Silk and Paper

26. Januar 2008

Wenn Perutz, Nietzsche und Platon MIT mir morgens U-Bahn fahren


alter-mann-in-u-bahn.jpg

………..Ruhe bewahren
bei Rauch-und Brandentwicklung
Auszusteigen während der Fahrt kann lebensgefährlich sein !………….

Meine  Berliner U-Bahn…
Auch im neuen Jahr ersetzt sie mir die Mitnahme dicker Bücher, Schlachtschinken zwischen Perutz Die 3. Kugel, Nietzsche’ s Menschliches, Allzumenschliches und Platons Phaidon.

Na ja, die gibt’s zwar schon in Reclam-Ausgaben und passen eigentlich in meine Manteltasche, aber der Inhalt zieht doch schon eine große Beule in die Manteltasche … und man will ja nicht immer das ganze Kulturwelterbe hinter sich herschleifen.

Wenn ich früher mehr auf Virtuelles achtete, oder auch die Plakate betrachtete, die mich zu Fernreisen und zu phantastischen Abenteuern einluden, so habe ich mich heute an einem Schild verfangen, welches in jeder U-Bahn in mehrfacher Ausfertigung hängt und die Menschen auffordert, bei unvorhergesehenen Situationen die Ruhe zu bewahren.
Gleich neben dem deutschen Text ist auf Englisch und Französisch die Verständigungsschwierigkeit von vornherein ausgeschlossen. Die Zweitsprache in Berlin, Türkisch. Fehlt leider.

Heute war die U-Bahn nicht so sehr voll, ich glaube, es sind noch Ferien und da geht es ruhiger zu. Trotzdem hatte ich keinen Sitzplatz.
Ich hielt es mit Perutz und einem abgewandelten Titel: ne ruhige Kugel schieben…
Schwieriger würde es mit Nietzsches Werken werden, dachte ich. Menschlich, ja allzu menschlich wäre es jetzt, jemandem am Jackett hochzuziehen, dem meinen Ausweis unter die Nase zu reiben und mich dort hinzuplumpsen. Da ich aber über eine gute Erziehung verfüge, übte ich stille Toleranz und dachte mir einfach: wer weiß, wie müde dieser Mann ist- lass ihn einfach noch ein bisschen in den Tag hineinschlummern. Und so geht mein Blick, der sich sonst im Dunkel der U-Bahnschächte verliert, zur Anzeigetafel. Dort steht:

Ruhe bewahren
bei Rauch-und Brandentwicklung
Auszusteigen während der Fahrt kann lebensgefährlich sein

Verlassen der U-Bahn während der Fahrt kann lebensgefährlich sein. Ich lese death and serious injure und lande bei Platon, der ja bekanntlich von mehr als nur von der platonischen Liebe sprach. In Phaidon geht es um den Tod von Sokrates.
Ich erinnere mich an Textpassagen, die mehr oder weniger aufgepeppt so manchem Politiker gut zu Gesicht stünden oder auch den Menschen auf der Straße würde ich gern zurufen: lest die Klassiker. Übt Euch im Allzumenschlichen und lernt, mit der Zeit, die Euch gegeben ist, gut umzugehen. Das man Erinnerungen der Vergangenheit, sei es der letzteren oder der ganz weit zurückliegenden, einen größeren Stellenwert zugestehen sollte.

„wenn jemand irgend etwas sieht oder hört oder anderswie wahrnimmt und er dann nicht nur jenes erkennt, sondern dabei noch ein anderes vorstellt, dessen Erkenntnis nicht dieselbe ist, sondern eine andere, ob wir dann nicht mit Recht sagen, dass er sich dessen nicht erinnere, wovon er so eine Vorstellung bekommen hat?“

Natürlich erinnert man sich nicht bewusst an den körperlichen Tod, das ist eine Erinnerung, die dem Unsterblichen zukommt, wohl aber sterben wir doch im Alltag viele kleine Tode.
Sei es, wenn wir verlassen werden, sei es wenn wir verlassen, sei es, wenn wir Schluss-Striche ziehen unter Begebenheiten, die uns den Lebenssaft ausgesaugt hatten. Wir bestimmen selbst, wo und wann der „Tod“ einsetzen soll.
Was hat das mit dem Schild in der U-Bahn zu tun, fragt Ihr Euch sicher. Es ist doch logisch, dass man nicht aus der fahrenden U-Bahn in einen dunklen Tunnel springt, ohne nicht zu wissen, was einem da erwartet.
Und doch sehe ich in den Gesichtern der Umherstehenden, das sie sich gar nicht im Klaren sind, das ein Schild sie auffordert, sich vor Gefahr zu schützen.
Wie der Baum auf dem Berge vom Nietzsche in meinem Gedächtnis verhaftet, der dem Sturm der Erinnerungen standhalten kann, weil er die Erinnerung an Winde verinnerlicht hat , oder so wie Platon, der sich selbst als Abwesender in seinem klassischem Werke verewigt hat.
So , als wolle er in seinem Werke , was er denke als Philosoph ( als Mensch) und dem und dem, wie er handele ( als Allzumenschlicher) , die Gegensätzlichkeit und Gleichzeitigkeit aller wesentlichen und elementaren Lebenssituationen gerecht werden. Elementar ist in meinem Moment die fahrende U-Bahn, fast ein Synonym für bewegendes Leben. Einsteigen, Losfahren. Anhalten. Aussteigen. Seines Weges gehen. Na ja, fast so. Im wahren Leben ist nach dem Aussteigen erst einmal Schluss. Es sei denn, wir halten es wie die großen Philosophen, die im Werden und Vergehen mehr zu sehen bereit sind, als wir U-Bahn-Gäste morgens um acht Uhr.

„Es ist nämlich dieses, dass nicht nur jenes Entgegengesetzte selbst sich einander nicht annimmt; sondern auch alles das, was einander eigentlich nicht entgegengesetzt ist, doch aber das Entgegengesetzte immer in sich hat, auch dieses scheint jene Idee nicht annehmen zu wollen, die der in ihm wohnenden entgegengesetzt ist, sondern, wenn sie kommt, entweder unterzugehen oder sich davonzumachen.“

………………….

Die U-Bahn fährt in den Bahnhof ein. Sie bremst leicht ab und noch in diesen Minuten werden die Türöffner betätigt und die ersten Ungeduldigen springen aus dem noch langsam fahrenden Zug.
Man möchte meinen, das es die Jüngeren wären, die sich dem wagehalsigen Manöver hingeben- nein, es ist der ältere Mann, der nun stolpert und sich das Knie aufschlägt. Ursache und Wirkung liegen so dicht beieinander. Hätte er nicht einfach eine oder zwei Sekunden warten können? Sich ein Bild machen vom Bahnhof, die Stolpersteine wahrnehmen , die nassen Steine, auf denen man ausgleiten kann, oder die Bananenschale sehen, die ihm nun zum Verhängnis wird…

Sicherlich kann man nicht sagen, das Platon oder Sokrates diesen Mann vor einem Sturz bewahrt hätten, wie gesagt: Nietzsche würde es anders sehen, oder Hegel, oder Kant.
Die Ideen, die kluge Menschen in dicke Bücher verpackt haben, oder sagen wir die Quintessenz einiger wesentlicher Erfahrungen prangen schwarz und rot auf einem kleinen Schild neben der U-Bahntür.

Das Prinzip der Teilhabe , der Anwesenheit und der Gemeinsamkeit
kann man gut in 20 Minuten Fahrt beobachten. Relationen . So ist die Größe der Gefahr beim Herausspringen aus der U-Bahn relativ.
Obwohl Menschen doch vernünftig sein sollten, so unvernünftig erscheint es den Mitfahrern in der U-Bahn, dass der Mann trotz wissender Gefahr aus dem Wagen springt ….

Allerdings, so gesteht Sokrates uns Menschen zu, kann man das Ausgeführte nicht mit Vernunft beweisen.

Meine U-Bahn ist wie immer ein metaphorischer Zwischenraum in einer realen Welt. Ich gleite mit meinen Gedanken und Ideen zwischen Draußen und Drinnen hin und her. Manchmal komme ich in Versuchung, eine Rekonstruktion von Zeitbildern oder Raumbildern oder Wortbildern in kleine Reiseberichte zu verpacken.

Ob das im Sinne der schon geschriebenen Werke ist, kann ich nicht einmal berücksichtigen, denn:

„Also dahin wendete ich mich, und indem ich jedes Mal den Gedanken zum Grunde lege, den ich für den stärksten halte, so setze ich, was mir scheint mit diesem übereinzustimmen , als wahr, es mag nun von Ursachen die Rede sein oder von was nur sonst, was aber nicht, als nicht wahr“

Es macht Spass, nachzudenken. Besonders, wenn man auf die Idee kommen sollte ,aus dem fahrenden Zug springen zu wollen.

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