Silk and Paper

26. Juli 2009

brüchige WELT

Filed under: DER mensch als fremder ORT, kurzgeSCHICHTen, WEGkreuzungen — silkandpaper @ 6:33 AM

 

himmel hinterzarten 2 gestreckt

 
 

Die brüchige Welt ( Fragment)
Vollkommener Weg, gesäumt von ausgeputzen Gehsteigplatten, sauber gefegten Bordsteinkanten und leise vor sich hinwippenden Sommerblumen, an deren Stengeln kein welkes Blatt geduldet wurde…Hinter dem Spitzdach geht malerisch die Sonne unter und vor dem Haus reckt sich eine gestromte Katze. Leise summt der elektrische Draht in den Überlandleitungen. Ein scheinbar alter Mann quält sich behäbig die kleine Anhöhe hoch und zündet sich eine Zigarette an. Diese Stille in diesem großen Raum , der sich Himmel nennt, diese weite Unbeflecktheit ist wie ein gedeckter Tisch , der irgendwo in einem Landhaus steht und von dem ein Duft ausgeht, der an Sonntagnachmittage erinnert; kurz bevor man den frischgebackenen Streuselkuchen auf die weiße Tischdecke stellen wird und diese Beschaulichkeit einer herbeigesehnten Eleganz mit dem Duft bäuerlicher Backkunst durchbricht. So, als würde sich das letzte Licht eines heißen Nachmittags durch die blankgeputzten Fenster hindurch in den Wassergläsern spiegeln wollen, so schimmern die mit Abendtau benetzten Tannennadeln und halten die kleinen Tropfen an ihren fragilen, hellgrünen Spitzen fest. Man würde es fast glauben, wenn man sagte, das sie einen leise gläsernen Ton von sich gäben, wenn sie auf die vom Wind und von Frauenhand gefegten Strasse fallen. Sie zittern fast unbemerkbar, als der alte Mann vorüberging. Das Auftreten seiner Füße verursachten kleine Schwingungen, die sich auf die Tannen am Wegesrand übertrugen. Seine Augen blickten ins Leere, so , als würde er all diese Schönheit und diese berührende Stille nicht wahrnehmen und sich ganz anderswo aufhalten. Sein Blick öffnete irgendwie eine dunkle Tür zu einem noch dunkleren Korridor zu einer offenbar alten, verbrauchten Seele. Dort hinter den Jahren seines Lebens waren viele Türen auf-und zugeschlagen worden, die Ritzen und sogar die Schlüssellöcher verstopft- so das selbst kein einziger Schimmer nach draußen drang. Verschlossen war verschlossen, war vergessen und vorbei- warum die Türen wieder anrühren?

Selbst Nachmittage, wie sie der Abendhimmel in die Erinnerungen zaubern kann, und nun auch verborgen hinter verschlossenen Türen ruhten, möchte er nicht mehr als Begleiter in seinen Gedanken haben, wenn er diesen für ihn beschwerlichen Berg heraufsteigt.
Die sanfte, fast lautlose Stille taucht ihn in einen unsichtbaren , ja durchsichtigen Zeit- Brunnen, tief und unergründlich. Man könnte meinen, Betrachter eines alten, sepiafarbenen Bildes zu sein, einer Postkarte vielleicht, die sich in einem Stapel neuer, farbiger Abbilder einer Dorfidylle verirrt hat und erstaunt stellt man fest, während man das Foto zurückstellen möchte, das es einem vertraut vorkommt. Und so, wie man sich vielleicht das alte Foto noch einmal anschaut, bevor es wieder im Stapel der Abbildungen von konservierter Zeit verschwindet, so wirft man noch einmal den Blick auf diesen alten Mann, dessen Zigarette nur noch zart aufglimmt und nun verglüht.
Inzwischen ist es Nacht geworden. Ganz und gar in die dörfliche Dunkelheit gehüllt, lässt sich der Mann auf einer Bank nieder und nur wenn man ganz angespannt lauscht, kann man ihn atmen hören. Erstaunt stellt man fest, das dieser Atem nicht der eines Mannes sein kann, der sich nur mit großer Kraft vorwärts bewegt hat, sondern der Atem geht leise und regelmäßig und so, als hätte er nicht die Anhöhe mit Mühe erklommen . Wahrscheinlich ist der langsame, schleppende Gang nicht Zeichen seines Alters, sondern das Mühsal scheint darin zu liegen, die Türen seiner Erinnerungen mit größter Kraft zuzuhalten.
Durch die dunkelblaue Nacht zuckte ein Blitz und erhellt den Dachvorsprung, unter dem die Bank steht und sekundenhell erleuchtet der Feuerschein das Gesicht des Mannes und ich stelle erstaunt fest, das er tatsächlich nicht alt sein kann, denn sein Gesicht zeigt zwar Spuren der Zeit, aber ich schätze ihn auf die Mitte des Lebens …Ein in sich ruhender Mensch sitzt dort , mit den Händen auf den Beinen abgestützt, so als wolle er seinen Oberkörper davor bewahren, das man seine Ermüdung nicht ansähe.

Regen prasselt nieder und ich stelle mich unter das Vordach. Ein kurzes Nicken, ein Schweigen in die Stille hinein. Der Geruch von feuchter Erde, von nassem Gras und nächtlicher Frische steigt auf. Kleine Bäche verwandeln sich in flussähnliche Landschaften und reißen den Staub der Straßen mit sich. Die Beine angezogen und die Arme fest um die Knie gewunden , wechselt der Mann sein Ausharren und schaut mit fast befriedigendem Lächeln zu, wie die Erde sintflutartig hinweggeschwemmt wird. Noch einmal atmet er tief durch und beginnt zu sprechen; leise und mit einer ruhigen Stimme . Was mich an diesen unwirtlichen Ort verschlüge und wieso ich nicht wie andere Fremde den Berg hinauf eile, um ganz und gar im Trockenen zu sein. Noch ehe ich antworten konnte, lachte er kurz auf; ganz und gar im Trockenen! Was für eine Wortspielerei in einem solchen Sommer, wo Berge vom Wasser unterspült werden und mit großen Geröllbrocken ins Tal und leider auch auf die Viadukte der Schienen aufschlagen , es sei wie im Leben, meinte er. Alles stünde felsenfest und dann genügt ein Tropfen, der alles ins Rollen brächte.
Ich höre ihm zu und weiß genau ,wovon er spricht . Es scheint, als spüle der nun fast fadenförmig rinnende Regen etwas von der Fassade des nach außen hin schweigsam wirkenden Mannes herunter und gäbe einen Spalt zu den Zimmern frei, die in seinem Leben bisher verschlossen waren.
Ja, so sagte er dann, er stünde selbst im Regen.

Obwohl eine Art Vergeblichkeit in seinen Worten mitzuschwingen schien, klang es so, als wolle er in der die Nähe zu einem Menschen, unter dem Vordach des Hauses, unter dem Regendach, mitten in der Musik der Regentropfen, mehr von sich erzählen.

Ich sage immer noch nichts. Die Menschen hier in diesem Ort sind spröde und sogar oft ziemlich ungehalten. Ich bin mit meiner offenen und ungezwungenen Art nachzufragen oft auf recht kleinbürgerliche Abwehr gestoßen. Im Grunde sind die Dörfler hier sehr schwatzhaft, aber eben ungefragt. Man erzählt hier gern vom neuen Haus oder dem guten Wein, aber auch von Unwesentlichkeiten, wie das Bellen des Nachbars Hund oder das erhöhte Verkehrsaufkommen hinter der Schlucht.
Nun bin ich überrascht, das ein Mensch aus diesem Bergdorf aus dieser Verhältnismässigkeit ausbricht und sich mit seinen wenigen Worten ein Brunnen auftut, dessen Tiefe an fallenden Steinen, oder hier besser am Widerhall seiner Worte zu messen war.

Von welchem Tropfen auf welchen Felsen will er sprechen, dieser Mann, der mit mir in regennasser Einsamkeit sitzt. Ich setze mich auf und will ihm zuhören , denn ich spüre , daß etwas zu bröckeln begann.

 

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