Silk and Paper

Januar 26, 2009

wenn männer in bewegung kommen…sind sie DIESSEITS nicht zu fassen

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Auch wenn die U-Bahn nicht mehr unter meinem Haus hindurchfährt, und mit Vibrationen die Steine nicht mehr zum leisen Schwingen bringt, so ist sie doch täglich mein liebster Transporteur geblieben, der mich von A nach B fährt und meinen neugierigen Blicken Nahrung gibt für Gedanken jenseits der Bahngleise , auf denen ich im großen gelben Wagen dahinschaukele. Auch Paul Klee , der mich mit großen Augen und einem energischen-zusammengepressten Lippenpaar anschaut und mir entgegenruft „Diesseits bin ich gar nicht fassbar!“ , scheint meinen Sinn fürs Ausscheren aus dem Alltäglichen zu teilen.
Obwohl sepiabraun und mit kleine Schäden , weißen Flecken und Schatten , von einer alten Fotolinse verursacht, geht eine Farbigkeit von diesem Plakat aus, dem man sich schwer entziehen kann. Überdimensional , mit herausfordernden Blicken sind auch seine Nachbarn mit deftigen Sprüchen mit von der Partie, den spärlich beleuchteten Bahnsteig zu einem Minutenevent der Aussagefähigkeit von Kunst zu machen.

Ich schaue mich um. Der Winter scheint tatsächlich nicht die Jahreszeit der Männer zu sein! Grau in Grau , in undefinierbaren Farben schäbiger Parkas, dunkelbraunkarierten Schals, ausgefranster Wollmützen, so viel von Tristesse, daß ich kaum den Blick heben mag, wenn so ein wintermüder und übernächtigter Mann mit durchgetretenen Winterstiefeln wie aus den 50-zigern an mir vorbeischlurft und sich auf die kalte Holzbank fallen lässt.
In diesem grauen dunkel-schmutzigen Schein eines frühen Wintermorgens wünschte ich mir eher die Farben der ersten Tulpen oder auch ein wenig Duft von dunkelblauen Hyazinthen , oder wenigsten eine rote Pudelmütze, die mir das Morgenrot einer Sonne vorgaukelt. Nichts von alledem !

Wo sind denn nur die Mutigen abgeblieben, die mit Unkonventionalität und dem Hunger nach der Farbe und den Mustern dem Zeitgeist und der Profanität weit voraus waren? Wieso sind Männer immer so zurückhaltend mit den Farben, warum so scheu, einmal einen knallgelben Schal zu tragen?

„Männer sind Fossile, aus Plastik, sind Bleistifte und wollen sich nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden. Dazu kommt, daß sie es lieben, Butter auf Stühle zu schmieren und zudem sich auch noch aus Dosen ernähren; sie würden , um schreiben und malen zu können , alles tun, sogar sich durch Schlamm und Kloaken winden “ ,um sich als wahre Helden eines Zeitalters zu fühlen, von dem wir heute, und insbesondere die Jüngeren nichts wissen.
Diese Fossile schämen sich nicht ihrer mageren Körper oder ihre teils pathologischen Ansichten zum Thema Kunst, Paar oder Frau. Sie haben keine Probleme, wenn ihnen die 5. Frau davonläuft und der beste Freund ihnen die 6. Frau ausspannt.
Aus diesem Schmerz wird ihre Kreativität geboren, die wir später als Genialität bezeichnen.

Das Gesicht von Andy, eingehüllt in einer Winterkapuze , machte Campbells berühmter, als es der Inhalt der Suppendose jemals vermocht hätte…allerdings gab er auch die Wahrheiten kund, daß Sex und Parties das Einzige wäre, wo man persönlich erscheinen müsse…Vincent, der magere Rothaarige , der sich mehr auf Theo verlassen konnte, als auf die Weitsicht seiner kunstunverständigen Zeitgenossen, malte sich im Farbenrausch hungrig an der Welt, die aus Kornfeldern und bäuerlicher Betriebsamkeit bestand. Für alle Damen dieser Welt pflückte er den allerschönsten Blumenstrauß und wußte es nicht einmal, das er wie auch kleine Veilchensträußchen englischer Ladies konserviert wurde und für die Ewigkeit nun in der Vase steht. Joseph, der einen ambivalenten Hang zu Lebensmitteln hatte , verwechselte den Stuhl mit einer Brotscheibe und zog den Zorn einer übereifrigen Putzfrau auf sich….Jeff, dessen Herz sich lila färbte beim Anblick eines roten Balloon-Pudels oder Clemens, der sich wagte, einem anderen Mann die Stirn zu bieten und ein ungleicher Wettkampf zu Höhenflügen Beider führte, anderer war Karl Friedrich , dem wir die berühmtesten Bauten Berlins verdanken. Und natürlich unwiderstehlich Alberto, der Glutäugige, der auf italienischer Liebhaber macht, aber eigentlich schon längst Schweizer war…Nicht zu vergessen Salvatore, der sich den Bart zwirbelte ,um mitten ins Herz der ihm umschwirrenden Damen zu treffen…

Wie heiter bunt plötzlich der alte Bahnhof schillert, es raunen die Worte Brentanos wie ein weicher Wind durch die lange Halle…Und da ich wohl die einzige zu sein scheint, die sich der Vielfarbigkeit des schwarzweißen Plakates annimmt und sie neu entdeckt, setze ich mich halb gedankenversunken, halb hellwach auf die hölzerne Sitzbank, deren Farbe schon absplittert …Neben mir sitzt der Mann mit den abgetretenen Schuhen und auch er schaut wie ich auf die Plakate , die des Künstlers Kult dem Betrachter nahebringen will, und plötzlich fühle ich mich nicht alleine mit den verrückten, sensiblen, erschrockenen und unverstandenen Männern auf den Plakaten. Der Mann scheint zu bemerken, das ich wiederum bemerke, das seine Schuhe auch schon mal bessere Tage gesehen haben, und beginnt irgendwie schamhaft mit einem Papiertaschentuch das verschmutzte Leder zu säubern.

Eine merkwürdige Stimmung baut sich auf . Immer noch gebannt und voller Phantasie spazieren meine Gedanken auf dem Plakat herum und irgendwie schien dieser Mann auf das Plakat hinzu zu gehen . Seine graue, unscheinbare Kleidung und die Handschuhe, die er vor dem Säubern der Schuhe neben sich auf die Bank gelegt hatte , seine Gestalt und sein hageres Profil erinnerte mich ein wenig an ein Foto aus den Jahren der Zweifarbenfotografie, welches vom Fotografen durch Retusche ein wenig Farbe erhielt- ein bisschen Illusion im Grau des Alltags .
Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkeln heraus . Wie aus der Zeit , ja wie aus dem Plakat herausgelöst , so erschien es mir, saß er da. Mit ruhiger Hand griff er nach den Handschuhen , stand auf und warf das Taschentuch in den Mülleimer, ein anderes Taschentuch entwischte seinen Händen …
Er stand ganz still, ohne ein Wort zu sagen, ja fast ohne zu atmen. Es war, als wäre er dem Plakat entsprungen, hätte sich mal nur so aus Spaß auf der Bahnhofsbank niedergelassen und nun , nachdem ich seine Lebendigkeit entdeckt habe, auf das Plakat zurückwolle…
Der U-Bahn rollte ein. Ein großer Windstoß , den die Bahn vor sich herschob bauschte sein Haar auf und er hob die Hand und ordnete sein Haar.
Ich nahm meine Tasche, meine Zeitung und stieg ein. Als ich meinen Blick hob, war er entschwunden. Auf keinem Sitz, in keinem Gang, nirgends stand oder saß er. Die Bahn machte einen Bogen und in der Kurve kann man vom ersten Wagen bis zum letzten Wagen sehen, wer ein-oder ausgestiegen war. Der Mann blieb verschwunden, aufgelöst im Nichts dieses Morgens. Mir kann der aberwitzige Gedanke, das er auf der anderen Seite des Wagens die Tür geöffnet haben könnte, um wieder im Plakat entschwinden zu können, sozusagen „trockenen Fußes“ übers Gleisbett gehen konnte. Ja, plötzlich war er im Diesseits nicht mehr fassbar. Allerdings hatte ich auch gesehen, das er noch beide Ohren hatte und auch die Lippen waren voller. Die Augen waren nicht glutäugig, sondern eher hell, von einem bernsteingesprenkeltem Braun . Die Hände waren nicht feingliedrig, wie die eines Musikers, auch nicht grob und schwer, wie die eines Skulpteurs oder auch nicht nervös, wie die eines Fotografen. Nichts von all dem . Kein Merkmal , das ihn als einen von ihnen gekennzeichnet hätte…Er war vielleicht einfach ein Mann, der scheinbar in der falschen Zeit lebte und in seine Zeit zurückgegangen war.

Als ich nachmittags wieder nach Hause kam und den Bahnsteig entlanghastete, konnte ich nicht anders, als noch einmal meinen Blick auf das Plakat zu werfen. Alles war wie vorher ; das Plakat hing immer noch auf seinem Platz , niemand hatte es mit Graffity verschmiert, niemand hatte die lose Stelle weiter abgerissen- nur unter dem Plakat, auf dem schwarzen Gleisen , zwischen den ölverschmierten Bohlen zitterte ein Stück von einem lehmverschmierten Papiertaschentuch . Und was sagte Hans? Sehen ist Alles !

 

Januar 1, 2009

wenn männer in beWEGung kommen-oder: der tag danach

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Der Tag danach- oder warum Erol nicht sterben darf
Die Überschrift sollte Euch nicht schockieren, dies ist kein Aufruf oder gar ein Angriff auf Eure Brieftaschen…. das ist der gestrige Tag von MAR, die heute den Tag „danach“ hat…..

Und auch wenn es der Silvesterabend war und nicht ein Allerweltsabend ; ich packe die Geschichte mal in das Wortdurchgangszimmer und nicht zu den Jahresendthreads , weil ich bitte in Anlehnung an die Möglichkeit der Endlosigkeit von Geschichten auch noch nach Silvester mit Sicherheit einem Morgen danach gibt ….vielleicht nicht so dramatisch angehauchte, wie Milva es mal besungen hatte , aber immerhin; unsere Leben sind voller Geschichten und kleinen Tragödien, die wir , um sie besser erklärbar zu machen in VORHER und DANACH einteilen. was auch immer wir als Danach oder Vorher bezeichnen. .Also , wenn immer Ihr solche Geschichten vom Tag danach habt: her damit !

Gestern wollte ich eigentlich einen ganz ruhigen und beschaulichen Abend alleine zu Hause verbringen, diesen Vorsatz fasste ich letzte Woche, weil ich die Knallerei und die „Hasenjagd“ nach Passanten auf der Strasse gar nicht abhaben kann.

Dann aber , Mar , also ich, ( ich sollte nicht in der dritten Person von mir sprechen…) als Kurzentschlossene , und typisch für die Eigenwilligkeit, dem Moment des letzten Tages im Jahr , doch noch in seiner Besonderheit auf den Grund zu gehen ….und aus einem zufällig gegebenen persönlichen Anlass stieß diesen Vorsatz gleich noch am gestern um…. Ich genehmigte mir nämlich eine Flasche Yakut ( OK, nur die halbe ist es hier zu Hause geworden…) schlüpfte nach ausgiebigem Bad in ein enges Schwarzes, bemühte mich die Haare zu bändigen, was mir nicht gelang , griff zur Schere und schnitt dann auch noch in einem kurzen Moment von Dummheit meinen Pony zu kurz ab… ne aber auch…! So blieb dann nichts anderes , als mich der Frisur anzupassen, und gab dem kleinen Schwarzen einfach mit einer langen Perlenkette einen Hauch von Nostalgie…. Mit Hilfe einer Maquillage gelang es mir langsam das das Gesicht einer Dame aus den 30-igern dem Spiegel zu entlocken.

Voila… der Ponyverschnitt war kaschiert . Prüfender Blick… OK. Damit keine Missverständnisse aufkommen, das Café, welches ich spontan aufsuchte, ist bekannt für schöne nostalgische türkische Musik, klassische Musik und alten Liedern aus Istanbul ala Zeki Müren…das passen Spitzenhandschuhe , Hut und eben das kleine Schwarze.

Das einzige Paar Hochhackige an und natürlich die roten Spitzenhandschuhe übergestreift… und hinaus in den Rachen der Großstadt, die Feuer spie und mit lautem Getöse und Böllern ihrer Opfer harrte… Menschen wie ich, die zusammenzucken, wenn es plötzlich zischt und merkwürdig riecht und dann….. bommmm! Kichern im Hausflur, wo die kleinen Rabauken und zu Kindern gewordenen Erwachsenen sich ergötzen an dem Erschrockensein. Nur heute darf man das….also schnell noch einen Böller hinterherschicken! Das enge Schwarze erweist sich nicht besonders als sportliches Outfit und meine ungeübten Beine in Absatzschuhen geben auch nicht das her, was sie sonst so können, wenn es ums schneller laufen geht…

Gott sei Dank ist das Café gleich um die Ecke…man folgt den größeren Familienautos , zwei Stretchlimosinen, superschicken Frauen , schulterfrei ( bei diesem Wetter! ) und den Ehegatten mit den Kindern im Schlepptau. Es ist ja nicht nur Silvester, sondern auch Kurban Bayram. Familienfest.

Das ist schon eine ganz besondere Atmosphäre; ich glaube gerade weil diese spontane Überlegung, einer netten Einladung zu folgen , sich im nachherein als äußerst ergiebige Quelle für etliche Geschichten herausstellte… Situationen und Menschen in einem Café: die Tische geflittert und mit Luftballons in einen imaginären Schwebezustand versetzt…Menschen jeden Alters und jeder Couleur fallen sich mit Worten in die Arme, welches ich nur als zwitschern wahrnehmen kann, des Türkischen nicht mächtig, aber was soll es…

Mein Gastgeber, der Namensvetter eines  kleinen Internetromans  im deutsch-türkischen Forum    ( http://www.turkish-talk.com/philosop…-der-text.html )  der sich übrigens darüber amüsierte, das jemand ihn schon jetzt am Anfang sterben lassen wollte , saß schon an einem kleinen Tisch, in Blickrichtung Mitte des Saals- er war allein, irgendwie hat hat er kein Glück mit seinen Fatma’s . Fatma Nummer 1 folgte Fatma Nummer 2 , dann eine Fatime, dann wieder eine Fatma… und als ob es dieses Jahr so in sich hat; das Jahr neigt sich dem Ende ohne Fatma.

Aber Erol wäre nicht Erol, er ist trotzdem den Freuden des Lebens nicht abgeneigt , und möchte das neue Jahr mit Spaß und einer gehörigen Portion Heimweh nach Istanbul begehen…( das Heimweh nach Istanbul ist eine ganz kleine, wenigstens zu 50% Ausrede, sich eine Flasche Raki zu ordern. Die Damengesellschaft der Familie Dilek am Nebentisch äugte etwas erschrocken hinüber, als noch meine Flasche Yakut ( die ich folgerichtig nach der von zu Hause geöffneten Flasche bestellte) . Ich musste innerlich doch schmunzeln, weil ich daran denken musste, wie wunderbar sich doch diese Posen in die folgenden Episoden des Romans übertragen lassen würden, wenn denn Erol nicht sterben müsse…mein kleines Schmunzeln blieb nicht unbemerkt und die Nachfrage beantwortete ich sehr artig mit dem Fortgang des Romans ( also das muss ich doch schnell einflechten- der echte Erol ist natürlich ganz und gar einverstanden, hier verewigt zu werden) .

Nachdem ich ihm seinen möglicherweise frühen Tod prognostiziert hatte, setze er sich aufrecht und mit unglaublich ernster Miene in seinem Stuhl zurecht. Langsam griff er in seine Hosentasche und holte einen Revolver heraus. Mir wurde es ganz heiß und kalt … Mindestens 250 Gäste waren im Raum , Volkan sang gerade Cicek Pazari und schlitterte mit geübten Schritten zwischen den Tanzenden auf dem Parkett unsere Richtung… er hatte uns erspäht und wollte Hallo mit dem Mikrofon in der Hand zuwinken, auf unseren Tisch zusteuern und mit seelenbetörender Stimme mein Herz erreichen , denn Cicek Pazari und Istanbul Sokak sind meine Lieblingslieder – Ein wenig stolperte er mit seinen Worten den Noten hinterher, wohl möglich, das er die Waffe sah, die Erol jetzt hob und einfach in Richtung Saalmitte zielte. Scheisse…. jetzt passiert etwas , dachte ich. Ist eine Fatma aufgetaucht oder eine Fatma zuviel da, oder …. Er drückte ab .

Ein leises Zischen, eine kleine zitternde Flamme – und ein Zigarettchen glimmte in seinem Mundwinkel. Die jüngere Dame der Familie Dilek war ebenso wie ich nicht ganz von diesem Spaß eingenommen und fast gleichzeitig atmeten wir tief und erleichtert auf.

Jetzt machte sich ein Lachen breit auf diesem Gesicht, die Grübchen wurden tiefer, das Lachen wurde breiter, die Haltung wieder legerer… vorbei der Spuk. „Also Erol nicht so einfach sterben, immer noch leeeebendig, bitte sagst Du das diese Schreiber von Roman…ich bin Türke, Türke nicht so einfach aufgeben.“

Cicek Pazari war verklungen; Volkans angedeuteter Handkuss auf meinen rotbehandschuhten Händen ( die übrigens meine raue Haut vom Saubermachen am Vortag vorzüglich versteckte…) machte Frau Dilek, die Jüngere, ganz eifersüchtig. Das machte mir den aufrechten Sitz und die nonchalante Pose sehr leicht.

Eifersüchtige Frauen , die auf einen Blick ihres Gesang-Idols warten , können mitunter gefährlicher werden als wenn der Mann mal gerade fremdgeht ( das sieht sie ja meist nicht…, wohl aber wenn die Frau am Nachbartisch vom Star des Abends nach dem Befinden gefragt wird… ) oh oh die Sonne verfinsterte sich …

Dafür flackerten die ersten Sternchenfeuer auf , die ersten Obst-Etagerien würden serviert, und es waren eine Menge Obst-Etagerien, die immer als ein untrügbares Zeichen von Raki-Konsum am jeweiligen Tisch zeugten ( Melonen, Äpfel, Weintrauben) .

Die Kinder, derer nicht wenige waren, tanzten selbstversunken oder mit dem wunderbaren orientalischen Hüftschwung um die Tische herum; ein roter Luftballon landete auf meinem Kopf, eine kleine Prinzessin im weißen Tüllkleid und unwiderstehlichem Lächeln holte ihn sich ab… Es wurde warm im Raum,

die Musik heizte mächtig ein, jetzt bedauerte ich zum ersten Mal das ich das enge Schwarze gewählt hatte , kein Lufthauch passte zwischen Stoff und Haut… Auch auf Erols Stirn zeichneten sich Schweissperlen ab…Seine Augen wanderten mal zu dem und zu jenem, ein freundliches Kopfnicken in die Richtung, dann in die andere Richtung, eine Lage Raki wurde geordert für die Kapelle und für Geschäftsfreunde hinter dem großen grünen Defne-Baum aus Kunststoff. Das große weiße Taschentuch glitt über Erols Stirn und er beugte sich etwas über den Tisch, um mir etwas zu sagen. Aber ich hörte nur die Geige und die Tabla, das Stampfen der Füsse und mein Handy klingelte , zwar lautlos aber das blaue Blinken machte mich trotzdem nervös . Ich stand auf, um in den Flur nach draußen zu gehen. Dabei erhaschte mein Blick die Tischgesellschaften hinter mir und auffällig in unsere Richtung vor sich hinschauend eine Frau mittleren Alters im silberglänzendem Gewand und so rotgeschminkten Mund, das man schon sagen musste, das sie garantiert nicht zu übersehen war. Ich stand in der „Schusslinie“ wenn man die Linie zwischen Erols Blicken und den Augen der Frau so nennen darf. Und es war eine Schusslinie.

Da ich erst einmal mit dem läutendem Handy nach draußen lief, entging mir die erste Szene des Schauspiels. Mehr oder weniger spielte sich eine Tragödie ab, die leise und nonverbal aber dafür um so eindringlicher, das ich förmlich fühlen konnte, das diese Frau und Erol sich kannten. Er wandte sich mir wieder zu, nachdem ich zurückkam und sagte mir, das er die Frau kenne…. Fast tonlos fragte ich: „ist das eine Fatma?“ Und er flüsterte mir wieder zu und ich konnte des Lärmes wegen nur die Lippen ablesen: “ nein, eine Hülya“.

Ups. Diesen Namen höre ich zum ersten Mal. Erol nahm den Stuhl und rückte etwas näher an mich heran.

“ Diese Frau mich haben wollen, lange Zeit, immer mich gucken , immer andere Leute fragen , ob ich verheiratet bin, andere Leute wissen mich nicht , meine private Leeeeben geheim. Aber immer wenn ich Abrechnung machen will, sie ist da und will meine Nähe sein. Ich mag diese Frau nicht. Nicht mein Geschmack. Und jetzt sie ist dort und seit ich sie sehe , sie trinkt eine Raki nach dem anderen. Schaut mich in meine Augen und trinkt ohne meine Augen zu verlassen. Scheisse…“

Na ja, meine Neugier war größer und wie so in solchen Fällen tut man so, als fiele etwas herunter und man schickt einen Blick wie heimlich und schaut , was Sache ist.

Jetzt erst viel mir auf, das der lange Blick auch vom Betrunkensein herrühren müsste.

Langsam erhob sie sich , und ich muss schon anerkennend sagen, sie konnte fast gerade laufen, und sie steuerte genau auf unseren Tisch zu. Erol, der Mächtige, der durch nichts zu Erschütternde, der Herr im weißen Anzug , der Kindskopf mit dem spitzbübischen Lachen, Erol, der noch NIE in der Öffentlichkeit getanzt hat ( “ ich bin schwere Mensch , ich tanze nicht… mit schwer meint er seine Seele…) , also dieser Erol sprang wie eingeölter Blitz auf, zerrte mich auf die Tanzfläche, breitete seine Arme aus, wie ein Greifvogel und begann eben nach guter alter türkischer Sitte zu tanzen und zu stampfen und stieß mich immer weiter in den Pulk der Menschenmenge hinein.

Meine Arme flatterten ebenso in der Luft, meine Handgelenke nahmen die türkische Staatsbürgerschaft an und konnten wie von selbst graziös den Rhythmen folgen, so als hätten sie nichts anderes getan. Und plötzlich…. plötzlich war Erol verschwunden. Abgehauen ….Ich drehte mich alleine mit Frau Dilek, der Älteren und Frau Kaya mit Kind auf dem Arm in einem Reigen.

Manno, wo ist dieser Bursche abgeblieben ? Die Musik war zu Ende, die betrunkene Frau, die zwei-dreimal unseren Tisch fassungslos umkreiste, weil niemand auf den Stühlen saß, lief besonders zielstrebig und langsam in Richtung Ausgang und dann sah ich sie noch durch die Fensterscheiben hindurch, wie sie im Dunkel des Hotelhofes verschwand. Der nette Kellner fragte mich besorgt, ob alles in Ordnung sei, weil ich so mutterseelenallein und mich den nun schadenfrohen Blicken von Frau Dilek, der Jüngeren ausgeliefert sah. Evet, evet, alles in Ordnung.

Aber wo zum Teufel ist Erol abgeblieben? Ach schau, da war er plötzlich wieder in freudiger Eintracht , mit dem Fotografen, der mit einem Papier-Rosenstrauss und einer Sofortbildkamera seine Runde drehte … Erols Blick ging ringsum , Aufatmen, die Frau war weg. Mit einem triumphierenden Blick, als hätte er gerade die Schlacht von Troja gewonnen, setzte er sich , natürlich in markanter männlicher Pose auf seinen Stuhl und schaute mich mit seinen Augen und einem Schalk darin an….

„Wo warst Du?“ ….“Auf der Toilette, da was ein kleines Fenster und ich immer durchgeguckt habe, das diese Hülya weg ist. Frau ist Katastrophe. Ihr Kollege war auf Toilette und hat mir gesagt, das Hülya ganz schockiert war, Erol mit Frau hier zu sehen. Niemand weiß, das wir nur Freund sind und keine verheiratet, aber egal…. Hülya ganz eifersüchtig und traurig und trinken und dann mit mir sprechen wollen…..ich habe so auch gedacht und deshalb lieber wegrennen zum Tanzen…“

Darauf einen Yakut und einen Raki. Sherefe.

Erol, Erol, diese Situationskomik ist einfach unbezahlbar. Es wäre unverzeihlich, wenn Erol jetzt stürbe in unserem Roman. Das Leben schreibt die besten Geschichten. Ich bin sicher, das man da noch einiges erwarten kann von ihm. Spätestens wenn Fatma Nummer 4 auftaucht. Also liebe Leute Erol lässt Euch herzlich grüßen und zwinkert Euch lausbübisch zu. Ihr , was das bedeutet. Es heisst: lasst mich bitte am Leeeeeeeben!

 

 

November 18, 2008

wenn männer in bewegung kommen- oder wann trinke ich mit ihm die halbe flASCHE wein

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Wenn Männer in Bewegung kommen- oder wann trinke ich mit ihm die halbe Flasche Wein

Das Telefon läutete. „ Ich komme etwas später, ist das ein großes Problem für Sie?“
Ich verneine und bemerkte, dass ich ohnehin zu Hause sei und es mir nicht darauf ankäme, wenn er sich um eine Stunde verspäte.

Ich nutze die Zeit, die Dokumente zu ordnen und den Taschenrechner bereit zustellen

Das Telefon läutete ein zweites Mal. „ ich bin unterwegs. In einer halben Stunde bin ich da.“ Ich blicke auf die Uhr. Es ist 19 Uhr und der Termin war auf 17 Uhr angesetzt. Ich hatte Hunger. Und ich dachte gleichzeitig, dass das Gespräch nicht länger als 30 Minuten dauern würde. Essen könne ich also auch noch später.

Das Telefon läutete ein drittes Mal. „ ich bin bin noch unterwegs…“ Ich erklärte den Weg und knallte den Hörer auf die Gabel. Das Telfon zitterte leise und ich befürchtete, dass ich es kaputtgemacht habe. Ich nahm noch einmal dem Hörer und war erleichtert, als der Ton erklang.

Wo blieb denn bloß dieser Mann, der mir das Gefühl verlieh, er nähme sich einfach zuviel Zeit. Endlich ! An der Tür höre ich ein leises Kratzen und kurz darauf schellte die Wohnungsklingel. Ich rannte den 10-Meter-Flur entlang und öffnete fast atemlos die Tür.

Im Türrahmen stand im Gegenlicht der Abendsonne der Mann, auf den ich gewartet hatte. Der erste Blick- und es geschah etwas. Es war wie ein WUSCH! Es war wie etwas, als hätte man zwei Magneten plötzlich das hölzerne Trennblatt weggezogen, was verhindert sollte, das sie aufeinanderprallen.

Ich bat den Mann in das Zimmer und setzte mich gegenüber. Alles in mir musste ich zur Ruhe zwingen. Ich wollte nichts anderes, als schnell diesen geschäftlichen Termin hinter mich bringen. Aber irgendwie kamen wir im Gespräch vom Hundertste ins Tausendste. Wir sprachen über seinen Akzent, sein Geburtsland, und unwillkürlich musste ich an die größte Diva seines Landes und an den berühmtesten Schriftsteller seiner ehemaligen Heimat, Mario Llosa, denken. An Mario Llosa eher weniger, sondern an seine Romane, die irgendwie das gleiche Kichern und Lächeln auf dem Gesicht zu tragen schienen, wie dieser Mann hier.

Nach drei Stunden Gesprächen über Literatur, Musik und Kunst und anhaltendem Lachen über ähnliche Empfindungen, zwischendurch Erläuterungen, wie man eine Wohnung kauft, begleitete ich ihn zur Tür, diesen Mann, der irgendwie gar nicht gehen mochte, sondern es bedauerte, diese Gespräche nicht fortsetzen zu können.

Ich schloss die Tür hinter ihm. Der kurze Moment, wie er wieder im Türrahmen stand und seine Hand auf das alte Holz legte, als wolle er sich abstützen, war das Letzte, was ich von ihm sah.

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Das Telefon läutete. „ Ich brauche noch einige Dokumente. Und eine Faxnummer“
„ Moment“ sagte ich, ich könne ihm die Faxnummer gleich durchgeben. Ich fand die Nummer nicht und bedauerte mit dem Hinweis, dass ich die Nummer per E-Mail zusenden könne. „Nein, nein, rufen Sie mich morgen an. Ich bin zwar nicht da, aber“…er holte Luft und fuhr fort „…aber so kann ich ihre Stimme noch einmal hören“.
Da war es wieder, dieses WUSCH!

Etwas irritiert legte ich den Hörer auf, und hoffte, das der Anrufbeantworter nicht anspringen möge, sondern eine Kollegin oder ein Kollege am Telefon wäre.
Natürlich hatte ich zu früh gehofft und meine Stimme geistert nun seit dem Juni auf diesem Anrufbeantworter herum.

Ich verreiste. Das Telefon läutete sicher, aber ich war nicht da. Aber das wusste er.
Die Dokumente lagen bereit und die Zeit arbeitet für mich. Auf der Reise dachte ich manchmal an den Mann jenseits der Anden und jenseits der Spree, aber die Gedanken verflachten ins Geschäftliche und auch die Rosen des Sommers waren längst verblüht.

Es wurde August. Ich kehrte heim, und in der Zeit tat sich alles in seinem Büro, was zu tun war, um den Grund seines ersten Besuches zur Vollendung zu bringen.
Ich schrieb noch eine e-Mail, um ein abschließendes Gespräch zu führen. Er war nicht im Büro und die e-Mail blieb unbeantwortet.
Ein Freund, der das ganze Geschehen begleitete und den Kauf der Wohnung forcierte, und auch einige Telefonate während meiner Abwesenheit mit dem Mann führte, bot sich an, den Abschluss des Kaufes per Telefonat mitzuteilen und ein angemessenes Besiegeln des Projektes anzubieten.
Ein Essen, eine Einladung, vielleicht ein eigenes Parfüm, extra für ihn kreiert.

Das Telefon läutete. Bei ihm. Auf der anderen Seite der Leitung. Mein Freund teilte sein freudiges Anliegen mit und so ergab sich wohl ein Wort dem anderen und die Unterhaltung dauerte 45 Minuten. Lautes Lachen, leises Kichern. Ich dachte mir leicht verärgert: was schwatzt er so lange mit ihm? Es klang wie ein vertrautes Gespräch unter Freunden, die sich Geheimnisse anvertrauen.

Endlich konnten wir den Champagner öffnen und anstoßen. Ein merkwürdiges Zittern begleitete mich. Im Glas funkelte der Champagner und ich sah eigentlich, wenn ich auf die Oberfläche der Champagnerschale sah, nur zwei schwarze Augen funkeln . Ich fragte meinen Freund, was es denn so lange mit diesem Mann zu kichern gab und dann sagte er mir: „ Ich glaube, bei ihm hat es auch WUSCH! gemacht. Er wurde plötzlich so sentimental im Gespräch. Er meinte, dass es so schade sei, dass mit Abschluss des Projektes der Alltag einkehrte ; er hätte sich gewünscht , miteinander irgendwie in Kontakt zu bleiben. Dieser Abschluss gäbe ihm das Gefühl, er hätte plötzlich etwas verloren “

Es hatte also WUSCH! gemacht. Und ich habe jetzt so ein Gefühl, als stünde irgendwo noch eine halbe Flasche Wein, die darauf wartet, ausgetrunken zu werden.

MAR September 2008

für J. A. Danke für die Inspiration !

November 15, 2008

Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !


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Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !

Natürlich musste wieder die gute , alte U-Bahn den Hintergrund liefern , um Geschichten entstehen zu lassen, kleine Begebenheiten und Begegnungen. Wo sonst ist man auf so engem Raum beisammen und kann sich ungestört an den Gesichtern der mitfahrenden Gäste sattsehen.

25 Minuten Fahrtzeit bieten schon einen recht schönen Zeitrahmen für einen Einakter, der fast aufführungsreif wäre, ob wegen meiner Begriffsstutzigkeit oder der belustigenden Reaktion des Fahrgastes mir gegenüber, wer weiß.
Station Berliner Straße, der Umsteigehafen für die Neuköllner Richtung , immer auch die passende Gelegenheit, einen Sitzplatz zu ergattern. Wunderbar, gleich in der ersten reihe macht jemand einen Sitzplatz frei und ich packe mich mit Handtasche , Büchertasche und einem etwas dickerem Paket, was zur Post sollte, an die Fensterreihe.
Mir schräg gegenüber sitzt ein Mann so in den Fünfzigern. Graumeliertes Haar und einen sehr gepflegten grauen Bart. Etwas unruhig rutscht er auf dem Sitz hin-und her und schaut zur decke, zum Boden, auf die Mitreisenden und dann bleibt sein Blick auf mir stehen. „was meinen Sie ? Ibo gut? “ Am Akzent höre ich , das er kein geborener Berliner ist. Ibo, das ist ein mir geläufiger Name , den ich mal hier und mal da gehört habe, Simones Mann heisst Ibo, also gehe ich in diesem Moment davon aus, das der Mann Türke ist, und die geläufige Koseform benützt.

Ich schaue ihn ganz irritiert an und antworte ( man will ja nicht unhöflich sein) , das ich nicht wüsste, ob Ibo gut sei, denn ich kenne Ibo nicht. “ Du Deutsche bist, oder? Ich habe fragen alle Leute und keiner kennt Ibo! “ Ich entschuldige mich höflich und sage, das ich ihn heute zum ersten Mal sehe und bin etwas belustigt über den Fortgang der Unterhaltung. Mittlerweile schaut der Nachbar von der anderen Seite auch schon in unsere Richtung…
„Ja, aber alle Leute von Laden haben gesagt, Ibo das Beste und ist gut und ich nicht verstehe, warum keiner Ibo kennt.“

Ich glaube in meinen Augen zeigte sich schon ein Anflug von Heiterkeit, denn ich mutmaßte, das er vielleicht aus gekränkter Eitelkeit heraus nun volle Unterstützung für sich und seinen edlen Charakter suchte- ausgerechnet in der U- Bahn, wo die Leute meist genervt oder sich gestört fühlen, wenn man was von ihnen will.
Ich mache dem Gespräch ein Ende und meinte zu ihm, das ich nicht verstehe, was er von mir will.
Kaum gesagt, steht er auf und fährt mit seiner Hand in die Hosentasche. Er wühlt und sucht und zieht ein Päckchen heraus. Ein kleines, weißes mit der Firmenaufschrift : Pharma. “ Du gucken, hier, alle sagen Ibo gut und du nicht kennen ? „

Ich schaue auf die Packung und lese die großen Buchstaben IBU und etwas kleiner gedruckt : Ibuprofen .
Ich musste plötzlich so breit lachen – er meinte Tabletten!
Ich versicherte ihm, das ich Ibuprofen kenne und das es Tabletten gegen Schmerzen seien. “ Ja, ich wissen, Frau aus Laden hat gesagt, sehr gut. Was denken du? “ Ja ich sage ihm, das ich gute Erfahrung mit Ibuprofen hatte und er diese ohne Sorge nehmen kann.
“ Ja , ich Kopfschmerzen jetzt haben. Frauen mir immer Kopfschmerzen machen“.
Ich liege innerlich fast flach vor Lachen auf dem Waggonboden. Ich war mir gar nicht bewusst, das man, wenn sich mit mir unterhält, immer IBU bei der Hand haben muss…

August 24, 2008

wenn Männer in Bewegung kommen-oder Navigationssysteme für Mann und Frau

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wenn Männer in Bewegung kommen-oder Navigationssysteme für Mann und Frau

Eigentlich bin ich in vielen Dingen, insbesondere mit dem Schreiben so richtig altmodisch. Wenn ich unterwegs bin und ich möchte unbedingt etwas notieren, dann habe ich die altbewährten fliegenden Blätter bei mir. Schon seit Kindestagen lebe ich mit diesem System, daß in irgendeiner Manteltasche doch irgendwo diese Notiz sein müßte….!
Die Zeiten ändern sich, die Bleistifte weichen dem Kugelschreiber und die Kugelschreiber weichen dem Computer.
Vor nicht einmal 15 Jahren gab es solche ausgefeilten Suchsysteme wie “ Tante Google“ . Tante Google ich eine meiner Lieblingstanten. Als Mensch, der immer auf der Suche nach interessanten Büchern ist , gibt sie mir wertvolle Tips und kann mich sogar ab und zu Schnäppchenkäufen in Online-Buchhandlungen verleiten.

Kürzlich , als es draußen regnerisch und düster war, und meine Stimmung ebenso dunkel, erinnerte ich mich an einen Spontankauf von vor zwei Jahren. Da erstand ich ein Buch, welches mich einen ebenso regnerischen Tag wie der heutige durch seine Heiterkeit und Wortwitzigkeit wirklich vergessen ließ.
Mein neuzeitliches Schreibgerät von Compaq schnurrte noch ; und so fragte ich Tante Google, ob es noch andere Bücher gäbe von diesem Witzbold, der in nullkommanix Wellness pur für meine Lachmuskeln war.
Ja, sagte die Tante, schau mal, da gibt’s eine ganze Menge. Kauf mich, riefen die Bücher! Es geht in diesem Online-Laden zu wie im Märchen von Frau Holle , wenn die Brote rufen: zieh mich raus , zieh mich raus….
Nur hier hieß das : Klick mich an und Du hast mich!

Mein kleiner Finger gehorchte aufs Wort und klickte an und in einer Rekordzeit von 3 Minuten kaufte ich zu den Büchern des Satirikers noch 2 Romane von Frau Schrobsdorff und ein neues Wörterbuch der Englischen Sprache.
Fast zufrieden lehnte ich mich zurück. Wie wunderbar es doch ist, das alles auffindbar und durchschaubar und bestellbar ist. Und das , ohne die Wohnung zu verlassen. Nun musste ich nur noch warten, das mein Briefträger ein braunes Päckchen in meinen Kasten wirft…
Der Tag, der für mich wie Weihnachten und Ostern zugleich war, ist nicht etwa mein Geburtstag , sondern der, an dem ich , die Stufen hinauf zur Wohnung eilend , schon im Hausflur die Bücherpakete aufriß. Vorsorglich zog ich den Stecker des Telefons heraus und innerhalb von 2 Tagen verschlang ich jedes Wort und ich meinte fast, der Witzbold, der die Bücher schrieb, säße zum Tee neben mir auf der Couch.

Ich dachte, das muss der Mensch doch wissen, das er aus einem Regentag Sonnenstunden zaubern kann. Tante Google schnurrte immer noch….komm, komm, hier darfst du dich bedanken…
Da ich ein gut erzogener Mensch bin, sollte man auf „Tanten“ ab und zu hören und ich nehme ihre angebotene Hilfe in Anspruch und finde tatsächlich ein kleines Gästebuch, wo hinein ich meine Freude und mein Glücksgefühl kundgeben kann. Und wohlerzogen erwartet man nicht unbedingt , daß der mit Lob Beschenkte dank dieses ausgeklügelten Systems im Internet bei mir melden wird.

Diese Zuverlässigkeit dieser Tante ist phänomenal! Was alles möglich ist und in welcher Geschwindigkeit…Ja sitzt denn der lustige Geschichtenschreiber tatsächlich mit seinem heißen Kaffee neben mir und mag sich unterhalten?
Tante Google kann mir jetzt nicht weiterhelfen; die Worte , die ich jetzt sage oder schreiben möchte, können nur aus dem Fundus meiner altmodischen Erfahrungen mit Sprache geschöpft werden. Also spielen der Schriftsteller und ich Pingpong mit kleinen, feinen Sätzen und senden uns diese per Klick zu.
„Hallo Du“ schreibt er mir „Du kannst mich kommenden Tag im Fernsehen sehen!“ Und da er wahrscheinlich in der Eile einen einzigen, klitzekleinen Buchstaben falsch geschrieben hatte, konnte ich diesem Hinweis gar nicht folgen und landete immer auf der Error-Seite. Puhh, dachte ich, dieser Mensch will sich wohl einen Scherz machen. Andererseits aber regte sich in mir mein gesundes Gefühl, das dies sicher ein Versehen war…

Also mußte ich doch wieder Tante Google in meine Privatsphäre hineinlassen und sie fragen, was um alles in der Welt meint er und vor allem wo befindet sich der Fernsehsender .
Geübte Finger tippten den Namen ein , Schlagworte wie Fernsehen, das erahnte richtige Wort und siehe da! Tausende von Informationen stürzten auf mich ein, überfluteten mich geradezu mit Informationen, so das es mir ganz schwindelig wurde. So viel wollte ich eigentlich gar nicht wissen über den geheimnisvollen Mann gegenüber ! Eigentlich genügte mir doch das Fernsehprogramm, denn auch wenn hinter einer Mattscheibe, kann ich mir dann doch aber ein lebendiges Bild machen…

Ach Tante Google! Deine Geschwätzigkeit hat mich und mein inneres Navigationsgerät für besondere Worte und besondere Menschen etwas durcheinander gebracht! All diese Informationen sind zwar gut gemeint, aber sie sagen mir all das, was ich als Briefeschreiberin gar nicht so schnell von meinem gegenüber wissen wollte…
Ich fand unter all den Informationen , die mich sehr beeindruckten , endlich auch den Fernsehsender. Unglücklicherweise konnte ich diesen Sender nicht empfangen.
Egal, wie ich meine Digitalantenne auch drehte und wendete, es wollte mir nicht gelingen. Tante Google erzählte mir von Streams und Videos , aber auch da wurde ich nicht fündig; nur eine Aufzeichnung vom letzten Jahr . Was sollte ich tun?

Eine wahre Flut von blinkenden Versuchungen: Klick mich, drück mich, downloade mich, speichere mich ab, mach eine Notiz in deine Merkliste, stell mich zu den Favoriten ein, zu den Lesezeichen….
Nein, ich wollte das alles nicht!
Ich schrieb dem erwartungsvollen Briefpartner, das ich mir die Sendung anschauen werde. Ich verschwieg ihm allerdings, das es die Aufzeichnung sein wird. Mein einfaches Navigationsgerät zum auffinden der richtigen Wörter muss einfach aktiviert werden. Wie kann ich ihm mitteilen, das ich seine Sendung nicht gesehen habe, aber auch, das ich es nicht so schlimm finde, weil dann doch noch so etwas Geheimnisvolles bestehen bleibt…

Vielleicht ist Tante Google doch nicht nur so modern und so flink und so überaus korrekt…Sie ist zudem auch sehr feinfühlig und Warum ich das sage? Trotz der Fülle , trotz der Schnelle und trotz der Treffergenauigkeit konnte sie mir vermitteln, das ich mich nicht nur auf das System verlassen sollte. Zwischen all den Ergebnissen, die mir diesen Briefpartner quasi als offenes Buch präsentieren wollten, lag immer noch all das Unausgesproche, was ich für mich als eher wichtig empfand. Die Moral von der Geschicht‘- immer trau ich Tante Google nicht!

Und so weiß ich bis heute nicht, wie die Sendung gelaufen ist. Ich hoffe, mein Briefeschreiber wird es mir erzählen. So auf altbewährte Art. Persönlich. Ohne Tante Google zwischenzuschalten…

MAR

wenn männer in bewegung kommen- und die gelüste auf TANZ wecken

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wenn Männer in Bewegung kommen – und die Gelüste auf Tanz wecken

Vom Scheitel ( übers Dekolleté ) bis zur Sohle

Auch wenn ich in den letzten Wochen weniger Zeit aufbringen konnte, täglich etwas zu schreiben, so heißt das ja noch lange nicht, dass ich meine Wahrnehmung zum Alltäglichen abgeschaltet hätte…
Der tägliche Weg führt mich immer noch in den Untergrund und die diffuse Beleuchtung mancher Bahnhöfe zwingt mich fast, noch genauer hinzu sehen.
Als ich kürzlich die Rolltreppe am Zoologischen Garten benützte, und zwar die Hintertreppe, da traute ich meinen Augen kaum. Am Rand der Rolltreppe, gleich neben dem Handlaufband stand ein Damenschuh!

Er war aus schwarzem Satin und hatte einen durchtanzten Absatz, ein richtiger Tango-Schuh, der ein schönes Frauenbein schmückte ,und beim Herumwirbeln sicher den Rocksaum etwas lüftete, wenn die Spitze des Schuhs diesen berührte…so dachte ich in dieser Sekunde.
Der Mann vor mir drehte sich um und ich sah in seinem Gesicht ähnliches Erstaunen.

Ich dachte mir, wie lustig, im richtigen Leben widmet ein Mann den Schuhen seiner Freundin oder Frau sicher weniger Aufmerksamkeit; vielleicht ist er sogar genervt, wenn es schon wieder hieße: duuuuuuuuuuuu , ich habe keinen vernünftigen Schuh im Schrank….
Aber ein fremder Schuh einer vielleicht schönen fremden Frau könnte mitunter aufregend sein…

Unsere Blicke trafen sich, denn ich stand auf der Rolltreppe genau zwei Stufen hinter ihm. Da die Rolltreppe aufwärts fuhr, leistete er sich noch einen Blick aufs Dekolleté. Ich dachte bei mir: jetzt fehlt nur noch die rote Rose im Mund und das Stampfen der eisenbespickten Absätze und ein morgendliches Tänzchen im U-Bahnschacht ist perfekt.
Der Schuh, den eine wohl recht eilige Cinderella in der Nacht verloren hatte, brachte ein wenig tanzerotisches Verlangen…und das morgens 8:30 Uhr.

Die Rolltreppe näherte sich der Straße, ein Rucken, ein Sprung und schon hat man wieder festen Boden unter den Füßen. Aus der Traum. Die Sohle klebt am Asphalt fest; es ist in den letzten Tagen sehr heiß gewesen. Mein Alltag hatte mich wieder im Griff und der Traum, den Tango den ich vor Jahren auf der Straße tanzte, noch einmal zu wiederholen, zerplatzte…
Mein Tanzpartner von damals ist längst übergewichtig und hat eine eifersüchtige Ehefrau…

Also sollte ich vielleicht einen Schuh irgendwo platzieren und der Prinz geht auf die Suche nach den Füßen dazu….

Juni 2, 2008

WENN Männer in Bewegung kommen- oder warum karierte Hosen nicht unbedingt langweilig sein müssen

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Sehr oft, wenn ich U-Bahn fahre, werde ich das Gefühl nicht los, das ich mit meinen Blicken die Leute „ausziehe“. Nein, ich meine das nicht in dem Sinne, wie man es sonst verstehen wollte, sondern eher in dem Sinne, als zöge ich all die traurigen, fröhlichen, nachdenklichen oder flatterhaften Stunden im Leben dieser Menschen an ; wie meine Morgengarderobe, die mir stets Sorgen bereitet…
Immer und immer wieder drehe ich mich vor dem Spiegel, um letztendlich doch wieder Vertrautes überzustreifen.
Ich verstehe es selbst nicht! Wieso kauft man sich ein neues T- Shirt oder einen teuren Pullover, wenn sie doch allesamt in der gleichen Farbe sind. Aber erst dann, wenn mir das Vertraute, Bewährte auf der Haut liegt, verlasse ich mein Zuhause mit dem , was meine Zufriedenheit ausstrahlt und meine Gefühle wiedergibt.
Es ist fast wie Einkaufen, wenn ich den U-Bahn-Waggon betrete und mich mit kreischenden Farben, Blümchenmustern und zerrissenen Jeans konfrontiert sehe . Ich fühle mich wie in einem Kaufhaus, wo man Gefühle, Laune oder Provokationen kaufen kann und manches Mal halte ich inne und frage mich selbst, wieso ich den bunten Ringelpulli wieder beiseite gelegt habe – und schwarz gewandet in die Sonne gegangen bin.

Andererseits kommen mir dann so absurde Gedanken, das mein Schwarz wohl all den anderen Farben die Möglichkeit geben will, heller zu leuchten, zu strahlen, oder gar in ihnen die Sehnsucht zu wecken, sich mit dem Schwarz zu verbrüdern , es umarmen. Vielleicht verursacht dann dieses unsichtbare „hinüberspringen“ auf meine schwarze Alltagskleidung dieses Gefühl, daß ich denke, die Leben oder besser gesagt die Lebendigkeit der anderen Menschen spränge auf mich über und baut dieses satte Empfinden um mich herum auf, als würde sich eine bunte und lustige Energiequelle in diesem einen Waggon zusammenbrauen.

Allerdings fasse ich an melancholischen Tagen dieses Aufeinanderprallen der farblichen Gegensätze als etwas wie Heimatlosigkeit auf, weil alle Farbenklänge die Sehnsucht nach der Ferne wecken, und in diesem Schmelztiegel verschiedener Kleidungsstile entdecke ich sogar, das Pink eine schöne Farbe sein kann, wenn darunter gebräunte Haut sichtbar wird und sich pechschwarzes Haar darüberlegt.
Heute aber ist so ein Tag, der etwas aus dem „schwarzen“ Rahmen fällt. Heute trage ich mal alles in Weiß, na ja, nicht ganz alles, denn meine Tasche ist zwar mit weißer Seide gefüttert, aber mit schwarzen Herzchen bedruckt, die ganz versteckt unter dem derben Leinenstoff auf der Suche sind nach dem Rot und Blau und Grün und vorwitzig aus dem umgekrempelten Rand meiner Tasche heraus lugen.

Ich sitze auf einem harten Polster inmitten schwitzender Körper, die schon am frühen Morgen dampfen und dabei einen Duft von Seife verströmen. Ich beginne wie immer die Umgebung mit meinen Blicken zu erforschen, als sich plötzlich die zwei Pobacken eines Mannes vor meinem Gesicht plazieren. Kariert scheint IN zu sein, denn als ich halb empört und halb belustigt versuche, meine Augen anderswohin wandern zu lassen…und treffen sie auch das Gegenüber.

Auch mein Gegenüber liebt Kästchen! Es ist komisch, denn ich assoziiere karierte Hosen immer mit älteren Männern , aber diese beiden sind jünger als ich und sehen auch nicht so aus, als hätten sie einen verirrten Geschmack. Beim näheren Betrachten der beiden Gesichter, das eine im Profil und das andere frontal, fällt mir auf, das die beiden „Karierten“ sehr zufriedene und aufgeräumte Gesichter haben, so , als hätten sie ihr ganzes Leben wohlgeordnet in diesen kleinen schwarzweißen Kästchen ihrer Bekleidung verstaut. Ich bin mit meiner Phantasie sogar geneigt zu sagen, das diese beiden Männer sicher eine ganz und gar geradlinige Lebensspur fahren müssten, schlösse ich dies von der Pepita-Musterung ihrer Kleidung auf das Innenleben eines Menschen.

Doch halt! Zwischen dem Weiß und dem Schwarz hat sich ein lichtblauer Faden verirrt, der dort eingewebt, dieses geordnete Quadratische aufzubrechen scheint dem mathematischen Augenschein den Hauch einer unbekannten Variablen oder besser das Wissen vom angedeuteten Chaos ankündigt.

Plötzlich ist mir meine eigene heutige weiße Bekleidung nicht mehr recht.
Und das schon am frühen Morgen. Ich vermisse mein gewohntes Schwarz, das mich wie ein Beobachtungsposten distanziert und zurückhaltend sein lässt… Weiß – das ist so ein unbeschriebenes Blatt, eine Art Leere, in das man alles hineinschreiben und hineinprojezieren kann. Weiß scheint Menschen aufzufordern,es zu bemalen. Ich streife mit meinen Händen über meine weiße Hose und zupfe die schwarzen Herzen etwas weiter aus dem Innenfutter heraus, so, als wolle ich wenigstens ein klein wenig Farbe bekennen. Aber sind schwarze Herzen denn wirklich farbig? Und überhaupt, schwarze Herzen! Schlimm genug, daß es Menschen zu geben scheint, die gar kein Herz besitzen, aber ein schwarzes Herz nach außen zu kehren, kommt mir noch viel schlimmer vor…
Ich belächle meinen eigenen absurden Gedanken und schiebe das Innenfutter wieder zurück in die Hosentasche. Es ist wirklich zum Lachen! Zwei karierte Hosen , die auf dem ersten Blick etwas unzeitgemäß daherkommen, lösen bei mir eine Hinterfragung über die Zustände in den Herzen der Menschen aus ; und nicht nur das- sie lassen mich nachdenken, ob Weiß denn tatsächlich rein und klar und geordnet sein kann…

Der Mann mit dem blauen Streifen im Karo blickt auf und lächelt mich an. Er muß wohl bemerkt haben, das ich ihn betrachte.
Ich werde rot und fingere am Reißverschluß meiner Tasche herum. Ich bin verlegen und nehme mir vor, nicht andauernd die Leben anderer Menschen „überzustreifen“, während ich in der U-Bahn sitze. Ich zupfe und ziehe immer weiter am Reißverschluß und plötzlich fällt meine Tasche zu Boden. Alles, was an Inhalt darin ist, ergießt sich in den Waggon. Meine Überlebenstasche schüttet alles , was ich so am Tag benötige , vor die Füße der Fahrgäste.
Der Abdeckstift kullert unter die Bank, mein Schlüssel schlägt hart auf dem Metall auf, meine Stulle schimmert durch eine Plastiktüte und offenbart ihr Geheimnis: Salami und Gurke. Der halbdefekte Kugelschreiber zerfällt nun vollends in seine Bestandteile und meine unfreiwillige Sammlung aus Plastikkarten schlittert wie auf Eis durch den halben Wagen und der Schlüsselanhänger mit meiner Campuskarte verrät, wo ich arbeite und die Aspirin petzt, das ich manchmal Kopfweh habe….

Ich springe auf und versuche meinen ganzen Kleinsthaushalt wieder in die Tasche zu raffen. Der karierte Mann hockt sich mit mir auf den Boden und versucht zu helfen. Er kichert und sagt ziemlich gut hörbar für alle Mitfahrgäste zu mir: „recht bunt geht’s in ihrer Tasche zu! Irgendwie passt das gar nicht zu diesem Weiß. Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, ob es bei ihnen zu Hause auch so blitzblank sei…“

Nun muss ich laut loslachen. „Nö, sage ich zu ihm, auch bei mir schlingert sich ein chaotischer blauer Faden durch die Wohnung, wie in ihrer karierten Hose“ Er schaut mich verdutzt an. Woher soll er denn wissen, was ich meinen könnte? Er blickt an sich selbst herab und entdeckt wohl wirklich zum ersten Mal den blauen Faden in seinem wohlgeordnetem Leben. „Man sagt eigentlich immer , das der rote Faden sich durch alles ziehen kann, hier ist es eben ein blauer Faden, der einem Klischee Lügen strafen will…“ Jetzt schaut er noch verdutzter und ich nehme meinen Mut zusammen und meine zu ihm, daß jeder so etwas wie ein kleines verstecktes Chaos beherbergt ; der eine in der Tasche, der andere als karierte Hose… Der Mann lacht lauthals los und meint zu mir: „ ich hatte mir am morgen Kaffee über meine andere Hose geschüttet und mir danach die erstbeste Ersatzhose gegriffen. Die ist von meinem Mitbewohner…“

Oh je, dachte ich , jetzt habe ich auch noch meine Phantasie um ihre Authentizität betrogen ! Eine halbe Stunde lang mache ich mir bizarre Gedanken um karierte Hosen , um Menschen , die solche Hosen tragen. Und dann sind es nicht einmal seine Hosen- also ist es auch nicht sein wohlgeordnetes Leben, welches er spazieren trägt, sondern das eines anderen… !

Was für ein Morgen! Ich nehme mir vor, in den nächsten Tagen etwas weniger intensive Gedanken zu machen- zumindest nicht über Muster an männlichen Hosenbeinen….

 

Oktober 20, 2007

wenn Männer in Bewegung kommen- oder warum braucht Man(n) einen Schirm ?

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Herrlich so ein Halbtagsjob!
Gut gelaunt trete ich hinaus aus der Tür und steuere der U-Bahn zu . Bahnhof Zoo. Lavazza-Stand . Schnell einen guten Espresso und hinein in den mittäglichen Verkehr. Touristen mit Rucksäcken und Stadtplänen strömen durch die Hallen…Kindergartengruppen und Schulklassen haben Knut gesehen und plappern wild durcheinander drauflos. Gut , daß ich den Espresso hatte, denn der gibt mir Gelassenheit. Und rote gesunde Wangen…

Ich krame in meiner Überlebenstasche, deren Inhalt alles andere ist, als wichtig zu sein scheint . Rechnungen, ausgedruckte Manuskripte, Photo-CD, Konto-Ausdrucke , Mobiltelefon, Bonbons vom vergangenen Jahr, Kaugummi, Haarklammer, Schnippgummi, ein welkes Blatt vom letzten Spaziergang, Deoroller, Parfum, Taschentücher, alt und neu….und endlich mein Buch, welches ich gerne in der U-Bahn lesen wollte. Eine schöne Geschichte, die ich da lese. Von einem Mann, dessen Frau verstarb und beim Aufräumen der Sachen Briefe fand, von ihrem Liebhaber. Der Überlegung nachgegangen, das der Liebhaber auch wissen müsste, das die Frau verstorben ist, teilt er es dem Liebhaber mit; der wiederum glaubt, es sei die Frau, die ihm nach langer Zeit wieder schreibt , um ihm mitzuteilen, das sie nun tatsächlich für ihn gestorben sei ( sinnbildlich: laß mich in Ruhe…) Die Turbulenzen, die sich aus dem Briefwechsel ergeben, den sich beide Männer liefern ( der Liebhaber glaubt immer noch, es sei die Frau, mit der er korrespondiert) möchte ich der Leserschaft nicht wiedergeben. Das muß man selbst lesen ….

Es ist eine Welt für sich, in die man eintaucht, wenn man liest.
Mich amüsierte jedoch die Phantasie der beiden Protagonisten und ich dachte mir so, was Männer doch alles bewerkstelligen, wenn sie Dingen auf den Grund gehen wollen…Sonderbar, wie mutig und einfallsreich sich Protagonist Nr. 1 seinem Leben stellt, als er plötzlich erfährt, das er nicht der Einzige war…Ich liebe es , in Büchern von solchen Situationen zu lesen, werde von der wunderbaren Phantasie erfasst und ich fragte mich schon sehr oft, ob diese Geschichten nur Wunschdenken eines männlichen Autors waren ; ob der Wunsch, aus dem Allerlei des möglicherweise gelangweiltem Alltag einer 20-jährigen Beziehung auszubrechen, so dringlich wird, das man einen verflossenen Liebhaber der verstorbenen Ehefrau beginnt, gern zu haben, zu bewundern, ja sogar bereit wird, alles Bisherige in Frage zu stellen. Und sei es nur in der Erzählung…

So etwas kann nur in Büchern stehen; welcher heutige Mann kauft sich denn eine Fahrkarte und steht als Überraschung vor der Tür , wer reserviert denn heutzutage ein ganzes Lokal und bestellt einen Stehgeiger. Welcher Mann in diesem Alter des Protagonisten wagt es denn noch, spontan zu sein. Na den will ich mal sehen!

Ich kicherte in mich hinein…und ich war erschrocken, als ich feststellte, das ich tatsächlich hörbar kicherte…
Verstohlen schaute ich mich um. Zwei Reihen schräg gegenüber saß ein Mann , der sofort wegschaute, als mein Blick ihn traf. Er hatte mich offensichtlich beobachtet. So was mag ich eigentlich gar nicht. Aber was soll es… Ich las weiter. Doch die Ruhe war dahin. Der Mann beobachtete mich und ich spürte seine Blicke …Jedes Aufblicken in seine Richtung erschreckte ihn und das Handy wurde nun willkommenes Spielzeug in seinen nervösen Händen. Irgendwie belustigend.
Ok. Das Buch wanderte in meine Tasche zurück und ich schaute in das Dunkel des vorbeigleitenden Tunnels und sah wie in einem Spiegel gleich, wie er mich musterte…

Hermannplatz.
Wie immer stand ich im letzten Moment auf und sprang hinaus auf den Bahnsteig. Er auch. Aber das sah ich schon nicht mehr Es mußte fast im letzten Moment gewesen sein. Die Tür schloss sich . Die U-Bahn fuhr weiter.
In meinem Kopf setzte die normale hausfräuliche Geschäftigkeit ein. Ich nahm meinen Einkaufszettel und las: Waschpulver, Fotos abholen, Rohrreiniger, Shampoo… ok. Also sollte ich gleich zu Rossmann gehen… Alles andere um mich herum war ausgeblendet. Ich hatte nicht bemerkt, das dieser Mann wie ich die Rolltreppe benutzte, wie ich bis zum ersten Wagenhalt den Bahnsteig entlangging und mit mir in der gleichen U-Bahn weiterfuhr.
Meine Station – ich stieg aus . Stufe für Stufe spürte ich hinter mir einen Blick im Rücken. Das kennt man ja, wenn man fixiert wird, fühlt es sich so an, als würde man berührt werden.
Strassenmitte, Ampel, Rot. Ich wartete. Plötzlich sprach mich eine Männerstimme von der Seite an. “ Ich wollte Ihnen sagen, das Sie schön aussehen. Sie gefallen mir“. Ich schaue zur Seite und da steht dieser Mann. Ganz nah sehe ich seine dunklen Augen und das bisschen Angst darin. Die Falten in seinem Gesicht verrieten sein Alter. Mindestens 60 . Seine Sprache , der Akzent verriet auch seine Herkunft.
Ich knurre ihn an. „Danke“ und überquerte die Strasse.
Gut, das Rossmann gleich an der Ecke ist, denn dort bin ich gerettet vor Komplimenten auf der Verkehrsinsel. Ich kramte meine Fotos aus einem Berg von Tüten, verglich Preise von Waschmittel, sah Gummidrops, die mich einluden sie mitzunehmen- und aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen Schatten , der mich stetig verfolgte. Es war der Mann. Er folgte mir auf Schritt und Tritt und versuchte doch , unauffällig zu sein. Es war offensichtlich, das ihn mein Knurren auf der Strasse nicht getroffen hatte.
In der langen Reihe an der Kasse stand er hinter mir. Wieder versuchte er, mir zu sagen, das ich ihm gefiele, das mich die Baskenmütze gut kleide. “ Danke, und nun ist gut“ fauche ich. Er senkte den Kopf “ ich verstehe…“flüsterte er.

Betreten und verlegen greift er nach einem Regenschirm, der in der Nähe der Kasse zum Verkauf angeboten wird.
Draußen ist ein sonniger Tag. Und er sieht auch nicht so aus , als bräuchte er einen Regenschirm, denn aus der Jackentasche lugt der Knauf eines Minischirms…
Er zahlt schnell und ich sehe, das er sich plötzlich seiner Aktion bewusst wird . Er stürzte bei Rot über die Strasse und verschwindet wieder im U-Bahnhof. Sicherlich hatte er seine ursprüngliche Fahrtroute geändert und mußte nun schnell und möglichst ohne Zeitverlust nach Hause zu seiner Frau fahren …
Beladen mit allerlei Krimskrams schlenderte ich nach Hause. Warf die Waschmaschine an, schüttete den Rohrpuster in den Wannenausguß, legte die Fotos auf den Küchentisch und frage mich selbst, warum in aller Welt widerfährt mir so etwas immer in der U-Bahn . Nie bleibt da Zeit, sich auf Verrücktes einzulassen. Immer sind es (Weiter-) Reisende …Warum nicht im Cafe, oder im Kaufhaus, meinetwegen auch am Gemüsestand. Die Rolltreppe sowieso.
Muss sich denn ein Mann, der beherzt eine Frau anspricht , erst einen Regenschirm kaufen?
Muss er wohl, wenn er nicht im Regen stehen will.

Oktober 18, 2007

wenn männer in beWEGung kommen…und sei es auf der rolltreppe

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Es ist wirklich jedes Mal am Morgen… ich schließe die Tür, nehme die Zeitung aus dem Kasten, kaufe mir ein Croissant, manchmal nehme ich noch einen Kaffee in der Bäckerei und dann komme ich in die Gänge.
Sprich, ich beginne meinen Tag.
U-Bahn-Fahrt. Das Zauberwort. Fast jeden Tag begebe ich mich in den Untergrund…in das diffuse Licht von spärlich ausgeleuchteten Bahnsteigen; platziere mich auf eine der Wartebänken aus den 30-ern und warte wie alle anderen, das sich ein morgendlicher Schwung einstellt.
Endlich. Der Luftzug kündigt an, dass an der Leinestraße der Zug abgefahren ist und meine 20 minütige Fahrt ins Glück beginnt.
Das Glück ist unbestimmt, wie alles im Leben… hier beschränkt es sich auf einen freien Sitzplatz.
Tür auf. Tür zu. Meine Augen schweifen umher. .
Heute habe ich es eilig- also besser, ich bleibe an der Tür stehen.

An der nächsten Haltestelle stürze ich hinaus, renne wie eine Verrückte zur Rolltreppe und will mich an den brav Wartenden vorbeischlängeln. Und schon ist es geschehen- ich trete einem Mann, der vor mir steht in den Hintern.
Wohlerzogen entschuldige ich mich. Er blickt zurück. Sagen wir es mal mit den Worten unserer aus der Türkei heimkehrenden Damen: er hatte wundervolle, dunkelbraune Augen. Schwarze Haare. Ein sehr gepflegtes Aussehen. Mit einem Wort : ein potentieller Askim! Und das nonplusultra : ein Türke! Als hätte er meine Gedanken lesen können, ging ein Lächeln über sein Gesicht…es schien, als käme Bewegung in sein Leben. Am Bahnsteig blieb er stets in meiner Nähe…noch einen Schritt näher, naja, und nun fragt er auch noch, was ich lese…. Ich wäre keine Frau, hätte ich nicht schon längst über den Zeitungsrand gelugt und belustigt festgestellt, daß er wohl zu überlegen schien , wie und was er anstellen könnte, um den letzten Schritt auf mich zuzumachen …

Die U-Bahn kam. Glück sah für ihn ähnlich aus, wie für mich. Ein Sitzplatz, nein zwei; einen für mich und einen für ihn selbst. Natürlich nebeneinander. Aber durch das Leben gut mental und geistig darauf vorbereitet , war ich mir sicher, er würde ALLES für mich tun. Alles, das war im Moment, einen Platz für mich zu ergattern, was morgens 8:30 am Hermannplatz nicht einfach ist. Das muss man wissen, wenn man sein Opfer richtig würdigen will…
Der gut aussehende, gut gekleidete Herr namens Adnan (den Namen verriet er mir beim Rüberstrecken seiner Hand) arbeitete, so verriet er mir, im türkischen Konsulat. Zumindest konnte ich ohne aufdringliches Verhalten zu produzieren sagen, das wir zumindest bis zum Ku’damm gemeinsam reisen. Binnen kürzester Zeit (aber das kennen wir ja schon) hatte ich das Gefühl, etwas ganz Besonders zu sein. In 15 Minuten wusste ich seinen Geburtsort, daß er im Juni dorthin fährt, daß er in der Leinestraße wohnt, daß er seit 10 Jahren in Deutschland lebt und ich muss sagen; das alles brachte er in einem akzentfreiem deutsch rüber. Ich war beglückt. So früh am morgen hatte ich keinen Nerv, Sprachakrobatik zu veranstalten. Ich liebe es, wenn der Tagesbeginn etwas dahinplätschert….

Eine wundervolle Visitenkarte wurde mir gereicht (es fehlte das Tablett, um vollkommen zu wirken). Eine Frage mit einem Augenaufschlag, der einem Omar Sharif zur Ehre gereicht hätte, folgte der Visitenkarte: sieht man sich denn mal? Wenn man doch quasi Nachbar ist…?

Jeder kennt das sicher. Das Herz raste, im Kopf kreisen merkwürdige Gedanken, der BH kneift nicht mehr, man sitzt aufrecht und setzt ein zuckersüßes Lächeln auf…. Hach! Ich habe seine Visitenkarte, ich habe seine Visitenkarte….
Ein Blick darauf und meine Freude war gedämpft…. Eine Handynummer. Kein Festnetz. So was mag ich nicht. Ach, das kann ich ihm ja am Sonntag sagen, wenn wir uns zum Kaffee treffen werden.
Die gepflegte Hand drückt die meine- er müsse nun aussteigen…cok güzel sind Sie, was für ein Zufall, das Sie ausgerechnet mich in den Hintern getreten haben…. ich bin so glücklich ….sprach er, und stieg aus.
Welcher Tag ist heute? Ich überlegte und in meinem Gehirn war nur noch Adnan-Montag, nein Adnan-Mittwoch…. Mittwoch! Meine Güte , noch 5 Tage bis Sonntag.

Zoologischer Garten…aussteigen… Rolltreppe rauf, Jebenstraße, Uni.
Zumindest meine innere Karte ist noch in Ordnung, ich finde den Weg zur Uni im Schlafe, besser gesagt, im Trancezustand…
Der Tag war herrlich, das Leben ist schön! Meine Bandscheibe war in einem versöhnlichen Einvernehmen mit mir… Sonntag , Sonntag jubelte es….

Der Sonntag kam. Herrliches Wetter. Ich bretzelte mich auf. Ein sorgfältiges , dezentes Make-up…. Nicht zu frivol. Nicht zu aufdringlich. Nicht zuviel nackte Haut. Nur ein bisschen, nur eine Ahnung…. Na ja, Frauen wissen was ich meine….

Treffpunkt Südstern… das ist wunderbar. Dort ist nur ein Aufgang. Da kann man theatralisch geschult die Treppen hinaufschreiten. Was will Frau mehr…

Bubum bubum… das Herz nahm jede seismographische Welle wahr, die dort oben vom Ausgang mir entgegenschlug.
Da stand er. Ein lachendes Gesicht. Ich schritt wie einer Königin gleich die Steinstufen hinauf. Was für ein ergreifendes Gefühl.
Noch eine Stufe und noch eine Stufe…

Adnan. Da stand er, in Jogginghose, ausgewaschenem Polohemd (mindestens 10 Jahre täglich durch die Waschmaschine getrudelt…) Turnschuhe… einen Rosenstrauß in der Hand.

Bum bum bu bu mmmmmmmmmmmm. Ich erstarrte. Gott sei Dank bin ich nicht vor Schreck umgefallen.
Das erste und einzige, was ich sagen konnte war: du bist Familienvater, hast dich Sonntagnachmittags von Frau und Kindern weggeschlichen, um angeblich mal kurz mit einem Freund ein Zigarettchen rauchen…

Sein Unterkiefer fiel runter, das Lächeln verschwand. Die Augen wurden plötzlich müde und leer.
Woher weißt du das…fragte er mich.
Na ja- Erfahrung …..

* das Kaffeetrinken fand statt und jeder ist seines Weges gegangen. Eine unvollendete Geschichte  

September 17, 2007

wenn männer in bewegung kommen – oder der sprung in den abgrund

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malheureusement je ne parle pas de france, je ne peux pas tourner non plus de cigarettes-vient en plus que je suis de toute façon toujours à l’abîme.
donc je pense, je ne dois pas vous pousser à la démence.

Nun denken jetzt sicher manche, jetzt fange ich auch noch an, Botschaften in einer anderen Sprache auszusenden… reicht es nicht, das wir schon im Deutschen so unsere Verständigungsschwierigkeiten haben?
Keine Sorge, es geht nur wieder mal um mein allerliebstes Fortbewegungsmittel, die Berliner U-Bahn, oder besser gesagt, um das, was mir so ins Auge springt…

Umsteigebahnhof Berliner Straße…“diese Zigarette hat soundsoviel Milligramm Giftstoffe, die Sie töten können“ … Freundlich lächelt mich der junge Mann aus dem Plakat heraus an. Er sieht eigentlich nicht so aus, das es ihn stören würde, dieser kleinen blauen Packung in seinen Händen ein seliges Ende zu bereiten. Mit größter Gelassenheit sitzt er zusammen mit seiner Liebsten am äußersten Mauersims eines Wolkenkratzers. Mir wird ganz flau im Magen, fast so, als würde ich mit der Achterbahn ins Nichts geschleudert…. Also gehe ich doch lieber ein Stück weiter und lande wieder mal bei Norwegens bizarrer Landschaft. Interessanterweise denke ich bei Norwegen immer zuerst an Wittgenstein- schon komisch . Hat das was mit den geistigen Sprüngen zu tun, die man so hoch ansetzen muss, wie die Felsen an dieser rauen Küste?

Das wäre eine Überlegung wert…

Aber auch hier , mit dem Blick auf grüne Täler und Höhen präsentiert sich ein wagemutiges Paar auf steiler Felsenklippe ; der Blick geht tief hinab in einen blauen Grund. Man hört praktisch das Wasserplätschern und den leisen Widerhall an steilen Felsvorsprüngen. Das Leben scheint aus Abgründen zu bestehen, der kleine Hinweis unten rechts sogar: visit no(r)way will mir so hinten durch die Brust ins Auge suggerieren, das es einfach keinen Ausweg gibt, aus diesem „kauf mich, nimm mich mit, ich mach dich glücklich. Unentwegt bin ich in Gedanken dabei, meinen Geldbeutel auf Inhalt von Kleingeld und Scheinen zu überprüfen, ob ich es wagen könnte ( nächste Station Günzelstrasse- kaufen Sie bei uns , sie kriegen Rabatt huscht an mir vorbei) meinem Konto eine Ausnahme zuzumuten. Eine neue Hose bräuchte ich schon mal wieder…. bald gibt’s Weihnachtsgeld, warte noch ein bisschen, sage ich mir.

Spichernstrasse. Ich mustere die Leute. Irgendwie sehen die Charlottenburger oder die Krumme Lankes wohlbetuchter aus , nicht so bescheiden gekleidet wie der Mann, der seit Mehringdamm die Wegstrecke mit mir fährt. Er steht an der Tür und lehnt sich gelassen gegen den Haltegriff. Ich komme nicht umhin, ihn zu mustern, natürlich mache ich das nicht so aufdringlich; aber Menschen interessieren mich nun mal …
Eigentlich bräuchte er viel eher eine neue Hose oder ein Pullover…Natürlich könnte ich mich täuschen, zerrissen scheint in zu sein und bügeln ist schon lange out. Abgesehen bin ich eh der Mensch, den Äusserlichkeiten schnurz sind. Hauptsache ist, der Kopf ist klar und das Herz auf den rechten Fleck. Munter ist er ja, der Mann mit dem ungebügelten Jackett. Flinke , grüne Augen und sehr aufmerksam, wenn Neuzusteiger Platz brauchen. Er tritt dann nicht nur beiseite , sondern sogar hinaus auf den Bahnsteig , lässt die Fahrgäste einsteigen und erst dann , wenn alle schnell und mit Nachdruck einen Platz erobert haben, steigt er wieder zu. Noch ein kurzer Blick auf den Bahnsteig sei ihm gegönnt- der Wagen schließt und ab geht’s. Jetzt erst dämmert es mir ! Er fährt schwarz ! Dafür muss man ein Händchen haben, man muss aufpassen und auf der Hut sein, nicht erwischt zu werden. Jeder Penner , jede Mutter mit Kinderwagen , die einsteigt, könnten der Kontrolleur sein.
Irgendwie finde ich das sehr anstrengend, immer auf der Hut zu sein . Also ich könnte das nicht, schwarz fahren. Mir wird schon siedendheiß, wenn ich das Gefühl habe, meine Monatskarte vergessen zu haben.

Der Unterhaltungswert der U-Bahnfahrt hat sich gesteigert. Vergessen die gefährlichen Versprechen diverser Zigarettenfabrikanten, das der Tod Euch hole, oder auch die angstvollen Minuten über einem Gletschersee, wo man als Model so tun muss, als fände man den Sprung ins Nichts atemberaubend schön. Auch die Trauer um die noch nicht gekaufte Hose weicht meiner Neugier. Ich rechne zusammen, was so ein Mann alles zusammengespart haben könnte, wenn er das schwarzfahren so seit 5 Jahren durchzieht. Jeden Tag 4,40 gespart, das sind pro Woche 30,80 , das sind in 5 Jahren 7920 Euro. Donnerlittchen, denke ich, dafür kann man sich einen Reise nach Paris gönnen oder mit der selbstgedrehten Zigarette auf einem Dachgarten von New York die Silhouette der Stadt genießen, meinetwegen auch norwegische Fjorde aufsuchen und Wittgensteins rotgestrichenes Häuschen besichtigen, und die teure Hose von Luzifer wäre auch noch drin. Nicht nur das, ich könnte meine Bahncard verlängern lassen und wieder mal kreuz und quer durch die Lande fahren, irgendwo in einem tollen Restaurant Schampus bestellen und so tun , als hätte man es dicke… Ach man, was man nicht alles machen, kaufen, reisen könnte für diese 7920 Euro…

Kurfürstendamm . Ich schrecke aus meinem Tagtraum auf. Nächste muss ich raus, muss zur Arbeit , muss mich mit Studenten herumplagen und den Kaffee irgendwann kalt trinken…und ich träume hier und packe eigentlich in Gedanken meine Koffer. Meinem anonymen Begleiter scheint es ebenso zu ergehen. Seine Augen sind etwas in die Ferne gerichtet. Kann schon sein, das er ähnlich wie ich sein erspartes Geld schon längst in seiner Phantasie verbraten hat. Sein Träumen wird ihm zum Verhängnis. „ Die Fahrausweise bitte….“ Mir tut er richtig leid, mein unbekannter Begleiter Von Mehringdamm bis Ku‘damm ist eine lange Strecke, die er tapfer durchgehalten hat.
Das ist wirklich Pech, auf der letzten Station erwischt zu werden. Die U-Bahn fährt in Bahnhof Zoo ein. Leider nicht schnell genug. Die Kontrolleure sind schon da und bauen sich vor ihm auf. 3 Männer gegen einen. Ich finde das ungerecht. Mein letzter Blick zu ihm, der nun seine Anonymität preisgeben muss, seinen Ausweis zückt und so tut, als ginge ihn das gar nicht an. Und als sollte es nicht anders sein, grüßt auch hier der Städte- Dschungel vom Plakat einer Reisebürogruppe, die meint, das es im Winter besonders preiswert sei, in den Süden zu reisen. Wie wär’s mit Andalusien ?

Ich bin nun plötzlich gar nicht mehr so heiter . Diese blöden Kontrolleure! Jeden noch so kleinen menschlichen Abgrund pflastern sie zu mit ihrem bürokratischen Gehabe. Irgendwie hätte ich es ihm gegönnt, daß er sich diesen oder jenen Traum hätte erfüllen können. Wie kann man sich solche Reisen leisten, wenn man am Sparen gehindert wird …

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