Silk and Paper

25. August 2007

der ud-SPIEL-er

Filed under: KLANGsprache, kurzgeSCHICHTen, legENDEn von romeo und julia — silkandpaper @ 8:26 PM

 

 

kaleici-2-jpg.jpg

 

 

Endlich ist der lange, graue Winter vorbei . Alles was mich jetzt noch daran erinnern könnte , sollte ich schnell wegpacken! Stiefel, Mützen, Mäntel .Dabei fiel mir mein langer Wintermantel wieder in die Hände, mein Lieblingsstück, bodenlang, verhüllend, warm … Schnell noch die weich ausgefütterte Kapuze einschlagen und weg damit…
Meine Finger streichen noch einmal über den Stoff, dunkles blaugrau. Blaugrau, blaugrau,blaugrau – da ist doch diese blaugraue Erinnerung ganz anderer Art.
Ja , das war doch nun schon einige Jahre her, als ein besonders langer und ungemütlicher Winter mein Konsumbedarf an Theater und Konzerten ins schier Unermessliche zu wachsen schien. Das graue Wetter schrie förmlich nach Kurzweil und so begleitete ich liebend gern ,eine Freundin in ein Theaterstück ; natürlich blieb es nicht aus, das wir anschließend in einem Kreuzberger Lokal landeten, um besagtem Schauspielerpaar zu helfen , das die Gage der Künstler und auch unsere Scheine sehr bald den Besitzer wechselten, und wir uns nach einigen Flaschen Rotwein drei Uhr morgens in der Wohnung besagter Schauspieler in überaus bester Stimmung halb vertrockneten Toast, saure Gurken und so etwas wie Käse wiederfanden . Mit viel Phantasie wollten wir das als ein sehr frühes Frühstück ansehen … Meine Freundin und ich warteten dann endlich , etwas fröstelnd ( weil übermüdet und weil Wohnungen von Künstlern meist wegen chronischen Geldmangels nicht beheizt wurden ) auf den ersten Bus, der vom Mehringdamm zum Zoologischen Garten fuhr. Untergehakt kicherten wir an der Bushaltestelle wie Schulmädchen , dem Busfahrer war die Situation offenbar nicht fremd und ließ uns zur Freude das Radio laut laufen…

 

Der Morgenhimmel über einer erwachenden Stadt ist auch an einem Februartag als bizarr romantisch zu bezeichnen… Es hatte etwas, als wir die Eisblumen von dem kalten Glas der beschlagenen Fensterscheibe weghauchten und draußen am tiefdunkelblauem Himmel erste rote Streifen der Sonne zu sehen war. Nebel ,oder vielleicht der erste Rauch der Kohleheizungen, jedenfalls zauberte die Kälte Märchengebilde in die Luft.
Zoologischer Garten, Busbahnhof… die einzige Möglichkeit zu damaliger Zeit so früh nach irgendwo zu kommen, hier setzten die ersten Busse ein. Meine Freundin trennte sich von mir, ihr Bus kam –ich musste warten .
Kalt ! Ich zog die Kapuze des besagten Mantels, den Freunde scherzhaft den Anna-Karenina-Mantel nannten , tief über mein Gesicht, die Hände vergrub ich in den Taschen, und um keine Wärme zu verlieren wäre ich fast bereit gewesen nicht mehr zu atmen- geschweige denn zu bewegen. Minus 20 Grad! Kein Taxi weil keinen Pfennig mehr in der Tasche… Mir blieb nur der Bus .
Die Nacht schaukelte in eine andere Dämmerung hinüber ( oder schaukelte ich wegen der Kälte oder des Weines… ) Das Licht genau so von dem wir sagen, das alle Katzen grau wären… und da sah ich auf der anderen Seite des Busbahnhofs die Silhouette eines Mannes. Niemand sonst auf der Strasse , nur wir zwei wartende Menschen. Die Ratschläge , was zu tun ist, wenn frau alleine nachts ( oder hier frühmorgens ) unterwegs ist, wurden blitzschnell in meinem Gehirn abgesucht. Das fehlte mir noch! Vielleicht ein Betrunkener oder wer weiß wer… Am besten so tun als ob nicht bemerken, mit dem Rücken zu ihm stehen , keine Möglichkeit geben…
So stand ich nun da, überaus reges Interesse an dem Busfahrplan vortäuschend und betete, das der blöde Bus doch endlich käme! „ Warten Sie auch auf den Bus?“ Ich zog die Kapuze noch tiefer und schnaufte ein wenig unwillig zurück .
„ Ja sicher, deshalb stehe ich an der Haltestelle…“. Aus dem Augenwinkeln erspähte ich einen Instrumentenkasten. Ah ! Etwas Vertrautes! Instrumente heißen für mich so etwas wie Heimat, Musiker sind besondere Menschen. Ein Künstler also. Auch so ein verspäteter Nachtfalter. Also kein plumpes Annähern. Gut. Keine Angst. Trotzdem , ich war nicht zum Reden mit einem Fremden bereit.
„Sie sind auf der falschen Seite, ich denke Sie sollten lieber wieder zurückgehen…“ „ Nein ich nicht wollen schöne Madame hier in kalte Tag alleine stehen…“

 

Dieses gebrochene Deutsch machte neugierig und schaute auf und in das Gesicht des Mannes. Wäre ich nicht schon vor Kälte erstarrt gewesen, jetzt wäre ich es sicher vor Überraschung! Ein Gesicht wie gemeißelt, mich blickten zwei blaue Augen an, so eine Farbe habe ich noch nie vorher gesehen ; heute weiß ich das man diese Farbe türkisch cakir nennt, und es eine besondere Bewandtnis mit diesem Blau hat. Dieses Blau! Nun sah dieser Mensch ganz offen und so leuchtend in mein Gesicht, gar nicht müde oder übernächtigt…Frisch , mit einem sehr hübschen Lächeln dazu-

 

Meine Neugier, die mein Segen und mein Fluch sein kann, nahm überhand und ich fragte zurück. Binnen einer Minute konnte ich in Erfahrung bringen, das er UD-Spieler sei, das er in Restaurants die Leute mit traditioneller Musik verzauberte, daß er von einer Arbeit käme und nun …. und da kam mein Bus. Schnell beim Einsteigen rief er mir noch den Namen des Restaurants hinterher, mehrmals wiederholend, fast beschwörend , komm am nächsten Sonntag mal dorthin, ich lade dich zum Essen ein und spiele für dich…Die Bustür schloß sich, ein Blick durchs Rückfenster…Dort stand der Mann, den Instrumentenkasten umfaßt wie als wolle er eine Frau umarmen ; plötzlich kniete er sich mit einem Bein auf die Strasse nieder , eine Pose wie als würde ein Troubadour seiner Liebsten die Aufwartung machen… das Gesicht malte mit Augen und Lippen Bilder, die ich so deuten konnte , ich solle doch ins Restaurant kommen… Ich wollte laut loslachen, aber es hatte etwas sehr Rührendes , wie er da in der Kälte mitten auf der Strasse sein Instrument umklammernd mich davonfahren sah.

 

Und da bog der Bus in die Kantstrasse ein , ich war gerettet! Gerettet, wie das klingt. Nun ja , irgendwie schon, vor der Kälte, vor einem längeren Gespräch, vor der befremdlichen Nähe eines überschwenglichen Mannes. Was war das? Habe ich geträumt, bin ich nur so übernächtigt? Ist das wirklich geschehen?
Vielleicht sollte ich mich ausschlafen…
Jeden Tag darauf stieg ich am Busbahnhof aus, und ob ich wollte oder nicht , ich musste schmunzeln und an diesen UD-Spieler denken. Ach was soll es , sagte ich mir selbst- warum nicht die nette Einladung annehmen, es ist ja ein Restaurant, was soll da passieren…
Also stand ich Sonntag am Eingang des damals recht kleinen türkischen Restaurant in einer Seitenstrasse des Ku’damms und
war so zwiegespalten , richtig-falsch, falsch-richtig, als mich die zwei blauen Augen freudestrahlend anschauten. „Danke , Du da bist, dort der beste, gute Tisch für Dich, ich spielen jetzt und Du essen , später essen weiter zusammen, gut ? Du alles bestellen, , ich essen auch das was Du lieben …“ Der Tisch wurde gedeckt, Köstlichkeiten , die ich noch nicht kannte, duftende Speisen mit blumigen Namen ; die melancholische Musik der UD im Hintergrund, dieses Schwingen der Saiten auf dem dunklenhölzernen Korpus, der Spieler schloß die Augen, um ganz zu verschmelzen mit den Klängen, doch wenn er die Lider hob , dann fixierten mich diese blauen Augen mit einer Intensität, das ich nicht wußte, wohin schauen. Es war mir etwas schwindelig . Alles zusammen war wie aus einem Kitschfilm zusammengeschmolzen; schwarzgelockte Kellner, bitte Madame, ist es so recht, noch ein Glas, aber bitte gern, der schmachtenden Blick des Musikers, die Klänge, die nur dazu gemacht schienen, Frauenherzen zu brechen, die völlige Unwirklichkeit nahm von mir Besitz , Leichtigkeit breitete sich um mich herum aus, der Kopf war frei …
Ja, denk nicht so viel, freue Dich, dieses merkwürdige , fast surrealistische Treffen in der Kälte findet hier im Restaurant einen wohligen , freundlichen Abschluss. Warum nicht? Nach dem Konzert, welches sich mit Pausen über 3 Stunden hinzog , und mir in dieser Zeit einen Appetit abnötigte, der mich an das Tafeln von Fürsten erinnerte, mit meinem charmanten radebrechenden Tischnachbarn, der sich nun endlich zu mir setzen konnte, waren alle Vorbehalte verflogen und ich freute mich sehr, diesen Mann getroffen zu haben ,welcher doch eine recht nette und dazu noch außergewöhnlich interessante Erscheinung war. Es war spät, es war schon nach Mitternacht, langsam war Zeit zu gehen. Trotz des so harmonischen Abends machte sich die erste Unsicherheit in meiner Magengrube bemerkbar… Der Mann stand auf , und verbeugte sich „ Ich hole mein Instrument und kläre meine Sachen mit dem Wirt und dann gehen wir, ja? „ Ja, das war mir recht, wollte mich gern noch revanchieren für dieses köstliche Essen, für die Einladung und die Musik- vielleicht noch mit einem Kaffee irgendwo , oder einem Cocktail…

 

Ich wartete am Tisch. Ich wartete 10 Minuten, wartete 20 Minuten , wartete 30 Minuten. Unerträglich… Der Wirt saß noch mit Stammgästen und schwatzte. Ich wurde ungeduldig. Es war spät, ich war müde, ich saß schon lange genug… Ein Herz fassend sprach ich den Wirt an, wo denn der UD- Spieler
sei… erstaunt sah er mich an- der sei doch schon längst gegangen, hinten durch die Küche. Ach so! Ich schlug die Augen nieder, ich mochte dem Wirt nicht unbedingt zeigen, das ich sehr gekränkt war. „Nun dann gehe ich jetzt auch“ , schlüpfte in meine Mantel und wollte mich verabschieden. Und was denn mit der Rechnung sei, fragte er mich. „Aber ich war doch eingeladen worden von ihrem Musiker! „ Eingeladen von cakir Ergün ?“ Er begann zu lachen , kein böses Lachen, sondern eher wissend, fast väterlich erklärte er mir, das der UD-Spieler ihn schon seit Wochen in den Ohren liegen würde, weil er doch gerne hier musizieren würde, er müsse doch mal endlich Geld verdienen… Darauf hin hätte er , der Wirt ihm zum Scherz gesagt, wenn er doch wenigstens mal EINEN guten Gast brächte , dann ließe er ihn einmal spielen. Heute musste ich mein Versprechen einlösen, sagte der Wirt : er hat einen guten Gast gebracht, die Dame, die zu speisen wußte…
Aber wie der Wirt an meinem bestürzten Gesichtsausdruck ablesen konnte, war ich die Einzige, die von dieser Vereinbarung nichts wußte. „ Nun , Madame, trinken wir einen Raki und dann gehen Sie nach Hause, alles andere vergessen Sie ganz schnell- auch die Rechnung…“ Natürlich könne ich meine Rechnung begleichen, das wäre nicht das Problem, ich wäre einfach nur verletzt. Der Wirt küsste meine Hand , fast als wolle er sich für alles entschuldigen, nein, es wäre alles erledigt für ihn, keine Sorge…Ehrenschulden eines vermeintlichen Kavaliers , der plötzlich verschwand, so etwas wäre ihm auch noch nicht vorgekommen…
Und er blieb wie vom Erdboden verschwunden, dieser UD- Spieler, niemals mehr danach gab es kalte Wintermorgen wie dieser, niemals mehr konnte ich das Restaurant betreten, ich war nie wieder in meinem Leben so irritiert .

 

Aber etwas merkwürdiges war geschehen. Ich konnte diesen Mann nicht vergessen. Ich war verliebt ! Er hat gemacht, das ich mich verliebte . Nein, nein, nicht in ihn . Auch nicht in diese unglaublichen Augen- in die UD habe ich mich verliebt. Diese melodischen, klagenden Laute, dieses weiche Timbre der Musik. Dieser nebulös verschwundene Musiker ist schuld, das ich abends in der Dämmerung diese Musik höre. Eine Liebe für mein Leben. Die UD hat meine Sehnsucht entfacht nach dem Goldenen Horn. Wie könnte ich cakir Ergün böse sein.
Auch jetzt, wenn ich meinen graublauen Wintermantel verpacke, vibrieren die Töne durch die Räume.

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