Silk and Paper

27. August 2007

Filed under: kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 10:31 AM

 

 

 

 

omi.jpg

 

„ …jetzt geht es ans Eingemachte“….wie oft hatte ich diesen Spruch von den Erwachsenen in meiner Kindheit gehört, und konnte ihn in keine Beziehung setzen zu dem, was sich meinen Blicken bot. Vergebens suche ich mit den Augen die Umgebung ab, um die blanken Gläser mit dem geriffelten Aufsatz zu entdecken, in denen Kirschen, Bohnen, Gurken, Dill, Tomaten, Paprika dicht an dicht lagen ( oder in mageren Erntejahren mehr in ihrem Sud schwammen als das man sie durch das Glas hindurch sehen konnte… Von meiner Großmutter für die besonderen Tage an der Familientafel bevorratet, hatten diese Köstlichkeiten einen festen Platz in meinem kindlichen Kopf, mehr noch in dem immer hungrigen Magen . Wenn ich heute daran denke , wieviel ich damals essen konnte und während ich immer noch Nachschub forderte , meine Mutter mich tadelnd ansah, und leise zischelnd mir über den Tisch einen ihrer geflügelten Sprüche hinwarf: „Kind, iß mit Verstand ! „
Meine Großmutter hatte da naturgemäß wie Großmütter sind , meiner Mutter ( ihrer Tochter) in ihre Erziehungsmethoden hineingeredet : „ laß sie doch, sie wird schon von selbst merken , wenn es ihr zuviel wird “.
Ging es uns nicht allen so? Als Kind konnte man essen, essen, essen… alles durcheinander, von allem zuviel, jederzeit ; unbegreiflich für mich rückblickend .
Es ist schon eine denkwürdige Erinnerung an diese Zeit ; gerade jetzt.
Nach einem neuen Zuhause suchend hatte ich endlich eine Wohnung gefunden, die meinem Sammelsurium von Büchern, Bildern, Werkzeugen und Krimskrams Räumlichkeiten bot. Kisten, Kartons, Taschen, Koffer… alle Behältnisse vollgestopft , mehr oder weniger sorgfältig verstaut … das in die Küche, das ins Gästezimmer, das in die Regale, das in diesen Schrank- und das vorerst in die Werkstatt ( da habe ich im Moment am allerwenigsten zu tun, und es steht nicht im Weg…)
Langsam hatte ich mich eingerichtet, begann diese Räume zu bewohnen, hätte längst schon wieder die Werkbank aufstellen können oder restliche Kartons öffnen und einordnen können… Da war etwas was mich hinderte, die schweren Kisten mit Papieren , Bildern , Fotos und Briefen zu sichten und zu ordnen, um ihnen wie in der alten Wohnung einen Platz zu geben ( der wenn ich jetzt ehrlich zugeben muß, die staubigste Ecke unter den Bücherregalen war ) . Also warum sollte ich diese Sachen auspacken!
Dort zwischen leeren und vollen Marmeladengläsern im Werkstattregal sind sie gut aufgehoben… Himmel, würden altmodische Hausfrauen aufschreien, welch ein chaotische Unordnung. Marmeladengläser!!! Papier und Eingemachtes…nebeneinander! Doch hatte ich mir nicht ganz unbewusst eine kleine begehbare Brücke gebaut mit diesem scheinbaren Chaos?
„ Ich hole schnell mal Marmelade !“ ….ans Regal, Vorhang auf, ein Griff- ach nein, schon wieder segelte mir ein loses Blatt aus dem oberen Fach entgegen; keine Zeit herauszufinden, zu welchem Karton es zugehörig ist- irgendwo zurückgestopft, zurück zur Küche, Marmeladenglas öffnen , oh dieser Duft von Kirschen und Rosenwasser !
Wo ist der Löffel, schnell! Fast kindliche Gier… einen und noch einen und noch einen…

 

Und noch während mir die Süße des Zuckers und die Säure der Kirschen einen unvergleichlichen Hochgenuß verschafften, ging ich zum Regal in die Werkstatt zurück.
Eingemachtes !
Ja , das ist es, was ich als Kind vergeblich suchte, wenn Erwachsene ihre gewichtigen Mienen aufsetzten und manchmal hinter vorgehaltener Hand flüsterten, oder auch mit einem wissenden , bedeutungsvollen , oder neugierigen Blick einander zu bestätigen suchten, das es „ JETZT ans Eingemachte ginge…“
Und JETZT ? Was ist JETZT?
Jetzt sitze ich auf einer kleinen alten Holzleiter in der Werkstatt und halte einen Teil meines Lebens in den Händen.
Mein Eingemachtes waren meine fliegenden Blätter, Notizen, Schmierpapier, Zettel mit dahingeworfenen Worten oder die Briefe, die ich erhalten, gelesen, bebündelt und fast vergessen hatte ; mein Eingemachtes sind kleine Gedichte, Fragmente, Manuskripte, Postkarten, Empfangsbestätigungen von Paketen, adressiert an eine Wohnung, die schon lange von anderen Menschen bewohnt wird. Großmutters Rezept für „schnelle Gurken“ … Eine Zeichnung dazwischen, eine Adresse auf einen Bierdeckel gekritzelt , ein Poesiealbum mit Sprüchen von Schulfreunden, die Kopie meiner Geburtsurkunde , ein blau-weißes Band, welches einst verhindern sollte, das alles wild durcheinander gerät…
Danke, allerliebste Omi, danke, Ihr Menschen aus meiner Kindheit..
Ich verspreche Euch , eine weniger bedeutungsvolle Miene aufzusetzen , um an dieses spezielle Eingemachte zu gehen.
Leider weiß ich bis heute noch nicht, wer von den beiden recht hatte:
„…laß das Kind doch essen, sie wird es schon merken, wenn es zuviel ist“ oder „ Kind , iß mit Verstand…“ Ich bin beiden Sprüchen je nach Gefühl und Lebenslage zugeneigt, manchmal wünschte ich mir, das meine Mutter das letzte Wort gehabt hätte, aber dann sind da Zeiten und Momente in meinem Leben, da muß ich einfach mehr als Verstand haben…

 


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