Silk and Paper

27. August 2007

der tanz in der UHR – ein augenblick

Filed under: going underGROUND, kurzgeSCHICHTen — Schlagwörter: , , , , , , , — silkandpaper @ 11:06 AM

tusche-cigarette.jpg



Morgenstimmung wie in Peer Gynt. Wellengeplätscher, Rauschen. Der Duft vom nordischen Meer…. Alles Täuschung, alles nur Phantasie. Die dunkelblaue Seife mit der Duftbrise von Wasser und Wind landet in der Seifenschale. Die Dusche rauscht an meinem Ohr vorbei und die Pfütze am Boden wird zum Ozean. Herrlich! Im Radio erzählt man den gutgläubigen Hörern von Sonne und Wärme. Wunderbar. Der Tag kann kommen.
Der Tag hat 24 Stunden. 24 Stunden für ganz viel Glück.
Knallbunte Schuhe ….leichtfüßig springe ich zum Bäcker, iyi sabatlar, ikitane simit istiyorum. Tesekkürler… die Treppe hinunter, in die U-Bahn hinein. Ihr ahnt sicher schon
 etwas; denn wenn ich U-Bahn fahre, scheint es oft so, als fahren die schönen, glücklichen Momente immer als unsichtbare Fahrgäste mit. So ist es auch. Egal, wie viele Leute da stehen und schwatzen, sich drängeln oder schubsen… zwischen all den Bewegungen gibt es die Momente von Ruhe und Stille. An den Stationen treffen Welten aufeinander. Wenn die Türen sich öffnen, riecht es manchmal nach Laugengebäck, nach Curry, nach frischen Schokoladencroissants oder nach dem Kaffee to go … Jede Station ist ein neuer Kontinent mit einer ganz eigenen Flagge; so nenne ich die großen Reklamekästen, die beleuchtet sind und Nordseestrände als weiße Karibik oder Thüringer Landschaften als norwegische Einöde verkaufen. Flatternde bunte Gewänder um knackig-braune Mädchenkörper – das Land der Sonnen liegt gleich um die Ecke…
Heute habe ich einen neuen Kontinent entdeckt. Mit einer ganz besonderen Flagge. Im rechteckigen Blau sehe ich eine große runde Uhr, hell erleuchtet lädt sie mich ein, der Zeit meine Aufmerksamkeit zu widmen. Eine grazile Schönheit tanzt – eingerahmt in das Uhrenrund. Ihre schlanken Arme und Beine sind Stunden –und Minutenzeiger. Wie witzig! Ich muss innerlich lächeln. Diese Bild passt zu der Morgenstimmung eines erwachenden Berlin.
Der Tanz in der Uhr, der Tanz in der Zeit. Das hat schon etwas Wahres. Können wir die Zeit voraussagen, in der uns zum Tanzen zumute ist? Lassen wir uns auf die Unendlichkeit ein? Möchten wir die Zeit anhalten, uns an sie klammern, oder gar in ihr versinken? Wiegen wir uns in Momenten des Glücks tatsächlich so anmutig und lehnen uns zurück, um mit dem Rücken Halt zu finden an einem Uhrengehäuse… Können wir uns dem Vergnügen des zeitlosen Schwebens wirklich so hingeben wie diese Tänzerin, die verspricht, ihren lockenden Tanz in einem der Berliner Theater vorzuführen.
Der Kontinent der Zeitlosigkeit, der Ewigkeit, der Kontinent in meiner Phantasie – ich kann ihn nur Sekunden besuchen. Die U-Bahntür schließt sich wieder und mein sehnsuchtsvoller Blick hängt an dieser Fotomontage fest. Die Zeit ist nicht messbar. Also sind auch die Momente nicht messbar. Zeit ist trotz ihrer Rastlosigkeit beständig und immer, also ist auch immer Zeit für glückliche Momente.
Immer wieder holt mich die Welt außerhalb aller begrifflichen Möglichkeiten ein. Diese visuellen Länder, Kontinente, Zeitbegriffe und Momentaufnahmen sind Nahrung für mein Lächeln. Ich brauche diese subtilen Berührungen, Wahrnehmungen. Sie sind die Fahrkarten zu meiner Gefühlswelt. Adieu , unbekannte Tänzerin !
Mein Blick sucht sich, wie alle Reisenden beim Abschied ein Ziel, wo er sich
Verfangen kann, wo er sich verhaften kann, um erst dann wieder aufzuschauen, wenn das Gewesene in der Ferne entschwunden ist.
Über meinem Kopf wechseln die Bilder auf dem doppelten Info-Bildschirm der U-Bahn. Bücherwelten, Theaterwelten, NEWS … Und plötzlich zwei leere weiße Bildschirme , für Sekunden blank von jeder Suggestion. Auf dem rechten Bildschirm flackert es und eine Buchstabenzeile erscheint „Wo bist Du?“ und mit kurzer Verzögerung flackert der andere Bildschirm auf „ Ich bin hier!“…Hin und her geht dieses kleine Fragespiel, was sich die BVG ausgedacht hatte . Und die letze Frage „wo finde ich Dich?“ war für mich schon wieder wie eine Freifahrkarte in ein anderes Universum , denn da stand : “ Hier! im Augenblick „Diese Welt ist wunderbar verrückt. Man muss es nur sehen , und gerne in ihr zu Gast sein wollen .

ps: der „Augenblick “ so heisst die virtuelle Infotafel der Berliner Verkehrsbetriebe.

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