Silk and Paper

18. Oktober 2007

wenn männer in beWEGung kommen…und sei es auf der rolltreppe


tusche-cigarette.jpg

Es ist wirklich jedes Mal am Morgen… ich schließe die Tür, nehme die Zeitung aus dem Kasten, kaufe mir ein Croissant, manchmal nehme ich noch einen Kaffee in der Bäckerei und dann komme ich in die Gänge.
Sprich, ich beginne meinen Tag.
U-Bahn-Fahrt. Das Zauberwort. Fast jeden Tag begebe ich mich in den Untergrund…in das diffuse Licht von spärlich ausgeleuchteten Bahnsteigen; platziere mich auf eine der Wartebänken aus den 30-ern und warte wie alle anderen, das sich ein morgendlicher Schwung einstellt.
Endlich. Der Luftzug kündigt an, dass an der Leinestraße der Zug abgefahren ist und meine 20 minütige Fahrt ins Glück beginnt.
Das Glück ist unbestimmt, wie alles im Leben… hier beschränkt es sich auf einen freien Sitzplatz.
Tür auf. Tür zu. Meine Augen schweifen umher. .
Heute habe ich es eilig- also besser, ich bleibe an der Tür stehen.

An der nächsten Haltestelle stürze ich hinaus, renne wie eine Verrückte zur Rolltreppe und will mich an den brav Wartenden vorbeischlängeln. Und schon ist es geschehen- ich trete einem Mann, der vor mir steht in den Hintern.
Wohlerzogen entschuldige ich mich. Er blickt zurück. Sagen wir es mal mit den Worten unserer aus der Türkei heimkehrenden Damen: er hatte wundervolle, dunkelbraune Augen. Schwarze Haare. Ein sehr gepflegtes Aussehen. Mit einem Wort : ein potentieller Askim! Und das nonplusultra : ein Türke! Als hätte er meine Gedanken lesen können, ging ein Lächeln über sein Gesicht…es schien, als käme Bewegung in sein Leben. Am Bahnsteig blieb er stets in meiner Nähe…noch einen Schritt näher, naja, und nun fragt er auch noch, was ich lese…. Ich wäre keine Frau, hätte ich nicht schon längst über den Zeitungsrand gelugt und belustigt festgestellt, daß er wohl zu überlegen schien , wie und was er anstellen könnte, um den letzten Schritt auf mich zuzumachen …

Die U-Bahn kam. Glück sah für ihn ähnlich aus, wie für mich. Ein Sitzplatz, nein zwei; einen für mich und einen für ihn selbst. Natürlich nebeneinander. Aber durch das Leben gut mental und geistig darauf vorbereitet , war ich mir sicher, er würde ALLES für mich tun. Alles, das war im Moment, einen Platz für mich zu ergattern, was morgens 8:30 am Hermannplatz nicht einfach ist. Das muss man wissen, wenn man sein Opfer richtig würdigen will…
Der gut aussehende, gut gekleidete Herr namens Adnan (den Namen verriet er mir beim Rüberstrecken seiner Hand) arbeitete, so verriet er mir, im türkischen Konsulat. Zumindest konnte ich ohne aufdringliches Verhalten zu produzieren sagen, das wir zumindest bis zum Ku’damm gemeinsam reisen. Binnen kürzester Zeit (aber das kennen wir ja schon) hatte ich das Gefühl, etwas ganz Besonders zu sein. In 15 Minuten wusste ich seinen Geburtsort, daß er im Juni dorthin fährt, daß er in der Leinestraße wohnt, daß er seit 10 Jahren in Deutschland lebt und ich muss sagen; das alles brachte er in einem akzentfreiem deutsch rüber. Ich war beglückt. So früh am morgen hatte ich keinen Nerv, Sprachakrobatik zu veranstalten. Ich liebe es, wenn der Tagesbeginn etwas dahinplätschert….

Eine wundervolle Visitenkarte wurde mir gereicht (es fehlte das Tablett, um vollkommen zu wirken). Eine Frage mit einem Augenaufschlag, der einem Omar Sharif zur Ehre gereicht hätte, folgte der Visitenkarte: sieht man sich denn mal? Wenn man doch quasi Nachbar ist…?

Jeder kennt das sicher. Das Herz raste, im Kopf kreisen merkwürdige Gedanken, der BH kneift nicht mehr, man sitzt aufrecht und setzt ein zuckersüßes Lächeln auf…. Hach! Ich habe seine Visitenkarte, ich habe seine Visitenkarte….
Ein Blick darauf und meine Freude war gedämpft…. Eine Handynummer. Kein Festnetz. So was mag ich nicht. Ach, das kann ich ihm ja am Sonntag sagen, wenn wir uns zum Kaffee treffen werden.
Die gepflegte Hand drückt die meine- er müsse nun aussteigen…cok güzel sind Sie, was für ein Zufall, das Sie ausgerechnet mich in den Hintern getreten haben…. ich bin so glücklich ….sprach er, und stieg aus.
Welcher Tag ist heute? Ich überlegte und in meinem Gehirn war nur noch Adnan-Montag, nein Adnan-Mittwoch…. Mittwoch! Meine Güte , noch 5 Tage bis Sonntag.

Zoologischer Garten…aussteigen… Rolltreppe rauf, Jebenstraße, Uni.
Zumindest meine innere Karte ist noch in Ordnung, ich finde den Weg zur Uni im Schlafe, besser gesagt, im Trancezustand…
Der Tag war herrlich, das Leben ist schön! Meine Bandscheibe war in einem versöhnlichen Einvernehmen mit mir… Sonntag , Sonntag jubelte es….

Der Sonntag kam. Herrliches Wetter. Ich bretzelte mich auf. Ein sorgfältiges , dezentes Make-up…. Nicht zu frivol. Nicht zu aufdringlich. Nicht zuviel nackte Haut. Nur ein bisschen, nur eine Ahnung…. Na ja, Frauen wissen was ich meine….

Treffpunkt Südstern… das ist wunderbar. Dort ist nur ein Aufgang. Da kann man theatralisch geschult die Treppen hinaufschreiten. Was will Frau mehr…

Bubum bubum… das Herz nahm jede seismographische Welle wahr, die dort oben vom Ausgang mir entgegenschlug.
Da stand er. Ein lachendes Gesicht. Ich schritt wie einer Königin gleich die Steinstufen hinauf. Was für ein ergreifendes Gefühl.
Noch eine Stufe und noch eine Stufe…

Adnan. Da stand er, in Jogginghose, ausgewaschenem Polohemd (mindestens 10 Jahre täglich durch die Waschmaschine getrudelt…) Turnschuhe… einen Rosenstrauß in der Hand.

Bum bum bu bu mmmmmmmmmmmm. Ich erstarrte. Gott sei Dank bin ich nicht vor Schreck umgefallen.
Das erste und einzige, was ich sagen konnte war: du bist Familienvater, hast dich Sonntagnachmittags von Frau und Kindern weggeschlichen, um angeblich mal kurz mit einem Freund ein Zigarettchen rauchen…

Sein Unterkiefer fiel runter, das Lächeln verschwand. Die Augen wurden plötzlich müde und leer.
Woher weißt du das…fragte er mich.
Na ja- Erfahrung …..

* das Kaffeetrinken fand statt und jeder ist seines Weges gegangen. Eine unvollendete Geschichte  

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2 Kommentare »

  1. Liebe Silk’n’Paper,

    ach ist das schön, eine Geschichte aus Berlin zu hören. Ich, Berlin-Geborener, Jahrgang 1954, Köln-Aufgewachsener, war vergangenes Wochenende mal wieder zu Hause: Bernauer Straße, Hackesche Höfe, Anne-Frank-Zentrum, Dali-Ausstellung, Museum der Unerhörten Dinge, Zoo. U-Bahn ohne Ende. Das zu mir.

    Deine (ich sage mal Du, okay?), Geschichte ist einfach schön, natürlich, wahrscheinlich nicht autobiografisch, aber autofiktiv, oder?

    Ist schon ein Zufall, dass ich einen ähnlichen Versuch heute auf meinem Blog gewagt habe, bloß viel einfacher gestrickt.

    Mir hat die Geschichte sehr gefallen.

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — 19. Oktober 2007 @ 11:31 PM

  2. hallo Ulf, vielen Dank für Deine Post. In Berlin ist alles möglich, sicher so wie in jeder Stadt, wo das Leben anders wogt und anders atmet, als vielleicht in einem ländlichen Rahmen. Aber als Altberliner weißt Du das sicher. Die U-Bahn ist für mich ein unglaublicher Ort. Anfangs, als ich hier nach Neukölln zog, sträubte ich mich morgens sehr- ich fuhr jahrelang Bus… aber ich habe oft das Bedürfnis , statt zu lesen, die Menschen und die Geschehnisse auch in der U-Bahn genauer zu beobachten. So entstanden diese going-underground-Geschichten, die tatsächlich geschehen sind. Dinge, über die man gleichzeitig lachen oder weinen könnte….Ich würde gerne Deine Geschichte lesen. Das werde ich gleich mal tun . ;)Nochmals Danke.
    Liebe Grüße
    MAR

    Kommentar von silkandpaper — 20. Oktober 2007 @ 4:31 AM


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