Silk and Paper

17. Januar 2010

Filed under: DER mensch als fremder ORT, wahrNEHMungen — Schlagwörter: , , — silkandpaper @ 1:40 PM

Es war dunkel. Trotzdem kniff ich die Augen zusammen, so als würde ich in einem gleisenden Licht stehen. Ringsum war Stille. Es war wieder mal so eine Nacht, wo ich nicht schlafen konnte und anstatt mich unnötig von einer Seite zur anderen zu drehen, das Bett verlies und nach draussen ging. Ich war zu faul, mich umzuziehen und so streifte ich nur eine warme Hose über und einen dicken Pullover. Im Korridor hing noch der Anorak, den ich meist nur trug, wenn ich zum Supermarkt ging- große Taschen, dicke, gemütlich, waschbar ( für den Fall, das mal wieder der Joghurt ausläuft) . Im Treppenflur machte ich kein Licht und schlich mich hinunter. Eine Wand aus kalter Luft und winzigen ,gefrorenen Wassertropfen schlug mir ins Gesicht. Die drei Stufen , die zum Eingang führten, schimmerten bläulich und ich sah trotz zusammengekniffener Augen, wie sich der Schnee verharschte und als Eisskulpturen, winzig klein, auf den Stufen liegenblieb. Ich machte einen großen Schritt, um diese Kunstwerke der Natur nicht zu zerstören. Das Gartentor schloss sich leise quietschend hinter mir und stand auf der Straße. Über mir war alles tiefblau, fast schwarz; man ahnte schon den nahenden Morgen, aber wenn die Wolken sich in dicken dunkelgrauen Ballen unter das Firmamant schoben, war es , es schwabbte schmutzige Tinte in einem großen, gläseren Behältnis und wenn man Glück hatte, sähe man das grüne Glas. Die Nacht schrieb ein Gedicht in den Himmel über mir. In meiner nächtlichen Einsamkeit war ich ein guter Zuhörer und ich begann leise vor mich hin zu summen. Hinter mir raschelte es und und ich hörte einen leisen Atemzug und ein rhythmisches zartes Klopfen. Etwas stiess an mein Bein und ich sprang zur Seite. „Hallo?“ Eine Männerstimme fragte noch einmal: „hallo?“ Und dann krachte es laut neben mir. Seit Wochen habe ich Bauarbeiter vor dem Haus und der Gehweg war nur zur Hälfte begehbar. Die rot-weißen Absperrungen, die nur aus Plastik sind, hielten meinem Gewicht nicht stand und ich fiel mit ihnen mitten in den gefrorenen Sand. „Hallo?“ Eine Hundeschnauze , ein hechelndes Geräusch und dann beugte sich der Mann über mich. Die Hände suchten umständlich, wo er mich zu fassen kriegen könnte und packte dann den Ärmel . Als ich endlich stand, fragte die Stimme, ob ich mich verletzt hätte und was in Gottes Namen ich um diese Zeit alleine auf der Straße sei. Ich konnte das Gesicht des Mannes erkennen; es war der ältere Herr, der immer Parterre am Fenster hockte und auf die Straße blickte. Jeden Tag, fast immer. Manches mal nahm er Pakete für mich an und die reichte er immer gleich durchs Fenster, wenn ich sie abholte. Ich fand es nett, dass er mir den Weg zur Post ersparte, aber trotzdem war er irgendwie immer etwas abweisend, fremd oder gar abwesend, wenn ich ihm den blauen Zettel hinhielt, den der Postbote hinterlegt hatte. Ich sah diesen Mann das erste Mal auf der Straße. Erleichtert lies ich es ihm wissen, dass ich froh bin, dass ein Nachbar mich hier von der Straße aufhalf. Ich wagte nicht laut zu sprechen, denn gleich über meinem Kopf befand sich das Fenster der Erdgeschoss-Mieterin. Es war Nacht und als wolle ich das Poltern der Absperrung ungeschehen machen, flüsterte ich nun leise. Ich bedeutete dem Mann, dass ich spazieren ginge, weil ich nicht schlafen kann und da ich gerne den nächtlichen Himmel sähe, würde ich des öfteren diese stillen Stunden geniessen., „Wie sieht denn der Himmel aus“, fragte er mich. „Da, schauen Sie! Wie eine große Marmorplatte mit vielen dunklen Äderchen, und diese zwei, drei Sterne, die man durch die Wolkendecke schimmern sieht“ . „Wird es schon hell?“ Er streckte die Hand aus und zog seinen Hund etwas zu sich heran. Er tätschelte ihn und sprach leise und zärtlich auf ihn ein. “ Nein“ , sagte ich. „Nein, Man sieht doch kaum die Hand vor Augen“ , und wie man doch sieht, brenne bei niemandem Licht. Es ist vielleicht 4 Uhr . Ich spürte, wie die Kälte unter meine nur kurz übergestreifte Hose kroch und meinte zu ihm, dass ich lieber wieder ins Haus ginge. Vorher aber wollte ich schnell wissen, wieso er so spät den Hund ausführe. Er lachte kurz auf. „Ich führe nicht den Hund aus, der Hund führt mich aus,“ Und im gleichen Moment bemerkte ich in einem kurzen Moment im Licht der alten Straßenlaterne, das er blind war.

MAR

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