Silk and Paper

31. Januar 2009

MOMENTane erkenntnis

Filed under: philosophische FRAGMENTe — silkandpaper @ 6:11 PM

…fast zwei Jahre ist es her, das ist eine lange Zeit , würde man es an unseren Empfindungen messen; eine kurze Zeit, würden wir die Endlosigkeit als Zeitmesser sehen. Wer je  gedacht, das sich nach anfänglicher Scheu, immer mehr und mehr Menschen sich diese Seite anschauen , und wenn ich sehe, wieviel Gedanken um die Tiefe und Bedeutungsschwere der Worte kreisen, wenn mir jemand Briefe schreibt,  gibt mir das Hoffnung, daß das Schöne der Sprache nicht nur wegen ihrer Ästhetik wiedergegeben wird, sondern weil die Schönheit der Sprache auch all das Schöne wiedergeben kann, was wir Betrachter sonst nur auf visuellem Wege erfassen.
Schönheit des Menschen ist ja , so irritierend aus auch klingen mag, etwas Oberflächliches.

Ich halte mich mit dieser momentanen Erkenntnis an dem Erleben mit der Literatur fest, an der stillen Besitznahme von Worten. Denn Oberflächliches ist etwas, was sich verändern kann, wenn die Zeit darüber streicht …

Immer wieder unterhalte ich mich mit Menschen über die Sprache , im Versuch, was wir tagtäglich benutzen , wieder mit Kinderaugen zu sehen, oder als etwas, obwohl es davonfließen kann, Bestand im Geschriebenen zu sehen.
Seither ist die Zeit durch uns hindurch, hat sich niedergelassen , hat Begegnungen zugelassen und Worte konserviert in unseren Gedanken.

Mir kommen in der stillen Zeit des Winters immer wieder Gedichte in den Sinn, die als schwarze Buchstaben schon auf Papier gebracht, im Regal darauf warten, wieder gelesen zu werden . Diese Verse sind eine stille Sinfonie, eine Huldigung an das Leben an sich, denn alles , was voller Sehnsucht, Liebe oder Trauer das Dasein des Menschen streift, findet Platz im Stillen, ja ich meine sogar Platz im fast Unaussprechlichen.

Trotzdem gehe ich auf Wanderschaft durch diese Welt aus Sinnbildern, Metaphern und glasklarer Erkenntnis. Worte der Wissenschaft bringen in Berechnungen, Statisken und Analysen an die Oberfläche und jedes Wort befestigt die Bedeutungen wie Mauersteine in ein Gebäude aus Logik und Bestimmung ; Gedichte und Geschichten jedoch erwandern die Zwischenräume , suchen die Leere und füllen diese oft nur mit einem Hindurchhuschen.

Doch hin und wieder, und mit zunehmender Lebenszeit geschieht es, das man dem Hindurchhuschen , diesem stillen Raum zwischen zwei Wörtern eine Bedeutung geben kann. Immer wieder kehrt man dann zu diesem Ort zurück, der im Vorübergehen uns eine Ahnung von etwas vermitteln konnte… mitunter wird die Sehnsucht, dieser Ahnung ein Gesicht zu geben  so groß, das wir uns auf die Suche begeben nach Buchstaben, die Wörter bilden, und Wörter, die Sätze bilden.
Wir wägen ab, ob sie zueinander passen und sprechen sie laut aus, um zu erfahren, ob das tiefe Bild, was sie in uns offenbaren, auch an der Oberfläche der Sprache Bestand hat. Plötzlich gesellen sich zum ausgesprochenen Wort Appositionen wie Allegorese, Metapher, Umschreibung, Verfremdung… und stellen fest, das mit dem Hervorbringen an die Oberfläche sich das Sinnbild wandelt, verwässernd verschwimmt .

Das gleiche Wort, welches sich im Raum zwischen Denken und Aussprechen als „unser“ Bild einen Teil des Ich’s ausmachte, droht nun wie Wasserfarbe, die zuwenig Farbpigmente aufgenommen hat, zu verlaufen . Und wieder halten wir inne, denn dieses „Verwässernde“ an der Oberfläche der Sprache scheint auf den ersten Blick gar nichts mit uns zu tun zu haben. Die Momentaufnahmen, die Wahrnehmungen, aus denen Geschichten und Gedichte entstehen, dehnen sich plötzlich zu einem großen, Gewässer, welches zwar im Schein des Lichtes, auf das es nun trifft, eine farbige Heiterkeit ausstrahlt, aber so gar nichts mehr mit der mystischen Tiefe des Schweigens gemeinsam hat.

Und doch haben beide etwas, was sie wie eine Nabelschnur verbindet, denn diese Stille , die manche Worte brauchen und dieser Lärm, mit dem sie in die Welt treten werden von uns gestaltet.
Das Mysterium unseres geistigen Werdens und Seins werden in einem großen Maße vom Denken bestimmt , doch das Denken scheint nur der Multiplikator zu sein, der die Vielzahl der Wahrnehmungen und Emotionen zu den Worten formt, die uns noch tiefer in der Seele anrühren wollen und dann doch lange in den Zwischenräumen der Sprache ruhen.

Die Gespräche , die  philosophische Gedanken  bestimmten, wurden durch Gedichte angeregt. Klingt das nicht absurd, das die schweigenden, in den Zwischenräumen der Sprache lebenden Worte das hervorbrachten, was oftmals selbst für uns unverständlich bleiben müsste; hätten wir nicht … ja hätten wir nicht …

Manchmal werden wir gefragt, warum wir hier schreiben. Selbst auf die Gefahr hin, das es einige Menschen nicht verstehen, öffnen wir die privateste Kammer in unserem Sprachhaus . Wir lassen das, was in der Tiefe unter den Worten lebt, ihre Bedeutungen, ihre Bilder, ihre Schatten an die Oberfläche unseres Seins … So hätte man die Frage anders formulieren können : warum man denn so denkt, denn es hätte es dasselbe bedeutet, als wenn man fragen würde , warum fühlt man . 

… an anderer Stelle, und gerade kürzlich hatten wir über die habe ich oft  über die Schönheit der  Lyrik gesprochen. Ihre Feinsinnigkeit und ihre tief berührenden Worte.
Als ich einige Gedichte las, musste ich irgendwie „stehenbleiben“ . Ich konnte einfach nicht weitergehen. Ich musste verweilen . Und meine Seele ruhte in den Zwischenräumen aus- immer noch suche ich nach den Worten, die diesen Bildern gerecht werden können.
Worte und Sprache – das sind nie endende Abenteuer , eine nie endende Reise zu den Menschen.

Ganz tief im Dunkel
ist Deine Welt so leuchtend.
Du schließt die Augen.

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von irgendWO her- nach irgendwo hin

Filed under: DER mensch als fremder ORT — silkandpaper @ 12:43 PM

Irgendwie bin ich aus einer anderen Zeit, so glaube ich zuweilen. Und ganz besonders der Winter scheint mich in dieser Vorstellung zu unterstützen, das die Zeit sich verschoben hat, oder herausgelöst aus anderen Landschaften der Minuten und Stunden und mich wie auf Vogelschwingen mitnimmt in die Lüfte . Von ganz oben dann schaue ich herunter und sehe, wie die kalte Winterluft wie aus der Vergangenheit kommend die Menschen dazu verleitet, sich vor ihr zu schützen.
Immer im Winter erwacht der Kostümierungsdrang.
Ich ziehe den langen Mantel an und hänge mir den Muff um, der meine Hände verbirgt und der vor meinem Körper hin-und herschwingt. Ich weiss genau, das ich in diesem Mantel aussehe, wie eine Frau aus den Dreißigern. Die Hutschachtel liegt bereit und ich suche einen Hut heraus, der den Anlass gemäß eine Eleganz unterstreicht, die man in adligen Kreisen bevorzugt. Es ist so ein Tag, wo ich mich für einen Empfang herausputze….Die kleine Tasche fürs Nötigste unter den Arm …und schon laufe ich die Strasse entlang. Ich bin froh, das es dunkel ist. Hier in dieser Gegend fällt man auf, wenn man etwas aus der Reihe tanzt. Die Absatzschuhe machen Lärm und ich muss aufpassen, das meine Absätze nicht im Kopfsteinpflaster steckenbleiben. Den Kopf gesenkt schaue ich , ob ich aus versehen die Bordsteinkante übersehe und plötzlich stoße ich mit einem Mann zusammen, der wie ich die Strasse entlang hastet. Ich blicke auf und sehe einen Menschen, der wie aus den Dreißigern ausschaut. Ein eleganter Anzug, blankgeputzte Schuhe, einen schönen Wollmantel und einen schönen Schal. In den Händen ein paar Handschuhe. Beide bleiben wir abrupt stehen. Das man auf jemanden trifft, der offenbar wie man selbst aus einer anderen Zeit zu stammen scheint ist so selten wie ein Sechser im Lotto.
Ich muss weiter und gehe auf die andere Strassenseite. Noch einmal drehe ich mich um, aber der Mann war wie vom Erdboden verschwunden. So wie er auftauchte so verschwand er wieder… Merkwürdig!
Endlich sehe ich das blassgelbe Licht des U-Bahneinganges und gehe vorsichtig die Treppe hinab, warte auf die U-Bahn und steige ein. Abends ist Bahn voller Kauflustiger Menschen und zwischen großen Tüten , Kinderwagen und Fahrrädern schiebe ich mich zwischen der Menschenmenge hindurch und finde einen Platz. Träumend , vor mich hin sinnierend sehe ich plötzlich auf ein paar sehr blank geputze Schuhe. Ich blicke auf und sehe diesen Mann plötzlich wieder. Er steht an die Tür des Wagens gelehnt und schaut hinaus in die vorbeihuschende Dunkelheit des U-Bahnschachtes. Irgendwie passt dieser Mann nicht in die U-Bahn, denke ich. Er sieht viel zu elegant aus, irgendwie würde er eher in ein altes Auto gehören , mit einem Chauffeur…. die gelb-rote Tür der U-Bahn umzeichnet ihn wie ein Bilderrahmen. Ja- denke ich. dieser Mann ist ein Bild, ein Gemälde; etwas, was nicht in diese Zeit passt. In den letzten 10 Jahren habe ich keinen so elegant und stilvoll bekleideten Mann gesehen. Von irgendwoher kam er und irgendwohin ging er. Er lief durch die Zeit und blieb für eine Viertelstunde im Heute stehen. So schien es.

Als ich wieder aufblickte, war er verschwunden. Ich weiss nicht, warum mich diese fast nichtssagende Episode von heute Abend so beschäftigt hat, aber sie hat eine Sehnsucht nach dem Gestern ausgelöst, nach den schönen alten Dingen, die man nur aus Zeitschriften kennt und aus Erzählungen älterer Leute. Es war wie eine Morgana. Mitten im Winter.
Ich verspüre die Sehnsucht nach irgendwo. Ich glaube, ich bin nicht aus dieser Zeit!

26. Januar 2009

wenn männer in bewegung kommen…sind sie DIESSEITS nicht zu fassen

Filed under: wenn männer in beWEGung kommen-und sei es... — silkandpaper @ 10:16 AM

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Auch wenn die U-Bahn nicht mehr unter meinem Haus hindurchfährt, und mit Vibrationen die Steine nicht mehr zum leisen Schwingen bringt, so ist sie doch täglich mein liebster Transporteur geblieben, der mich von A nach B fährt und meinen neugierigen Blicken Nahrung gibt für Gedanken jenseits der Bahngleise , auf denen ich im großen gelben Wagen dahinschaukele. Auch Paul Klee , der mich mit großen Augen und einem energischen-zusammengepressten Lippenpaar anschaut und mir entgegenruft „Diesseits bin ich gar nicht fassbar!“ , scheint meinen Sinn fürs Ausscheren aus dem Alltäglichen zu teilen.
Obwohl sepiabraun und mit kleine Schäden , weißen Flecken und Schatten , von einer alten Fotolinse verursacht, geht eine Farbigkeit von diesem Plakat aus, dem man sich schwer entziehen kann. Überdimensional , mit herausfordernden Blicken sind auch seine Nachbarn mit deftigen Sprüchen mit von der Partie, den spärlich beleuchteten Bahnsteig zu einem Minutenevent der Aussagefähigkeit von Kunst zu machen.

Ich schaue mich um. Der Winter scheint tatsächlich nicht die Jahreszeit der Männer zu sein! Grau in Grau , in undefinierbaren Farben schäbiger Parkas, dunkelbraunkarierten Schals, ausgefranster Wollmützen, so viel von Tristesse, daß ich kaum den Blick heben mag, wenn so ein wintermüder und übernächtigter Mann mit durchgetretenen Winterstiefeln wie aus den 50-zigern an mir vorbeischlurft und sich auf die kalte Holzbank fallen lässt.
In diesem grauen dunkel-schmutzigen Schein eines frühen Wintermorgens wünschte ich mir eher die Farben der ersten Tulpen oder auch ein wenig Duft von dunkelblauen Hyazinthen , oder wenigsten eine rote Pudelmütze, die mir das Morgenrot einer Sonne vorgaukelt. Nichts von alledem !

Wo sind denn nur die Mutigen abgeblieben, die mit Unkonventionalität und dem Hunger nach der Farbe und den Mustern dem Zeitgeist und der Profanität weit voraus waren? Wieso sind Männer immer so zurückhaltend mit den Farben, warum so scheu, einmal einen knallgelben Schal zu tragen?

„Männer sind Fossile, aus Plastik, sind Bleistifte und wollen sich nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden. Dazu kommt, daß sie es lieben, Butter auf Stühle zu schmieren und zudem sich auch noch aus Dosen ernähren; sie würden , um schreiben und malen zu können , alles tun, sogar sich durch Schlamm und Kloaken winden “ ,um sich als wahre Helden eines Zeitalters zu fühlen, von dem wir heute, und insbesondere die Jüngeren nichts wissen.
Diese Fossile schämen sich nicht ihrer mageren Körper oder ihre teils pathologischen Ansichten zum Thema Kunst, Paar oder Frau. Sie haben keine Probleme, wenn ihnen die 5. Frau davonläuft und der beste Freund ihnen die 6. Frau ausspannt.
Aus diesem Schmerz wird ihre Kreativität geboren, die wir später als Genialität bezeichnen.

Das Gesicht von Andy, eingehüllt in einer Winterkapuze , machte Campbells berühmter, als es der Inhalt der Suppendose jemals vermocht hätte…allerdings gab er auch die Wahrheiten kund, daß Sex und Parties das Einzige wäre, wo man persönlich erscheinen müsse…Vincent, der magere Rothaarige , der sich mehr auf Theo verlassen konnte, als auf die Weitsicht seiner kunstunverständigen Zeitgenossen, malte sich im Farbenrausch hungrig an der Welt, die aus Kornfeldern und bäuerlicher Betriebsamkeit bestand. Für alle Damen dieser Welt pflückte er den allerschönsten Blumenstrauß und wußte es nicht einmal, das er wie auch kleine Veilchensträußchen englischer Ladies konserviert wurde und für die Ewigkeit nun in der Vase steht. Joseph, der einen ambivalenten Hang zu Lebensmitteln hatte , verwechselte den Stuhl mit einer Brotscheibe und zog den Zorn einer übereifrigen Putzfrau auf sich….Jeff, dessen Herz sich lila färbte beim Anblick eines roten Balloon-Pudels oder Clemens, der sich wagte, einem anderen Mann die Stirn zu bieten und ein ungleicher Wettkampf zu Höhenflügen Beider führte, anderer war Karl Friedrich , dem wir die berühmtesten Bauten Berlins verdanken. Und natürlich unwiderstehlich Alberto, der Glutäugige, der auf italienischer Liebhaber macht, aber eigentlich schon längst Schweizer war…Nicht zu vergessen Salvatore, der sich den Bart zwirbelte ,um mitten ins Herz der ihm umschwirrenden Damen zu treffen…

Wie heiter bunt plötzlich der alte Bahnhof schillert, es raunen die Worte Brentanos wie ein weicher Wind durch die lange Halle…Und da ich wohl die einzige zu sein scheint, die sich der Vielfarbigkeit des schwarzweißen Plakates annimmt und sie neu entdeckt, setze ich mich halb gedankenversunken, halb hellwach auf die hölzerne Sitzbank, deren Farbe schon absplittert …Neben mir sitzt der Mann mit den abgetretenen Schuhen und auch er schaut wie ich auf die Plakate , die des Künstlers Kult dem Betrachter nahebringen will, und plötzlich fühle ich mich nicht alleine mit den verrückten, sensiblen, erschrockenen und unverstandenen Männern auf den Plakaten. Der Mann scheint zu bemerken, das ich wiederum bemerke, das seine Schuhe auch schon mal bessere Tage gesehen haben, und beginnt irgendwie schamhaft mit einem Papiertaschentuch das verschmutzte Leder zu säubern.

Eine merkwürdige Stimmung baut sich auf . Immer noch gebannt und voller Phantasie spazieren meine Gedanken auf dem Plakat herum und irgendwie schien dieser Mann auf das Plakat hinzu zu gehen . Seine graue, unscheinbare Kleidung und die Handschuhe, die er vor dem Säubern der Schuhe neben sich auf die Bank gelegt hatte , seine Gestalt und sein hageres Profil erinnerte mich ein wenig an ein Foto aus den Jahren der Zweifarbenfotografie, welches vom Fotografen durch Retusche ein wenig Farbe erhielt- ein bisschen Illusion im Grau des Alltags .
Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkeln heraus . Wie aus der Zeit , ja wie aus dem Plakat herausgelöst , so erschien es mir, saß er da. Mit ruhiger Hand griff er nach den Handschuhen , stand auf und warf das Taschentuch in den Mülleimer, ein anderes Taschentuch entwischte seinen Händen …
Er stand ganz still, ohne ein Wort zu sagen, ja fast ohne zu atmen. Es war, als wäre er dem Plakat entsprungen, hätte sich mal nur so aus Spaß auf der Bahnhofsbank niedergelassen und nun , nachdem ich seine Lebendigkeit entdeckt habe, auf das Plakat zurückwolle…
Der U-Bahn rollte ein. Ein großer Windstoß , den die Bahn vor sich herschob bauschte sein Haar auf und er hob die Hand und ordnete sein Haar.
Ich nahm meine Tasche, meine Zeitung und stieg ein. Als ich meinen Blick hob, war er entschwunden. Auf keinem Sitz, in keinem Gang, nirgends stand oder saß er. Die Bahn machte einen Bogen und in der Kurve kann man vom ersten Wagen bis zum letzten Wagen sehen, wer ein-oder ausgestiegen war. Der Mann blieb verschwunden, aufgelöst im Nichts dieses Morgens. Mir kann der aberwitzige Gedanke, das er auf der anderen Seite des Wagens die Tür geöffnet haben könnte, um wieder im Plakat entschwinden zu können, sozusagen „trockenen Fußes“ übers Gleisbett gehen konnte. Ja, plötzlich war er im Diesseits nicht mehr fassbar. Allerdings hatte ich auch gesehen, das er noch beide Ohren hatte und auch die Lippen waren voller. Die Augen waren nicht glutäugig, sondern eher hell, von einem bernsteingesprenkeltem Braun . Die Hände waren nicht feingliedrig, wie die eines Musikers, auch nicht grob und schwer, wie die eines Skulpteurs oder auch nicht nervös, wie die eines Fotografen. Nichts von all dem . Kein Merkmal , das ihn als einen von ihnen gekennzeichnet hätte…Er war vielleicht einfach ein Mann, der scheinbar in der falschen Zeit lebte und in seine Zeit zurückgegangen war.

Als ich nachmittags wieder nach Hause kam und den Bahnsteig entlanghastete, konnte ich nicht anders, als noch einmal meinen Blick auf das Plakat zu werfen. Alles war wie vorher ; das Plakat hing immer noch auf seinem Platz , niemand hatte es mit Graffity verschmiert, niemand hatte die lose Stelle weiter abgerissen- nur unter dem Plakat, auf dem schwarzen Gleisen , zwischen den ölverschmierten Bohlen zitterte ein Stück von einem lehmverschmierten Papiertaschentuch . Und was sagte Hans? Sehen ist Alles !

 

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