Silk and Paper

27. Januar 2010

wenn männer in bewegung kommen-verkaufen sie dir das GLÜCK


kekse

Fünfzehn Grad minus!Würde heute ein Vermummungsverbot bestehen, wäre ich erfroren…

Ich zwänge mich in eine übervolle U-Bahn und hoffe, einen Platz zu ergattern, Wie die Sardinen in einer Büchse stehen die Fahrgäste, und wenn die Bahn anfährt, fällt man sich ungewollt in die Arme. Ich versuche mich am einen Türgriff festzukrallen, weil vor und hinter mir Menschen stehen. Es ist ziemlich still, es scheint, als wären auch die Münder vereist und zugefroren.

Plötzlich höre ich von ganz hinten rufende Worte… Ein völlig neues Vokabular! Keine MOTZ, kein STRASSENFEGER, kein Musikant. „Glückskekse“ höre ich, und gleich den hinterhergerufen der Preis , „ 50 Cent das Stück!“. Da meine Nachbarn wirklich so nah wie noch nie meinen Augen kamen, sah ich, wie sich bei Vielen eine Art Belustigung breitmachte.

Ich fand das sehr mutig von diesem älteren Mann, sich zwischen so dicht gedrängten Menschen am frühen Morgen mit einem Korb hindurchzuzwängen. Im Korb lagen in goldglänzendem Folienpapier die typischen Glückskekse, die man im Chinarestaurant mit auf den Weg bekommt. Innerlich musste ich schmunzeln, denn 8:30 Uhr in der Früh das Glück für eine kleine Summe zu verkaufen, passte irgendwie nicht in diesen eiskalten Wintertag in diese U-Bahn.

Es fehlte der Geruch von gebratenen Nudeln oder Reis, der Duft von Peking-Ente oder Dim-Sum; Hier roch alles nach getragener Winterkleidung, Schweiß oder zuviel aufgetragenem Parfüm. In der Regel sollte einem das Glück in den Schoß fallen, es sollte aufblitzen, es sollte einen ereilen. Doch hier war es einfach 50 Cent wert… ich musste es haben! So leicht erreichbar war es noch nie. Dieser alte Herr, der wie alle Fahrgäste dick vermummt und wintertauglich angezogen war, verströmte an diesem eisigen Morgen einen Hauch von Exotik, ja sogar das Bedürfnis, ein Reiseticket zu kaufen, welches mich nach China brächte.

Leider schaffte er es nicht mehr , sich bis zu mir hindurch zu drängeln , weil die Haltestelle nahte und die aussteigenden Fahrgäste ihn beiseite schubsten und er mit allen auf dem Bahnsteig landete. So nahe war mein Glück und nun sah ich es schon zerrinnen und entschwinden. Der große Zeiger auf der Bahnsteiguhr zeigte mir an, dass ich noch etwas Spielraum hatte, um zur Arbeit zu gelangen und in einem Moment von Eingebung sprang ich aus dem Wagen hinaus.

Die U-Bahn fuhr weiter und die meisten Leute hatten die Rolltreppe erreicht. Der alte Mann und ich standen auf dem Bahnsteig und warteten auf den nächsten Zug, der in 3 Minuten kommen sollte. Ich kramte 50 Cent heraus und bat ihn, mir einen Glückskeks zu verkaufen. Dabei schwatzten wir und ich sagte ihm, dass ich extra  wegen des Glücksversprechens vorher ausgestiegen bin. Na ja, ein bisschen verrückt vielleicht, aber was soll’s. So einen kalten Tag muss man sich irgendwie schön machen und sei es mit einem kleinen Tip fürs Leben. Ich zog die Handschuhe aus und griff etwas tiefer in den Korb. Sich ein noch unbekanntes Glücksmoment herauszusuchen hat schon was Besonderes. Es ist kein Lotterielos, sondern etwas, was auf dem Zettel stünde soll ich glauben, dass es mir widerführe… Also zog ich eines der goldenen Glücksbringer heraus und mit kindlicher Neugier öffnete ich die Folie und las:

 Erlauben Sie sich eine kleine Verrücktheit, sie wird wirken wie Medizin.

Hier musste ich schallend lachen.

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