Silk and Paper

Juli 26, 2009

brüchige WELT

Gespeichert unter: DER mensch als fremder ORT, kurzgeSCHICHTen, zomet WEGkreuzungen — silkandpaper @ 6:33

himmel hinterzarten 2 gestreckt

 
 

Die brüchige Welt ( Fragment)
Vollkommener Weg, gesäumt von ausgeputzen Gehsteigplatten, sauber gefegten Bordsteinkanten und leise vor sich hinwippenden Sommerblumen, an deren Stengeln kein welkes Blatt geduldet wurde…Hinter dem Spitzdach geht malerisch die Sonne unter und vor dem Haus reckt sich eine gestromte Katze. Leise summt der elektrische Draht in den Überlandleitungen. Ein scheinbar alter Mann quält sich behäbig die kleine Anhöhe hoch und zündet sich eine Zigarette an. Diese Stille in diesem großen Raum , der sich Himmel nennt, diese weite Unbeflecktheit ist wie ein gedeckter Tisch , der irgendwo in einem Landhaus steht und von dem ein Duft ausgeht, der an Sonntagnachmittage erinnert; kurz bevor man den frischgebackenen Streuselkuchen auf die weiße Tischdecke stellen wird und diese Beschaulichkeit einer herbeigesehnten Eleganz mit dem Duft bäuerlicher Backkunst durchbricht. So, als würde sich das letzte Licht eines heißen Nachmittags durch die blankgeputzten Fenster hindurch in den Wassergläsern spiegeln wollen, so schimmern die mit Abendtau benetzten Tannennadeln und halten die kleinen Tropfen an ihren fragilen, hellgrünen Spitzen fest. Man würde es fast glauben, wenn man sagte, das sie einen leise gläsernen Ton von sich gäben, wenn sie auf die vom Wind und von Frauenhand gefegten Strasse fallen. Sie zittern fast unbemerkbar, als der alte Mann vorüberging. Das Auftreten seiner Füße verursachten kleine Schwingungen, die sich auf die Tannen am Wegesrand übertrugen. Seine Augen blickten ins Leere, so , als würde er all diese Schönheit und diese berührende Stille nicht wahrnehmen und sich ganz anderswo aufhalten. Sein Blick öffnete irgendwie eine dunkle Tür zu einem noch dunkleren Korridor zu einer offenbar alten, verbrauchten Seele. Dort hinter den Jahren seines Lebens waren viele Türen auf-und zugeschlagen worden, die Ritzen und sogar die Schlüssellöcher verstopft- so das selbst kein einziger Schimmer nach draußen drang. Verschlossen war verschlossen, war vergessen und vorbei- warum die Türen wieder anrühren?

Selbst Nachmittage, wie sie der Abendhimmel in die Erinnerungen zaubern kann, und nun auch verborgen hinter verschlossenen Türen ruhten, möchte er nicht mehr als Begleiter in seinen Gedanken haben, wenn er diesen für ihn beschwerlichen Berg heraufsteigt.
Die sanfte, fast lautlose Stille taucht ihn in einen unsichtbaren , ja durchsichtigen Zeit- Brunnen, tief und unergründlich. Man könnte meinen, Betrachter eines alten, sepiafarbenen Bildes zu sein, einer Postkarte vielleicht, die sich in einem Stapel neuer, farbiger Abbilder einer Dorfidylle verirrt hat und erstaunt stellt man fest, während man das Foto zurückstellen möchte, das es einem vertraut vorkommt. Und so, wie man sich vielleicht das alte Foto noch einmal anschaut, bevor es wieder im Stapel der Abbildungen von konservierter Zeit verschwindet, so wirft man noch einmal den Blick auf diesen alten Mann, dessen Zigarette nur noch zart aufglimmt und nun verglüht.
Inzwischen ist es Nacht geworden. Ganz und gar in die dörfliche Dunkelheit gehüllt, lässt sich der Mann auf einer Bank nieder und nur wenn man ganz angespannt lauscht, kann man ihn atmen hören. Erstaunt stellt man fest, das dieser Atem nicht der eines Mannes sein kann, der sich nur mit großer Kraft vorwärts bewegt hat, sondern der Atem geht leise und regelmäßig und so, als hätte er nicht die Anhöhe mit Mühe erklommen . Wahrscheinlich ist der langsame, schleppende Gang nicht Zeichen seines Alters, sondern das Mühsal scheint darin zu liegen, die Türen seiner Erinnerungen mit größter Kraft zuzuhalten.
Durch die dunkelblaue Nacht zuckte ein Blitz und erhellt den Dachvorsprung, unter dem die Bank steht und sekundenhell erleuchtet der Feuerschein das Gesicht des Mannes und ich stelle erstaunt fest, das er tatsächlich nicht alt sein kann, denn sein Gesicht zeigt zwar Spuren der Zeit, aber ich schätze ihn auf die Mitte des Lebens …Ein in sich ruhender Mensch sitzt dort , mit den Händen auf den Beinen abgestützt, so als wolle er seinen Oberkörper davor bewahren, das man seine Ermüdung nicht ansähe.

Regen prasselt nieder und ich stelle mich unter das Vordach. Ein kurzes Nicken, ein Schweigen in die Stille hinein. Der Geruch von feuchter Erde, von nassem Gras und nächtlicher Frische steigt auf. Kleine Bäche verwandeln sich in flussähnliche Landschaften und reißen den Staub der Straßen mit sich. Die Beine angezogen und die Arme fest um die Knie gewunden , wechselt der Mann sein Ausharren und schaut mit fast befriedigendem Lächeln zu, wie die Erde sintflutartig hinweggeschwemmt wird. Noch einmal atmet er tief durch und beginnt zu sprechen; leise und mit einer ruhigen Stimme . Was mich an diesen unwirtlichen Ort verschlüge und wieso ich nicht wie andere Fremde den Berg hinauf eile, um ganz und gar im Trockenen zu sein. Noch ehe ich antworten konnte, lachte er kurz auf; ganz und gar im Trockenen! Was für eine Wortspielerei in einem solchen Sommer, wo Berge vom Wasser unterspült werden und mit großen Geröllbrocken ins Tal und leider auch auf die Viadukte der Schienen aufschlagen , es sei wie im Leben, meinte er. Alles stünde felsenfest und dann genügt ein Tropfen, der alles ins Rollen brächte.
Ich höre ihm zu und weiß genau ,wovon er spricht . Es scheint, als spüle der nun fast fadenförmig rinnende Regen etwas von der Fassade des nach außen hin schweigsam wirkenden Mannes herunter und gäbe einen Spalt zu den Zimmern frei, die in seinem Leben bisher verschlossen waren.
Ja, so sagte er dann, er stünde selbst im Regen.

Obwohl eine Art Vergeblichkeit in seinen Worten mitzuschwingen schien, klang es so, als wolle er in der die Nähe zu einem Menschen, unter dem Vordach des Hauses, unter dem Regendach, mitten in der Musik der Regentropfen, mehr von sich erzählen.

Ich sage immer noch nichts. Die Menschen hier in diesem Ort sind spröde und sogar oft ziemlich ungehalten. Ich bin mit meiner offenen und ungezwungenen Art nachzufragen oft auf recht kleinbürgerliche Abwehr gestoßen. Im Grunde sind die Dörfler hier sehr schwatzhaft, aber eben ungefragt. Man erzählt hier gern vom neuen Haus oder dem guten Wein, aber auch von Unwesentlichkeiten, wie das Bellen des Nachbars Hund oder das erhöhte Verkehrsaufkommen hinter der Schlucht.
Nun bin ich überrascht, das ein Mensch aus diesem Bergdorf aus dieser Verhältnismässigkeit ausbricht und sich mit seinen wenigen Worten ein Brunnen auftut, dessen Tiefe an fallenden Steinen, oder hier besser am Widerhall seiner Worte zu messen war.

Von welchem Tropfen auf welchen Felsen will er sprechen, dieser Mann, der mit mir in regennasser Einsamkeit sitzt. Ich setze mich auf und will ihm zuhören , denn ich spüre , daß etwas zu bröckeln begann.

Januar 1, 2009

wenn männer in beWEGung kommen-oder: der tag danach

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Der Tag danach- oder warum Erol nicht sterben darf
Die Überschrift sollte Euch nicht schockieren, dies ist kein Aufruf oder gar ein Angriff auf Eure Brieftaschen…. das ist der gestrige Tag von MAR, die heute den Tag „danach“ hat…..

Und auch wenn es der Silvesterabend war und nicht ein Allerweltsabend ; ich packe die Geschichte mal in das Wortdurchgangszimmer und nicht zu den Jahresendthreads , weil ich bitte in Anlehnung an die Möglichkeit der Endlosigkeit von Geschichten auch noch nach Silvester mit Sicherheit einem Morgen danach gibt ….vielleicht nicht so dramatisch angehauchte, wie Milva es mal besungen hatte , aber immerhin; unsere Leben sind voller Geschichten und kleinen Tragödien, die wir , um sie besser erklärbar zu machen in VORHER und DANACH einteilen. was auch immer wir als Danach oder Vorher bezeichnen. .Also , wenn immer Ihr solche Geschichten vom Tag danach habt: her damit !

Gestern wollte ich eigentlich einen ganz ruhigen und beschaulichen Abend alleine zu Hause verbringen, diesen Vorsatz fasste ich letzte Woche, weil ich die Knallerei und die „Hasenjagd“ nach Passanten auf der Strasse gar nicht abhaben kann.

Dann aber , Mar , also ich, ( ich sollte nicht in der dritten Person von mir sprechen…) als Kurzentschlossene , und typisch für die Eigenwilligkeit, dem Moment des letzten Tages im Jahr , doch noch in seiner Besonderheit auf den Grund zu gehen ….und aus einem zufällig gegebenen persönlichen Anlass stieß diesen Vorsatz gleich noch am gestern um…. Ich genehmigte mir nämlich eine Flasche Yakut ( OK, nur die halbe ist es hier zu Hause geworden…) schlüpfte nach ausgiebigem Bad in ein enges Schwarzes, bemühte mich die Haare zu bändigen, was mir nicht gelang , griff zur Schere und schnitt dann auch noch in einem kurzen Moment von Dummheit meinen Pony zu kurz ab… ne aber auch…! So blieb dann nichts anderes , als mich der Frisur anzupassen, und gab dem kleinen Schwarzen einfach mit einer langen Perlenkette einen Hauch von Nostalgie…. Mit Hilfe einer Maquillage gelang es mir langsam das das Gesicht einer Dame aus den 30-igern dem Spiegel zu entlocken.

Voila… der Ponyverschnitt war kaschiert . Prüfender Blick… OK. Damit keine Missverständnisse aufkommen, das Café, welches ich spontan aufsuchte, ist bekannt für schöne nostalgische türkische Musik, klassische Musik und alten Liedern aus Istanbul ala Zeki Müren…das passen Spitzenhandschuhe , Hut und eben das kleine Schwarze.

Das einzige Paar Hochhackige an und natürlich die roten Spitzenhandschuhe übergestreift… und hinaus in den Rachen der Großstadt, die Feuer spie und mit lautem Getöse und Böllern ihrer Opfer harrte… Menschen wie ich, die zusammenzucken, wenn es plötzlich zischt und merkwürdig riecht und dann….. bommmm! Kichern im Hausflur, wo die kleinen Rabauken und zu Kindern gewordenen Erwachsenen sich ergötzen an dem Erschrockensein. Nur heute darf man das….also schnell noch einen Böller hinterherschicken! Das enge Schwarze erweist sich nicht besonders als sportliches Outfit und meine ungeübten Beine in Absatzschuhen geben auch nicht das her, was sie sonst so können, wenn es ums schneller laufen geht…

Gott sei Dank ist das Café gleich um die Ecke…man folgt den größeren Familienautos , zwei Stretchlimosinen, superschicken Frauen , schulterfrei ( bei diesem Wetter! ) und den Ehegatten mit den Kindern im Schlepptau. Es ist ja nicht nur Silvester, sondern auch Kurban Bayram. Familienfest.

Das ist schon eine ganz besondere Atmosphäre; ich glaube gerade weil diese spontane Überlegung, einer netten Einladung zu folgen , sich im nachherein als äußerst ergiebige Quelle für etliche Geschichten herausstellte… Situationen und Menschen in einem Café: die Tische geflittert und mit Luftballons in einen imaginären Schwebezustand versetzt…Menschen jeden Alters und jeder Couleur fallen sich mit Worten in die Arme, welches ich nur als zwitschern wahrnehmen kann, des Türkischen nicht mächtig, aber was soll es…

Mein Gastgeber, der Namensvetter eines  kleinen Internetromans  im deutsch-türkischen Forum    ( http://www.turkish-talk.com/philosop…-der-text.html )  der sich übrigens darüber amüsierte, das jemand ihn schon jetzt am Anfang sterben lassen wollte , saß schon an einem kleinen Tisch, in Blickrichtung Mitte des Saals- er war allein, irgendwie hat hat er kein Glück mit seinen Fatma’s . Fatma Nummer 1 folgte Fatma Nummer 2 , dann eine Fatime, dann wieder eine Fatma… und als ob es dieses Jahr so in sich hat; das Jahr neigt sich dem Ende ohne Fatma.

Aber Erol wäre nicht Erol, er ist trotzdem den Freuden des Lebens nicht abgeneigt , und möchte das neue Jahr mit Spaß und einer gehörigen Portion Heimweh nach Istanbul begehen…( das Heimweh nach Istanbul ist eine ganz kleine, wenigstens zu 50% Ausrede, sich eine Flasche Raki zu ordern. Die Damengesellschaft der Familie Dilek am Nebentisch äugte etwas erschrocken hinüber, als noch meine Flasche Yakut ( die ich folgerichtig nach der von zu Hause geöffneten Flasche bestellte) . Ich musste innerlich doch schmunzeln, weil ich daran denken musste, wie wunderbar sich doch diese Posen in die folgenden Episoden des Romans übertragen lassen würden, wenn denn Erol nicht sterben müsse…mein kleines Schmunzeln blieb nicht unbemerkt und die Nachfrage beantwortete ich sehr artig mit dem Fortgang des Romans ( also das muss ich doch schnell einflechten- der echte Erol ist natürlich ganz und gar einverstanden, hier verewigt zu werden) .

Nachdem ich ihm seinen möglicherweise frühen Tod prognostiziert hatte, setze er sich aufrecht und mit unglaublich ernster Miene in seinem Stuhl zurecht. Langsam griff er in seine Hosentasche und holte einen Revolver heraus. Mir wurde es ganz heiß und kalt … Mindestens 250 Gäste waren im Raum , Volkan sang gerade Cicek Pazari und schlitterte mit geübten Schritten zwischen den Tanzenden auf dem Parkett unsere Richtung… er hatte uns erspäht und wollte Hallo mit dem Mikrofon in der Hand zuwinken, auf unseren Tisch zusteuern und mit seelenbetörender Stimme mein Herz erreichen , denn Cicek Pazari und Istanbul Sokak sind meine Lieblingslieder – Ein wenig stolperte er mit seinen Worten den Noten hinterher, wohl möglich, das er die Waffe sah, die Erol jetzt hob und einfach in Richtung Saalmitte zielte. Scheisse…. jetzt passiert etwas , dachte ich. Ist eine Fatma aufgetaucht oder eine Fatma zuviel da, oder …. Er drückte ab .

Ein leises Zischen, eine kleine zitternde Flamme – und ein Zigarettchen glimmte in seinem Mundwinkel. Die jüngere Dame der Familie Dilek war ebenso wie ich nicht ganz von diesem Spaß eingenommen und fast gleichzeitig atmeten wir tief und erleichtert auf.

Jetzt machte sich ein Lachen breit auf diesem Gesicht, die Grübchen wurden tiefer, das Lachen wurde breiter, die Haltung wieder legerer… vorbei der Spuk. „Also Erol nicht so einfach sterben, immer noch leeeebendig, bitte sagst Du das diese Schreiber von Roman…ich bin Türke, Türke nicht so einfach aufgeben.“

Cicek Pazari war verklungen; Volkans angedeuteter Handkuss auf meinen rotbehandschuhten Händen ( die übrigens meine raue Haut vom Saubermachen am Vortag vorzüglich versteckte…) machte Frau Dilek, die Jüngere, ganz eifersüchtig. Das machte mir den aufrechten Sitz und die nonchalante Pose sehr leicht.

Eifersüchtige Frauen , die auf einen Blick ihres Gesang-Idols warten , können mitunter gefährlicher werden als wenn der Mann mal gerade fremdgeht ( das sieht sie ja meist nicht…, wohl aber wenn die Frau am Nachbartisch vom Star des Abends nach dem Befinden gefragt wird… ) oh oh die Sonne verfinsterte sich …

Dafür flackerten die ersten Sternchenfeuer auf , die ersten Obst-Etagerien würden serviert, und es waren eine Menge Obst-Etagerien, die immer als ein untrügbares Zeichen von Raki-Konsum am jeweiligen Tisch zeugten ( Melonen, Äpfel, Weintrauben) .

Die Kinder, derer nicht wenige waren, tanzten selbstversunken oder mit dem wunderbaren orientalischen Hüftschwung um die Tische herum; ein roter Luftballon landete auf meinem Kopf, eine kleine Prinzessin im weißen Tüllkleid und unwiderstehlichem Lächeln holte ihn sich ab… Es wurde warm im Raum,

die Musik heizte mächtig ein, jetzt bedauerte ich zum ersten Mal das ich das enge Schwarze gewählt hatte , kein Lufthauch passte zwischen Stoff und Haut… Auch auf Erols Stirn zeichneten sich Schweissperlen ab…Seine Augen wanderten mal zu dem und zu jenem, ein freundliches Kopfnicken in die Richtung, dann in die andere Richtung, eine Lage Raki wurde geordert für die Kapelle und für Geschäftsfreunde hinter dem großen grünen Defne-Baum aus Kunststoff. Das große weiße Taschentuch glitt über Erols Stirn und er beugte sich etwas über den Tisch, um mir etwas zu sagen. Aber ich hörte nur die Geige und die Tabla, das Stampfen der Füsse und mein Handy klingelte , zwar lautlos aber das blaue Blinken machte mich trotzdem nervös . Ich stand auf, um in den Flur nach draußen zu gehen. Dabei erhaschte mein Blick die Tischgesellschaften hinter mir und auffällig in unsere Richtung vor sich hinschauend eine Frau mittleren Alters im silberglänzendem Gewand und so rotgeschminkten Mund, das man schon sagen musste, das sie garantiert nicht zu übersehen war. Ich stand in der „Schusslinie“ wenn man die Linie zwischen Erols Blicken und den Augen der Frau so nennen darf. Und es war eine Schusslinie.

Da ich erst einmal mit dem läutendem Handy nach draußen lief, entging mir die erste Szene des Schauspiels. Mehr oder weniger spielte sich eine Tragödie ab, die leise und nonverbal aber dafür um so eindringlicher, das ich förmlich fühlen konnte, das diese Frau und Erol sich kannten. Er wandte sich mir wieder zu, nachdem ich zurückkam und sagte mir, das er die Frau kenne…. Fast tonlos fragte ich: „ist das eine Fatma?“ Und er flüsterte mir wieder zu und ich konnte des Lärmes wegen nur die Lippen ablesen: “ nein, eine Hülya“.

Ups. Diesen Namen höre ich zum ersten Mal. Erol nahm den Stuhl und rückte etwas näher an mich heran.

“ Diese Frau mich haben wollen, lange Zeit, immer mich gucken , immer andere Leute fragen , ob ich verheiratet bin, andere Leute wissen mich nicht , meine private Leeeeben geheim. Aber immer wenn ich Abrechnung machen will, sie ist da und will meine Nähe sein. Ich mag diese Frau nicht. Nicht mein Geschmack. Und jetzt sie ist dort und seit ich sie sehe , sie trinkt eine Raki nach dem anderen. Schaut mich in meine Augen und trinkt ohne meine Augen zu verlassen. Scheisse…“

Na ja, meine Neugier war größer und wie so in solchen Fällen tut man so, als fiele etwas herunter und man schickt einen Blick wie heimlich und schaut , was Sache ist.

Jetzt erst viel mir auf, das der lange Blick auch vom Betrunkensein herrühren müsste.

Langsam erhob sie sich , und ich muss schon anerkennend sagen, sie konnte fast gerade laufen, und sie steuerte genau auf unseren Tisch zu. Erol, der Mächtige, der durch nichts zu Erschütternde, der Herr im weißen Anzug , der Kindskopf mit dem spitzbübischen Lachen, Erol, der noch NIE in der Öffentlichkeit getanzt hat ( “ ich bin schwere Mensch , ich tanze nicht… mit schwer meint er seine Seele…) , also dieser Erol sprang wie eingeölter Blitz auf, zerrte mich auf die Tanzfläche, breitete seine Arme aus, wie ein Greifvogel und begann eben nach guter alter türkischer Sitte zu tanzen und zu stampfen und stieß mich immer weiter in den Pulk der Menschenmenge hinein.

Meine Arme flatterten ebenso in der Luft, meine Handgelenke nahmen die türkische Staatsbürgerschaft an und konnten wie von selbst graziös den Rhythmen folgen, so als hätten sie nichts anderes getan. Und plötzlich…. plötzlich war Erol verschwunden. Abgehauen ….Ich drehte mich alleine mit Frau Dilek, der Älteren und Frau Kaya mit Kind auf dem Arm in einem Reigen.

Manno, wo ist dieser Bursche abgeblieben ? Die Musik war zu Ende, die betrunkene Frau, die zwei-dreimal unseren Tisch fassungslos umkreiste, weil niemand auf den Stühlen saß, lief besonders zielstrebig und langsam in Richtung Ausgang und dann sah ich sie noch durch die Fensterscheiben hindurch, wie sie im Dunkel des Hotelhofes verschwand. Der nette Kellner fragte mich besorgt, ob alles in Ordnung sei, weil ich so mutterseelenallein und mich den nun schadenfrohen Blicken von Frau Dilek, der Jüngeren ausgeliefert sah. Evet, evet, alles in Ordnung.

Aber wo zum Teufel ist Erol abgeblieben? Ach schau, da war er plötzlich wieder in freudiger Eintracht , mit dem Fotografen, der mit einem Papier-Rosenstrauss und einer Sofortbildkamera seine Runde drehte … Erols Blick ging ringsum , Aufatmen, die Frau war weg. Mit einem triumphierenden Blick, als hätte er gerade die Schlacht von Troja gewonnen, setzte er sich , natürlich in markanter männlicher Pose auf seinen Stuhl und schaute mich mit seinen Augen und einem Schalk darin an….

„Wo warst Du?“ ….“Auf der Toilette, da was ein kleines Fenster und ich immer durchgeguckt habe, das diese Hülya weg ist. Frau ist Katastrophe. Ihr Kollege war auf Toilette und hat mir gesagt, das Hülya ganz schockiert war, Erol mit Frau hier zu sehen. Niemand weiß, das wir nur Freund sind und keine verheiratet, aber egal…. Hülya ganz eifersüchtig und traurig und trinken und dann mit mir sprechen wollen…..ich habe so auch gedacht und deshalb lieber wegrennen zum Tanzen…“

Darauf einen Yakut und einen Raki. Sherefe.

Erol, Erol, diese Situationskomik ist einfach unbezahlbar. Es wäre unverzeihlich, wenn Erol jetzt stürbe in unserem Roman. Das Leben schreibt die besten Geschichten. Ich bin sicher, das man da noch einiges erwarten kann von ihm. Spätestens wenn Fatma Nummer 4 auftaucht. Also liebe Leute Erol lässt Euch herzlich grüßen und zwinkert Euch lausbübisch zu. Ihr , was das bedeutet. Es heisst: lasst mich bitte am Leeeeeeeben!

 

 

November 30, 2008

STILLE

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berlin-spreebogen


 

Meine U- Bahn! Ich muss doch den Berliner Verkehrsbetrieben wirklich danken…Die vielen Stationen, die ich täglich zur Uni fahren muss, liefern mir soviel Möglichkeiten, die Welt zu betrachten, die Menschen zu beobachten, oder auch mal ganz bewusst mich auszuklinken aus der lauten Welt eines U-Bahnhofes. Man weiß ja, das ist nicht einfach; Kinder quengeln nach einem Stück Schokolade, Ehepartner streiten sich laut, an der nächsten Station steigen Musikanten ein, die meinen, sie müssten die Fahrgäste am frühen Morgen mit einem Verschnitt zwischen russischen Walzer und peruanischen Volksliedern beglücken. Der Walkman meines jungen Nachbarn liefert mir Eminen frei „Ohr“ , der kleine Pinscher zwischen den Beinen meines hinteren Nachbarn quietscht laut auf, weil so ein kleiner Rabauke ihm auf den Schwanz getreten hat, ach ja, und der „Straßenfeger“ und die „Motz“ sind wieder neu erschienen und mit leiernder Stimme wird uns erklärt, das man doch tatsächlich mit diesem Erlös kein Rauschgift konsumieren wird, sondern eine Bettenburg für den Winter herrichten will für Wohnungslose…
Umsteigen…. Ach ja, die letzten 4 Stationen bis Ku’damm sind die ruhigsten, selbst um diese Zeit. Hier sind nur die ganz gut bekannten Wilmersdorfer Witwen, die im Kadewe ihren echt norwegischen Lachs kaufen wollen, das Kilo für 56,00 Euro… wir haben es doch! Ein, zwei Studenten haben sich auf einer Bank niedergelassen und reden sehr laut über irgendeine physikalische Einheit; ein recht gut zurechtgemachtes junges Fräulein (sagt man denn das heute noch…?) läuft mit hochhackigen Schuhen auf dem Bahnsteig hin und her… tak tak tak…

Ich möchte flüchten! Was ist das für ein Morgen! In meinem Kopf schwirrt es , weil das blöde Seminar mir im Magen liegt, welches man uns für zwei volle Tage „hineingedrückt“ hat; Training , wie man unhöfliche und aggressiver Bibliotheksbenutzer zu händeln hat. Dafür musste ich auch noch früher aufstehen als sonst… Nein, so einen Tag wünscht man niemanden. Meine Berliner Verkehrsbetriebe haben da so eine Möglichkeit geschaffen, das man mal mit den Gedanken auf Reisen gehen kann… Sehr wirksam, sehr werbungsorientiert und verkaufstüchtig. Überall hängen in der U-Bahn farbenfrohe Plakate. Riesengroße papierne Wände, die mir den musikalischen Kunstgenuss einer Tanzgruppe and Herz legen wollen, Musik, die mit Gummistiefeln auf den Theaterboden eingestampft wird, schön laut und rhythmisch, und gleich daneben steht mit großen Lettern und tiefblauer Schrift ein lockendes Plakat einer ganz anderen Musikrichtung, die unsere Kulturszene gerade beglückt… dort wirbeln wildgewordene Männer mit Blechschilden und Schwertern über die Bühne und zeigen mit kraftvollen Rufen und Schreien, untermalt von einer Grimassenschneiderei und „Haudrauf“- Gestik wie die Männer doch mal männlich waren in der guten alten Zeit… Ich erinnerte mich vage an ein anderes Plakat vom Sommer, als die japanischen Teufelstrommler mit halbnacktem und schweißglänzendem Oberkörper die Ästhetik des Fernen Ostens unter Zuhilfenahme von lautstarker Musik dem verwöhnten Musikliebhaber darbringen wollte…. Also nichts gegen die urbanen und sehr authentischen Instrumente der sicher schwerarbeitenden Künstler, ABER heute … heute an diesem Tag hatte ich sogar das Gefühl, mich würden die Plakate anbrüllen… als lachten sie mich aus…Ruhe? Ruhe willst Du und Stille?…

Was ist mit dieser Welt geschehen? Ist es immer so laut? Warum schreien schon die Plakate ihren Lärm so in den Tag? Warum lasse ich mich heute so von diesem Krach aus dem Takt bringen? Warum mag ich nicht den suggerierten Bildern folgen? Muss ich denn diesen Klängen folgen, die mir nicht behagen? Nein. Ich mag nicht.
Ich atme tief durch.

Ich wäre nicht ich, wenn dieser Morgen mir nichts Bestimmtes zu sagen hätte…
Ich höre in mich hinein. Ich schließe die Augen und entferne mich langsam vom Geschwätz der alten Damen, vom tak tak tak der jungen Frau, vom physikalischen Prinzip der beiden Studenten. Ich blende die schöne bunte Welt des Konsums aus…Hinter meinen geschlossenen Lidern sehe ich den unbekannten Strand meines kommenden Urlaubs, ich höre das Rauschen von Wellen. Es wird ganz still in mir. Kleine bunte Kreise tanzen an meinen Augen vorbei, das Alltagskonfetti einer Minutenträumerei…Eine leichte Brise streichelt meine Wangen…. Ist das der Wind, der vom Meer herüberweht?

Nein, die Ernüchterung folgt; es ist nur die U-Bahn, die einfährt und die schwere maschinenölgetränkte Luft des U-Bahnschachtes vor sich herschiebt… Einsteigen bitte! Türen schließen! Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges!
Ich bleibe stehen, denn ich möchte das leichte Schwanken genießen, welches sich auf meinen Körper überträgt, während die U-Bahn fährt. Es ist fast so, als schaukele man auf einem Dampfer; na ja wenigstens für 4 Stationen noch mache ich Traumurlaub in meiner eigenen Stille.
Kaum zu glauben, das ein Tag, der so lärmend und eindringlich begonnen hat, mit einem leichtbeschwingten stillem Einvernehmen mit der Welt und mit mir weitergehen kann.
Ich steige aus und betrete Neuland. Nein, nicht das ich mich verfahren hätte! Es ist die gleiche Station wie an jedem Morgen. Über dem Zoologischen Garten scheint gerade der Tag zu beginnen, der Park scheint noch die nächtliche Ruhe auszuatmen… ein paar Krähen hocken in den Bäumen und geben ein verhaltenes Krächzen von sich. Ach ja! Sie rufen den anderen Krähen etwas zu, die hoch oben wie eine dicke schwarze lebendige Wolke über dem Bahnhof kreisen.
Die Geräusche über dem nun fast stillgelegtem Bahnhof Zoo sind wie ein Violinkonzert, sogar das Einfahren der S-Bahn ist ein Adagio. Wie still kann die Welt sein, wie laut kann die Welt sein. Laut und leise. Beides ist allgegenwärtig.

Ich denke mir, dass man sich doch die Stille einfach nehmen sollte, wenn es uns an manchen Tagen einfach zu laut wird.
Sie ist doch immer da- die Stille in uns. Und auch die Stille inmitten der lauten Welt.

November 18, 2008

wenn männer in bewegung kommen- oder wann trinke ich mit ihm die halbe flASCHE wein

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Wenn Männer in Bewegung kommen- oder wann trinke ich mit ihm die halbe Flasche Wein

Das Telefon läutete. „ Ich komme etwas später, ist das ein großes Problem für Sie?“
Ich verneine und bemerkte, dass ich ohnehin zu Hause sei und es mir nicht darauf ankäme, wenn er sich um eine Stunde verspäte.

Ich nutze die Zeit, die Dokumente zu ordnen und den Taschenrechner bereit zustellen

Das Telefon läutete ein zweites Mal. „ ich bin unterwegs. In einer halben Stunde bin ich da.“ Ich blicke auf die Uhr. Es ist 19 Uhr und der Termin war auf 17 Uhr angesetzt. Ich hatte Hunger. Und ich dachte gleichzeitig, dass das Gespräch nicht länger als 30 Minuten dauern würde. Essen könne ich also auch noch später.

Das Telefon läutete ein drittes Mal. „ ich bin bin noch unterwegs…“ Ich erklärte den Weg und knallte den Hörer auf die Gabel. Das Telfon zitterte leise und ich befürchtete, dass ich es kaputtgemacht habe. Ich nahm noch einmal dem Hörer und war erleichtert, als der Ton erklang.

Wo blieb denn bloß dieser Mann, der mir das Gefühl verlieh, er nähme sich einfach zuviel Zeit. Endlich ! An der Tür höre ich ein leises Kratzen und kurz darauf schellte die Wohnungsklingel. Ich rannte den 10-Meter-Flur entlang und öffnete fast atemlos die Tür.

Im Türrahmen stand im Gegenlicht der Abendsonne der Mann, auf den ich gewartet hatte. Der erste Blick- und es geschah etwas. Es war wie ein WUSCH! Es war wie etwas, als hätte man zwei Magneten plötzlich das hölzerne Trennblatt weggezogen, was verhindert sollte, das sie aufeinanderprallen.

Ich bat den Mann in das Zimmer und setzte mich gegenüber. Alles in mir musste ich zur Ruhe zwingen. Ich wollte nichts anderes, als schnell diesen geschäftlichen Termin hinter mich bringen. Aber irgendwie kamen wir im Gespräch vom Hundertste ins Tausendste. Wir sprachen über seinen Akzent, sein Geburtsland, und unwillkürlich musste ich an die größte Diva seines Landes und an den berühmtesten Schriftsteller seiner ehemaligen Heimat, Mario Llosa, denken. An Mario Llosa eher weniger, sondern an seine Romane, die irgendwie das gleiche Kichern und Lächeln auf dem Gesicht zu tragen schienen, wie dieser Mann hier.

Nach drei Stunden Gesprächen über Literatur, Musik und Kunst und anhaltendem Lachen über ähnliche Empfindungen, zwischendurch Erläuterungen, wie man eine Wohnung kauft, begleitete ich ihn zur Tür, diesen Mann, der irgendwie gar nicht gehen mochte, sondern es bedauerte, diese Gespräche nicht fortsetzen zu können.

Ich schloss die Tür hinter ihm. Der kurze Moment, wie er wieder im Türrahmen stand und seine Hand auf das alte Holz legte, als wolle er sich abstützen, war das Letzte, was ich von ihm sah.

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Das Telefon läutete. „ Ich brauche noch einige Dokumente. Und eine Faxnummer“
„ Moment“ sagte ich, ich könne ihm die Faxnummer gleich durchgeben. Ich fand die Nummer nicht und bedauerte mit dem Hinweis, dass ich die Nummer per E-Mail zusenden könne. „Nein, nein, rufen Sie mich morgen an. Ich bin zwar nicht da, aber“…er holte Luft und fuhr fort „…aber so kann ich ihre Stimme noch einmal hören“.
Da war es wieder, dieses WUSCH!

Etwas irritiert legte ich den Hörer auf, und hoffte, das der Anrufbeantworter nicht anspringen möge, sondern eine Kollegin oder ein Kollege am Telefon wäre.
Natürlich hatte ich zu früh gehofft und meine Stimme geistert nun seit dem Juni auf diesem Anrufbeantworter herum.

Ich verreiste. Das Telefon läutete sicher, aber ich war nicht da. Aber das wusste er.
Die Dokumente lagen bereit und die Zeit arbeitet für mich. Auf der Reise dachte ich manchmal an den Mann jenseits der Anden und jenseits der Spree, aber die Gedanken verflachten ins Geschäftliche und auch die Rosen des Sommers waren längst verblüht.

Es wurde August. Ich kehrte heim, und in der Zeit tat sich alles in seinem Büro, was zu tun war, um den Grund seines ersten Besuches zur Vollendung zu bringen.
Ich schrieb noch eine e-Mail, um ein abschließendes Gespräch zu führen. Er war nicht im Büro und die e-Mail blieb unbeantwortet.
Ein Freund, der das ganze Geschehen begleitete und den Kauf der Wohnung forcierte, und auch einige Telefonate während meiner Abwesenheit mit dem Mann führte, bot sich an, den Abschluss des Kaufes per Telefonat mitzuteilen und ein angemessenes Besiegeln des Projektes anzubieten.
Ein Essen, eine Einladung, vielleicht ein eigenes Parfüm, extra für ihn kreiert.

Das Telefon läutete. Bei ihm. Auf der anderen Seite der Leitung. Mein Freund teilte sein freudiges Anliegen mit und so ergab sich wohl ein Wort dem anderen und die Unterhaltung dauerte 45 Minuten. Lautes Lachen, leises Kichern. Ich dachte mir leicht verärgert: was schwatzt er so lange mit ihm? Es klang wie ein vertrautes Gespräch unter Freunden, die sich Geheimnisse anvertrauen.

Endlich konnten wir den Champagner öffnen und anstoßen. Ein merkwürdiges Zittern begleitete mich. Im Glas funkelte der Champagner und ich sah eigentlich, wenn ich auf die Oberfläche der Champagnerschale sah, nur zwei schwarze Augen funkeln . Ich fragte meinen Freund, was es denn so lange mit diesem Mann zu kichern gab und dann sagte er mir: „ Ich glaube, bei ihm hat es auch WUSCH! gemacht. Er wurde plötzlich so sentimental im Gespräch. Er meinte, dass es so schade sei, dass mit Abschluss des Projektes der Alltag einkehrte ; er hätte sich gewünscht , miteinander irgendwie in Kontakt zu bleiben. Dieser Abschluss gäbe ihm das Gefühl, er hätte plötzlich etwas verloren “

Es hatte also WUSCH! gemacht. Und ich habe jetzt so ein Gefühl, als stünde irgendwo noch eine halbe Flasche Wein, die darauf wartet, ausgetrunken zu werden.

MAR September 2008

für J. A. Danke für die Inspiration !

November 15, 2008

Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !


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Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !

Natürlich musste wieder die gute , alte U-Bahn den Hintergrund liefern , um Geschichten entstehen zu lassen, kleine Begebenheiten und Begegnungen. Wo sonst ist man auf so engem Raum beisammen und kann sich ungestört an den Gesichtern der mitfahrenden Gäste sattsehen.

25 Minuten Fahrtzeit bieten schon einen recht schönen Zeitrahmen für einen Einakter, der fast aufführungsreif wäre, ob wegen meiner Begriffsstutzigkeit oder der belustigenden Reaktion des Fahrgastes mir gegenüber, wer weiß.
Station Berliner Straße, der Umsteigehafen für die Neuköllner Richtung , immer auch die passende Gelegenheit, einen Sitzplatz zu ergattern. Wunderbar, gleich in der ersten reihe macht jemand einen Sitzplatz frei und ich packe mich mit Handtasche , Büchertasche und einem etwas dickerem Paket, was zur Post sollte, an die Fensterreihe.
Mir schräg gegenüber sitzt ein Mann so in den Fünfzigern. Graumeliertes Haar und einen sehr gepflegten grauen Bart. Etwas unruhig rutscht er auf dem Sitz hin-und her und schaut zur decke, zum Boden, auf die Mitreisenden und dann bleibt sein Blick auf mir stehen. „was meinen Sie ? Ibo gut? “ Am Akzent höre ich , das er kein geborener Berliner ist. Ibo, das ist ein mir geläufiger Name , den ich mal hier und mal da gehört habe, Simones Mann heisst Ibo, also gehe ich in diesem Moment davon aus, das der Mann Türke ist, und die geläufige Koseform benützt.

Ich schaue ihn ganz irritiert an und antworte ( man will ja nicht unhöflich sein) , das ich nicht wüsste, ob Ibo gut sei, denn ich kenne Ibo nicht. “ Du Deutsche bist, oder? Ich habe fragen alle Leute und keiner kennt Ibo! “ Ich entschuldige mich höflich und sage, das ich ihn heute zum ersten Mal sehe und bin etwas belustigt über den Fortgang der Unterhaltung. Mittlerweile schaut der Nachbar von der anderen Seite auch schon in unsere Richtung…
„Ja, aber alle Leute von Laden haben gesagt, Ibo das Beste und ist gut und ich nicht verstehe, warum keiner Ibo kennt.“

Ich glaube in meinen Augen zeigte sich schon ein Anflug von Heiterkeit, denn ich mutmaßte, das er vielleicht aus gekränkter Eitelkeit heraus nun volle Unterstützung für sich und seinen edlen Charakter suchte- ausgerechnet in der U- Bahn, wo die Leute meist genervt oder sich gestört fühlen, wenn man was von ihnen will.
Ich mache dem Gespräch ein Ende und meinte zu ihm, das ich nicht verstehe, was er von mir will.
Kaum gesagt, steht er auf und fährt mit seiner Hand in die Hosentasche. Er wühlt und sucht und zieht ein Päckchen heraus. Ein kleines, weißes mit der Firmenaufschrift : Pharma. “ Du gucken, hier, alle sagen Ibo gut und du nicht kennen ? „

Ich schaue auf die Packung und lese die großen Buchstaben IBU und etwas kleiner gedruckt : Ibuprofen .
Ich musste plötzlich so breit lachen – er meinte Tabletten!
Ich versicherte ihm, das ich Ibuprofen kenne und das es Tabletten gegen Schmerzen seien. “ Ja, ich wissen, Frau aus Laden hat gesagt, sehr gut. Was denken du? “ Ja ich sage ihm, das ich gute Erfahrung mit Ibuprofen hatte und er diese ohne Sorge nehmen kann.
“ Ja , ich Kopfschmerzen jetzt haben. Frauen mir immer Kopfschmerzen machen“.
Ich liege innerlich fast flach vor Lachen auf dem Waggonboden. Ich war mir gar nicht bewusst, das man, wenn sich mit mir unterhält, immer IBU bei der Hand haben muss…

August 24, 2008

wenn Männer in Bewegung kommen-oder Navigationssysteme für Mann und Frau

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wenn Männer in Bewegung kommen-oder Navigationssysteme für Mann und Frau

Eigentlich bin ich in vielen Dingen, insbesondere mit dem Schreiben so richtig altmodisch. Wenn ich unterwegs bin und ich möchte unbedingt etwas notieren, dann habe ich die altbewährten fliegenden Blätter bei mir. Schon seit Kindestagen lebe ich mit diesem System, daß in irgendeiner Manteltasche doch irgendwo diese Notiz sein müßte….!
Die Zeiten ändern sich, die Bleistifte weichen dem Kugelschreiber und die Kugelschreiber weichen dem Computer.
Vor nicht einmal 15 Jahren gab es solche ausgefeilten Suchsysteme wie “ Tante Google“ . Tante Google ich eine meiner Lieblingstanten. Als Mensch, der immer auf der Suche nach interessanten Büchern ist , gibt sie mir wertvolle Tips und kann mich sogar ab und zu Schnäppchenkäufen in Online-Buchhandlungen verleiten.

Kürzlich , als es draußen regnerisch und düster war, und meine Stimmung ebenso dunkel, erinnerte ich mich an einen Spontankauf von vor zwei Jahren. Da erstand ich ein Buch, welches mich einen ebenso regnerischen Tag wie der heutige durch seine Heiterkeit und Wortwitzigkeit wirklich vergessen ließ.
Mein neuzeitliches Schreibgerät von Compaq schnurrte noch ; und so fragte ich Tante Google, ob es noch andere Bücher gäbe von diesem Witzbold, der in nullkommanix Wellness pur für meine Lachmuskeln war.
Ja, sagte die Tante, schau mal, da gibt’s eine ganze Menge. Kauf mich, riefen die Bücher! Es geht in diesem Online-Laden zu wie im Märchen von Frau Holle , wenn die Brote rufen: zieh mich raus , zieh mich raus….
Nur hier hieß das : Klick mich an und Du hast mich!

Mein kleiner Finger gehorchte aufs Wort und klickte an und in einer Rekordzeit von 3 Minuten kaufte ich zu den Büchern des Satirikers noch 2 Romane von Frau Schrobsdorff und ein neues Wörterbuch der Englischen Sprache.
Fast zufrieden lehnte ich mich zurück. Wie wunderbar es doch ist, das alles auffindbar und durchschaubar und bestellbar ist. Und das , ohne die Wohnung zu verlassen. Nun musste ich nur noch warten, das mein Briefträger ein braunes Päckchen in meinen Kasten wirft…
Der Tag, der für mich wie Weihnachten und Ostern zugleich war, ist nicht etwa mein Geburtstag , sondern der, an dem ich , die Stufen hinauf zur Wohnung eilend , schon im Hausflur die Bücherpakete aufriß. Vorsorglich zog ich den Stecker des Telefons heraus und innerhalb von 2 Tagen verschlang ich jedes Wort und ich meinte fast, der Witzbold, der die Bücher schrieb, säße zum Tee neben mir auf der Couch.

Ich dachte, das muss der Mensch doch wissen, das er aus einem Regentag Sonnenstunden zaubern kann. Tante Google schnurrte immer noch….komm, komm, hier darfst du dich bedanken…
Da ich ein gut erzogener Mensch bin, sollte man auf „Tanten“ ab und zu hören und ich nehme ihre angebotene Hilfe in Anspruch und finde tatsächlich ein kleines Gästebuch, wo hinein ich meine Freude und mein Glücksgefühl kundgeben kann. Und wohlerzogen erwartet man nicht unbedingt , daß der mit Lob Beschenkte dank dieses ausgeklügelten Systems im Internet bei mir melden wird.

Diese Zuverlässigkeit dieser Tante ist phänomenal! Was alles möglich ist und in welcher Geschwindigkeit…Ja sitzt denn der lustige Geschichtenschreiber tatsächlich mit seinem heißen Kaffee neben mir und mag sich unterhalten?
Tante Google kann mir jetzt nicht weiterhelfen; die Worte , die ich jetzt sage oder schreiben möchte, können nur aus dem Fundus meiner altmodischen Erfahrungen mit Sprache geschöpft werden. Also spielen der Schriftsteller und ich Pingpong mit kleinen, feinen Sätzen und senden uns diese per Klick zu.
„Hallo Du“ schreibt er mir „Du kannst mich kommenden Tag im Fernsehen sehen!“ Und da er wahrscheinlich in der Eile einen einzigen, klitzekleinen Buchstaben falsch geschrieben hatte, konnte ich diesem Hinweis gar nicht folgen und landete immer auf der Error-Seite. Puhh, dachte ich, dieser Mensch will sich wohl einen Scherz machen. Andererseits aber regte sich in mir mein gesundes Gefühl, das dies sicher ein Versehen war…

Also mußte ich doch wieder Tante Google in meine Privatsphäre hineinlassen und sie fragen, was um alles in der Welt meint er und vor allem wo befindet sich der Fernsehsender .
Geübte Finger tippten den Namen ein , Schlagworte wie Fernsehen, das erahnte richtige Wort und siehe da! Tausende von Informationen stürzten auf mich ein, überfluteten mich geradezu mit Informationen, so das es mir ganz schwindelig wurde. So viel wollte ich eigentlich gar nicht wissen über den geheimnisvollen Mann gegenüber ! Eigentlich genügte mir doch das Fernsehprogramm, denn auch wenn hinter einer Mattscheibe, kann ich mir dann doch aber ein lebendiges Bild machen…

Ach Tante Google! Deine Geschwätzigkeit hat mich und mein inneres Navigationsgerät für besondere Worte und besondere Menschen etwas durcheinander gebracht! All diese Informationen sind zwar gut gemeint, aber sie sagen mir all das, was ich als Briefeschreiberin gar nicht so schnell von meinem gegenüber wissen wollte…
Ich fand unter all den Informationen , die mich sehr beeindruckten , endlich auch den Fernsehsender. Unglücklicherweise konnte ich diesen Sender nicht empfangen.
Egal, wie ich meine Digitalantenne auch drehte und wendete, es wollte mir nicht gelingen. Tante Google erzählte mir von Streams und Videos , aber auch da wurde ich nicht fündig; nur eine Aufzeichnung vom letzten Jahr . Was sollte ich tun?

Eine wahre Flut von blinkenden Versuchungen: Klick mich, drück mich, downloade mich, speichere mich ab, mach eine Notiz in deine Merkliste, stell mich zu den Favoriten ein, zu den Lesezeichen….
Nein, ich wollte das alles nicht!
Ich schrieb dem erwartungsvollen Briefpartner, das ich mir die Sendung anschauen werde. Ich verschwieg ihm allerdings, das es die Aufzeichnung sein wird. Mein einfaches Navigationsgerät zum auffinden der richtigen Wörter muss einfach aktiviert werden. Wie kann ich ihm mitteilen, das ich seine Sendung nicht gesehen habe, aber auch, das ich es nicht so schlimm finde, weil dann doch noch so etwas Geheimnisvolles bestehen bleibt…

Vielleicht ist Tante Google doch nicht nur so modern und so flink und so überaus korrekt…Sie ist zudem auch sehr feinfühlig und Warum ich das sage? Trotz der Fülle , trotz der Schnelle und trotz der Treffergenauigkeit konnte sie mir vermitteln, das ich mich nicht nur auf das System verlassen sollte. Zwischen all den Ergebnissen, die mir diesen Briefpartner quasi als offenes Buch präsentieren wollten, lag immer noch all das Unausgesproche, was ich für mich als eher wichtig empfand. Die Moral von der Geschicht‘- immer trau ich Tante Google nicht!

Und so weiß ich bis heute nicht, wie die Sendung gelaufen ist. Ich hoffe, mein Briefeschreiber wird es mir erzählen. So auf altbewährte Art. Persönlich. Ohne Tante Google zwischenzuschalten…

MAR

Juni 2, 2008

WENN Männer in Bewegung kommen- oder warum karierte Hosen nicht unbedingt langweilig sein müssen

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Sehr oft, wenn ich U-Bahn fahre, werde ich das Gefühl nicht los, das ich mit meinen Blicken die Leute „ausziehe“. Nein, ich meine das nicht in dem Sinne, wie man es sonst verstehen wollte, sondern eher in dem Sinne, als zöge ich all die traurigen, fröhlichen, nachdenklichen oder flatterhaften Stunden im Leben dieser Menschen an ; wie meine Morgengarderobe, die mir stets Sorgen bereitet…
Immer und immer wieder drehe ich mich vor dem Spiegel, um letztendlich doch wieder Vertrautes überzustreifen.
Ich verstehe es selbst nicht! Wieso kauft man sich ein neues T- Shirt oder einen teuren Pullover, wenn sie doch allesamt in der gleichen Farbe sind. Aber erst dann, wenn mir das Vertraute, Bewährte auf der Haut liegt, verlasse ich mein Zuhause mit dem , was meine Zufriedenheit ausstrahlt und meine Gefühle wiedergibt.
Es ist fast wie Einkaufen, wenn ich den U-Bahn-Waggon betrete und mich mit kreischenden Farben, Blümchenmustern und zerrissenen Jeans konfrontiert sehe . Ich fühle mich wie in einem Kaufhaus, wo man Gefühle, Laune oder Provokationen kaufen kann und manches Mal halte ich inne und frage mich selbst, wieso ich den bunten Ringelpulli wieder beiseite gelegt habe – und schwarz gewandet in die Sonne gegangen bin.

Andererseits kommen mir dann so absurde Gedanken, das mein Schwarz wohl all den anderen Farben die Möglichkeit geben will, heller zu leuchten, zu strahlen, oder gar in ihnen die Sehnsucht zu wecken, sich mit dem Schwarz zu verbrüdern , es umarmen. Vielleicht verursacht dann dieses unsichtbare „hinüberspringen“ auf meine schwarze Alltagskleidung dieses Gefühl, daß ich denke, die Leben oder besser gesagt die Lebendigkeit der anderen Menschen spränge auf mich über und baut dieses satte Empfinden um mich herum auf, als würde sich eine bunte und lustige Energiequelle in diesem einen Waggon zusammenbrauen.

Allerdings fasse ich an melancholischen Tagen dieses Aufeinanderprallen der farblichen Gegensätze als etwas wie Heimatlosigkeit auf, weil alle Farbenklänge die Sehnsucht nach der Ferne wecken, und in diesem Schmelztiegel verschiedener Kleidungsstile entdecke ich sogar, das Pink eine schöne Farbe sein kann, wenn darunter gebräunte Haut sichtbar wird und sich pechschwarzes Haar darüberlegt.
Heute aber ist so ein Tag, der etwas aus dem „schwarzen“ Rahmen fällt. Heute trage ich mal alles in Weiß, na ja, nicht ganz alles, denn meine Tasche ist zwar mit weißer Seide gefüttert, aber mit schwarzen Herzchen bedruckt, die ganz versteckt unter dem derben Leinenstoff auf der Suche sind nach dem Rot und Blau und Grün und vorwitzig aus dem umgekrempelten Rand meiner Tasche heraus lugen.

Ich sitze auf einem harten Polster inmitten schwitzender Körper, die schon am frühen Morgen dampfen und dabei einen Duft von Seife verströmen. Ich beginne wie immer die Umgebung mit meinen Blicken zu erforschen, als sich plötzlich die zwei Pobacken eines Mannes vor meinem Gesicht plazieren. Kariert scheint IN zu sein, denn als ich halb empört und halb belustigt versuche, meine Augen anderswohin wandern zu lassen…und treffen sie auch das Gegenüber.

Auch mein Gegenüber liebt Kästchen! Es ist komisch, denn ich assoziiere karierte Hosen immer mit älteren Männern , aber diese beiden sind jünger als ich und sehen auch nicht so aus, als hätten sie einen verirrten Geschmack. Beim näheren Betrachten der beiden Gesichter, das eine im Profil und das andere frontal, fällt mir auf, das die beiden „Karierten“ sehr zufriedene und aufgeräumte Gesichter haben, so , als hätten sie ihr ganzes Leben wohlgeordnet in diesen kleinen schwarzweißen Kästchen ihrer Bekleidung verstaut. Ich bin mit meiner Phantasie sogar geneigt zu sagen, das diese beiden Männer sicher eine ganz und gar geradlinige Lebensspur fahren müssten, schlösse ich dies von der Pepita-Musterung ihrer Kleidung auf das Innenleben eines Menschen.

Doch halt! Zwischen dem Weiß und dem Schwarz hat sich ein lichtblauer Faden verirrt, der dort eingewebt, dieses geordnete Quadratische aufzubrechen scheint dem mathematischen Augenschein den Hauch einer unbekannten Variablen oder besser das Wissen vom angedeuteten Chaos ankündigt.

Plötzlich ist mir meine eigene heutige weiße Bekleidung nicht mehr recht.
Und das schon am frühen Morgen. Ich vermisse mein gewohntes Schwarz, das mich wie ein Beobachtungsposten distanziert und zurückhaltend sein lässt… Weiß – das ist so ein unbeschriebenes Blatt, eine Art Leere, in das man alles hineinschreiben und hineinprojezieren kann. Weiß scheint Menschen aufzufordern,es zu bemalen. Ich streife mit meinen Händen über meine weiße Hose und zupfe die schwarzen Herzen etwas weiter aus dem Innenfutter heraus, so, als wolle ich wenigstens ein klein wenig Farbe bekennen. Aber sind schwarze Herzen denn wirklich farbig? Und überhaupt, schwarze Herzen! Schlimm genug, daß es Menschen zu geben scheint, die gar kein Herz besitzen, aber ein schwarzes Herz nach außen zu kehren, kommt mir noch viel schlimmer vor…
Ich belächle meinen eigenen absurden Gedanken und schiebe das Innenfutter wieder zurück in die Hosentasche. Es ist wirklich zum Lachen! Zwei karierte Hosen , die auf dem ersten Blick etwas unzeitgemäß daherkommen, lösen bei mir eine Hinterfragung über die Zustände in den Herzen der Menschen aus ; und nicht nur das- sie lassen mich nachdenken, ob Weiß denn tatsächlich rein und klar und geordnet sein kann…

Der Mann mit dem blauen Streifen im Karo blickt auf und lächelt mich an. Er muß wohl bemerkt haben, das ich ihn betrachte.
Ich werde rot und fingere am Reißverschluß meiner Tasche herum. Ich bin verlegen und nehme mir vor, nicht andauernd die Leben anderer Menschen „überzustreifen“, während ich in der U-Bahn sitze. Ich zupfe und ziehe immer weiter am Reißverschluß und plötzlich fällt meine Tasche zu Boden. Alles, was an Inhalt darin ist, ergießt sich in den Waggon. Meine Überlebenstasche schüttet alles , was ich so am Tag benötige , vor die Füße der Fahrgäste.
Der Abdeckstift kullert unter die Bank, mein Schlüssel schlägt hart auf dem Metall auf, meine Stulle schimmert durch eine Plastiktüte und offenbart ihr Geheimnis: Salami und Gurke. Der halbdefekte Kugelschreiber zerfällt nun vollends in seine Bestandteile und meine unfreiwillige Sammlung aus Plastikkarten schlittert wie auf Eis durch den halben Wagen und der Schlüsselanhänger mit meiner Campuskarte verrät, wo ich arbeite und die Aspirin petzt, das ich manchmal Kopfweh habe….

Ich springe auf und versuche meinen ganzen Kleinsthaushalt wieder in die Tasche zu raffen. Der karierte Mann hockt sich mit mir auf den Boden und versucht zu helfen. Er kichert und sagt ziemlich gut hörbar für alle Mitfahrgäste zu mir: „recht bunt geht’s in ihrer Tasche zu! Irgendwie passt das gar nicht zu diesem Weiß. Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, ob es bei ihnen zu Hause auch so blitzblank sei…“

Nun muss ich laut loslachen. „Nö, sage ich zu ihm, auch bei mir schlingert sich ein chaotischer blauer Faden durch die Wohnung, wie in ihrer karierten Hose“ Er schaut mich verdutzt an. Woher soll er denn wissen, was ich meinen könnte? Er blickt an sich selbst herab und entdeckt wohl wirklich zum ersten Mal den blauen Faden in seinem wohlgeordnetem Leben. „Man sagt eigentlich immer , das der rote Faden sich durch alles ziehen kann, hier ist es eben ein blauer Faden, der einem Klischee Lügen strafen will…“ Jetzt schaut er noch verdutzter und ich nehme meinen Mut zusammen und meine zu ihm, daß jeder so etwas wie ein kleines verstecktes Chaos beherbergt ; der eine in der Tasche, der andere als karierte Hose… Der Mann lacht lauthals los und meint zu mir: „ ich hatte mir am morgen Kaffee über meine andere Hose geschüttet und mir danach die erstbeste Ersatzhose gegriffen. Die ist von meinem Mitbewohner…“

Oh je, dachte ich , jetzt habe ich auch noch meine Phantasie um ihre Authentizität betrogen ! Eine halbe Stunde lang mache ich mir bizarre Gedanken um karierte Hosen , um Menschen , die solche Hosen tragen. Und dann sind es nicht einmal seine Hosen- also ist es auch nicht sein wohlgeordnetes Leben, welches er spazieren trägt, sondern das eines anderen… !

Was für ein Morgen! Ich nehme mir vor, in den nächsten Tagen etwas weniger intensive Gedanken zu machen- zumindest nicht über Muster an männlichen Hosenbeinen….

 

März 26, 2008

U-bahn streik 2008

Gespeichert unter: going underGROUND, sprach-RÄUME lyrik — Schlagworte: , — silkandpaper @ 8:32

es ist wieder da
das vibrieren
aus der tiefe…
im dunkeln
höre ich
die stadt atmen.
an den gleisen
drängen sich
wieder menschen.

tage und nächte
ohne dem rhythmus
einer stadt…
nur dem pulsieren
des eigenen lebens
lauschen…
atemzug für atemzug
legte sich
auf die stille
und hob
das wesentliche
ans licht.
menschen strömten
wieder
auf gehsteigen
dem aufgehenden
tag entgegen

der untergrund
und die adern, die
sonst dem hier
ihre rastlosigkeit
aufdrückten,
schwieg.
an eisernen zäunen
flatterte die botschaft,
zu fuss das gelände
zu ergründen,
in dem man
zu hause ist.
plötzlich sah man
das haus, es war rosa
und der park dort
war ganz neu…
am ende der straße
erkannte man
seine nachbarin
und es blieb zeit.

es ist wieder da,
das rauschen
aus dem untergrund
und ich höre imaginär
die schritte
fremder menschen,
die dem ausgang zuströmen.
dumpf hallt die tür…
jetzt findet leben
wieder anderswo statt.

mar, u-bahn-streik

Januar 26, 2008

Wenn Perutz, Nietzsche und Platon MIT mir morgens U-Bahn fahren

alter-mann-in-u-bahn.jpg

………..Ruhe bewahren
bei Rauch-und Brandentwicklung
Auszusteigen während der Fahrt kann lebensgefährlich sein !………….

Meine  Berliner U-Bahn…
Auch im neuen Jahr ersetzt sie mir die Mitnahme dicker Bücher, Schlachtschinken zwischen Perutz Die 3. Kugel, Nietzsche’ s Menschliches, Allzumenschliches und Platons Phaidon.

Na ja, die gibt’s zwar schon in Reclam-Ausgaben und passen eigentlich in meine Manteltasche, aber der Inhalt zieht doch schon eine große Beule in die Manteltasche … und man will ja nicht immer das ganze Kulturwelterbe hinter sich herschleifen.

Wenn ich früher mehr auf Virtuelles achtete, oder auch die Plakate betrachtete, die mich zu Fernreisen und zu phantastischen Abenteuern einluden, so habe ich mich heute an einem Schild verfangen, welches in jeder U-Bahn in mehrfacher Ausfertigung hängt und die Menschen auffordert, bei unvorhergesehenen Situationen die Ruhe zu bewahren.
Gleich neben dem deutschen Text ist auf Englisch und Französisch die Verständigungsschwierigkeit von vornherein ausgeschlossen. Die Zweitsprache in Berlin, Türkisch. Fehlt leider.

Heute war die U-Bahn nicht so sehr voll, ich glaube, es sind noch Ferien und da geht es ruhiger zu. Trotzdem hatte ich keinen Sitzplatz.
Ich hielt es mit Perutz und einem abgewandelten Titel: ne ruhige Kugel schieben…
Schwieriger würde es mit Nietzsches Werken werden, dachte ich. Menschlich, ja allzu menschlich wäre es jetzt, jemandem am Jackett hochzuziehen, dem meinen Ausweis unter die Nase zu reiben und mich dort hinzuplumpsen. Da ich aber über eine gute Erziehung verfüge, übte ich stille Toleranz und dachte mir einfach: wer weiß, wie müde dieser Mann ist- lass ihn einfach noch ein bisschen in den Tag hineinschlummern. Und so geht mein Blick, der sich sonst im Dunkel der U-Bahnschächte verliert, zur Anzeigetafel. Dort steht:

Ruhe bewahren
bei Rauch-und Brandentwicklung
Auszusteigen während der Fahrt kann lebensgefährlich sein

Verlassen der U-Bahn während der Fahrt kann lebensgefährlich sein. Ich lese death and serious injure und lande bei Platon, der ja bekanntlich von mehr als nur von der platonischen Liebe sprach. In Phaidon geht es um den Tod von Sokrates.
Ich erinnere mich an Textpassagen, die mehr oder weniger aufgepeppt so manchem Politiker gut zu Gesicht stünden oder auch den Menschen auf der Straße würde ich gern zurufen: lest die Klassiker. Übt Euch im Allzumenschlichen und lernt, mit der Zeit, die Euch gegeben ist, gut umzugehen. Das man Erinnerungen der Vergangenheit, sei es der letzteren oder der ganz weit zurückliegenden, einen größeren Stellenwert zugestehen sollte.

„wenn jemand irgend etwas sieht oder hört oder anderswie wahrnimmt und er dann nicht nur jenes erkennt, sondern dabei noch ein anderes vorstellt, dessen Erkenntnis nicht dieselbe ist, sondern eine andere, ob wir dann nicht mit Recht sagen, dass er sich dessen nicht erinnere, wovon er so eine Vorstellung bekommen hat?“

Natürlich erinnert man sich nicht bewusst an den körperlichen Tod, das ist eine Erinnerung, die dem Unsterblichen zukommt, wohl aber sterben wir doch im Alltag viele kleine Tode.
Sei es, wenn wir verlassen werden, sei es wenn wir verlassen, sei es, wenn wir Schluss-Striche ziehen unter Begebenheiten, die uns den Lebenssaft ausgesaugt hatten. Wir bestimmen selbst, wo und wann der „Tod“ einsetzen soll.
Was hat das mit dem Schild in der U-Bahn zu tun, fragt Ihr Euch sicher. Es ist doch logisch, dass man nicht aus der fahrenden U-Bahn in einen dunklen Tunnel springt, ohne nicht zu wissen, was einem da erwartet.
Und doch sehe ich in den Gesichtern der Umherstehenden, das sie sich gar nicht im Klaren sind, das ein Schild sie auffordert, sich vor Gefahr zu schützen.
Wie der Baum auf dem Berge vom Nietzsche in meinem Gedächtnis verhaftet, der dem Sturm der Erinnerungen standhalten kann, weil er die Erinnerung an Winde verinnerlicht hat , oder so wie Platon, der sich selbst als Abwesender in seinem klassischem Werke verewigt hat.
So , als wolle er in seinem Werke , was er denke als Philosoph ( als Mensch) und dem und dem, wie er handele ( als Allzumenschlicher) , die Gegensätzlichkeit und Gleichzeitigkeit aller wesentlichen und elementaren Lebenssituationen gerecht werden. Elementar ist in meinem Moment die fahrende U-Bahn, fast ein Synonym für bewegendes Leben. Einsteigen, Losfahren. Anhalten. Aussteigen. Seines Weges gehen. Na ja, fast so. Im wahren Leben ist nach dem Aussteigen erst einmal Schluss. Es sei denn, wir halten es wie die großen Philosophen, die im Werden und Vergehen mehr zu sehen bereit sind, als wir U-Bahn-Gäste morgens um acht Uhr.

„Es ist nämlich dieses, dass nicht nur jenes Entgegengesetzte selbst sich einander nicht annimmt; sondern auch alles das, was einander eigentlich nicht entgegengesetzt ist, doch aber das Entgegengesetzte immer in sich hat, auch dieses scheint jene Idee nicht annehmen zu wollen, die der in ihm wohnenden entgegengesetzt ist, sondern, wenn sie kommt, entweder unterzugehen oder sich davonzumachen.“

………………….

Die U-Bahn fährt in den Bahnhof ein. Sie bremst leicht ab und noch in diesen Minuten werden die Türöffner betätigt und die ersten Ungeduldigen springen aus dem noch langsam fahrenden Zug.
Man möchte meinen, das es die Jüngeren wären, die sich dem wagehalsigen Manöver hingeben- nein, es ist der ältere Mann, der nun stolpert und sich das Knie aufschlägt. Ursache und Wirkung liegen so dicht beieinander. Hätte er nicht einfach eine oder zwei Sekunden warten können? Sich ein Bild machen vom Bahnhof, die Stolpersteine wahrnehmen , die nassen Steine, auf denen man ausgleiten kann, oder die Bananenschale sehen, die ihm nun zum Verhängnis wird…

Sicherlich kann man nicht sagen, das Platon oder Sokrates diesen Mann vor einem Sturz bewahrt hätten, wie gesagt: Nietzsche würde es anders sehen, oder Hegel, oder Kant.
Die Ideen, die kluge Menschen in dicke Bücher verpackt haben, oder sagen wir die Quintessenz einiger wesentlicher Erfahrungen prangen schwarz und rot auf einem kleinen Schild neben der U-Bahntür.

Das Prinzip der Teilhabe , der Anwesenheit und der Gemeinsamkeit
kann man gut in 20 Minuten Fahrt beobachten. Relationen . So ist die Größe der Gefahr beim Herausspringen aus der U-Bahn relativ.
Obwohl Menschen doch vernünftig sein sollten, so unvernünftig erscheint es den Mitfahrern in der U-Bahn, dass der Mann trotz wissender Gefahr aus dem Wagen springt ….

Allerdings, so gesteht Sokrates uns Menschen zu, kann man das Ausgeführte nicht mit Vernunft beweisen.

Meine U-Bahn ist wie immer ein metaphorischer Zwischenraum in einer realen Welt. Ich gleite mit meinen Gedanken und Ideen zwischen Draußen und Drinnen hin und her. Manchmal komme ich in Versuchung, eine Rekonstruktion von Zeitbildern oder Raumbildern oder Wortbildern in kleine Reiseberichte zu verpacken.

Ob das im Sinne der schon geschriebenen Werke ist, kann ich nicht einmal berücksichtigen, denn:

„Also dahin wendete ich mich, und indem ich jedes Mal den Gedanken zum Grunde lege, den ich für den stärksten halte, so setze ich, was mir scheint mit diesem übereinzustimmen , als wahr, es mag nun von Ursachen die Rede sein oder von was nur sonst, was aber nicht, als nicht wahr“

Es macht Spass, nachzudenken. Besonders, wenn man auf die Idee kommen sollte ,aus dem fahrenden Zug springen zu wollen.

November 10, 2007

ganz unten- MITtendurch

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Der Mensch braucht ein Zuhause. Das ist mir in den letzten Tagen ganz bewusst geworden. Eigentlich wird mir das immer bewusst, wenn es Winter wird. Auch Rilke hat es so wunderbar beschrieben: „wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr…“

Draußen ist es kalt. Nach den langen Tagen daheim in einem warmen Zimmer schoben sich Gedanken an unwirtliche Tage erst in meinen Kopf , als ich die zugigen Gänge meiner U-Bahn-Station betrat . Überall auf den vereinzelt stehenden Bänken saßen Männer mit alter, meist schmutziger Kleidung. In der einen Hand eine Flasche, in der anderen Hand das wenige Gepäck, was ihnen über den Winter helfen soll: eine Decke oder ein alter Mantel, ausgetretene Winterschuhe, weggeworfene Bekleidung einer Wohlstandsgesellschaft am Körper eines Gestrandeten.

Immer wenn es kalt und dunkel draußen wird, entsteht in den U-Bahn-Schächten und auf den Bahnhöfen eine ganz eigene Gesellschaft mit eigenen , uns fremden Gesetzen. Der Kampf um die besten Ruheplätze, wer hat den besten Kontakt zum Kioskbesitzer, wer hat einen Schlafplatz für die Nacht, wer hat Bulli gesehen, der letztes Jahr immer hier war, kennt jemand die kleine Dicke, die immer mit Manni rumhing? In welcher Linie kann man am besten sitzend hin-und her fahren? Wer hat dich weggescheucht und wer lässt dich in Ruhe…

Wortfetzen drangen an mein Ohr, und die Gespräche gehen weiter, als die U-Bahn einfuhr und sich die kleine Gruppe in Wagen zwei die Sechser-Sitzbank eroberte. Rechts und links rückten sofort die Fahrgäste auseinander. Es roch etwas merkwürdig nach einer Mischung aus Alkohol und abgestandenem Mief alter Kellerräume. Laut redeten die vier Männer über ihre wenigen Bedürfnisse, die sich um „schlechtes Wetter- keine Bude“ und um „kein Geld-kein Schnaps“ drehten. Ich war nur eine Station unterwegs, aber mir wurde plötzlich bewusst, wie selbstverständlich ich meinen bescheidenen Wohlstand genieße. Und auch, wie wenig ich über den Sommer hinweg diese Armut und Traurigkeit von diesen Menschen ohne Heimat registriert hatte. Ich zog meine Jacke etwas tiefer in den Nacken. Es regnete draußen und es schneite , der Wind riß an meinem Schal und im Nu fühlte ich mich verloren in dieser Kälte , in diesem Wind. Mitten in der Stadt. Mitten unter Menschen. Doch dieser Moment des Verlorenseins dauerte nur Sekunden. Er verschwand sogleich, als sich der Gedanke an meine beheizte Wohnung in mir breit machte.

Die Zeit , die ich von der Treppe der U-Bahn hinauf zur Strasse brauchte, war schon genug, um die vier Männer zu vergessen; den Gedanken an sie zu verdrängen, denn hier oben, auf der Strasse , wo das Leben tobte, musste ich aufpassen, das ich nicht ausrutschen würde auf welken Blättern, das niemand meine Tasche klauen würde , das mich keiner angrabscht oder auch ich nicht selber unachtsam jemanden in die Hacken trete.

Erst als ich wieder nach Hause fuhr, mit einer Tasche voller Leckereien erinnerte ich mich für einen kurzen Moment , aber auch schon beim Kaffee in der warmen Küche war ich mit mir und meinem Alltag beschäftigt, der sich eigentlich wie ein guter Freund anfühlt. Der Alltag ist immer da. Mit der geregelten Zeit für die warme Dusche, mit dem Summen der Heizung, mit dem Klingeln der Nachbarin, das Leeren eines Briefkastens mit meinem Namen , das Bett beziehen und mal Staub wischen. Den Balkon winterfest machen, die letzten Blüten abpflücken , mit dem Gedanken, sie vor der Kälte zu retten, um sie dann in der Vase auf meinem Tisch doch langsam sterben zu lassen. Auch das kommt mir oft in den Sinn, wenn ich Schnittblumen vom Wochenmarkt mitnehme. Ich kaufe etwas Sterbendes.

Am Abend legte ich mich in mein Bett; baute wie Marlene Dietrich alle Utensilien um mich herum auf , um die Wärme der übergroßen Bettdecke durch unnötiges Aufstehenmüssen möglichst lange an meinem fröstelnden Körper zu halten.

Die Ruhe in einem warmen Raum, umgeben von meinen liebsten Dingen, auch von so etwas Unnötigen wie der Fernseher, das Umherschweifen meines Blickes an den Wänden entlang, deren Dekoration mir immer noch missfallen, ließen mich gut aufgehoben fühlen. Ich lehnte mich ins weiche Kissen. Plötzlich spürte ich es wieder! Schon seit ich hier wohne, fühlte ich manchmal so kleine Erschütterungen unter mir. Das Bett vibrierte leicht . Anfangs dachte ich , es sei die Backstube der Bäckerei nebenan. Diese kleinen Vibrationen erinnerten mich an meine Kindheit, denn auch da wurde ich nachts oft von der Backstube der benachbarten Bäckerei wach, wenn der Bäcker den Ofen mit Kohlen beschickte.

Aber ich nahm diese Bewegungen unter mir auch an Tageszeiten wahr. Na dann scheint es eine Waschmaschine zu sein, die rumpelt und tanzt und gegen die Wände schlägt- und dann landet es hier bei mir als kleines Erdbeben. Aber so oft wäscht man doch nicht!

Alle 10 Minuten gab es an manchen Tagen scheinbar etwas, was unter mir rumorte. Ich sprang aus dem Bett auf und schaltete noch einmal den Computer an. Ich hatte plötzlich eine Eingebung. Dieser 10-Minuten-Takt ist das Einfahren der U-Bahn, das Bremsen, das Abfahren… In der Stille der Nacht fühlte sich das oft gespenstisch an…

Aha- das dachte ich mir doch! Auf dem Bildschirm öffnete sich der Streckenplan der U-Bahn-Trasse. Tatsächlich. Die Strecke vom Hermannplatz bis zur Boddinstraße macht einen kleinen Schlenker und somit fährt die U-Bahn tatsächlich haarscharf unter meinem Haus in den U-Bahnhof ein. Jetzt wunderte mich nun gar nichts mehr. Nicht nur, das ich auf meinen Reisen mit der U-Bahn die verrücktesten Sachen erlebe, nein- sie ist auch noch so nah an meinem Leben dran, das sie mit einem langgezogene Pulsieren ihres eigenen Herzschlags mitten durch mein Leben rast.

Tief unter Erde fahren Menschen imaginär durch mein Leben hindurch, halten kurz an, steigen aus, steigen um und fahren weiter. Wie kleine Signale, Impulse oder gar Phantasiegebilde bevölkern sie mich und lassen mich spüren, wie bewegt und bewegend ihre Lebensgeschichten sein können. Und ich mußte plötzlich wieder an die vier Obdachlosen denken, die draußen in der großen Stadt nach Heimat suchen und sie im Winter in der U-Bahn finden . Auch diese Vier fahren vielleicht gerade unter mir wieder durch mein Dasein. Für eine Minute lang erinnert mich das Vibrieren an fremde Menschen, die durch die Nacht irren, um eine warme Bleibe zu finden.

Ich saß vor dem Bildschirm und dachte, wie unglaublich doch Zufälle sind. Erst seit ich hier in diesem Haus lebe, schreibe ich Geschichten von den Erlebnissen in der U-Bahn. Seit ich hier wohne, und die U-Bahn mittendurch mein Haus fährt…Erst seitdem ich unter Menschen lebe, die oft weniger haben als ich, werde ich mit Gedanken und Geschichten an etwas erinnert, was man als Kind oft hört und mit dem man als Kind wenig anfangen konnte : ganz unten sein , das geht mittendurch.

Mitten durchs Herz.

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