Silk and Paper

20. Oktober 2007

SCHUBladen

Filed under: philosophische FRAGMENTe — silkandpaper @ 5:56 AM

wald-hinterzarten.jpg

Alltagswort : Schubladendenken…wie interessant, ein Wort zu ergründen, welches assoziiert wird mit starren und festgefahrenen Bezügen zu Definitionen, die uns im ersten Augenblick als bedrängend oder engstirnig erscheinen…. die Gedanken beschäftigen mich, , denn ich hatte wieder einmal in Nietzsches Zarathustra geblättert…Die Passagen erinnerten ich mich an die Steilwände der Gedankens, die man selbst ab und zu erklimmen muß, um zu Fundamenten vorzudringen, auf denen ein Stück seines eigenen Hauses gebaut ist . Die wortgewaltige Sprache …

Obwohl  ein Mensch , der die Weite des Meeres in sich spüren möchte, habe ich diesen Ausflug ins Hochgebirge gewagt, habe vergessen, dasx all die Felsvorsprünge wenig Halt bieten, zumal, wenn ich, ein ungeübter Kletterer selbst an den eingeschlagenen Ösen hänge, zuweilen über dem Abgrund schaukelnd, die Tiefe unter mir und die Höhe so weit… auch ich muss allmählich weiterhangeln, immer mit dem Blick zur Bergspitze…

Die Bilder von Sils Maria, den Bergen und den einsamen Wegen ,die mir meine Schweizer Freundin beschrieb, brachten mich zu Nietzsches Werk zurück.

Die waghalsigen Kletterpartien des Geistes ; da fiel mir der „Baum am Berge „wieder ein , der für mich ein Synonym für etwas ist, welcher/welches ganz alleine und auf sich verlassend der Gefahr trotzen kann. Ja, und selbst wenn man einen Bergführer neben sich wähnt, man selbst muss sich einklinken in die geistigen Haken und Ösen, man selbst fühlt den Fels unter seinen Schuhen und die wunden Finger halten sich trotz Schmerzen am Steinvorsprung fest; denn ein falscher Schritt könnte sich mit Sicherheit verwandeln in einen Sturz in die Tiefe… Also gehen wir Schritt für Schritt und mit Bedacht- denn die Neugier, was  nach dem nächsten Schritt kommen könnte, treibt uns voran… Das ist der Hunger nach Wissen, Hunger nach dem Wort und seiner Bedeutung.

Sich immer des Risiko’s bewusst zu sein, zwischen der Realität der Möglichkeit des Absturzes und des Emporklimmens eines Berges, den zu bezwingen möglicherweise noch keiner gewagt hatte… Das Ausloten der eigenen Begrenzung, das Erfahren der eigenen Risikobereitschaft auch sein Leben verlieren zu können für den Blick auf den Gipfel , …wer ist dafür heute noch bereit, wenn dieser Nervenkitzel den “ Ausflügler“ im weichen Daunenbett erreichen kann , zurückgelehnt und dem Einnicken bei Sendeschluss nahe….( diese Flut von schon so gut verpackten Eindrücken, die so ins Haus flattern , diese Flut kann es doch nicht sein, die unserer sorgfältig ausgewählten Schubladen als Hilfskonstrukt des Lebens bedürfen, Fastfood , virtuelles Wegwerf-Essen, eine unlebendige Scheinwelt …) Die Eindrücke des Lebendigen aber, die Sichtwinkel und Tiefblicke, denen ich mich bewusst aussetze, die ich sinnlich, visuell, verbal und körperlich wahrnehmen möchte , können sich sehr gut mit brüchigen Begrenzungen ( ich spreche von brüchigen und nicht von immer mehr verschwimmenden Begrenzungen… ) arrangieren, denn sie sind erfahrbar wie die Aufmerksamkeit des Kletterers, erfahrbar wie das Risikobewu0tsein. Das Risiko, Wahrheit und Wirklichkeit mit dem Schein zu verwechseln zu können….

Mit dem Blick zum Wipfel, mit dem Abklopfen der Möglichkeiten ,ob ich weiter klettern oder absteigen sollte, bediene ich mich meiner Erfahrungen , die in mir „verzargt “ sind. Ich kann mich ihrer bedienen, weil sie aus dem Lebendigen gekommen, in mein Lebensgerüst “ einbaubar“ waren; sie schützen mich vor dem Sturz in die unbekannte Tiefe , während ich mit dem Bausatz ( dem Schein, der Fiktion ) , der mir schon verpackt , vorprogrammiert ,scheinbar risikoarm und griffbereit vor die Füße gelegt wurde , wenig anfangen kann, wenn es gilt, mit „Schubladen zu hantieren“. Dieser Bausatz ist keinesfalls nur unnütz, – nur : um mich dieses Werkzeuges zu bedienen, brauche ich die Gebrauchsanweisung, denn hier ist etwas , was ich lernen muss, an meine lebendigen Erfahrungen “ zu befestigen“ . Meine Wirklichkeit , mein Bewusstsein lässt mich kritisch sein, der nächste Schritt im Felsgestein ist ein Schritt in ein unbekanntes Terrain…Aber warum steigen wir auf diese Berge, warum diese Höhe? Warum gehen wir auf Menschen zu, die unsere „Höhen und Tiefen“ sind ? Weil die Neugier und der Mut zur „unbekannten Schublade“ da ist, weil um mit sich und der Wirklichkeit umgehen zu lernen, nicht nur der Bausatz ausreicht. Weil ich die Brüchigkeit der Wirklichkeit ( lat. actualitas) im Alltag erfahre, lasse ich mich darauf ein, beschäftige ich mich näher damit, und kann mit dieser Unbekannten wie in einer mathematischen Gleichung gut umgehen , so weiss ich auch, wo ich in der späteren Brüchigkeit meiner Zukunft ( die kausal bedingt ist ) hinfassen muss, um die richtige Erfahrungsschublade aufzuziehen .

Aber selbst dann, wenn ich die Schublade nach geraumer oder längerer Zeit öffne , ist sie noch so unverändert “ einsortiert“, so hat sich doch mein Blickwinkel auf sie verändern müssen, denn die Zeit und die Begegnung mit Menschen hat etwas in meiner Wirklichkeit bewirkt, während die Schublade äußerlich möglicherweise zwar ramponiert aussieht , aber die Zeit hat den Inhalt in der Schublade ist nur passiv gestreift …

Ob die in der Schublade überdauerten Konstrukte/ Vorurteile/ Verbindungen / Denkweisen noch der Wirklichkeit genügen , oder ob ich mich ihnen mit meiner veränderten Sichtweise annehmen kann , ob ich „stimmig“ werde mit diesem einst aktuell gewesenen Inhalt ( also in die Tiefe springen könnte) , oder – ob ich trotz Wetterwarnung und heraufziehenden Sturm den Schritt wage, jenen Felsvorsprung zu überwinden, ob meine stabile „Schrankkonstruktion mit den Erfahrungsschubladen“ diesem Risiko wirklich die Stabilität verspricht, oder ob der vorgefertigte Baukasten mir eine suggerierte Scheinstabilität als WAHR erscheinen lässt, das kann nur DER SCHRITT entscheiden, die Bewegung und nicht die Erstarrung.

Man kann stürzen , man kann stehen , aber man kann bei zu langem Zögern in einer einem unendlich erscheinenden Zeit über dem Abgrund schweben…. und in diesem Moment der ÜBERLEGUNG , den Schritt zu wagen, ist es von entscheidender Wichtigkeit, Wirklichkeit und Fiktion unterscheiden zu können , es ist von Wichtigkeit Begrenzungen des Zumutbaren zu erkennen.

Die Wirklichkeit als ein Gerüst / als Schrank/ als Regal / als Authentizität – eben als etwas Stabiles – , die verbunden, verzargt, verknüpft oder vernetzt erst möglich macht , das innerhalb dieser Stabilität AUCH die Fiktion, die brüchige Begrenzung, die Phantasie , und Schublade etc. als instabiler Faktor ihren Platz findet, ohne das man sich selbst aus der “ Verankerung im Fels „reißt.

Vielleicht sehe ich auch in der Schublade eben nicht unbedingt die Wirklichkeit , sie hat nichts Stabiles, nichts Feststehendes , sie ist austauschbar, inhaltlich revidierbar, ist Phantasie , sie ist fiktiv, kann sie nicht dingbar machen.

Die Schubladen als Möglichkeit , als Hilfskonstrukte zu sehen , die unsichtbare Begrenzung nach draußen sichtbar zu machen – ist eine Möglichkeit. Ein der lebendigen Wirklichkeit zugewandter Mensch aber überdenkt jeden Tag Grenzen oder Begrenzungen neu , er befreit sich aus Erstarrungen und erweitert sich innerlich….er erstarrt nicht in einer Scheinwelt und würde nicht auf „dem Felsvorsprung stehenbleiben “ .

Schublade, das ist ein anderes Wort als das , welches im Dialog schnell mit Schubladendenkweise egalisiert wird –Schubladendenkweise : dieses so ganz andere Wort hatte ich bisher ganz bewusst nicht einbinden wollen ; ich nehme mal das Wort einfach mal auseinander SCHUBLADENDENKWEISE: es ist die Weise , wie ich die Schublade denke! Möchte ich weiterklettern, dann denke ich mir die Schublade als flexibel, herausziehbar aus dem Schrankgerüst , und ich kann mein stabiles Ich flexibel sein zu lassen, kann das Schrankgerüst , so fragil es erscheint auch schwanken lassen ( wie ein Hochhaus bei einem Erdbeben) ohne in mich selbst zusammenzufallen.

Würde ich nicht weiterklettern wollen , dann würde ich mir die Schubladen als festvernagelt mit dem Schrankgerüst denken , ich würde die Schubladen nicht anrühren aus Sorge vor der Fragilität , würde inflexibel bleiben, was mir das Zerbrechen oder Zerschellen bei einem Sturze wahrscheinlicher erscheinen ließe ….

Und so bin ich wieder bei Nietzsche in der philosophischen Stube gelandet, und bin den langen Weg vom Meer zum Berge gewandert ….und möchte mich nun gut gesichert am Seil im Fels festhalten , weil ich mir jetzt plötzlich gar nicht mehr so klar bin , ob ich aus Kausalität und Kybernetik einen Schrank gezimmert habe, den der Wind gleich umpustet…

Trotzdem möchte ich Z […] Nietzsche zitieren:

Du sagtest die Wahrheit, Zarathustra. […]Ich verwandele mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich überspringe oft die Stufen, wenn ich steige,—das verzeiht mir keine Stufe.

Bin ich oben, so finde ich mich immer allein. Niemand redet mit mir, der Frost der Einsamkeit macht mich zittern. Was will ich doch in der Höhe?

Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen mit einander; je höher ich steige, um so mehr verachte ich Den, der steigt. Was will er doch in der Höhe?

[…]

Hier schwieg der Jüngling.

Und Zarathustra betrachtete den Baum, an dem sie standen, und sprach also:

„Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg über Mensch und Thier.

Und wenn er reden wollte, er würde Niemanden haben, der ihn verstünde: so hoch wuchs er.

Nun wartet er und wartet,—worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze der Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?“

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1 Kommentar »

  1. very interesting.
    i’m adding in RSS Reader

    Kommentar von music — 7. Januar 2008 @ 4:48 PM


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