Silk and Paper

25. August 2007

der GEDANKEN-dieb

Filed under: kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 7:51 PM

traummar.jpg

Fahrstühle , hinauf, hinab. Vom Licht zum Dunkel.
Lichtsequenzen, hervorblitzend zwischen den Spalten, die Stockwerke und Stufen voneinander lösen , trennen und verbinden.
Wie Seile an einer großen Bühnenvorrichtung, Marionetten gleich werden die Kabinen hochgezogen und in die Tiefe geleitet. Lange unsichtbare Hände jonglieren Personen und Lasten. Wir reisen vom Erdgeschoß hinauf ins 30. Stockwerk und überwinden Zeit und Raum schneller als die zu Fuß gehenden Menschen.

Ich träume . Ich hänge den Gedanken nach , während sich der Fahrstuhl leise hebt. Schaukele mich in meine Imagination . Diese kurze Reise nach oben ; eine Zeitreise in und durch die Gedanken… Im Traum sind diese Fahrten wie Zeitreisen , wie Lichtpunkte in die Finsternis der Zukunft.
Ich scheine Tage vorauszueilen, nicht nur Stockwerke, Stunden oder Räume; es sind ganze Sprünge durch die Zeit, die die große unsichtbare Hand an den Förderseilen mir erlaubt.
Dunkle Tunnel, matt erleuchtete Schächte mit schwarzen Abgründen , die mir die Möglichkeit schaffen mich hinauf –und hinab in die Tiefen der Menschengedanken vorzudringen. Wie ein Seelenreiter gleite ich in die dunklen Schächte von Menschenerinnerungen hinein. Wie im Traum durchwandere ich die Landschaften der Gegenwart, abseits von Gut oder Böse öffnet mir jeder seine Gedanken.
Keine Zeit, keine Zeit…der Fahrstuhl gleitet weiter hinauf und hinab . Wo war ich gerade gewesen?
Wessen Traum, wessen Gedanken? Wie kann ich die Träume und Erinnerungen von morgen festhalten? Einsperren, wegschließen? Wo ? In Zimmer. Die Türen schließen…so können nicht entfleuchen…nur ich allein kann jede Tür aufstoßen und hineinschauen. Die Erinnerungen anderer Menschen- meine Gefangenen ! Säuberlich sortiert in den Räumen ohne Licht, ohne Lampen, ohne Sonne – sie sollen unberührt bleiben, unangetastet, sauber.
Und immer wieder ist der letzte Raum am Ende des Tunnels , der am verborgensten liegt. Er ist das Mysterium!
So lange schon sind die Gedanken dort verschlossen, das ich vergessen hatte, was dort hinter der Tür auf mich warten könnte.
Jeder Traum über Räume, Räumlichkeiten , Welt und Zeitlosigkeit endet vor dieser Tür. Nur einen Spalt möchte ich die Tür öffnen, nur einen Blick hineinwerfen, doch ich erhasche einen Anblick eines Zimmers mit weißen Wänden. Ist das der Ort meiner zukünftigen Erinnerungen? Die Neugierde treibt mich manche Nacht in dieses Zimmer. Immer denke ich , ob dies heute Nacht der letzte Blick sein sollte…
Geheimnisse in einem Haus kann ich schwer ertragen, auch in meinem Traumhaus. Vielleicht ist mir dieses Traumhaus schon längst entfremdet?
Auf der Suche nach geeigneten Räumen denke ich: ein neues Versteck muß her für all die unausgesprochenen Gedanken, die einst Erinnerungen werden sollen. Ein neues Zimmer könnte es sein , geheimnisvoll und mysteriös. Mit Lichtschatten.
Schattenspiele im leerem Raum. Mit einem Fenster voller Spalten und Gucklöcher ; Astlöcher in hölzernen Fensterläden , zugige Möglichkeiten, wo Gedanken entfliehen könnten.

Was verbirgt sich dort in den letzten Räumen?

Hinauf und hinab in die Tiefen der Menschengedanken. Wie ein Seelenreiter gleite ich in diese Schächte in der Nacht, am frühen Morgen…. keine Zeit, keine Zeit …

Plötzlich verwandelt sich der Fahrstuhl in einen Paternoster; die Gondeln an einer endlosen Schlaufe aus Metall und Leder, knarrendes Gestänge…Was passiert mit mir , wenn ich einfach hier stehen bliebe? Den Absprung verpasse, meine Etage aus den Augen verliere?
Bewege ich mich dann zwischen den Welten mehr den je? Knarrend greifen die großen hölzernen Zahnräder ineinander und setzen den Paternoster in Bewegung, um ihn auf eine endlose Reise zu schicken. Immer wieder im Kreis , immer wieder im Rund . Immer wieder kehrt er zurück zu meiner Etage meiner Gedanken in der Nacht. Im Keller und im Dachgeschoß des Gedankenhauses bleibt der Paternoster für Sekunden in der Schwebe. Nichts rührt sich, nichts bewegt sich. Jetzt! Jetzt wird sich alles wenden und die Gondel wird kopfunter in die Tiefe oder die Höhe geleitet. Der Boden wird zur Decke und die Decke wird zum Boden.
Werden hier den Gedanken der Boden entzogen ? Oder werden hier die Gedanken auf den Boden geschmettert? Ich halte die Luft an . Ich warte. Im Warten liegt die Furcht, das ich in die Tiefe stürzen werde… Leise seufzt das alte Holz der Gondel . Mit Eisenbeschlägen, Leder und schweren Ketten ist sie mit der vorderen und hinteren Gondel verbunden. Bewegt sich die vordere Gondel, muss sie mit ihr mitgehen , muss sie sich festgekrallt durch Schrauben und Beschläge in die vorgegebene Richtung bewegen … sie ist im endlosen Kreislauf dieser raumzeitlichen „Hausholzbahn“ eingebunden. Ein zweiter Seufzer folgt und langsam setzt sich der Paternoster wieder in Bewegung. Natürlich fällt mir die decke nicht auf den Kopf oder mein besser, mein Kopf landet nicht kopfunter; Boden bleibt Boden und Decke bleibt Decke. Ich atme auf , denn ich befürchtete , das ich mit einem kopfunter meine sorgsam gesammelten Gedanken verlieren könnte. Das mir die Worte und Gedanken trotz des geschlossenen Kreislaufsystems des Paternosters verloren gingen, das sie einfach so aus meinen „Gedankenzimmern“ purzeln könnten und ich alles wieder neu und sorgsam zusammensetzen müsste, wenn ich auf meiner Etage ankommen werde und ich schnell den Absprung wagen würde … Ist das nicht verwunderlich, das ich diesen Sprung wagen kann aus einem Endloskreis heraus ? Rundherum und immer im Kreis dreht sich dieses technische Wunderwerk durch Stockwerke und Keller und Dachböden. Und nur ein Schritt auf eine Etage hinaus genügt, um diesen Kreis zu durchbrechen! Langsam sehe ich durch den Lichtspalt der schaukelndenden Gondel meine Etage . Langsam gleitet der Boden zu Boden, wie absurd das klingen mag, aber so ist es…. Einen Schritt nur und ich bin im Tageslicht eines Bürogebäudes.
Doch was sehe ich- da wartet jemand, um in die Gondel einzusteigen. Was für eine schöne Fügung! Ein Gesicht erscheint im Halbdunkel des hölzernen Kastens, blitzende Augen , ein warmes Lächeln. Gedanken in Sicht! Und wieder kann ich auf die Reise gehen durch die Gedanken von einem Menschen, durch Räume , durch die Zeit. Immer im Kreis , immer im Rund … Nur irgendwann darf ich den Absprung nicht verpassen. Ich sollte aufpassen, das ich nicht, während ich Gedanken einsammle in manchen Köpfen und Gedanken unfreiwillig zu Gast bleibe, das sie mir über kurz oder lang zum Gefängnis werden, und meine Gedanken unbeweglich und starr zu Wortskulpturen erstarren.
Ich sollte gut darauf achten , daß sich Fahrstühle, Paternoster, Zimmerfluchten und Korridore nicht miteinander verhaken und es keine Weiterbewegung mehr gäbe…ein Gedankendieb , festgesetzt in einer unter dem Stein einer Wortquelle? Das geht doch nicht, denn Denken und auch Träumen brauchen Bewegung

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