Silk and Paper

30. November 2008

STILLE

Filed under: going underGROUND, kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 11:53 AM

berlin-spreebogen


 

Meine U- Bahn! Ich muss doch den Berliner Verkehrsbetrieben wirklich danken…Die vielen Stationen, die ich täglich zur Uni fahren muss, liefern mir soviel Möglichkeiten, die Welt zu betrachten, die Menschen zu beobachten, oder auch mal ganz bewusst mich auszuklinken aus der lauten Welt eines U-Bahnhofes. Man weiß ja, das ist nicht einfach; Kinder quengeln nach einem Stück Schokolade, Ehepartner streiten sich laut, an der nächsten Station steigen Musikanten ein, die meinen, sie müssten die Fahrgäste am frühen Morgen mit einem Verschnitt zwischen russischen Walzer und peruanischen Volksliedern beglücken. Der Walkman meines jungen Nachbarn liefert mir Eminen frei „Ohr“ , der kleine Pinscher zwischen den Beinen meines hinteren Nachbarn quietscht laut auf, weil so ein kleiner Rabauke ihm auf den Schwanz getreten hat, ach ja, und der „Straßenfeger“ und die „Motz“ sind wieder neu erschienen und mit leiernder Stimme wird uns erklärt, das man doch tatsächlich mit diesem Erlös kein Rauschgift konsumieren wird, sondern eine Bettenburg für den Winter herrichten will für Wohnungslose…
Umsteigen…. Ach ja, die letzten 4 Stationen bis Ku’damm sind die ruhigsten, selbst um diese Zeit. Hier sind nur die ganz gut bekannten Wilmersdorfer Witwen, die im Kadewe ihren echt norwegischen Lachs kaufen wollen, das Kilo für 56,00 Euro… wir haben es doch! Ein, zwei Studenten haben sich auf einer Bank niedergelassen und reden sehr laut über irgendeine physikalische Einheit; ein recht gut zurechtgemachtes junges Fräulein (sagt man denn das heute noch…?) läuft mit hochhackigen Schuhen auf dem Bahnsteig hin und her… tak tak tak…

Ich möchte flüchten! Was ist das für ein Morgen! In meinem Kopf schwirrt es , weil das blöde Seminar mir im Magen liegt, welches man uns für zwei volle Tage „hineingedrückt“ hat; Training , wie man unhöfliche und aggressiver Bibliotheksbenutzer zu händeln hat. Dafür musste ich auch noch früher aufstehen als sonst… Nein, so einen Tag wünscht man niemanden. Meine Berliner Verkehrsbetriebe haben da so eine Möglichkeit geschaffen, das man mal mit den Gedanken auf Reisen gehen kann… Sehr wirksam, sehr werbungsorientiert und verkaufstüchtig. Überall hängen in der U-Bahn farbenfrohe Plakate. Riesengroße papierne Wände, die mir den musikalischen Kunstgenuss einer Tanzgruppe and Herz legen wollen, Musik, die mit Gummistiefeln auf den Theaterboden eingestampft wird, schön laut und rhythmisch, und gleich daneben steht mit großen Lettern und tiefblauer Schrift ein lockendes Plakat einer ganz anderen Musikrichtung, die unsere Kulturszene gerade beglückt… dort wirbeln wildgewordene Männer mit Blechschilden und Schwertern über die Bühne und zeigen mit kraftvollen Rufen und Schreien, untermalt von einer Grimassenschneiderei und „Haudrauf“- Gestik wie die Männer doch mal männlich waren in der guten alten Zeit… Ich erinnerte mich vage an ein anderes Plakat vom Sommer, als die japanischen Teufelstrommler mit halbnacktem und schweißglänzendem Oberkörper die Ästhetik des Fernen Ostens unter Zuhilfenahme von lautstarker Musik dem verwöhnten Musikliebhaber darbringen wollte…. Also nichts gegen die urbanen und sehr authentischen Instrumente der sicher schwerarbeitenden Künstler, ABER heute … heute an diesem Tag hatte ich sogar das Gefühl, mich würden die Plakate anbrüllen… als lachten sie mich aus…Ruhe? Ruhe willst Du und Stille?…

Was ist mit dieser Welt geschehen? Ist es immer so laut? Warum schreien schon die Plakate ihren Lärm so in den Tag? Warum lasse ich mich heute so von diesem Krach aus dem Takt bringen? Warum mag ich nicht den suggerierten Bildern folgen? Muss ich denn diesen Klängen folgen, die mir nicht behagen? Nein. Ich mag nicht.
Ich atme tief durch.

Ich wäre nicht ich, wenn dieser Morgen mir nichts Bestimmtes zu sagen hätte…
Ich höre in mich hinein. Ich schließe die Augen und entferne mich langsam vom Geschwätz der alten Damen, vom tak tak tak der jungen Frau, vom physikalischen Prinzip der beiden Studenten. Ich blende die schöne bunte Welt des Konsums aus…Hinter meinen geschlossenen Lidern sehe ich den unbekannten Strand meines kommenden Urlaubs, ich höre das Rauschen von Wellen. Es wird ganz still in mir. Kleine bunte Kreise tanzen an meinen Augen vorbei, das Alltagskonfetti einer Minutenträumerei…Eine leichte Brise streichelt meine Wangen…. Ist das der Wind, der vom Meer herüberweht?

Nein, die Ernüchterung folgt; es ist nur die U-Bahn, die einfährt und die schwere maschinenölgetränkte Luft des U-Bahnschachtes vor sich herschiebt… Einsteigen bitte! Türen schließen! Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges!
Ich bleibe stehen, denn ich möchte das leichte Schwanken genießen, welches sich auf meinen Körper überträgt, während die U-Bahn fährt. Es ist fast so, als schaukele man auf einem Dampfer; na ja wenigstens für 4 Stationen noch mache ich Traumurlaub in meiner eigenen Stille.
Kaum zu glauben, das ein Tag, der so lärmend und eindringlich begonnen hat, mit einem leichtbeschwingten stillem Einvernehmen mit der Welt und mit mir weitergehen kann.
Ich steige aus und betrete Neuland. Nein, nicht das ich mich verfahren hätte! Es ist die gleiche Station wie an jedem Morgen. Über dem Zoologischen Garten scheint gerade der Tag zu beginnen, der Park scheint noch die nächtliche Ruhe auszuatmen… ein paar Krähen hocken in den Bäumen und geben ein verhaltenes Krächzen von sich. Ach ja! Sie rufen den anderen Krähen etwas zu, die hoch oben wie eine dicke schwarze lebendige Wolke über dem Bahnhof kreisen.
Die Geräusche über dem nun fast stillgelegtem Bahnhof Zoo sind wie ein Violinkonzert, sogar das Einfahren der S-Bahn ist ein Adagio. Wie still kann die Welt sein, wie laut kann die Welt sein. Laut und leise. Beides ist allgegenwärtig.

Ich denke mir, dass man sich doch die Stille einfach nehmen sollte, wenn es uns an manchen Tagen einfach zu laut wird.
Sie ist doch immer da- die Stille in uns. Und auch die Stille inmitten der lauten Welt.

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