklungen; Volkans angedeuteter Handkuss auf meinen rotbehandschuhten Händen ( die übrigens meine raue Haut vom Saubermachen am Vortag vorzüglich versteckte…) machte Frau Dilek, die Jüngere, ganz eifersüchtig. Das machte mir den aufrechten Sitz und die nonchalante Pose sehr leicht.

Eifersüchtige Frauen , die auf einen Blick ihres Gesang-Idols warten , können mitunter gefährlicher werden als wenn der Mann mal gerade fremdgeht ( das sieht sie ja meist nicht…, wohl aber wenn die Frau am Nachbartisch vom Star des Abends nach dem Befinden gefragt wird… ) oh oh die Sonne verfinsterte sich …

Dafür flackerten die ersten Sternchenfeuer auf , die ersten Obst-Etagerien würden serviert, und es waren eine Menge Obst-Etagerien, die immer als ein untrügbares Zeichen von Raki-Konsum am jeweiligen Tisch zeugten ( Melonen, Äpfel, Weintrauben) .

Die Kinder, derer nicht wenige waren, tanzten selbstversunken oder mit dem wunderbaren orientalischen Hüftschwung um die Tische herum; ein roter Luftballon landete auf meinem Kopf, eine kleine Prinzessin im weißen Tüllkleid und unwiderstehlichem Lächeln holte ihn sich ab… Es wurde warm im Raum,

die Musik heizte mächtig ein, jetzt bedauerte ich zum ersten Mal das ich das enge Schwarze gewählt hatte , kein Lufthauch passte zwischen Stoff und Haut… Auch auf Erols Stirn zeichneten sich Schweissperlen ab…Seine Augen wanderten mal zu dem und zu jenem, ein freundliches Kopfnicken in die Richtung, dann in die andere Richtung, eine Lage Raki wurde geordert für die Kapelle und für Geschäftsfreunde hinter dem großen grünen Defne-Baum aus Kunststoff. Das große weiße Taschentuch glitt über Erols Stirn und er beugte sich etwas über den Tisch, um mir etwas zu sagen. Aber ich hörte nur die Geige und die Tabla, das Stampfen der Füsse und mein Handy klingelte , zwar lautlos aber das blaue Blinken machte mich trotzdem nervös . Ich stand auf, um in den Flur nach draußen zu gehen. Dabei erhaschte mein Blick die Tischgesellschaften hinter mir und auffällig in unsere Richtung vor sich hinschauend eine Frau mittleren Alters im silberglänzendem Gewand und so rotgeschminkten Mund, das man schon sagen musste, das sie garantiert nicht zu übersehen war. Ich stand in der „Schusslinie“ wenn man die Linie zwischen Erols Blicken und den Augen der Frau so nennen darf. Und es war eine Schusslinie.

Da ich erst einmal mit dem läutendem Handy nach draußen lief, entging mir die erste Szene des Schauspiels. Mehr oder weniger spielte sich eine Tragödie ab, die leise und nonverbal aber dafür um so eindringlicher, das ich förmlich fühlen konnte, das diese Frau und Erol sich kannten. Er wandte sich mir wieder zu, nachdem ich zurückkam und sagte mir, das er die Frau kenne…. Fast tonlos fragte ich: „ist das eine Fatma?“ Und er flüsterte mir wieder zu und ich konnte des Lärmes wegen nur die Lippen ablesen: “ nein, eine Hülya“.

Ups. Diesen Namen höre ich zum ersten Mal. Erol nahm den Stuhl und rückte etwas näher an mich heran.

“ Diese Frau mich haben wollen, lange Zeit, immer mich gucken , immer andere Leute fragen , ob ich verheiratet bin, andere Leute wissen mich nicht , meine private Leeeeben geheim. Aber immer wenn ich Abrechnung machen will, sie ist da und will meine Nähe sein. Ich mag diese Frau nicht. Nicht mein Geschmack. Und jetzt sie ist dort und seit ich sie sehe , sie trinkt eine Raki nach dem anderen. Schaut mich in meine Augen und trinkt ohne meine Augen zu verlassen. Scheisse…“

Na ja, meine Neugier war größer und wie so in solchen Fällen tut man so, als fiele etwas herunter und man schickt einen Blick wie heimlich und schaut , was Sache ist.

Jetzt erst viel mir auf, das der lange Blick auch vom Betrunkensein herrühren müsste.

Langsam erhob sie sich , und ich muss schon anerkennend sagen, sie konnte fast gerade laufen, und sie steuerte genau auf unseren Tisch zu. Erol, der Mächtige, der durch nichts zu Erschütternde, der Herr im weißen Anzug , der Kindskopf mit dem spitzbübischen Lachen, Erol, der noch NIE in der Öffentlichkeit getanzt hat ( “ ich bin schwere Mensch , ich tanze nicht… mit schwer meint er seine Seele…) , also dieser Erol sprang wie ein geölter Blitz auf, zerrte mich auf die Tanzfläche, breitete seine Arme aus, wie ein Greifvogel und begann eben nach guter alter türkischer Sitte zu tanzen und zu stampfen und stieß mich immer weiter in den Pulk der Menschenmenge hinein.

Meine Arme flatterten ebenso in der Luft, meine Handgelenke nahmen die türkische Staatsbürgerschaft an und konnten wie von selbst graziös den Rhythmen folgen, so als hätten sie nichts anderes getan. Und plötzlich…. plötzlich war Erol verschwunden. Abgehauen ….Ich drehte mich alleine mit Frau Dilek, der Älteren und Frau Kaya mit Kind auf dem Arm in einem Reigen.

Manno, wo ist dieser Bursche abgeblieben ? Die Musik war zu Ende, die betrunkene Frau, die zwei-dreimal unseren Tisch fassungslos umkreiste, weil niemand auf den Stühlen saß, lief besonders zielstrebig und langsam in Richtung Ausgang und dann sah ich sie noch durch die Fensterscheiben hindurch, wie sie im Dunkel des Hotelhofes verschwand. Der nette Kellner fragte mich besorgt, ob alles in Ordnung sei, weil ich so mutterseelenallein und mich den nun schadenfrohen Blicken von Frau Dilek, der Jüngeren ausgeliefert sah. Evet, evet, alles in Ordnung.

Aber wo zum Teufel ist Erol abgeblieben? Ach schau, da war er plötzlich wieder in freudiger Eintracht , mit dem Fotografen, der mit einem Papier-Rosenstrauss und einer Sofortbildkamera seine Runde drehte … Erols Blick ging ringsum , Aufatmen, die Frau war weg. Mit einem triumphierenden Blick, als hätte er gerade die Schlacht von Troja gewonnen, setzte er sich , natürlich in markanter männlicher Pose auf seinen Stuhl und schaute mich mit seinen Augen und einem Schalk darin an….

„Wo warst Du?“ ….“Auf der Toilette, da was ein kleines Fenster und ich immer durchgeguckt habe, das diese Hülya weg ist. Frau ist Katastrophe. Ihr Kollege war auf Toilette und hat mir gesagt, das Hülya ganz schockiert war, Erol mit Frau hier zu sehen. Niemand weiß, das wir nur Freund sind und keine verheiratet, aber egal…. Hülya ganz eifersüchtig und traurig und trinken und dann mit mir sprechen wollen…..ich habe so auch gedacht und deshalb lieber wegrennen zum Tanzen…“

Darauf einen Yakut und einen Raki. Sherefe.

Erol, Erol, diese Situationskomik ist einfach unbezahlbar. Es wäre unverzeihlich, wenn Erol jetzt stürbe in unserem Roman. Das Leben schreibt die besten Geschichten. Ich bin sicher, das man da noch einiges erwarten kann von ihm. Spätestens wenn Fatma Nummer 4 auftaucht. Also liebe Leute Erol lässt Euch herzlich grüßen und zwinkert Euch lausbübisch zu. Was das bedeutet? Es heisst: lasst mich bitte am Leeeeeeeben!

 




in Erinnerung an meinen guten Freund Erol geb. am  2.Oktober 1962- gest. am 16. April 2010

15. April 2010

NELLY

Filed under: DER mensch als fremder ORT, sprach-RÄUME lyrik, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 8:44 AM

Nelly

Unvergessen

Dein schmerzliches Gehen.

Dieser Mai war lau

und einen Moment lang

verdunkelte sich der Himmel.

Doch dann plötzlich:

alle Deine Verse,

sprühten tausendfunkengleich

in die Ewigkeit.


Damals,

als ich Dich traf, in all den Worten,

war alles schon schattenlos

atemlose Stromschnellen…


Die Erde war grau,

selbst kleinste Steine schwer

im ruhigen Paradies

zorniger Nordwinde.


Menschenleere Karawanen

zogen als Wolken

über Dich hinweg, und doch:

zwei winkten Dir zu.


Einer war,

der gehen musste in dunkler Nacht.

Der andere, der gehen wollte,

am sonnigen Tag.

Zum 40. Todestag von Nelly Sachs am 12. Mai 2010

13. April 2010

WORTgeburt

Filed under: philosophische FRAGMENTe, sprach-RÄUME lyrik — silkandpaper @ 8:30 AM

Hast du dich wiedergefunden?

Entdeckt zwischen den Wortgebäuden?

Oder schwimmst du noch durch die Leerzeichen dem Buchstabenufer zu?

Badest du noch in den Wellen,

deren Wasser eine bittere Sprache sprechen?

Oder hast du erkannt, wie gut es sich dahingleiten lässt,

auf salzigem Nass in den Ozeanen voller Geflüster…

Dein Herz pocht an die Tür,

und überflutet von zauberreichen Rätseln lässt du dich treiben.

Bist du verloren?

Gräbst du dich immer noch durch Labyrinthe im Dunkel?

Hangelst du dich am Heute zurück ins Gestern?

Zurück zur Geburt deines ersten Wortes,

welches dir das Denken erweckte? Oder hast du erkannt,

wie das Morgen schon lockt, zu Ufern,

wo schroffe Felsen deine Kindheit verschlingen und dir Alles verwandeln,

was du zu kennen glaubtest.

Der Morgen wird Nacht sein,

und Alles wird NICHTS.

* NICHTS = die Leere, metaphorischer Begriff im Buddhismus für Verwandlung © MAR

3. April 2010

wenn die UHR atem holt

Filed under: sprach-RÄUME lyrik — silkandpaper @ 11:22 AM

Wenn die Uhr Atem holt,
zwölf Uhr schlägt,
die Sonne fast im Zenit,
uns einen Frühling vorlügt
und anderswo sich schwebende Stille
in einer Gasse ausruht.


wenn der Auslöser meiner Kamera
alles einfängt wie ein Häscher,
weil jede Bewegung dieser Minute
dem Blick meiner Augen entschwindet.
Wenn Lichtflecke auch Schatten zaubern;
und der Staub nach Vertrautem riecht…

Ewige Momente,
die im Vorübergehen unvergessen werden.

Jakobs Kinder

Filed under: sprach-RÄUME lyrik — silkandpaper @ 11:15 AM

Wo ich her kam, blühten Rosen
Von Gad
gewandert bis zu den Gärten Isfahans
zu grünen Auen und goldenem Glück,

sind die vom Stamme Jakob…
ließen sich nieder
in fruchtbaren Tälern
und in den wilden Bergen der Osseten,

und besangen damals schon
den Wein Armeniens,
bis Temüüdschin sie mitnahm
durch das Sibirien alter Zeit,

durch den Ural,
hin zum Schwarzmeer
durch das Reich der Turkmenen,
durch die Berge Transsilvaniens,

in die Puszta der Magyaren.
Dort war die Steppe noch karg
und Slowenien ganz nah,
und auch dort wuchsen Trauben

und man las DAS Buch…
Kinder wurden geboren,
Alte starben, ein ganzes Volk,
aufgelöst und verstreut,

wurde heimisch in der Welt.
Doch immer bleiben sie Jakobs Kinder…
persisch, armenisch,
ossetisch, mongolisch, uigurisch,

magyarisch, slowenisch, tschechisch,deutsch…
bis man ihnen all die Namen wegnahm
und nur den einen gab,der sie kennzeichnete
und zu Fremden machte.

Meine staatenlose Mutter,
deren Vorfahren ausgelöscht wurden,
fast jede Wurzel vertrocknete und verbrannte
in heißen Feuern, gebar mich im Land derer,
die ihr Arbeit gaben,und einen Pass.

Wenn du mich heute fragst,
wer ich sei, kann ich dir sagen,
das in Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts
man mir auf einen Zettel schrieb,
das ich deutsch sein darf,
für zehn Jahre. Danach die Sintflut.

Seit tausenden von Jahren
ziehen Jakobs Kinder
durch die Steppe, durch Landschaften,
durch die Sprachen dieser Welt.

Nirgends ein Zelt, nirgends ein Garten…
Aber immer noch
Grünt ein Baum, dort in dem Land,
wo Rosen duften.

die ZEIT fliesst über

Filed under: sprach-RÄUME lyrik — silkandpaper @ 11:12 AM

Die Zeit fliesst über,
zuviel ist sie, zu schwer, zu groß.
Nur etwas bleibt verfangen,
nur ein Moment in dem Gefäß des Seins
in eines Menschen und der Erde Schoß.

Die Liebe ist zerronnen,
zu tief war sie, zu dicht, zu rot.
Nur die Erinnerung an sie,
nur eine blasse Spur auf altem Papier,
doch auch schon dort erzählte sie vom Tod.

Die Scherben fallen.
Nichts bleibt als ein bizarrer Schatten.
Zersplittert in tausende kleine Stücke
ist jeder Moment und unser Leben und die Frage,
ob wir uns jemals wirklich hatten.

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