Silk and Paper

31. Januar 2009

von irgendWO her- nach irgendwo hin

Filed under: DER mensch als fremder ORT — silkandpaper @ 12:43 PM

Irgendwie bin ich aus einer anderen Zeit, so glaube ich zuweilen. Und ganz besonders der Winter scheint mich in dieser Vorstellung zu unterstützen, das die Zeit sich verschoben hat, oder herausgelöst aus anderen Landschaften der Minuten und Stunden und mich wie auf Vogelschwingen mitnimmt in die Lüfte . Von ganz oben dann schaue ich herunter und sehe, wie die kalte Winterluft wie aus der Vergangenheit kommend die Menschen dazu verleitet, sich vor ihr zu schützen.
Immer im Winter erwacht der Kostümierungsdrang.
Ich ziehe den langen Mantel an und hänge mir den Muff um, der meine Hände verbirgt und der vor meinem Körper hin-und herschwingt. Ich weiss genau, das ich in diesem Mantel aussehe, wie eine Frau aus den Dreißigern. Die Hutschachtel liegt bereit und ich suche einen Hut heraus, der den Anlass gemäß eine Eleganz unterstreicht, die man in adligen Kreisen bevorzugt. Es ist so ein Tag, wo ich mich für einen Empfang herausputze….Die kleine Tasche fürs Nötigste unter den Arm …und schon laufe ich die Strasse entlang. Ich bin froh, das es dunkel ist. Hier in dieser Gegend fällt man auf, wenn man etwas aus der Reihe tanzt. Die Absatzschuhe machen Lärm und ich muss aufpassen, das meine Absätze nicht im Kopfsteinpflaster steckenbleiben. Den Kopf gesenkt schaue ich , ob ich aus versehen die Bordsteinkante übersehe und plötzlich stoße ich mit einem Mann zusammen, der wie ich die Strasse entlang hastet. Ich blicke auf und sehe einen Menschen, der wie aus den Dreißigern ausschaut. Ein eleganter Anzug, blankgeputzte Schuhe, einen schönen Wollmantel und einen schönen Schal. In den Händen ein paar Handschuhe. Beide bleiben wir abrupt stehen. Das man auf jemanden trifft, der offenbar wie man selbst aus einer anderen Zeit zu stammen scheint ist so selten wie ein Sechser im Lotto.
Ich muss weiter und gehe auf die andere Strassenseite. Noch einmal drehe ich mich um, aber der Mann war wie vom Erdboden verschwunden. So wie er auftauchte so verschwand er wieder… Merkwürdig!
Endlich sehe ich das blassgelbe Licht des U-Bahneinganges und gehe vorsichtig die Treppe hinab, warte auf die U-Bahn und steige ein. Abends ist Bahn voller Kauflustiger Menschen und zwischen großen Tüten , Kinderwagen und Fahrrädern schiebe ich mich zwischen der Menschenmenge hindurch und finde einen Platz. Träumend , vor mich hin sinnierend sehe ich plötzlich auf ein paar sehr blank geputze Schuhe. Ich blicke auf und sehe diesen Mann plötzlich wieder. Er steht an die Tür des Wagens gelehnt und schaut hinaus in die vorbeihuschende Dunkelheit des U-Bahnschachtes. Irgendwie passt dieser Mann nicht in die U-Bahn, denke ich. Er sieht viel zu elegant aus, irgendwie würde er eher in ein altes Auto gehören , mit einem Chauffeur…. die gelb-rote Tür der U-Bahn umzeichnet ihn wie ein Bilderrahmen. Ja- denke ich. dieser Mann ist ein Bild, ein Gemälde; etwas, was nicht in diese Zeit passt. In den letzten 10 Jahren habe ich keinen so elegant und stilvoll bekleideten Mann gesehen. Von irgendwoher kam er und irgendwohin ging er. Er lief durch die Zeit und blieb für eine Viertelstunde im Heute stehen. So schien es.

Als ich wieder aufblickte, war er verschwunden. Ich weiss nicht, warum mich diese fast nichtssagende Episode von heute Abend so beschäftigt hat, aber sie hat eine Sehnsucht nach dem Gestern ausgelöst, nach den schönen alten Dingen, die man nur aus Zeitschriften kennt und aus Erzählungen älterer Leute. Es war wie eine Morgana. Mitten im Winter.
Ich verspüre die Sehnsucht nach irgendwo. Ich glaube, ich bin nicht aus dieser Zeit!

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