Silk and Paper

20. Oktober 2007

wenn Männer in Bewegung kommen- oder warum braucht Man(n) einen Schirm ?


 

 

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Herrlich so ein Halbtagsjob!
Gut gelaunt trete ich hinaus aus der Tür und steuere der U-Bahn zu . Bahnhof Zoo. Lavazza-Stand . Schnell einen guten Espresso und hinein in den mittäglichen Verkehr. Touristen mit Rucksäcken und Stadtplänen strömen durch die Hallen…Kindergartengruppen und Schulklassen haben Knut gesehen und plappern wild durcheinander drauflos. Gut , daß ich den Espresso hatte, denn der gibt mir Gelassenheit. Und rote gesunde Wangen…

Ich krame in meiner Überlebenstasche, deren Inhalt alles andere ist, als wichtig zu sein scheint . Rechnungen, ausgedruckte Manuskripte, Photo-CD, Konto-Ausdrucke , Mobiltelefon, Bonbons vom vergangenen Jahr, Kaugummi, Haarklammer, Schnippgummi, ein welkes Blatt vom letzten Spaziergang, Deoroller, Parfum, Taschentücher, alt und neu….und endlich mein Buch, welches ich gerne in der U-Bahn lesen wollte. Eine schöne Geschichte, die ich da lese. Von einem Mann, dessen Frau verstarb und beim Aufräumen der Sachen Briefe fand, von ihrem Liebhaber. Der Überlegung nachgegangen, dass der Liebhaber auch wissen müsste, das die Frau verstorben ist, teilt er es dem Liebhaber mit; der wiederum glaubt, es sei die Frau, die ihm nach langer Zeit wieder schreibt , um ihm mitzuteilen, das sie nun tatsächlich für ihn gestorben sei ( sinnbildlich: laß mich in Ruhe…) Die Turbulenzen, die sich aus dem Briefwechsel ergeben, den sich beide Männer liefern ( der Liebhaber glaubt immer noch, es sei die Frau, mit der er korrespondiert) möchte ich der Leserschaft nicht wiedergeben. Das muß man selbst lesen ….

Es ist eine Welt für sich, in die man eintaucht, wenn man liest.
Mich amüsierte jedoch die Phantasie der beiden Protagonisten und ich dachte mir so, was Männer doch alles bewerkstelligen, wenn sie Dingen auf den Grund gehen wollen…Sonderbar, wie mutig und einfallsreich sich Protagonist Nr. 1 seinem Leben stellt, als er plötzlich erfährt, das er nicht der Einzige war…Ich liebe es , in Büchern von solchen Situationen zu lesen, werde von der wunderbaren Phantasie erfasst und ich fragte mich schon sehr oft, ob diese Geschichten nur Wunschdenken eines männlichen Autors waren ; ob der Wunsch, aus dem Allerlei des möglicherweise gelangweiltem Alltag einer 20-jährigen Beziehung auszubrechen, so dringlich wird, das man einen verflossenen Liebhaber der verstorbenen Ehefrau beginnt, gern zu haben, zu bewundern, ja sogar bereit wird, alles Bisherige in Frage zu stellen. Und sei es nur in der Erzählung…

So etwas kann nur in Büchern stehen; welcher heutige Mann kauft sich denn eine Fahrkarte und steht als Überraschung vor der Tür , wer reserviert denn heutzutage ein ganzes Lokal und bestellt einen Stehgeiger. Welcher Mann in diesem Alter des Protagonisten wagt es denn noch, spontan zu sein. Na, den will ich mal sehen!

Ich kicherte in mich hinein…und ich war erschrocken, als ich feststellte, das ich tatsächlich hörbar lachte…
Verstohlen schaute ich mich um. Zwei Reihen schräg gegenüber saß ein Mann , der sofort wegschaute, als mein Blick ihn traf. Er hatte mich offensichtlich beobachtet. So was mag ich eigentlich gar nicht. Aber was soll es… Ich las weiter. Doch die Ruhe war dahin. Der Mann beobachtete mich und ich spürte seine Blicke …Jedes Aufblicken in seine Richtung erschreckte ihn und das Handy wurde nun willkommenes Spielzeug in seinen nervösen Händen. Irgendwie belustigend.
Ok. Das Buch wanderte in meine Tasche zurück und ich schaute in das Dunkel des vorbeigleitenden Tunnels und sah wie in einem Spiegel gleich, wie er mich musterte…

Hermannplatz.
Wie immer stand ich im letzten Moment auf und sprang hinaus auf den Bahnsteig. Er auch. Aber das sah ich schon nicht mehr Es mußte fast im letzten Moment gewesen sein. Die Tür schloss sich . Die U-Bahn fuhr weiter.
In meinem Kopf setzte die normale hausfräuliche Geschäftigkeit ein. Ich nahm meinen Einkaufszettel und las: Waschpulver, Fotos abholen, Rohrreiniger, Shampoo… ok. Also sollte ich gleich zu Rossmann gehen… Alles andere um mich herum war ausgeblendet. Ich hatte nicht bemerkt, das dieser Mann wie ich die Rolltreppe benutzte, wie ich bis zum ersten Wagenhalt den Bahnsteig entlangging und mit mir in der gleichen U-Bahn weiterfuhr.
Meine Station – ich stieg aus . Stufe für Stufe spürte ich hinter mir einen Blick im Rücken. Das kennt man ja, wenn man fixiert wird, fühlt es sich so an, als würde man berührt werden.
Strassenmitte, Ampel, Rot. Ich wartete. Plötzlich sprach mich eine Männerstimme von der Seite an. “ Ich wollte Ihnen sagen, das Sie schön aussehen. Sie gefallen mir“. Ich schaue zur Seite und da steht dieser Mann. Ganz nah sehe ich seine dunklen Augen und das bisschen Angst darin. Die Falten in seinem Gesicht verrieten sein Alter. Mindestens 60 . Seine Sprache , der Akzent verriet auch seine Herkunft.
Ich knurre ihn an. „Danke“ und überquerte die Strasse.
Gut, das Rossmann gleich an der Ecke ist, denn dort bin ich gerettet vor Komplimenten auf der Verkehrsinsel. Ich kramte meine Fotos aus einem Berg von Tüten, verglich Preise von Waschmittel, sah Gummidrops, die mich einluden sie mitzunehmen- und aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen Schatten , der mich stetig verfolgte. Es war der Mann. Er folgte mir auf Schritt und Tritt und versuchte doch , unauffällig zu sein. Es war offensichtlich, das ihn mein Knurren auf der Strasse nicht getroffen hatte.
In der langen Reihe an der Kasse stand er hinter mir. Wieder versuchte er, mir zu sagen, das ich ihm gefiele, das mich die Baskenmütze gut kleide. “ Danke, und nun ist gut“ fauche ich. Er senkte den Kopf “ ich verstehe…“flüsterte er.

Betreten und verlegen greift er nach einem Regenschirm, der in der Nähe der Kasse zum Verkauf angeboten wird.
Draußen ist ein sonniger Tag. Und er sieht auch nicht so aus , als bräuchte er einen Regenschirm, denn aus der Jackentasche lugt der Knauf eines Minischirms…
Er zahlt schnell und ich sehe, das er sich plötzlich seiner Aktion bewusst wird . Er stürzte bei Rot über die Strasse und verschwindet wieder im U-Bahnhof. Sicherlich hatte er seine ursprüngliche Fahrtroute geändert und mußte nun schnell und möglichst ohne Zeitverlust nach Hause zu seiner Frau fahren …
Beladen mit allerlei Krimskrams schlenderte ich nach Hause. Warf die Waschmaschine an, schüttete den Rohrpuster in den Wannenausguß, legte die Fotos auf den Küchentisch und frage mich selbst, warum in aller Welt widerfährt mir so etwas immer in der U-Bahn . Nie bleibt da Zeit, sich auf Verrücktes einzulassen. Immer sind es (Weiter-) Reisende …Warum nicht im Cafe, oder im Kaufhaus, meinetwegen auch am Gemüsestand. Die Rolltreppe sowieso.
Muss sich denn ein Mann, der beherzt eine Frau anspricht , erst einen Regenschirm kaufen?
Muss er wohl, wenn er nicht im Regen stehen will.

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