Silk and Paper

September 15, 2009

SCHLÜSSElloch…

Gespeichert unter: DER mensch als fremder ORT, philosophische FRAGMENTe, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 5:32

Hör den Geschichten zu,
die Dich zu den Verstecken Deiner Erinnerungen führen.
Sie blühen auf , wenn im Herbst die Blätter verwehen,
Im Sommer beschirmt der grüne Schatten Dein Leben,
im Herbst zerpflückst du den Strauch wilder Beeren
die eine fremde Süße verströmen.
Hör zu, wenn die Einsamkeit beginnt, Dich zu berauschen.
Erinnere Dich, denn dies ist der Schlüssel zu Deiner Kindheit,
ist das Zeugnis, unter dem Du mit Deiner Unterschrift
Dein SEIN besiegelst

                                                                      *

Gestern hatte ich den ganzen Tag Zeit. Ich saß in einer Freundes Wohnung fest und wartete geduldig auf den Monteur. Es war sehr still und nur das Ticken der Uhr durchbrach die Ruhe . Aus Sorge, ich könnte das Läuten an der Tür überhören, stellte ich auch nicht einmal das Radio an. Mein Blick verlor sich im Grün des Balkons, im Rot der Früchte, die bald geerntet werden müssen, im wässrigen Himmel. Draußen wurde es gestern wirklich Herbst. Die Baumspitzen endeten kurz vor der 4. Etage. Eine Pappel, die auf dem Gelände gegenüber all die Jahre stand, war geborsten und hing traurig in der Form einer Eins nach unten . Genau in der Mitte, so schien es, war der Bruch, der Riss, der durch das Holz ging. Früher ging ich öfters dort spazieren. Da war es noch eine wilde Wiese und kein Bauamt wäre auf den Gedanken gekommen, dort eine Strandbar zu eröffnen…

 In all der Stille und Ergriffenheit über die noch immer erhabene Schönheit dieses sterbenden Baumes dachte ich , das im Frühjahr sicher eine gärtnerische Hand den Baum fällen wird. Bis dahin wird auf diesem Platz ebenso eine Stille einkehren wie hier in diesem Zimmer. Der Winter ist ein Genesungschlaf der Natur. Wenn sich im Sommer die Marienkäfer über den wilden Beifuß hermachen, der sich überall in Städten und auf Mittelstreifen der Straßen breitmacht, so verliere ich diese Pflanze als Fixpunkt; denn der Regen wird ihn fortschwemmen, zum Verwelken bringen… Er wird sich im Schlamm seinem Tod ergeben und dann im Winter werde ich ihn sogar zeitweilig vergessen . Das unsichtbare Seil zwischen meinem Blick und dem Erblickten wird scheinbar durch die erste Kälte zerrissen- fast wie eine schwebende Spinnwebe, den meine Hand mit einem Streich wegwischen kann. Ich bemerkte, das ich schon wieder dabei war, in der mir auferlegten Stille mich diesen Dingen wie kaum sichtbaren Spinnfäden oder unsichtbaren imaginären Bändern zwischen mir und der Natur zu nähern, dabei war es doch nur ein flüchtiger Blick, der am Baum gegenüber haften blieb…

Tausende solcher Momente streifen mich, wenn ich auf der Straße gehe oder bei einem Spaziergang im Park. Mir fiel ein, das ich ähnlich empfunden hatte, als ich am Sonntag auf dem alten böhmischen Friedhof war, der sonst für Fremde geschlossen ist, wir aber einen kurzen Spaziergang durch diese Reihen der Gräber aus dem 17. Jahrhundert machen konnten…Seit Jahren stahl ich mit einem Blick durch das Schlüsselloch des großen gusseisernen Tores Ausschnitte dieses kleinen Friedhofes; immer wollte ich die alten verwitterten Grabsteine lesen, und als ich dann davor stand, war mir so, als kannte ich sie alle, diese böhmischen Einwanderer. Die Fremdheit wich und mit der archaischen Erinnerung an das, was mit uns allen geschehen wird, kam die Vertrautheit. Der Zauber, die fast kindliche Neugier, mit der ich immer durch das Schlüsselloch lugte, verwandelte sich in ein Bild , das ich schon lange zu kennen geglaubt und nun , beim annähern fand es wieder an den Platz in meiner verlorengeglaubten Erinnerung .

Nähert man sich den Dingen zu sehr, wird der Zauber leicht zerstört, wird der flüchtige Augenblick wie zu einem festen Bestandteil einer Gemäldegalerie, zu schweren dicktropfig-festen Ölgemälden, die das leichtfüßige Leben manchmal unnötig beschweren. Ist der unbeschwerte Augenblick im Sommer nur schmückendes Beiwerk zu den von Sonnenglut durchtränkten Beeten, so wird er im Winter der einzige Halt, an dem man sich durch die kalten Jahreszeiten hangelt.. Wertigkeiten verschieben sich durch die Dinge von Außen, werden von ihnen durchdrungen und einer Metamorphose ausgesetzt. Schöne Dinge werden weniger schön und die weniger schönen Dinge erhalten durch ihr einmaliges , kurzes Erscheinen wie mit Diamanten bekränzt. Denkt man an die frostgemalten Blätter in Rinnstein, die wie Gold in der Wintersonne funkeln und sobald sie im Schatten eintauchen, sind sie doch nur moderndes Laub.

Das Haus gegenüber, der gütige Schattenspender im Sommer wird nun im Herbst der bedrohliche Riese, der das Licht verschluckt. Auf der Straße , die unter mir lag, war schon dieses Ersterben der Natur zu erahnen. Ich dachte, das es nicht von ungefähr käme, das man im Herbst soviel an Abschied denkt und an das Nimmerwiedersehen, oder gar an den Tod. Natürlich weiß ich, das der Frühling wieder völlig andere Bilder zaubert; könnte einfach nur sagen: das doch alles Gute im Inneren läge, im Verborgenen und das die kalte, schmutzige Welt drumherum diesen guten Kern des Wissens um die Wiederkehr nie anzutasten vermag, trotzdem.

Denn wenn ich das Ruhen, das Nichtstun und das Ausharren der Natur betrachte, weiß ich, das zwar wie zum Beispiel der Frost als Allegorie zum Draußen vieles ersterben lässt, aber das auch der gleiche Frost nötig ist, um chemische Prozesse in einem Pflanzensamen in Gang zu setzen, die gewährleisten, das das verborgene unter der Erdkruste im Frühling sogar Pflastersteine aufbrechen kann, nur um die Schönheit seiner Blüte ans Licht zu bringen. Es ist merkwürdig, wie dieser schattige Tag in meinen Gedanken Assoziationen freisetzt… So wie ein Schatten das Licht nur kurz verbergen kann, so wie Glasscheiben oder glattpolierter Asphalt die restliche Sonne reflektieren, so reflektieren Menschen auch in dunklen Momenten ihres Lebens diese Kraft, die im Übergang der Jahreszeiten liegt . Man kann plötzlich in diesem Riss der Zeit, der sich zwischen dem abrupten Übergang von Sommer zum Herbst schiebt, sich selbst klar und deutlich erkennen. Man kann verstehen, das das Ungeordnete, das Dunkle oder Verborgene nach einem Gesicht verlangt.

Aber da nur der Tod die Rätsel für all das Verborgene auflösen kann und Ordnung ins SEIN bringt, erklärt man sich selbst das Unerklärbare am Kommen und Gehen, am Wechsel der Jahreszeiten, die uns Menschen an den Zeitabschnitten festzurren, als gälte nur dieses eine Gesetz. Uns wird in diesen kleinen aufhellenden Zeitrissen klar (oder ist es eine Art Blick durch ein anderes Schlüsselloch…) das wir das Gesicht, nachdem man ein Leben lang sucht , nie selbst sehen werden, sondern nur die Menschen, die schlussendlich da sind, wenn der letzte Herbst kommt.

http://img143.imageshack.us/img143/8316/bild091b.jpg http://img193.imageshack.us/img193/56/bild090y.jpg http://img36.imageshack.us/img36/125/bild089w.jpg

ps. die Fotos sind alte Grabsteine ca. 1702 -1716 vom Böhmischen Gottesacker in Berlin Neukölln/ Rixdorf

MAR

September 10, 2009

das JETZT heftet sich an unsere schritte

Gespeichert unter: philosophische FRAGMENTe, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 9:46

Zeit haben! Wer kann das von sich behaupten ? Im Eilschritt durchquert man einen Tag, um am Ende ganz erschöpft zu sagen: wieder mal ist sie mir durch die Finger geronnen….

Im Herbst habe ich merkwürdigerweise immer das Gefühl, unendlich viel von ihr zu haben, dieser nicht messbaren  Einheit dieses Phänomens, welches alle Gegenwart -und Zukunftsgeschichten im Jetzt vereint. Ich schaue mir die Bilder des Sommers an, die mir von unendlichen Tagen zu sprechen scheinen- kein Wunder, denn sie sind festgehalten in diesen Momentaufnahmen. Damals, das scheint lange her zu sein und doch sind erst 2 Monate vergangen, als die Sonne ganz oben das schwarze Universum ausleuchtete. Die Zeit verwischte zu gelben, flirrenden Punkten und sang blütenreiche Lieder von der Unendlichkeit.

Heute, wenn ich den wassergrauen Himmel sehe, ist von dieser Fülle von Farben in den Wolken nichts mehr zu erkennen. Alles, was der Sommer so trunken und überbordend verschenkte an Licht und Wärme, schaukelt jetzt als rotes Weinlaub an der alten Mauer. In metamorphosischer Weisheit  lagert sich die Sommerzeit dort ab, wo längst Herbst ist.

Und es wird keine 2 Wochen mehr dauern und das Laub wird unter meinen Füßen rascheln. Es wird sich dem Sterben, dem Tod ausliefern, noch einmal im ersten Herbstregen nass und schwer schimmern und glitzern und dann doch von einem Gärtner zusammengekehrt und weggeworfen werden. All die Kraft des Sommers, das Geheimnis der Verwandlung, die gespeicherte Zeit- sie wird dann irgendwo meinen Blicken entzogen wieder zu Erde werden. Vielleicht nicht nächstes Jahr, aber das Jahr darauf wird dieser dicke, braune Kompost, der von Tagen und Wochen eines Sommers durchdrungen ist, der die Farben in ihrer gesamten Palette trägt, die ersten Frühlingsblumen ernähren.

Es ist ein Wunder und ein Geheimnis, wie sich die Zeit als Künstler präsentiert, dessen Bilder tagein und tagaus in der unsichtbaren Galerie hängen, die wir die Zeitspanne eines Menschen nennen, und im gleichen Atemzug wissen, das selbst, wenn wir nicht mehr da sein werden, diese Galerie geöffnet sein wird.   Diese sichtbaren Zeitabschnitte, diese farbigen Mimikry  derer sich die ZEIT bedient, täuschen uns durch unser ganzes Leben hindurch. Wenn man von Gestern spricht, ist es heute schon Vergangenheit.

Wie ich eingangs schon bemerkte, ich fühle ich mich  im Herbst von all der Zeit durchdrungen, die ich messen konnte an den Bildern ,  fühle ich mich so, als würde ich alle Fenster in meinem Lebenshaus öffnen und bäte die Zeit herein, mein ewiger Gast zu sein .

Zeit haben! Wir haben sie immer. Das Jetzt heftet sich an unsere Schritte und wir bemerken es nicht einmal, wie wir die Transporteure der Unermesslichkeit werden.

April 10, 2009

leere und fülle

März 10, 2009

trauer

Gespeichert unter: sprach-RÄUME lyrik, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 11:35

Der Schlaf gefriert
und mit ihm alle Träume.
Im Schrank versteckt
die Einsamkeit der Nacht.

Mondschatten ruht
auf dem Tag
um sich zu erneuern
wenn die Zeit kommt.

Kalt bläst der Atem
das letzte Leben aus.
Täuschung aus Wahrheit
und Wahrheit täuscht.

Im Dachgiebel ruft
das morsche Holz,
denn es weiß,
er wird mit Dir begraben.

Dann ist selbst
der Schein der Sterne
nur ein welker Strauß
auf altem Papier.

Wenn es läutet
an der Tür
werde ich bereit sein-
Der Schatten ist mein Licht.

MAR

November 30, 2008

STILLE

Gespeichert unter: going underGROUND, kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 11:53

berlin-spreebogen


 

Meine U- Bahn! Ich muss doch den Berliner Verkehrsbetrieben wirklich danken…Die vielen Stationen, die ich täglich zur Uni fahren muss, liefern mir soviel Möglichkeiten, die Welt zu betrachten, die Menschen zu beobachten, oder auch mal ganz bewusst mich auszuklinken aus der lauten Welt eines U-Bahnhofes. Man weiß ja, das ist nicht einfach; Kinder quengeln nach einem Stück Schokolade, Ehepartner streiten sich laut, an der nächsten Station steigen Musikanten ein, die meinen, sie müssten die Fahrgäste am frühen Morgen mit einem Verschnitt zwischen russischen Walzer und peruanischen Volksliedern beglücken. Der Walkman meines jungen Nachbarn liefert mir Eminen frei „Ohr“ , der kleine Pinscher zwischen den Beinen meines hinteren Nachbarn quietscht laut auf, weil so ein kleiner Rabauke ihm auf den Schwanz getreten hat, ach ja, und der „Straßenfeger“ und die „Motz“ sind wieder neu erschienen und mit leiernder Stimme wird uns erklärt, das man doch tatsächlich mit diesem Erlös kein Rauschgift konsumieren wird, sondern eine Bettenburg für den Winter herrichten will für Wohnungslose…
Umsteigen…. Ach ja, die letzten 4 Stationen bis Ku’damm sind die ruhigsten, selbst um diese Zeit. Hier sind nur die ganz gut bekannten Wilmersdorfer Witwen, die im Kadewe ihren echt norwegischen Lachs kaufen wollen, das Kilo für 56,00 Euro… wir haben es doch! Ein, zwei Studenten haben sich auf einer Bank niedergelassen und reden sehr laut über irgendeine physikalische Einheit; ein recht gut zurechtgemachtes junges Fräulein (sagt man denn das heute noch…?) läuft mit hochhackigen Schuhen auf dem Bahnsteig hin und her… tak tak tak…

Ich möchte flüchten! Was ist das für ein Morgen! In meinem Kopf schwirrt es , weil das blöde Seminar mir im Magen liegt, welches man uns für zwei volle Tage „hineingedrückt“ hat; Training , wie man unhöfliche und aggressiver Bibliotheksbenutzer zu händeln hat. Dafür musste ich auch noch früher aufstehen als sonst… Nein, so einen Tag wünscht man niemanden. Meine Berliner Verkehrsbetriebe haben da so eine Möglichkeit geschaffen, das man mal mit den Gedanken auf Reisen gehen kann… Sehr wirksam, sehr werbungsorientiert und verkaufstüchtig. Überall hängen in der U-Bahn farbenfrohe Plakate. Riesengroße papierne Wände, die mir den musikalischen Kunstgenuss einer Tanzgruppe and Herz legen wollen, Musik, die mit Gummistiefeln auf den Theaterboden eingestampft wird, schön laut und rhythmisch, und gleich daneben steht mit großen Lettern und tiefblauer Schrift ein lockendes Plakat einer ganz anderen Musikrichtung, die unsere Kulturszene gerade beglückt… dort wirbeln wildgewordene Männer mit Blechschilden und Schwertern über die Bühne und zeigen mit kraftvollen Rufen und Schreien, untermalt von einer Grimassenschneiderei und „Haudrauf“- Gestik wie die Männer doch mal männlich waren in der guten alten Zeit… Ich erinnerte mich vage an ein anderes Plakat vom Sommer, als die japanischen Teufelstrommler mit halbnacktem und schweißglänzendem Oberkörper die Ästhetik des Fernen Ostens unter Zuhilfenahme von lautstarker Musik dem verwöhnten Musikliebhaber darbringen wollte…. Also nichts gegen die urbanen und sehr authentischen Instrumente der sicher schwerarbeitenden Künstler, ABER heute … heute an diesem Tag hatte ich sogar das Gefühl, mich würden die Plakate anbrüllen… als lachten sie mich aus…Ruhe? Ruhe willst Du und Stille?…

Was ist mit dieser Welt geschehen? Ist es immer so laut? Warum schreien schon die Plakate ihren Lärm so in den Tag? Warum lasse ich mich heute so von diesem Krach aus dem Takt bringen? Warum mag ich nicht den suggerierten Bildern folgen? Muss ich denn diesen Klängen folgen, die mir nicht behagen? Nein. Ich mag nicht.
Ich atme tief durch.

Ich wäre nicht ich, wenn dieser Morgen mir nichts Bestimmtes zu sagen hätte…
Ich höre in mich hinein. Ich schließe die Augen und entferne mich langsam vom Geschwätz der alten Damen, vom tak tak tak der jungen Frau, vom physikalischen Prinzip der beiden Studenten. Ich blende die schöne bunte Welt des Konsums aus…Hinter meinen geschlossenen Lidern sehe ich den unbekannten Strand meines kommenden Urlaubs, ich höre das Rauschen von Wellen. Es wird ganz still in mir. Kleine bunte Kreise tanzen an meinen Augen vorbei, das Alltagskonfetti einer Minutenträumerei…Eine leichte Brise streichelt meine Wangen…. Ist das der Wind, der vom Meer herüberweht?

Nein, die Ernüchterung folgt; es ist nur die U-Bahn, die einfährt und die schwere maschinenölgetränkte Luft des U-Bahnschachtes vor sich herschiebt… Einsteigen bitte! Türen schließen! Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges!
Ich bleibe stehen, denn ich möchte das leichte Schwanken genießen, welches sich auf meinen Körper überträgt, während die U-Bahn fährt. Es ist fast so, als schaukele man auf einem Dampfer; na ja wenigstens für 4 Stationen noch mache ich Traumurlaub in meiner eigenen Stille.
Kaum zu glauben, das ein Tag, der so lärmend und eindringlich begonnen hat, mit einem leichtbeschwingten stillem Einvernehmen mit der Welt und mit mir weitergehen kann.
Ich steige aus und betrete Neuland. Nein, nicht das ich mich verfahren hätte! Es ist die gleiche Station wie an jedem Morgen. Über dem Zoologischen Garten scheint gerade der Tag zu beginnen, der Park scheint noch die nächtliche Ruhe auszuatmen… ein paar Krähen hocken in den Bäumen und geben ein verhaltenes Krächzen von sich. Ach ja! Sie rufen den anderen Krähen etwas zu, die hoch oben wie eine dicke schwarze lebendige Wolke über dem Bahnhof kreisen.
Die Geräusche über dem nun fast stillgelegtem Bahnhof Zoo sind wie ein Violinkonzert, sogar das Einfahren der S-Bahn ist ein Adagio. Wie still kann die Welt sein, wie laut kann die Welt sein. Laut und leise. Beides ist allgegenwärtig.

Ich denke mir, dass man sich doch die Stille einfach nehmen sollte, wenn es uns an manchen Tagen einfach zu laut wird.
Sie ist doch immer da- die Stille in uns. Und auch die Stille inmitten der lauten Welt.

November 23, 2008

cafe harem

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Café Harem

Wie roter Schnee stiebt die Asche ums Haus,

die Dunkelheit anmahnend, Glühwürmchen im Winter…

die Nacht ohne Ende, die ein Leben lang,

so scheint es, diese Männer ummantelt,

zeichnet für Momente eine Einsamkeit

als vagen Schatten dorthin,

wo ich sonst meine Füße setze, wenn ich

ihren Weg kreuze…

Noch am Morgen fällt das fade Licht

auf die Strasse, gefiltert

durch den Rauch hunderter Zigaretten,

schiebt es sich durch einen Spalt Fenster.

Müde baumelt die Lampe und macht

die Trauer an der Atemluft sichtbar ,

die in kleinen Rinnsalen am Fenster haftet.

All die ungeweinten Tränen verlorenen Glücks.

November 19, 2008

geSCHICHTen

Gespeichert unter: DER mensch als fremder ORT, wahrNEHMungen — Schlagworte: , — silkandpaper @ 6:42

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Immer sind die dunklen Tage gut, um Geschichten zu erfinden. Wir setzen uns und lauschen dem Leben. Im Schein von gelben Licht , im flackernden Schattenspiel einer Kerzenflamme erstehen sie aus dem Fundus unserer Erinnerungen und Wahrnehmungen, all dem , was uns umkreist und außerhalb des Ich’s wie in einem großen Geschenkkarton ruht und uns auf Momente hinweist, die es wert sind , Geschichten zu werden. Wir schnüren unser Leben zu kleinen Bündeln und werfen sie über die Schulter und wissen genau, das all die Zutaten da draußen sind , die das Zubereiten dieser Geistesspeisen ermöglichen
Eigentlich sind Geschichten immer schon da, Gefühle, Gebilde, Wahrnehmungen die plötzlich wie aus einem Dunkel heraus auf uns zukommen, hervortreten wie aus einem verwinkelten Hauseingang und sagen: hallo, hier sind wir, gib uns die richtigen Worte, gib uns das Kleid, welches uns schmückt …

Wir strecken die Hände aus und greifen nach den Buchstaben. Ein dichtes Wirbeln von Punkten, Kommata und Strichen, Schlaufen, die auf und ab gleiten, große Buchstaben, die wie eine Kinderschaukel einladen, sich darauf niederzulassen um mit Schwung ins Weite hinauf zu fliegen, hinein in die Wortträumereien aus den Märchen, die wir nicht vergessen haben. Wir pflücken aus den ätherischen Wolken von Klängen seidene Metapher , um das, was unsere Geschichte werden soll , mit Wohlklang zu schmücken.
Wortleitern tragen uns von Raum zu Raum, und lassen das alltägliche Nichts zu einer bunten Collage verschwimmen. Zwischen Zuhören und verstehen badet sich die Phantasie in den Wellen und Klängen der Sprache Die Abgrenzungen zwischen Geschichten sind kleine vorwitzige Kobolde, die sich rund und kichernd am rechten Rand ducken und sogar, um den Schabernack noch weiter zu treiben, mitunter dreifach die Wortmusik beenden…
Sie spielen mit ihrer Wenigkeit und wissen trotzdem, das nach ihnen alles neu beginnt. Punkte besiegeln und begrenzen , aber sie sind auch wie eine Partitur auf Notenpapier und die Unterbrechungen und das Beenden und Beginnen von Dingen und Undingen sind fast wie ein Wehklagen oder Sehnsuchtsgesänge, denn was kommt danach?

Ist die eine Geschichte zu Ende, will die andere Geschichte sich hervorwagen wie aus einem großen Korb, der fast wie das Innere eines Bienenkorbes in all den Waben und Kammern Tausende von Geschichten verbirgt .Wirgeschichten oder Ichgeschichten, Dugeschichten und Geschichten vom Diesseits und vom Jenseits , ein Buchstabengestöber , welches der Zerstreuung des Geistes und des Wiederfindens seiner Selbst dient…
Wir nehmen von all den vielen Fäden, die sich zum Spinnen von Geschichten eignen, wir verstricken uns ohne viel Zutun in ein Gewebe von Fragezeichen und erstauntem Ausrufen, zustimmendem Kopfnicken und ehe man es sich versieht, sind wir weich eingebettet in Rätsel und wissen dennoch, das alles, was wir sagen , uns doch schon längst bekannt sein muß, denn unausgesprochen und vielleicht leise anklopfend haben uns diese Geschichten in diesem Bienenstock voller Räume , schon längst erinnert, das es Zeit wäre , sie ins Licht und somit auftauchen zu lassen.

Leicht und tänzelnd kommen die Worte wie aus der Ferne auf uns zu, am Horizont erscheinen sie wie ein schmaler Strich, ein Schatten, ein Ball und mit zunehmendem Gebrumm und Gesäusel überrollen sie uns fast. In ihrer Farbigkeit überstrahlen sie sogar das hellste Licht, und das sogar, wenn es , so wie jetzt, im Zimmer eigentlich dämmerig ist . Wie eine gute Bekannte klingelt die Erinnerung an der Tür und holt , wie dieselbe zwei Stricknadeln heraus, um das, was vorhanden ist, zu verstricken und zu bekleiden.
Rätselhaft gibt sich der Raum, wenn die Geschichten sich an den Wänden niederlassen und sich wie kleine flatternde Vögel in Nischen festhalten , um dann, nachdem sie sich ausgeruht haben, wie aufgeschreckt davon zu huschen. Wie Kinder klatschen wir vor Begeisterung in die Hände , wenn wir bekannte Worte wiedertreffen, oder wenn langverlorene oder geflüsterte Wortfragmente plötzlich wie eine Illustration im lichtverfremdeten Raum stehen.
Die Umrisse der Erinnerung nimmt Kontur an, und wen interessiert es schon, das selbst uns beim Erzählen des uns schon längst Vertrautem ein Schauer über dem Rücken läuft. Da , wo sonst Nichts ist, baut sich ein Schloss in den Himmel und man kann über den eigenen Schatten springen, rettet sich mit einem Komma in den Nebensatz und erkennt, das die Wahrheit zwischen der Dugeschichte und der Ichgeschichte noch mit einem Dreifachrätsel und einem Kampf mit dem Drachen noch errungen werden muss.

Es wird sehr früh Nacht, wenn es Winter ist. Das ist die Zeit, Geschichten zu schreiben. Wir sitzen an Tischen und spitzen die Bleistifte an. Die Tinte verbannen wir , denn nur mit einem Bleistift geschriebene Geschichten können wir noch radieren und verändern. Nicht selten denkt man, wie gut es sei, wenn man die Geschichten verböge, sie noch einmal abändere oder gar ganz anders formulieren sollte. Wir können es drehen und wenden, das Papier hat schon alles verewigt und trägt selbst Ausradiertes wie eine kleine eigenständige Geschichte mit sich herum. . Es ist gleich, wie sehr wir innerhalb unseres eigenen Märchens die Begebenheiten verändern, ob wir berichtigen und erleichtert aufatmen, das sich der Schatten des drohenden Berges in kleine Kieselsteine verwandelt hat, in Wahrheit haben wir nur die Furcht in Hoffnung umgeschrieben , und die Hoffnung zur Liebe gemacht und die Liebe zu einer Kraft , die tatsächlich Berge versetzen kann, nämlich dann, wenn der Berg Stück für Stück und Kieselstein für Kieselstein abgetragen wird.

Was für eine Geschichte! Ja.
Hinter dem Wort, welches aus uns herausbricht und sich seine Geschwister sucht, steht das Sein von Dingen , die sich nur durch das Aussprechen eines Willen verändern.
Solche Geschichten lieben wir, die nach Fortsetzung rufen, die , obwohl sie klein und fast unscheinbar sind, doch den Raum um uns herum füllen. Alles im Raum und alles im Leben ist voller Wirklichkeit und doch unwirklich genug, um es nicht sofort zu erkennen. .
Die Lampe flackert , die Lichtkegel der vorbeifahrenden Autos huschen durch das Zimmer. An der decke malen sie gelbe und rote Kreise und verschwinden lautlos im Nichts. Morgen vielleicht, wenn sich die Kreise wieder in meinem Zimmer verirren, kommt sie wieder, die Erinnerung an das Licht im Dunkel.
Die Worte wollen jetzt ruhen. Sie sammeln sich und fädeln sich auf zu dieser schwarzen Perlenkette aus Tinte und Feder und lassen sich verpacken in raschelndes Papier. Die Tagebücher unserer Kindheit werden erwachsen und aus denselben Worten werden morgen sehnsuchtsvolle Lieder entstehen oder ein Orkan aus fast unverständlichen Lauten , die aufwirbeln und sich auftürmen zu übergroßen Wortstrudeln, fast wie ein Tornado , der alles hinwegfegt.
Wir nehmen die Geschichten und lösen die Schnüre von den Bündeln auf unserem Rücken. Und egal wie Worte sind, laut und wild , oder sanft und weich, mitreißend oder zerstörerisch, schmeichelnd oder fordernd; auch wenn wir sie nicht aussprechen, sind sie da.

Die Wortkleider und Sprachketten , die Punkte eines Lebens.
Und egal, wie voll kleiner und großer Geschichten das Leben ist , egal, wie es summt und singt oder weint und lacht; es scheint , daß wir, wenn wir uns inmitten einer großen Wiese diesem Stimmengewirr aus Erkenntnis, Wahrheit, Wahrnehmung und Erinnerung nähern , alles  umgeben ist  von archaischer Stille.
 
 
MAR , 19.11.2008

November 11, 2008

türme? nEIN ! türen

massada

Türme? Nein, Türen!

 

Der Mensch ist ein fremder Ort , er ist der Turm von Babel , der zwar hoch hinaufragt und weithin sichtbar im Gedächtnis der Menschheit als geflügeltes Wort beheimatet ist , der aber auch als synonym für Unverständnis und Sprachgewirr steht. Der Mensch als Raum, als Gefäß für die Sprachen der Welt, für die Kulturen der Welt…

Beim Blättern in einer Museumsbuchhandlung entdeckte ich zufällig das Bild vom Turmbau zu Babel von Gustave Dorè , dessen Bilder und Illustrationen immer einen Hauch von Science-Fiction haben und das, obwohl er aus einem ganz anderen Jahrhundert stammt als die, die sich gern seiner Bilder bedienen.

Vor dem wolkenverhangenen konischen Turm von Babel richtet sich in fast verzweifelter Pose ein Mensch auf, der mit den geöffneten Händen den Himmel anzuflehen scheint.

Ich war und bin immer sehr weit entfernt von mystisch-verklärten , biblischen Darstellungen, aber unter dem Blick , sie als Allegorie zu erkennen, die der literarischen Metapher gleich, gerade DURCH das „andere ausdrücken“ die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, blieb ich bei diesem Bild nachhaltig berührt.

Ich war am Samstag mit Kindern und Jugendlichen im Museum. Es war die Ausstellung von Candice Breitz, die sich mit dem Starkult Jugendlicher auseinander gesetzt hat und auf sehr eindrucksvolle Weise reflektiert. Nach dem Besuch ist eigentlich vor dem Besuch, denn wie auch beim Lesen öffnen sich plötzlich geistige Türen und Schleusen und ehe man sich versieht , plant man schon den nächsten Besuch, das nächste Buch, die nächste Ausstellung.

Nach der Ausstellung gingen wir ins Café und das Postkartenbild legte ich auf den Tisch.

Dieser kurze Absatz ist für Euch Lesende schon ein babylonische Sprachgewirr? Was hat Dorès Bild mit Starkult zu tun und wieso sind biblische Themen in der Malerei mitunter wie eine Eintrittskarte zu sich selbst ?

Ich versuche es auf einen Nenner zu bringen. Beim Betrachten des Bildes fiel mir ganz spontan das Wort „Identität“ ein . Wie die Geschichte um den Turmbau von Babel zustande kam, kennt eigentlich jede, zur Erinnerung die Kurzfassung: r… die EINE Sprache, die bis dahin alle Völker sprachen, zerfiel in 70 Sprachen und alles, die sich vorher mühelos verständigen konnten, wurden der gemeinsamen Sprache beraubt.

Breitz’ Ausstellung: zusammengetragene Aufzeichnungen von nachgestellten und nachgesungenen Songs von Popstars durch jugendliche Fans : … wie eine Suche nach der verlorenen Identität, wie das Vergessene noch vergessener machen, wie das Daherschenken seiner selbst zugunsten einer fremden Identität.

Identität ist so wie es scheint Heimat ; so wie ich diese Verlorenheit des flehenden Menschen auf dem Bild von Dorè deute, ist es nicht nur der Schmerz über den Verlust der Sprache, sondern auch der Schmerz um den Verlust der Heimat, die den Menschen offensichtlich als kollektives Erinnern oder kollektives Gedächtnis bis heute prägt . Identitätssuche, Identitätsfindung geht doch immer einher mit Sprache.

Im Gespräch mit den Jugendlichen über die Problematik von Starkult, über die Selbstaufgabe bis hin zur Starhysterie zu Gunsten von Fanclubs etc. , spannte sich ohne weiteres Zutun der Bogen bis hin zu diesem Bild , welches im Caféhaus auf dem Tisch lag. Ich nahm im Gespräch keinen großen Bezug auf die Genesis, weil es mir in diesem spontanen Miteinander weniger um religiöse Malerei als um Selbstentdeckung, Selbstfindung und Selbsterkenntnis von Teenagern ging.

Ja, man kann sehr gut erklären, das wir alle „fremde Orte“ sind. Wir alle sind ein Stück vom Turm , sprachverloren, ständig auf der Suche nach dem Ich, nach dem, was uns ausmacht, nach dem , was uns miteinander verbindet und uns ähnlich macht.

Nicht selten stürzen wir uns ins Sprachgewirr und versuchen, die Worte zu entziffern, zu verstehen und selten will man sich eingestehen, das man NICHT so weit ins Gedächtnis der Menschheit zurückgehen kann, um ALLES zu begreifen, was die Einzigartigkeit eines jeden einzelnen ausmacht. Nicht selten müssen wir uns damit zufrieden geben, wenn wir uns selbst manchmal nur ansatzweise verstehen können.

 

Der Mensch ist ein fremder Ort , und es lohnt sich, ihn aufzusuchen, ihn zu bereisen. Wie ? Redet miteinander ! Auch wenn der Schatten des Turm von Babel auf Euch fällt. Auch wenn man dreimal nachfragen muss… Auch wenn man eine andere Sprache lernen muss. Redet. Und vielleicht ist eine Postkarte oder ein Lied der Anfang dazu.

MAR 2008

August 22, 2008

MARIA REICHE

Gespeichert unter: DER mensch als fremder ORT, wahrNEHMungen, zomet WEGkreuzungen — silkandpaper @ 8:47


Seit ungefähr 20 Jahren beschäftigt mich das Werk dieser aussergewöhnlichen Frau.

Aufmerksam gemacht hatte mich ein befreundeter Maler aus Japan

und auch heute noch gibt es Momente, wo ich bedauere, noch nie DORT gewesen zu sein.

Maria Reiche

Infos über Maria Reiche

Über Maria Reiche

Maria Reiche auf Wikipedia

Juni 30, 2008

der AUGENBLICK ohne erinnerung

Gespeichert unter: DER mensch als fremder ORT, wahrNEHMungen — Schlagworte: , , , , — silkandpaper @ 3:53

 

 

mond12

seit ich bin , baue ich mir ein haus , das haus aus worten,
die unter meinen
worten schlummern.
sie schweigen und sie flüstern. sie sind laut in der stille
und still wenn es lärmt.
seit ich bin, bin ich ein kind ,
welches immer wiedergeboren,
jeden tag die worte neu entdeckt.
wie ein wanderer in den zwischentönen dieser sprache!
immer auf der reise , mit wenig gepäck , bist  auch  du ,
fremder freund. du trägst alles mit dir – in dir.

wenn du dich im spiegel betrachtest,an einem weiher im wald vielleicht ,

und die kleinen wellen des lebendigen wassers
kräuseln über dein „zweites“ gesicht,
wirst du dich um so erstaunter betrachten,
wenn dein abbild wieder das gleiche
scheint und doch ein anderer atem dich gestreift hat.
denn so, wie das wasser sich wellt und dem wind fügt und anschmiegt,

so schmiegt sich auch dein wahres
gesicht dem ewigen an.
du streckst dein gesicht zum licht und du wirst
raum-zeit.

dein abbild wird weitergetragen ,
hinaus in die welten, die nach diesem moment kommen
und irgendwo wird dieses gesicht auf menschen treffen,
denen es gefallen wird, sich mit dir zu schmücken…

so ist es für mich mit den worten und den sprachen dieser welt.

du erahnst , das der klang in dir, der raum, der dein SEIN
zum klingen bringt, wie das festkleid ist ,

welches den abend erstrahlen lässt.
nichts ist zufällig… aber das ist eine erfahrung,
die man im laufe des irdischen daseins erlebt und durchlebt….
es ist wie das nikud im hebräischen alphabet,
die punktierung, das setzen der akzente, der vokal ,
der das wort zum klingen bringt .
bei einem kann es das A sein beim anderen das O .
das wort verändert sich nur im klang , aber nicht im wert seines ursprungs.
ja, ich kann dich vor mir sehen, fremder freund ,
wie du vielleicht mit rotglühendem gesicht über büchern sitzen möchtest, die weisheit des wortes trinken
und dich ernähren.
wenn ich an die zeit denke, wo ich meinen bauch im sinne des wortes vollgeschlagen habe mit dem,
was mir an wissen und erkennen bis dahin nie in die hände gefallen war
und die bedürftigkeit denke , und
ich meinem wissensdurst oder meinen drang nach sättigung nachkommen konnte….
und es ist eine wunderbare erfahrung, wenn man erkennt,
das alles in dir ist und
nach einem ausdruck verlangt. wie wird man , wie man ist…

natürlich ist ein teil meiner zeit
auch eine zeit des mangels gewesen,
aber die leere , die nicht sichtbar, aber
spürbar war, wollte gefüllt werden. selbst als kind ,
als fünfjährige, bin ich von
zu hause ausgerissen, habe die schule geschwänzt
und im garten meiner großeltern
unter dem dach einer laube dem regen zugeschaut.
ich habe diesen regen nie vergessen, nie den geruch vergessen und nie das geräusch.
als kind das leben als sinnlichkeit zu erfahren,
das kann keine schule bieten.
schon da erfährt man, das man sein eigener lehrer ist
und auch sein schüler zugleich.
es widerfährt einem eine zeitgleichheit von wissen, von einer immanenz, die das innere SEIN auskleidet.
ich denke, das diese zeit, die geprägt war von wissensdurst
auch ausgrenzung mit sich gebracht hat.
eine begrenzung, eine grenze oder auch, um
mit dem wort zu spielen und die bedeutung herauszufiltern, eine erweiterung innerhalb meiner begrenzung in einem land, wo worte wirklich verdreht werden konnten, ihres sinnes beraubt …

…. also -nichts ist zufällig,
das ich dort in der laube meiner kindheit ( laubhütte..! ) mich fand und im spiegel der regenpfützen auch erkenntnis gewann,
warum man nicht immer alles verstehen muss
aber man trotzdem alles verstehen will.
es war gut, nicht als kind traditionen verhaftet zu werden,
die mir vielleicht meine unverbrauchtheit genommen hätten.
es ist gut, das ich über andere wege zu mir
„zurück“gefunden habe….
das gefühl , das ungläubige blicke suggerieren,
das man nicht von dieser welt sein muss…
wenn menschen fragen: woher kommst du?
wenn eine wildfremde frau mich 20 jahre später  fragte,

woher kommst du , du bist so anders …
und meine antwort-
fast aufbegehrend – „natürlich von dieser welt – nicht…“

worte sind leere gefäße , und nicht immer
passt etwas vom  SEIN  in sie hinein.
man denkt immer nach, weil das gefäss des SEINS unendlich groß ist,
man möchte im geheimnis der worte baden
und gleichzeitig möchte man sichtbar machen,
was das innere kleid der sprache für einen bedeutet.
wenn ein mensch vor mir steht,
und ich sehe diesen einen zipfel wort ,
diesen einen zipfel sprache, der unter seinem wesen hervorlugt
oder sich auf seinem gesicht spiegelt, dann weiß ich ,
das dieser mensch auf dem weg ist,

raum-er-füllend zu werden, das er erfüllt und beseelt ist von wissen. von erkenntnis.
diese erkenntnis ist vom wort ausgehend verwandelbar.
sie macht aus dem menschen eine immanente person
und damit manifestiert sich weisheit in diesem menschen.
es wird erlebbar an dem handeln,
an den worten, die tatsächlich nachvollziehbar
an ihrem folgenden handeln werden.

der mensch, nämlich du , dringt zu seiner tiefe vor und kann sie,
weil er weiss und erkannt hat, authentisch sein.
das wort „erkenntnis“ hat mich immer sehr fasziniert und wie die biblische frucht der erkenntnis , dargereicht von der frau eva
( ev ist das haus-nicht wahr? )
dem erkennen haus und tür öffnete ,
und die ersten menschen begreifen lies,
das sie entblößt , bloß, nackt sind…und so entblößen
(abstreifen, aufdecken, auskleiden, ausziehen, enthüllen, entkleiden, entschleiern, sich ausziehen)…..wir uns täglich
mit worten und taten, um uns zu erkennen.
die welt offenbart sich am menschen in nur einer von vielen
uns sichtbaren formen,
die welt offenbart sich in der „nacktheit“ , der leere…
so wie das nikud, welches den vokal ersetzen kann.
das vermeintlich fehlende (vokal) wird so zum
zeiger, der ausschlägt,
zum wegweiser eines klanges, zum hell und dunkel im wort,
die auslassung wird fülle…

unsere sprich „wörtliche“ bekleidung wird abgelegt nach dieser erkenntnis,
unser räumliches sein auf null zurückgeworfen
und nach dieser erkenntnis
sollen-müssen-wollen wir als menschen durch worte,
durch sprache durch „sich wieder der fülle bewusstwerden“,
die in uns schlummert, mit offenen augen
und offenen herzen durchs leben wandern….
auch das man im paradies sich im
nacktsein, im entledigtsein aller dinge manches mal ganz alleine fühlt und das man sich auch vor dir ängstigen könnte , widerfährt den menschen;
weil im „nackten“ viel wesentlliches liegt , doch dessen man sich nicht schämen oder gar ängstigen muss …
wir müssen uns von worten leermachen können,
also nackt sein können im sinne von
etwas übervolles abgeben.
überladenes nicht als balast empfinden ,
sondern als überquellendes wissen, was
in manchen momenten keinen platz mehr in dir findet,
und du es weitergeben musst.

manches mal beunruhigt ein wort unser SEIN,
doch in der beunruhigung ist bewegung.
wenn mich etwas beunruhigt, weiss ich, es hat mit mir zu tun.
so also ist es nicht zufällig, das wir,
weil wir der beunruhigung nicht ausweichen,
uns auch offenbaren können.
das nie erkannte paradies, ist das synonym für die welt ,
die in jedem von uns ist
auch das innere paradies der kindheit und die freude,
es als solches erkannt zu haben.
man war auch mal kind , so sagt man einfach dahin ,
und man weiß doch nicht mehr,
wie es war , als man weinte und sehnsucht hatte
nach den minuten mit dem freund
oder einer heissen tasse schokolade.
das paradies ist der augenblick ohne erinnerung.

MAR 2008

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