Silk and Paper

26. Januar 2009

wenn männer in bewegung kommen…sind sie DIESSEITS nicht zu fassen

Filed under: wenn männer in beWEGung kommen-und sei es... — silkandpaper @ 10:16 AM

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Auch wenn die U-Bahn nicht mehr unter meinem Haus hindurchfährt, und mit Vibrationen die Steine nicht mehr zum leisen Schwingen bringt, so ist sie doch täglich mein liebster Transporteur geblieben, der mich von A nach B fährt und meinen neugierigen Blicken Nahrung gibt für Gedanken jenseits der Bahngleise , auf denen ich im großen gelben Wagen dahinschaukele. Auch Paul Klee , der mich mit großen Augen und einem energischen-zusammengepressten Lippenpaar anschaut und mir entgegenruft „Diesseits bin ich gar nicht fassbar!“ , scheint meinen Sinn fürs Ausscheren aus dem Alltäglichen zu teilen.
Obwohl sepiabraun und mit kleine Schäden , weißen Flecken und Schatten , von einer alten Fotolinse verursacht, geht eine Farbigkeit von diesem Plakat aus, dem man sich schwer entziehen kann. Überdimensional , mit herausfordernden Blicken sind auch seine Nachbarn mit deftigen Sprüchen mit von der Partie, den spärlich beleuchteten Bahnsteig zu einem Minutenevent der Aussagefähigkeit von Kunst zu machen.

Ich schaue mich um. Der Winter scheint tatsächlich nicht die Jahreszeit der Männer zu sein! Grau in Grau , in undefinierbaren Farben schäbiger Parkas, dunkelbraunkarierten Schals, ausgefranster Wollmützen, so viel von Tristesse, daß ich kaum den Blick heben mag, wenn so ein wintermüder und übernächtigter Mann mit durchgetretenen Winterstiefeln wie aus den 50-zigern an mir vorbeischlurft und sich auf die kalte Holzbank fallen lässt.
In diesem grauen dunkel-schmutzigen Schein eines frühen Wintermorgens wünschte ich mir eher die Farben der ersten Tulpen oder auch ein wenig Duft von dunkelblauen Hyazinthen , oder wenigsten eine rote Pudelmütze, die mir das Morgenrot einer Sonne vorgaukelt. Nichts von alledem !

Wo sind denn nur die Mutigen abgeblieben, die mit Unkonventionalität und dem Hunger nach der Farbe und den Mustern dem Zeitgeist und der Profanität weit voraus waren? Wieso sind Männer immer so zurückhaltend mit den Farben, warum so scheu, einmal einen knallgelben Schal zu tragen?

„Männer sind Fossile, aus Plastik, sind Bleistifte und wollen sich nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden. Dazu kommt, daß sie es lieben, Butter auf Stühle zu schmieren und zudem sich auch noch aus Dosen ernähren; sie würden , um schreiben und malen zu können , alles tun, sogar sich durch Schlamm und Kloaken winden “ ,um sich als wahre Helden eines Zeitalters zu fühlen, von dem wir heute, und insbesondere die Jüngeren nichts wissen.
Diese Fossile schämen sich nicht ihrer mageren Körper oder ihre teils pathologischen Ansichten zum Thema Kunst, Paar oder Frau. Sie haben keine Probleme, wenn ihnen die 5. Frau davonläuft und der beste Freund ihnen die 6. Frau ausspannt.
Aus diesem Schmerz wird ihre Kreativität geboren, die wir später als Genialität bezeichnen.

Das Gesicht von Andy, eingehüllt in einer Winterkapuze , machte Campbells berühmter, als es der Inhalt der Suppendose jemals vermocht hätte…allerdings gab er auch die Wahrheiten kund, daß Sex und Parties das Einzige wäre, wo man persönlich erscheinen müsse…Vincent, der magere Rothaarige , der sich mehr auf Theo verlassen konnte, als auf die Weitsicht seiner kunstunverständigen Zeitgenossen, malte sich im Farbenrausch hungrig an der Welt, die aus Kornfeldern und bäuerlicher Betriebsamkeit bestand. Für alle Damen dieser Welt pflückte er den allerschönsten Blumenstrauß und wußte es nicht einmal, das er wie auch kleine Veilchensträußchen englischer Ladies konserviert wurde und für die Ewigkeit nun in der Vase steht. Joseph, der einen ambivalenten Hang zu Lebensmitteln hatte , verwechselte den Stuhl mit einer Brotscheibe und zog den Zorn einer übereifrigen Putzfrau auf sich….Jeff, dessen Herz sich lila färbte beim Anblick eines roten Balloon-Pudels oder Clemens, der sich wagte, einem anderen Mann die Stirn zu bieten und ein ungleicher Wettkampf zu Höhenflügen Beider führte, anderer war Karl Friedrich , dem wir die berühmtesten Bauten Berlins verdanken. Und natürlich unwiderstehlich Alberto, der Glutäugige, der auf italienischer Liebhaber macht, aber eigentlich schon längst Schweizer war…Nicht zu vergessen Salvatore, der sich den Bart zwirbelte ,um mitten ins Herz der ihm umschwirrenden Damen zu treffen…

Wie heiter bunt plötzlich der alte Bahnhof schillert, es raunen die Worte Brentanos wie ein weicher Wind durch die lange Halle…Und da ich wohl die einzige zu sein scheint, die sich der Vielfarbigkeit des schwarzweißen Plakates annimmt und sie neu entdeckt, setze ich mich halb gedankenversunken, halb hellwach auf die hölzerne Sitzbank, deren Farbe schon absplittert …Neben mir sitzt der Mann mit den abgetretenen Schuhen und auch er schaut wie ich auf die Plakate , die des Künstlers Kult dem Betrachter nahebringen will, und plötzlich fühle ich mich nicht alleine mit den verrückten, sensiblen, erschrockenen und unverstandenen Männern auf den Plakaten. Der Mann scheint zu bemerken, das ich wiederum bemerke, das seine Schuhe auch schon mal bessere Tage gesehen haben, und beginnt irgendwie schamhaft mit einem Papiertaschentuch das verschmutzte Leder zu säubern.

Eine merkwürdige Stimmung baut sich auf . Immer noch gebannt und voller Phantasie spazieren meine Gedanken auf dem Plakat herum und irgendwie schien dieser Mann auf das Plakat hinzu zu gehen . Seine graue, unscheinbare Kleidung und die Handschuhe, die er vor dem Säubern der Schuhe neben sich auf die Bank gelegt hatte , seine Gestalt und sein hageres Profil erinnerte mich ein wenig an ein Foto aus den Jahren der Zweifarbenfotografie, welches vom Fotografen durch Retusche ein wenig Farbe erhielt- ein bisschen Illusion im Grau des Alltags .
Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkeln heraus . Wie aus der Zeit , ja wie aus dem Plakat herausgelöst , so erschien es mir, saß er da. Mit ruhiger Hand griff er nach den Handschuhen , stand auf und warf das Taschentuch in den Mülleimer, ein anderes Taschentuch entwischte seinen Händen …
Er stand ganz still, ohne ein Wort zu sagen, ja fast ohne zu atmen. Es war, als wäre er dem Plakat entsprungen, hätte sich mal nur so aus Spaß auf der Bahnhofsbank niedergelassen und nun , nachdem ich seine Lebendigkeit entdeckt habe, auf das Plakat zurückwolle…
Der U-Bahn rollte ein. Ein großer Windstoß , den die Bahn vor sich herschob bauschte sein Haar auf und er hob die Hand und ordnete sein Haar.
Ich nahm meine Tasche, meine Zeitung und stieg ein. Als ich meinen Blick hob, war er entschwunden. Auf keinem Sitz, in keinem Gang, nirgends stand oder saß er. Die Bahn machte einen Bogen und in der Kurve kann man vom ersten Wagen bis zum letzten Wagen sehen, wer ein-oder ausgestiegen war. Der Mann blieb verschwunden, aufgelöst im Nichts dieses Morgens. Mir kann der aberwitzige Gedanke, das er auf der anderen Seite des Wagens die Tür geöffnet haben könnte, um wieder im Plakat entschwinden zu können, sozusagen „trockenen Fußes“ übers Gleisbett gehen konnte. Ja, plötzlich war er im Diesseits nicht mehr fassbar. Allerdings hatte ich auch gesehen, das er noch beide Ohren hatte und auch die Lippen waren voller. Die Augen waren nicht glutäugig, sondern eher hell, von einem bernsteingesprenkeltem Braun . Die Hände waren nicht feingliedrig, wie die eines Musikers, auch nicht grob und schwer, wie die eines Skulpteurs oder auch nicht nervös, wie die eines Fotografen. Nichts von all dem . Kein Merkmal , das ihn als einen von ihnen gekennzeichnet hätte…Er war vielleicht einfach ein Mann, der scheinbar in der falschen Zeit lebte und in seine Zeit zurückgegangen war.

Als ich nachmittags wieder nach Hause kam und den Bahnsteig entlanghastete, konnte ich nicht anders, als noch einmal meinen Blick auf das Plakat zu werfen. Alles war wie vorher ; das Plakat hing immer noch auf seinem Platz , niemand hatte es mit Graffity verschmiert, niemand hatte die lose Stelle weiter abgerissen- nur unter dem Plakat, auf dem schwarzen Gleisen , zwischen den ölverschmierten Bohlen zitterte ein Stück von einem lehmverschmierten Papiertaschentuch . Und was sagte Hans? Sehen ist Alles !

 

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