Silk and Paper

17. September 2007

wenn männer in bewegung kommen – oder der sprung in den abgrund


tusche-cigarette.jpg

malheureusement je ne parle pas de france, je ne peux pas tourner non plus de cigarettes-vient en plus que je suis de toute façon toujours à l’abîme.
donc je pense, je ne dois pas vous pousser à la démence.

Nun denken jetzt sicher manche, jetzt fange ich auch noch an, Botschaften in einer anderen Sprache auszusenden… reicht es nicht, das wir schon im Deutschen so unsere Verständigungsschwierigkeiten haben?
Keine Sorge, es geht nur wieder mal um mein allerliebstes Fortbewegungsmittel, die Berliner U-Bahn, oder besser gesagt, um das, was mir so ins Auge springt…

Umsteigebahnhof Berliner Straße…“diese Zigarette hat soundsoviel Milligramm Giftstoffe, die Sie töten können“ … Freundlich lächelt mich der junge Mann aus dem Plakat heraus an. Er sieht eigentlich nicht so aus, das es ihn stören würde, dieser kleinen blauen Packung in seinen Händen ein seliges Ende zu bereiten. Mit größter Gelassenheit sitzt er zusammen mit seiner Liebsten am äußersten Mauersims eines Wolkenkratzers. Mir wird ganz flau im Magen, fast so, als würde ich mit der Achterbahn ins Nichts geschleudert…. Also gehe ich doch lieber ein Stück weiter und lande wieder mal bei Norwegens bizarrer Landschaft. Interessanterweise denke ich bei Norwegen immer zuerst an Wittgenstein- schon komisch . Hat das was mit den geistigen Sprüngen zu tun, die man so hoch ansetzen muss, wie die Felsen an dieser rauen Küste?

Das wäre eine Überlegung wert…

Aber auch hier , mit dem Blick auf grüne Täler und Höhen präsentiert sich ein wagemutiges Paar auf steiler Felsenklippe ; der Blick geht tief hinab in einen blauen Grund. Man hört praktisch das Wasserplätschern und den leisen Widerhall an steilen Felsvorsprüngen. Das Leben scheint aus Abgründen zu bestehen, der kleine Hinweis unten rechts sogar: visit no(r)way will mir so hinten durch die Brust ins Auge suggerieren, das es einfach keinen Ausweg gibt, aus diesem „kauf mich, nimm mich mit, ich mach dich glücklich. Unentwegt bin ich in Gedanken dabei, meinen Geldbeutel auf Inhalt von Kleingeld und Scheinen zu überprüfen, ob ich es wagen könnte ( nächste Station Günzelstrasse- kaufen Sie bei uns , sie kriegen Rabatt huscht an mir vorbei) meinem Konto eine Ausnahme zuzumuten. Eine neue Hose bräuchte ich schon mal wieder…. bald gibt’s Weihnachtsgeld, warte noch ein bisschen, sage ich mir.

Spichernstrasse. Ich mustere die Leute. Irgendwie sehen die Charlottenburger oder die Krumme Lankes wohlbetuchter aus , nicht so bescheiden gekleidet wie der Mann, der seit Mehringdamm die Wegstrecke mit mir fährt. Er steht an der Tür und lehnt sich gelassen gegen den Haltegriff. Ich komme nicht umhin, ihn zu mustern, natürlich mache ich das nicht so aufdringlich; aber Menschen interessieren mich nun mal …
Eigentlich bräuchte er viel eher eine neue Hose oder ein Pullover…Natürlich könnte ich mich täuschen, zerrissen scheint in zu sein und bügeln ist schon lange out. Abgesehen bin ich eh der Mensch, den Äusserlichkeiten schnurz sind. Hauptsache ist, der Kopf ist klar und das Herz auf den rechten Fleck. Munter ist er ja, der Mann mit dem ungebügelten Jackett. Flinke , grüne Augen und sehr aufmerksam, wenn Neuzusteiger Platz brauchen. Er tritt dann nicht nur beiseite , sondern sogar hinaus auf den Bahnsteig , lässt die Fahrgäste einsteigen und erst dann , wenn alle schnell und mit Nachdruck einen Platz erobert haben, steigt er wieder zu. Noch ein kurzer Blick auf den Bahnsteig sei ihm gegönnt- der Wagen schließt und ab geht’s. Jetzt erst dämmert es mir ! Er fährt schwarz ! Dafür muss man ein Händchen haben, man muss aufpassen und auf der Hut sein, nicht erwischt zu werden. Jeder Penner , jede Mutter mit Kinderwagen , die einsteigt, könnten der Kontrolleur sein.
Irgendwie finde ich das sehr anstrengend, immer auf der Hut zu sein . Also ich könnte das nicht, schwarz fahren. Mir wird schon siedendheiß, wenn ich das Gefühl habe, meine Monatskarte vergessen zu haben.

Der Unterhaltungswert der U-Bahnfahrt hat sich gesteigert. Vergessen die gefährlichen Versprechen diverser Zigarettenfabrikanten, das der Tod Euch hole, oder auch die angstvollen Minuten über einem Gletschersee, wo man als Model so tun muss, als fände man den Sprung ins Nichts atemberaubend schön. Auch die Trauer um die noch nicht gekaufte Hose weicht meiner Neugier. Ich rechne zusammen, was so ein Mann alles zusammengespart haben könnte, wenn er das schwarzfahren so seit 5 Jahren durchzieht. Jeden Tag 4,40 gespart, das sind pro Woche 30,80 , das sind in 5 Jahren 7920 Euro. Donnerlittchen, denke ich, dafür kann man sich einen Reise nach Paris gönnen oder mit der selbstgedrehten Zigarette auf einem Dachgarten von New York die Silhouette der Stadt genießen, meinetwegen auch norwegische Fjorde aufsuchen und Wittgensteins rotgestrichenes Häuschen besichtigen, und die teure Hose von Luzifer wäre auch noch drin. Nicht nur das, ich könnte meine Bahncard verlängern lassen und wieder mal kreuz und quer durch die Lande fahren, irgendwo in einem tollen Restaurant Schampus bestellen und so tun , als hätte man es dicke… Ach man, was man nicht alles machen, kaufen, reisen könnte für diese 7920 Euro…

Kurfürstendamm . Ich schrecke aus meinem Tagtraum auf. Nächste muss ich raus, muss zur Arbeit , muss mich mit Studenten herumplagen und den Kaffee irgendwann kalt trinken…und ich träume hier und packe eigentlich in Gedanken meine Koffer. Meinem anonymen Begleiter scheint es ebenso zu ergehen. Seine Augen sind etwas in die Ferne gerichtet. Kann schon sein, das er ähnlich wie ich sein erspartes Geld schon längst in seiner Phantasie verbraten hat. Sein Träumen wird ihm zum Verhängnis. „ Die Fahrausweise bitte….“ Mir tut er richtig leid, mein unbekannter Begleiter Von Mehringdamm bis Ku‘damm ist eine lange Strecke, die er tapfer durchgehalten hat.
Das ist wirklich Pech, auf der letzten Station erwischt zu werden. Die U-Bahn fährt in Bahnhof Zoo ein. Leider nicht schnell genug. Die Kontrolleure sind schon da und bauen sich vor ihm auf. 3 Männer gegen einen. Ich finde das ungerecht. Mein letzter Blick zu ihm, der nun seine Anonymität preisgeben muss, seinen Ausweis zückt und so tut, als ginge ihn das gar nicht an. Und als sollte es nicht anders sein, grüßt auch hier der Städte- Dschungel vom Plakat einer Reisebürogruppe, die meint, das es im Winter besonders preiswert sei, in den Süden zu reisen. Wie wär’s mit Andalusien ?

Ich bin nun plötzlich gar nicht mehr so heiter . Diese blöden Kontrolleure! Jeden noch so kleinen menschlichen Abgrund pflastern sie zu mit ihrem bürokratischen Gehabe. Irgendwie hätte ich es ihm gegönnt, daß er sich diesen oder jenen Traum hätte erfüllen können. Wie kann man sich solche Reisen leisten, wenn man am Sparen gehindert wird …

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