Silk and Paper

7. September 2007

zweites frühstück ! oder wenn der TAG gelaufen ist


tusche-cigarette.jpg

Irgendwann hatte ich Euch, liebe Leser das Dessert versprochen, nach der aufgewärmten Suppe hatte ich ja eine Woche Zeit, mir ein Rezept zu überlegen.
Und ungewollt bin ich in eine ganz „alte“ Zeit hineingeschlittert, gestern, als ich mich an die die Zutaten für eine nette Liebesgeschichte erinnerte , Julia und Romeo aufleben lassen wollte , und dabei feststellte, das Julia eigentlich ein Romeo war… Meine Laune war dahin und es war einfach gestern wie im Theater, wenn der Startenor sagt: heute bin ich sehr angeschlagen, lässt lieber die Primadonna meinen Part singen…( Tenöre sind so zickig , das weiss ich aus eigener Erfahrung…) Was macht man denn, wenn man im virtuellen Theater improvisieren muss…Dieses chaotische Suchen nach einer Notlösung…

Das hat mich ein bisschen an meine Zeit erinnert, als ich noch eine Kunstgalerie und ein Künstlercafe mit einer Theaterbühne in Berlin hatte und man tatsächlich so eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung den Bühnenvorhang neu installieren muss.

First Part: MAR auf der Leiter in schwindelnder Höhe , den Schlagbohrer in der Hand und unten stehend der Künstler des Abends, der aus lauter Panik, das seine Vorstellung ausfallen würde, an den Fingernägeln zu kauen begann.
Ist zwar nicht das leckerste, aber es hat ihn offensichtlich beruhigt.
Schweissperlen auf der Stirn, Schritt für Schritt stieg ich dann die Leiter hinab, geschafft.

Second Part: Abendkasse. Im Rücken unsere angesäuselte französische Bardame ( wir wissen ja, der Rotwein…! ) drängelnde Besucher im handtuchgroßen Cafe, direkt daneben in der Küche gingen Teller zu Bruch, das Klopapier staute sich in der Gästetoilette, jemand hatte die Hintertür offengelassen und wildfremde Menschen warfen Blicke in die Künstlergarderobe, wo gerade die Pianistin noch einmal den BH zurechtrückte- ein spitzer Aufschrei ihrerseits, als sie durchs Fenster in wildfremde Männeraugen sah… und MAR überall gleichzeitig sein müssen…das auch noch in hochhackigen Schuhen , mit den putzverschmierten Händen von der Vorhangmontage mal schnell durchs Haar gestrichen- die Lacher waren nicht auf meiner Seite- aber endlich, endlich . Der Herr Künstler gab das Signal zum Anfangen, die kleine Tresenklingel rief den letzten Cafe-Gast zum Rendezvous mit der Muse ( „nehmen Sie doch Ihr angebissenes Brötchen mit in den Saal…. geht schon –hier eine Serviette „)…. Türe zu.
Kassensturz gleich….die Gage muss ausgezahlt werden, nachher, wenn alles vorbei ist , wenn man am Habitus der Pianistin das Gefühl hatte, es hätte Rubinstein persönlich gespielt…
Aber das ist später. Nach diesen unglaublichen 60 letzten Minuten vor dem Bühnenvorhang brauchte ich erst einmal eine Pause. Herrlich! Das Cafe ist leer, ein zwei verprengte Stammgäste vom Wohnhaus gegenüber hocken beim Bierchen an der Theke, ich suchte mir die alte Ledercouch in der hintersten Ecke und genehmigte mir einen heissen Tee.

Third Part: Die Künstlergarderobe ist verwaist, der angetragene Smoking hängt traurig und zerdrückt auf der Stange, die billige Schminke von „Frau Rubinstein“ liegt verstreut vor dem blinden Spiegel ; warum müssen Künstler denn immer nur so schlampig sein?
Alle sind auf und davon. Die Luft ist zum Schneiden dick. Die französische Bardame kichert mit Stammgast Nr. 1 ( ich sehe das nicht so eng…. er ist ein alter Feinschmecker, Giselle ist sicher nur das Appetitshäppchen, der Hauptgang steht zu Hause auf dem Tisch…) Ich sperre ab und lass die beiden allein… müde bin ich.
12 Uhr nachts. Wie komme ich jetzt nach Hause ? Warum ist es denn schon wieder so spät geworden.

6 Uhr ist die nacht für mich vorbei. Von Schönheitsschlaf keine Spur- kaum hingelegt, klingelt der Wecker schon wieder.
Rein in die Dusche , kaltes Wasser, denn schließlich sollte ich gut ausgeschlafen wirken, wenn ich meinen Brotjob nachgehe…. Die 10 Minuten, die ich mich noch einmal kurz umgedreht hatte, haben keine Wunder bewirkt. Ich brauche meinen Kaffee- ach was , ich brauche das Doppelte von dem, was sonst in meinem Kaffee chemisch an Coffein als Inhaltstoff nachweisbar ist.
Vorhang . Ende. Verbeugung . Abgang.

Ps. Ach ja, das Dessert! Das habe ich fast vergessen…
Im realen Leben, so wie zu der Zeit meiner kleinen Galerie-Bühne konnte ich in Laufe des Abends nur Tee oder Saft trinken… so etwas ist einfach professionell , sagt man in der Branche .
Aber hier, im virtuellen Reich, da lehne ich mich zurück auf meiner Couch, der zickige Tenor ist Legende,
“ Frau Rubinstein“ spielt jetzt tatsächlich im Boston Philharmonischen Orchester, Rosenstolz sind berühmt geworden, das Cafe ist zum Reisebüro mutiert für exklusive Schiffsreisen…Was kümmert mich das alles .
Ich sitze hier nach dieser gelungenen Vorstellung von Romeo und Julia , nach allem hin und her (danke den Akteuren ! ) … und geniesse mein Dessert: Champagner…
Champagner für Alle !
Aufs Haus natürlich….

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