Hommage an Orhan Veli Kanik
Wie die Quelle
im Gestein
die vorbei am Grün
jedes Geplauder
mit sich reißt…
hinunter zum
Meer der Sprache
wo Buchstabe an Buchstabe
sich die Furt sucht
zu den Ufern…
so werde ich
im Weiß des Papiers
meinen Stift
eingraben, Wortlandschaften
durchwandern
und wissen
ich werde nie
ankommen.
So wie er
nie ankam, dort
in den Untiefen
des Seins
sondern
mich aufsuchte
mit den Versen
durchdrängt vom Salz
des Lebens ,
um mich zu
beruhigen.
Es wird immer so sein,
das wir
dem Strom
entgegen schwimmen.
Die Worte aussprechen
um sie dem Wasser
zu überlassen.
© MAR 2006
Kaleici/ Altstadt von Antalya
Nichts ist vorhanden in meinem Gepäck ; nur ein Bild von Kaleici ,
nur der mannshohe Grashalm , der sich im Mauervorsprung wiegte
findet Erinnerung , wie dieser Vers , Erinnerung,
die wie einer verborgenen Liebe Unsagbares abringt…
Kaum zu atmen wagte ich,
um nicht das Leben mit meinem Hiersein aus diesen Mauern zu trinken…
…wie eine unbezahlte Rechnung
wäre jeder Atemzug für mich…
…nicht einen Blick sollte ich
stehlend durch einen Fokus auf diese Häuser werfen
um es später dem Papier anzuvertrauen als
Ablichtung vielgelebter Zeit…
…zu berühren wage ich kaum die Steine
und die hölzernen Splitter jener Türen die einst dahinter
Gäste zum Tee luden und nun dem wilden
Feigenbaum Halt für seine Wurzeln geben
Die Unberührbarkeit möchte ich nicht vergessen
…so wie auch das Gesicht des Alten , der so gedankenverloren mit einer
Mauer aus unsichtbarer Zeit umgeben
mir gebietet leise davonzugehen
Und nicht ein Staubkorn wollte ich
mitnehmen , an meinen Schuhen und mit den bedeutungslosen Schritten
… nicht diesem betagtem Dasein die
schöne ewige Würde nehmen…
© MAR 2006
Istanbul
Du ferne Geliebte, deren Sprache ich nicht kenne.
Du hast von Deinen Ufern aus
ein ätherisches Band ausgeworfen wie ein Lasso
um meine Worte zu fesseln.
… jede Silbe buchstabiert sich aus dem Nichts
In eine endlose Kette von Schweigen.
Im Spiegel Dein erstaunter Blick, der sich verfängt
In der Süße der Illusionen.
Unser Dasein schaukelt auf den Wellen.
So weit entfernt. Istanbul.
Dilini bilmediğim uzaktaki sevgili
Bulunduğun sahilden soyut kurdelerini fırlatıp kelimelerimi zincire vurdun.
Her hece hiçten ortaya çıkıp sonsuz bir sessizlik zinciri oluşturmakta
Hayalin tatlı yönüne kapılarak, aynadaki şaşkın bakışlar
Var oluşumuz dalgaların üzerinde sallanmakta
Bu kadar uzakta.
Istanbul.
© MAR 2006
Üsküdar in der Dämmerung
Tanzender Mond .
Und auf der nackten Mauer träumt der Schmerz.
Tränentau erklimmt im ersten Licht den Himmel.
Deine nackten Füße schweben lautlos
über den roten Asphalt.
Der Wind legt weich den Morgen auf meine Schulter.
Sein warmer Atem nimmt die Nacht mit in den Tag.
© MAR 1998
Nachts
die letzte U-Bahn…
Fahles Neonlicht macht die Gesichter grau
und doch auch ehrlich.
Die Stufen der Treppe
schimmern wie falsches Silber;
Glimmer im Stein ,mehr nicht…
Eben grad noch so hell,
daß ich
nach Hause finde.
Im Cafè Istanbul
sitzen vier Männer.
Einer raucht
die anderen schweigen,
keiner
will nach Hause gehen.
Sicher wartet dort
ein anderes Leben auf sie
schwer und düster
wird der Hausflur sein
wo sie eintreten,
und irgendeine Fatma
wird ihnen die
Leviten lesen.
Berlin in der Nacht 00:25 Uhr
©MAR
.
heute
habe ich bemerkt
das die tür
schief in den angeln hängt.
wieso erst jetzt?
Ein Frühlingstag nach meinem Geschmack. Die heiße Tasse Kaffee am Morgen, der junge Tag mit seinen Geräuschen, alles schwirrt und lacht und singt. Nun sitze ich hier in meiner Küche und halte die alte Tasse in der Hand, die den Umzug nicht ganz unbeschadet überstanden hat, und mit einem Riss , der längs das Porzellan spaltet , mir jeden Tag ihr Gebrauchtsein und ihr Alter anzeigt…
Jedes Mal denke ich, heute…., heute wird sie die Wäsche im Geschirrspüler nicht überstehen- aber sie schafft es jedes Mal…Sie ist meine Unendlichkeit, diese Tasse. Mit ihrem farbigen Figuren lacht sie in den Tag hinein , in den Frühlingstag…
Es ist endlich Frühling!
Und dann folgt die Ernüchterung- dreckige Fenster, grauer Schleier von Wintertagen, Balkon ist ein Balkon ist ein Balkon, wenn er bewohnbar wird…. ok, Wasser, Gartenschlauch, Blumenerde…ich will arbeiten, ja, das will ich jetzt , sofort, heute- damit ich morgen draußen sitzen kann und mich in den Erinnerungen einwickeln werde …Wie war das im Sommer…? … Wie war es, als das Zimmer im Freien nach Erde duftete und selbstgedrehten Zigaretten …Wie war es, als der Rauch aufstieg ins Nichts …Wie war es, als das Mauerwerk schwer nach der Hitze roch…Wie war die lautlose Nacht vor dem großen Spiegel , dort, wo das Kerzenlicht flackerte und Pfingstrosenduft zarte Duftspuren in den Raum warfen…Wie war das, als ich schweigend mit den Glas Rotwein seitenweise Texte las, die mir ein Gedankengeschwister bescherte… Wie war das , als mir dieses Haus ganz plötzlich wirklich Heimat wurde, nach fast einem Jahr endlich mir das Gefühl verhieß, das sich etwas mit mir verschmolz, was ich bisher nicht gekannt hatte. Dieser fremde Geruch der Wohnung verflog. Seit ich hier wohne , bin ich hundert Jahre alt.
Warum in aller Welt wohne ich in einem alten Haus, mit alten Fenstern ,mit alten hölzernen Fensterrahmen, mit Messingknäufen, die quietschen und mit alten Geschichten, die unter den Tapetenschichten abgelagert sind. Sie überstrichen, übertüncht…Löcher wurden in die Wand geschlagen, vergipst und repariert … und das schon über ein Jahrhundert lang. Und trotzdem ; jede Unebenheit spricht zu mir, es sind kleine Geschichten und Gedichte, Seufzer unerwiderter Lieben, die nie ausgesprochenen Gefühle, die wie kleine weiße Gespenster durch meine Gedanken huschen und eigentlich gerne ein buntes Kleid tragen möchten.
Wie kann ich aus Tagträumen und einer fernen Zeit bunte Gewänder zaubern? Wie kann ich diese Türen und Fenster , diese dicken Mauern mit meinen geflüsterten Gedanken durchdringen ?
Ich gehe durch diesen langen , schmalen Gang , vorbei an Bildern, kleinen Gemälden und Steinen, vorbei am Strandgut vergangener Urlaube am Meer. An einem kleinen rostigen Nagel hängt ein Relief, und dort an anderer Stelle ein Kalender neben der tickenden Uhr… Zeit, Zeit, Zeit , Zeit tickt sie und die leeren Spalten im Kalender sagen nichts, aber auch gar nichts aus über die Jahre, die dieses Haus auf seinem Rücken trägt. Wie so vieles im Leben in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.
Man schließt und öffnet Türen, wie man Lebensabschnitte öffnet und schließt. Die Türen sind hoch und hundert Mal überstrichen worden, sie hängen im Rahmen und irgendwer hat sogar die bunten Glasfenster überstrichen, die in der Zeit des Jugendstils in die Türen eingelassen wurden…Bequemlichkeit, vermute ich, so muss man keine Scheiben putzen. Aber ich möchte gern die Uhr zurückdrehen und so sollte ich mir doch mal die Zeit nehmen, die weiße Farbe anzukratzen und die kleinen in Glas eingelassenen Rosetten in ihrem grün, rot und quittegelb erstrahlen zu lassen.
Ja, so werde ich das machen… Ich trete in den Flur, und im Gegenlicht , welches durch die geöffnete Küchentür in den Korridor flutet, sehe ich sie, die schiefe, in den Angeln hängende Badezimmertür. Wieso habe ich das noch nie bemerkt? Erst jetzt, nach vielen Monaten wird mir gewahr, das die Wände zwar der Zeit trotzten, aber diese alte Holztür hat sich verbogen. Durch die Feuchtigkeit im Bad, durch den Dunst von wohlriechenden Bädern,; vielleicht hingen dort immer die nassen Handtücher der Familie Sahin, die hier mal wohnte, mit 4 Kindern und 4 Erwachsenen. Viel Wäsche wahrscheinlich…diese Nässe ,die wird in die Holztür eingedrungen sein. Sie hat Einiges hinterlassen, die Familie Sahin… Die Tür zur zweiten Wohnung, hindurch durch eine Häuserwand , hindurch zu einem anderen Haus… die Tür die man nur über zwei Stufen erreichen kann…Familie Sahin hat eine Tür aufgestoßen, im wahrsten Sinne des Wortes, denn als dann der Bruder nachkam aus Anatolien, wurde die Familie recht bekannt mit ihrer Bäckerei, so eine der ersten in Neukölln.
Familie Sahin hat mir aber auch ein Stück von ihrer Erinnerung geschenkt, denn auf dem Hängeboden fand ich alte Kinderschuhe, wahrscheinlich war das ein perfektes Versteck für eines der Kinder…und ein Kinderkleidchen, selbst genäht, fand ich im Verschlag…bunt gestreift mit kleinen weißen Spitzen am Ärmel. Ich habe es aufbewahrt. Es liegt in einer Schublade, frisch gewaschen und als Erinnerung an die alte Zeit an eine Ayse, Zülal, oder Meryam. Wer weiß, was aus dem Mädchen geworden ist…Zeit , Zeit, Zeit tickt die Uhr.
Stunde um Stunde geht meine Zeit an diesem Frühlingstag spazieren; sie löst sich vom Vertrauten, vom Alltäglichen und legt sich in Ritzen dieser Wände. Ich lasse hier etwas von mir zurück, etwas , was überdauert. Kein Kinderkleid oder einen vergessenen Schuh, nein, es sind meine Gedanken, die vollgesogen sind vom Leben und der Lust nach der Liebe. Vollgesogen vom Rauch der letzten Zigarette und vom letzten Wort.
Die schiefe Tür , das ist mein Dasein. Ein Leben zwischen Offen und Geschlossen. Lichtspaltbreit eine Verheißung zum Paradies des Lavendelseifenduftes. Dunkelheit am Wintermorgen, Schutz vor Zugluft , dem Sturm im Haus des Alltäglichen .Selbst der alte Riegel hat sich dem verbogenen Holz angeschmiegt, er schließt noch und ich bin sicher, er wird auch noch weitere hundert Jahre schließen, selbst wenn die Tür sich weiter neigen wird. Manches passt einfach zusammen. Das ist so. Da braucht man nicht zu hinterfragen.
ps: hier ist das Kleidchen vom Hängeboden…
© MAR 2007
Vagabundin / Cingene
an manchen tagen treibe ich
neben meinen stunden her
ich sattle die zeit sorgsam
wie mein weißes pferd
aus den träumen der kindheit.
wie am halfter führe ich sie spazieren,
die stunden, die angeleint
in meiner uhr unendlich ticken.
so ein lautloser gang meines lebens .
auf der reise ohne ziel.
ich gehe vorüber, stolz, und
behenden schrittes an der tür ,
da wo die gitarrensaite schwirrt.
Denn im minutenklang von moll
steht dort ein stuhl für mich bereit
doch jede stunde ist wie ich ,
eine cingene, die auch im atem der zeit
gehend lauschen kann.
ich verharre nicht , und lass die zügel leicht
so gehe ich neben meinen stunden her
Abendskizze
Es riecht nach Zuhaus’
Nach gebohnerten Stufen
Die Häuser sind gelb und rot eingefasst.
Die Straße liegt still,
fern hör ich Kinder rufen…
hier verträumt ein Tag ohne Hast
Ein Fenster steht offen.
Ein weißes Tuch weht
über Blumentöpfe wie fallender Schnee
Es wird Abend
und im Rahmen zittert
ein schmerzliches Weinen der Ney…
Ich schließe die Augen
und ich seh’ meine Kindheit
doch die Lieder sind anders, fast fremd.
Und die Mauern verströmen
die Düfte von Steinen,
die man Vergangenheit nennt.
Im Türbogen lehnt sich
ein winziger Schatten.
Und er klingelt an einer vergessenen Tür.
Er lächelt mir zu,
doch er weiß so wie ich,
den er sucht, wohnt nicht mehr hier.
MAR
Bülent Ersoy
Café Harem
Wie roter Schnee stiebt die Asche ums Haus,
die Dunkelheit anmahnend, Glühwürmchen im Winter…
die Nacht ohne Ende, die ein Leben lang,
so scheint es, diese Männer ummantelt,
zeichnet für Momente eine Einsamkeit
als vagen Schatten dorthin,
wo ich sonst meine Füße setze, wenn ich
ihren Weg kreuze…
Noch am Morgen fällt das fade Licht
auf die Strasse, gefiltert
durch den Rauch hunderter Zigaretten,
schiebt es sich durch einen Spalt Fenster.
Müde baumelt die Lampe und macht
die Trauer an der Atemluft sichtbar ,
die in kleinen Rinnsalen am Fenster haftet.
All die ungeweinten Tränen verlorenen Glücks.
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